Tractatengesellschaften

[738] Tractatengesellschaften, Gesellschaften, welche kleine christliche Flugschriften (Tractate) zur Förderung des christlichen Glaubens u. Lebens unter dem Volk verbreiten. Bereits von Wicklef wurden dergleichen Schriften abgefaßt u. durch Abschriften in verschiedene Volkskreise gebracht, noch mehr aber in der Reformationszeit, indem durch die Buchdruckerkunst die kleinen Schriften Luthers, Calvins u. And. weite Verbreitung fanden u. im südlichen Frankreich namentlich durch Colporteure in die Häuser gebracht wurden, obschon die Römische Kirche durch die Censur, wie dnrch Bestrafungen diesen Bestrebungen mit Erfolg entgegenzutreten wußte. Hierdurch sahen sich die einzelnen [738] Vereine zuweilen genöthigt sich aufzulösen, jedoch traten sie in ruhigeren Zeiten immer wieder zusammen. Schon 1701 gab es in England einen Verein für diese Zwecke (for promoting Christian Knowledge), welche in Deutschland durch Canstein, Francke, Urlsperger u. And. gefördert wurden, u. den durch die Französische Revolution in Umlauf gebrachten antichristlichen Grundsätzen suchte man in England durch christliche Tractate entgegenzuwirken. Nach Gründung der Edinburger T. 1796 trat 1799 durch Pfarrer Burder die T. in London ins Leben, welche sehr bald aufblühend, jetzt jährlich über 100,000 Pfd. Sterling einnimmt u. seit ihrem Bestehen über 900 Mill. Exemplare in 114 verschiedenen Sprachen vertheilt hat. Die Tractaten selbst, welche schriftgemäße Wahrheiten in faßlicher Sprache ohne streng confessionelle Färbung enthalten sollen u. in der Form von Fliegenden Blättern, Erzählungen, Abhandlungen, Lebensbeschreibungen etc. ausgegeben werden, sind von Männern u. Frauen aus allen Ständen verabfaßt u. finden ihre Verbreitung durch Boten u. Agenten, bes. auch durch die britische Matrosengesellschaft in alle Erdtheile u. in die verschiedensten Lebenskreise, sie werden in Häfen, Kasernen, Spitälern, Armenhäusern, Sonntagsschulen, auf Eisenbahnen, in Gasthäusern etc. zur Vertheilung gebracht. Nächst dieser Gesellschaft ist die 1825 gegründete Amerikanische T. am bedeutendsten, sie besitzt ein großes, palastähnliches Haus mit Druckerei, Buchbinderei, Depot, Verwaltungslocalen etc., u. ihre Jahreseinnahme betrug über 358,000 Dollars. Ähnliche Gesellschaften wurden von der Londoner auch anderwärts angeregt u. unterstützt, z.B. in Schottland, Frankreich, Belgien (in beiden letztern Ländern bes. durch die Mitwirkung der Evangelischen Gesellschaft, s.d.), in Schweden, in der Schweiz (hier bes. in Basel) etc. Auch in streng katholischen Ländern, wie Spanien u. Portugal, wußte man den Tractaten Eingang zu verschaffen, u. in Italien erhielt die Verbreitung durch die veränderte politische Lage der Gegenwart einen bedeutenden Aufschwung. In der Türkei steigerte sich die Nachfrage, ebenso in allen außereuropäischen Erdtheilen. Auch in Deutschland war die Londoner Gesellschaft für die Gründung von T. thätig, bes. durch die Prediger Steinkopf u. Pinkerton. welche 1814 zu diesem Zweck Deutschland bereisten. Bereits 1814 entstand die Wupperthaler Gesellschaft, ebenso 1814 in Berlin der Hauptverein für christliche Erbauungsschriften, 1820 die Niedersächsische Gesellschaft zur Verbreitung christlicher Erbauungsschriften in Hamburg, ferner Vereine in Bremen, Frankfurt, Karlsruhe, Württemberg (hier der Calwer Verlagsverein) etc. Unter den angrenzenden Städten verbreitet Basel u. Strasburg eine große Zahl von Schriften; an ersterem Orte ganz selbständig Merriott. Die deutschen Vereine benutzten Abschnitte aus den Schriften der Reformatoren u. die Arbeiten der älteren Asceten zu Tractaten, auch ließen sie Übersetzungen von französischen u. englischen Tractaten anfertigen, da in Deutschland nicht viel Originalarbeiten geliefert wurden. Die Grundsätze über den Inhalt u. die Form solcher Schriften sind dieselben wie in England, jedoch hat jede Gesellschaft ihre Eigenthümlichkeit, indem die eine auf die confessionelle, die andere auf die unirende Richtung das meiste Gewicht legt. Auf dem Elberfelder Kirchentag 1851 traten die Vereine näher zusammen u. beschlossen ihre Schriften unter einander auszutauschen, auch für nicht deutsch redende Stämme, z.B. für die Wenden in Böhmen, Tractate auszugeben u. sich in den Bestrebungen gegenseitig zu unterstützen. Die T. haben mit vielen Gegnern zu kämpfen gehabt u. werden gegenwärtig immer noch angefeindet. Man wirst ihnen vor, daß sie mehr einen herrnhutisch-methodistischen Pietismus, als das wahre Christenthum fördern u. oft eine zu süßliche, tändelnde Sprache führen. Auch brachte man die T. mit dem Separatismus in Verbindung u. deshalb wurden ihre Schriften 1827 in Schwarzburg-Rudolstadt u. Altenburg unter strenge Censur gestellt u. in Preußen 1829 eine besondere Commission zur Prüfung christlicher Erbauungsschriften eingesetzt, welche jedoch durch Cabinetsordre 1830 wieder aufgehoben wurde. Dagegen hat man auch auf den reichen Segen der T. hingewiesen, indem durch dieselben dem Wort Gottes in manchen Häusern u. Herzen Eingang verschafft worden ist. Vgl. Wichern, Die innere Mission, Hamb. 1849, 2. Aufl.; außerdem die Jahresberichte der einzelnen T.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 17. Altenburg 1863, S. 738-739.
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