Reichenbachs Pflanzensystem

[945] Reichenbachs Pflanzensystem. Dieses System von Reichenbach 3) ist auf die Entwickelung des Pflanzenlebens, od. die Metamorphose der Pflanzen gegründet. So wie im Leben der einzelnen Pflanze, so zeigen sich auch in der Entfaltung des ganzen Gewächsreiches verschiedene Entwickelungsstufen, nach welchen die Pflanzen höher od. niedriger stehen. Man kann drei Abschnitte im Pflanzenleben unterscheiden: Keimleben od. Vorbildung als Samen u. Knospe; Vegetation, eigentliches Pflanzenleben, Stockbildung, als Wurzel, Stamm u. Blatt; Fructification, od. Blüthen- u. Fruchtbildung; erstere als Weibliches u. Männliches. Hieraus ergeben sich vom Niederen zum Höheren, vom Einfachen zum Zusammengesetzten, vom Gebundenen zum Freien fortschreitend, drei Stufen, u. aus den Stadien der Lebensabschnitte der Pflanze, Samen, Knospe, Wurzel, Stamm, Blatt, Weibliches, Männliches u. Frucht, acht Klassen. Erfaßt man die Typen der Pflanze im Momente der Keimung, so kann man das Pflanzenreich unterscheiden in Nacktkeimer = Faserpflanzen, Zellkeimer = Grünpflanzen, Spitzkeimer = Scheidenpflanzen, Blattkeimer = Zweifelblumige, Ganzblumige, Kelchblüthige, Stielblüthige. Auch das Vorkommen des Pflanzengrün u. Phytochlor, welches als Element der Knospung u. eigentlich vegetabilischen Färbung, als die zweite Potenz der Thesis des weiblichen Princips zu betrachten ist, kann zum Unterscheidungsmoment dienen. Pilze ohne Phytochlor sind Achlorophytae, Flechten mit verschlossenem Cryptochlorophytae, Grünpflanzen etc., mit sichtlichem Phytochlor sind Phanerochlorophytae. A) Erste Stufe: Faserpfanzen (Inophyta, Nacktkeimer, Gymnoblastae); ihre Hüllen erscheinen als Massenstoff, sind bröcklich, erdfarben, enthalten Urzellen od. Urknospen, Keimlager od. Knospenlager; sie sind lichtscheu, scheintodt, von Feuchtigkeit aufquellend, gehen im Individualitätsbestreben unter, bei ihrer Fortpflanzung durch Verstäubung od. Knospung. Hier: I. Klasse: Pilze; Verharren bei der Kugelgestaltung, haben blos Urzellen, kein Phytochlor; das Keimlager entwickelt sich als Polster, Fadengeflecht, Markmasse mit äußerer Hülle; es findet allein Verstäubung Statt. 1. Ordnung Keimpilze (Blastomycetes); Familien: Ur-, Brand-, Warzenpilze; 2. Ordn. Fadenpilze (Hyphomycetes); Familien: Moder-, Faser-, Schimmelpilze; 3. Ordn. Hüllpilze (Dermatomycetes); Familien: Schlauchlinge, Streulinge, Hutlinge. II. Klasse: Flechten; lichtsuchend, aus dem Bereich der Hohlkugel wuchernd; Urzellen u. Phytochlor u. Färbestoff eingeschlossen haltender Urknospe; Keimlager u. Knospenlager; sie zerstören sich durch Urknospung (Soredia), verstäuben die Keime u. Knospen. 1. Ordn. Keimflechten (Blastosporae); Familien: Staubfrucht-, Mal-Flechten; 2. Ordn. Fadenflechten (Hyphosporae); zerfällt in zwei Reihen: Büchsenflechten (Craterosporae), mit den Familien: Nagel-, Kelch- u. Staubkugelflechten; u. Kopfflechten (Cephalosporae), mit den Familien: Pfeifen-, Scheiben- u. Knopfflechten; 3. Ordn. Hüllflechten (Dermatosporae): 1. Reihe: Kernflechten (Gasterosporae), Familien: Balgkern-, Rinnen-, Knauelflechten; 2. Reihe: Schüsselflechten (Apotheciosporae), Familien: Gallert-, Teller-, Schüsselflechten. B) Zweite Stufe: Stochpflanzen (Stelechophyta); Durchbildung von Wurzel, Stamm u. Blatt bis zur Blüthe; es findet sich Keimling, Wurzel, Knospe, Zellstoff, Phytochlor, Pistell; dann Spirale, Pollen, Anthere, Spore, Samen, Frucht. III. Klasse: Grünpflanzen (Chlorophyta, Zellkeimer, Corioblastae); Knospe u. Keimling mit einfacher od. doppelter Hülle, letztere zersprengend u. einseitig keimend; der zellige Vorkeim entwickelt das Pflänzchen aus sich; Staubbeutel werden vorgebildet; es findet sich Splint, Blattstamm, Knospe, Spore, Sporenbeutel. 1. Ordnung Algen: 1. Reihe: Knospenalgen (Gongylophycae), mit den Familien: Gallert-, Faden-, Schlauchalgen; 2. Reihe: Balgalgen (Ascophyci), mit den Familien: Gelenkfrucht-, Kern-, Tangalgen; 2. Ordn. Moose (Musci): 1. Reihe: Wedelmoose (Thallobrya), mit den Familien: Plattmoose, Jungermanniaceen, Marchantiaceen; 2. Reihe: Laubmoose (Phyllobrya), Familien: Torfmoose, Andreaceen, Mützenmoose; 3. Ordn. Farren; 1. Reihe: Rißfarren (Thriptopteri- [945] des), Familien: Salviaceen, Marsiliaceen, Wedelfarren. 2. Reihe: Spaltfarren (Anoegopterides), Familien: Asmundaceen, Cycadeaceen, Zamiaceen. IV. Klasse: Scheidenpflanzen (Coleophyta), Knöspchen mit Boden u. doppelter, selbst dreifacher Hülle; Samen: Keimling mit Eiweiß, Haut u. Schale, zersprengt die Schalen u. keimt polar; in der Antithese: Spitzkeim, Stamm: Splint mit Mark u. Bast übereinander, od. in eine Einheit verschmolzen; das Würzelchen verkümmert; Wurzel wird excentrisch; Fortbildung nach oben akrogenetisch (Acroblastae); in der Synthese: Mark, Splint, Knoten, Bastcylinder, Blatt u. Kelch; Fruchtknoten, Griffel, Narbe; Blattscheide, Blatthäutchen, Blattplatte; Staubbeutel, Staubfäden, Corolle; Frucht: Same, Samenträger, Wand; Wachsthum durch Übereinandersetzung von Knoten u. Bastgliedern; endlich nur Knoten, welche in spiraler Aufsetzung verschmelzen (Acrogenae): 1. Ordn. Wurzelscheidenpflanzen (Rhizacoleophyta) 1. Reihe: Tauchergewächse (Limnobiae), Familien: Brachsenkräuter, Wasserriemen, Arongewächse; 2. Reihe: Schlammwurzler (Helobiae), Familien: Pistiaeêen, Wasserliesche, Nixenkräuter; 2. Ordn. Stammscheidenpflanzen (Caulocoleophyta): 1. Reihe: Spelzengewächse (Gramineae), Familie: Gräser, Cypergräser, Liliengräser; 2. Reihe: Schwertelgewächse (Ensatae), Familien: Rohrkolben, Schwertel, Narzissenschwertel; 3. Ordn. Blattscheidenpflanzen (Phyllocoleophyta): 1. Reihe: Liliengewächse (Liliaceae), Familie: Simsenlilien, Zankenlilien, Kronenlilien; 2. Reihe: Palmengewächse (Palmaceae), Familien: Orchideen, Seitamineen, Palmen. V. Klasse: Zweifelblumige (Synchlamydeae), Anfangs Knöspchen, Boden u. drei- bis vierfache Hülle; Keimling mit abnehmendem Eiweiß, Kernhaut, Fleischhaut, Schale; Sprossen nach oben, wurzeln im Boden nach unten, keimen nach unten u. oben; in der Antithesis theilt sich die zum ersten Male geöffnete Rindenschicht gegenüber od. quirlartig u. bildet Cotyledonen; Pfahlwurzel u. Stamm wird dreischichtig; Mark, Splint (als Typus für Holz) u. Rinde gesondert; in der Synthese umgeben Splint u. Rinde als Hohlcylinder das Mark, es erscheinen Blattplatten, Blattstiele, Nebenblättchen, Staubbeutel, Staubfäden, Corolle, Samen mit Samenträger u. Wand; 1. Ordn. Rippenlose (Enerviae); 1. Reihe: Najaden (Naiadeae), Familien: Armleuchtergewächse, Hornblattgewächse, Podostemoneen; 2. Reihe: Schuppler (Imbricatae), Familie: Bärlappe, Kolbenschosser, Cytineen; 2. Ordn. Steifblättrige (Rigidifoliae): 1. Reihe: Schlechtblüthige (Inconspicuae), Familien: Schachtelhalme, Eiben, Santalaceen; 2. Reihe: Doppeldeutige (Ambiguae), Familien: Zapfenbäume, Proteaceen, Seideln; 3. Ordn. Aderblättrige (Venosae): 1.Reihe: Unvollkommene (Incompletae), Familien: Myricaeêen, Kätzchenblüthler, Nesselgewächse; 2. Reihe: Blattreiche (Foliosae), Familien: Osterluzeien, Nyctagineen, Lorbeergewächse. C) Dritte Stufe: Blüthen- u. Fruchtpflanzen; Blattkeimer, mit Durchbildung von Weiblichen, Männlichen u. Frucht: VI. Klasse: Ganzblumige (Synpetalae), Thesis: Pistill u. Kelch; das Weibchen concentrirt sich; Antithesis: Staubgefäß, Blume als Nachbildung des zur Einheit vollendeten Kelchs, noch einblättrig gehemmt; das Männliche folgt dem Weiblichen sich nur zum Excentriren bestrebend; Synthesis: höhere Fruchtbildung beginnt; meist Idiocarpium; das Weibliche überwiegt das Männliche: 1. Ordn. Röhrenblumige (Tubiflorae): 1. Reihe: Häuselblüthler (Aggregatae), Familien: Distelkarden, Geisblattgewächse, Rubiaceen; 2. Reihe: Saumblüthler (Campanaceae), Familien: Syngenesisten, Kürbisgewächse, Glöckler; 2. Ordn. Schlundblumige (Fauciflorae): 1. Reihe: Röhrenblüthler (Tubiferae), Familien: Lippenblüthler, Scharfblättrige, Windengewächse; 2. Reihe: Saumblüthler (Limbatae), Familien: Globulariaeêen, Larvenblüthler, Nachtschatten; 3. Ordn. Saumblumige (Limbiflorae): 1. Reihe: Becherblüthler (Crateriflorae), Familien: Plumbagineen, Primulaceen, Heiden; 2. Reihe: Sternblüthler (Stelliflorae), Familien: Asklepiadeen, Drehblüthler, Sapotaceen. VII. Klasse: Kelchblüthige (Calycanthae); Thesis: Pistill, Kelch; Weibliches untergeordnet. Antithesis: Staubgefäße u. mehrblättrige Blume auf dem Kelch aufsitzend; Männliches sich vollendend, das Weibliche beherrschend; Synthesis: Fruchtbildung bis zum Kernobst u. Steinobst; das Bestreben der Frucht, sich vom Kelche zu lösen, ist überall sichtlich; 2. Potenz: 1. Ordn. Verschiedenblüthige (Variflorae): 1. Reihe: Kleinblüthige (Parviflorae), Familien: Doldengewächse, Kreuzdorne, Terebinthaceen; 2. Reihe: Hülsenfrüchtige (Leguminosae), Schmetterlingsblumige, Cassiaeêen, Mimosaceen; 2. Ordn. Ähnlichblüthige (Confines): 1. Reihe: Sedumblüthige (Sediflorae), Familien: Gehörntfrüchtige, Loasaceen, Cactusgewächse; 2 Reihe: Rosenblumige (Rosiflorae), Familien: Portulakaceen, Aizoideen, Rosaceen; 3. Ordn. Gleichförmigblüthige (Concinnae): 1. Reihe: Nachtkerzenblüthige (Onagriflorae), Familien: Halorageen, Nachtkerzen, Weidriche; 2. Reihe: Myrtenblüthige (Myrtiflorae), Familien: Polygalaceen, Myrtaceen, Amygdalaeêen. VIII. Klasse: Stielblüthige (Thalamanthae), Thesis: Pistill, Kelch; Männliches vom Weiblichen gänzlich gesondert; Antithesis: Staubgefäße u. mehrblättrige Blume vom Kelche gesondert, auf dem Blüthenstiel aufsitzend; Männliches vom Weiblichen u. von der Frucht gänzlich befreit; Synthese: Fruchtbildung bis zur Orange; Frucht der höchsten Potenz, immer gänzlich frei: 1. Ordn. Hohlfrüchtige (Thylacocarpicae): 1. Reihe: Kreuzblüthler (Cruciflorae), Familien: Viermächtige, Mohngewächse, Kapperngewächse; 2. Reihe: Cistusblüthler (Cistiflorae), Familien: Veilchengewächse, Cistusgewächse, Bixaceen; 2. Ordn. Spaltfrüchtige (Schizocarpicae): 1. Reihe: Ranunkelblüthler (Ranunculiflorae), Familien: Ranunkelgewächse, Rautengewächse, Sapindaceen; 2. Reihe: Storchschnabelblüthler (Geraniiflorae), Fam.: Malvengewächse, Storchschnabelgewächse, Sauerkleegewächse; 3. Ordn. Säulenfrüchtige (Idiocarpicae): 1. Reihe: Lindenblüthler (Tiliiflorae), Familien: Nelkengewächse, Theegewächse, Lindengewächse; 2. Reihe: Orangenblüthler (Aurantiiflorae), Familien: Hartheu-, Gutta-, Orangengewächse. Demnach umfassen 132 Familien, welche nach vorstehend angegebener Weise in Klassen vertheilt sind das ganze Pflanzenreich.[946]

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 13. Altenburg 1861, S. 945-947.
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945 | 946 | 947
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