Zeichen

1. Alte Zeichen lügen (trügen) nicht.Lehmann, II, 27, 37; Petri, II, 13; Simrock, 12004; Körte, 7073.

»Die Hausmarke ist das rechtliche Eigenthums- und Besitzzeichen, von dem es im Sprichwort heisst: Alte Zeichen lügen nicht. Sie bleibt bei allem Wechsel der Besitzer oder des beweglichen Zubehörs eines Gutes für dieses stets dieselbe, und ist also erblich und käuflich .... Dass die Marke im deutschen Norden seit dem 13. Jahrhundert mit der heidnischen Rune zusammentrifft und wirkliche Runenzeichen enthält, ist durch zahlreiche und gewissenhafte Untersuchungen bestätigt .... Hält man diese Marken und Schnitze des Kerbholzes zusammen mit den altnordischen Runenzeichen so gleichen sich beide auffallend und sogar [519] bis auf den Namen, denn auch im Gothischen hiess vrits (Riss) der Buchstabe, weil man das Schriftzeichen in Gestalt senkrecht und quergezogener Stäbe auf Steine und Holz einritzte. Ihre auf Buchenzweige eingeschnittenen Stabformen hat ihnen bekanntlich den Namen Buchstab (stobs, stofr) gegeben, und da solche Buchstaben nur bildliche oder symbolische Bedeutung haben konnten, so nannte man sie rûna, was ursprünglich Geheimniss bedeutet.« (Rochholz, Altdeutsches Bürgerleben, S. 180.)

Holl.: Olde teken lieghen nie. – Oude merken liegen nu. (Harrebomée, II, 83a.) – Oude teekenen liegen nooit. (Harrebomée, II, 326b.)

Lat.: Signa prius vera non sunt mendacia mera. (Fallersleben, 583.)

Schwed.: Gambla märke ljuga intet. (Grubb, 242.)


2. Am Zeichen erkennt man die Waarenballen, und an den Reden die bösen Zungen.

Frz.: Aux marques l'on connoit les bâles, et au parler les langues males. (Kritzinger, 442b.)


3. An fünf Zeichen erkennt man den Narren: er ist leicht zu erzürnen, gibt Geschenke solchen, die es nicht verdienen, bemüht sich um nichtige Dinge, unterscheidet nicht zwischen Freund und Feind und offenbart seine eigenen wie anderer Geheimnisse. Löwenheim, 103, 29.


4. An Zeichen erkennt man die Herberge. Winckler, XVIII, 62.

Holl.: Het teeken wijst de zaak. (Harrebomée, II, 326b.)


5. Auch unter den zwölf himmlischen Zeichen gibt's einen Skorpion.Parömiakon, 308.

Keine Verbindung, Gesellschaft ist von unwürdigen Mitgliedern frei.


6. Das sicherste Zeichen des Wassermanns ist, wenn man kein Geld mehr hat, Wein zu trinken.

Lat.: Nausea non poterit haec quem vexare marina, undam, cum vino mixtam, qui sumpfserit ante. (Chaos, 229.)


7. Das Zeichen wahrer Weisheit ist, die Narrheit der andern ruhig ertragen.Altmann VI, 458.


8. Es geschehen Zeichen und Wunder.


9. Es gilt auch für ein Zeichen der Weisheit, seine Narrheit zu verdecken.Altmann VI, 461.


10. Es ist ein böses zeichen, wenn dem Kranken dunkt, er sey gesund.Lehmann, 431, 7.


11. Es ist ein gut Zeichen, sagte der Wolf, als er nüchtern einen Furz liess.Fischart.


12. Es ist ein schlimm Zeichen, wenn die Henne kräht und die Frau das Meisterlied singt. Frost, 32.

Lat.: Non sane convenit, ut Hercules Omphale serviat. (Masson, 90.)


13. Es ist kein gutes Zeichen, wenn ein Mädchen nicht daheim bleiben kann.


14. Es ist kein gutes Zeichen, wenn man das Feierkleid an Wochentagen trägt.Blass, 9.


15. Vier zaichen seind der waren lieb: stätz vmb einen sein, mitthailung der güeter, vertrawung der gehaimnussen, stille verhebung der laster, in gehaim, nit öffentlich gestrafft. Rasch, 32.


16. Wer nicht das zeichen bringt, das für dem Daumen springt, dess ist sein sach nicht klar, wer sie gleich zehnmal war.Henisch, 664, 47; Petri, II, 739.


*17. Alle Zeiche fluchen.

Nach den Worterklärungen zu P. Hebel's alemannischen Gedichten, alle Verwünschungsformeln aussprechen.


*18. Da müssten Zeichen und Wunder geschehen.Klix, 124.


*19. Das ist sein zaychen (auch: sein kreyd, sein liuerey).Granatapfel, 150a, 2.

In dem Sinne: sein Beruf, sein Charakter.


*20. Der ist in ainem gutten zaichen geborn. Hauer, Kij2.

Lat.: Albae gallinae filius.


*21. Der ist in ainem vnrechten (unglücklichen) zaichen geborn.Hauer, Kij2.

Lat.: Quarta luna natus. (Hauer, Kij2; Binder II, 2742; Erasm., 53; Philippi, II, 123; Seybold, 476; Weber, II, 53.) – Propitio genio (sidere textro) natus. (Seybold, 461.)


[520] *22. Einem ein Zeichen auf den Buckel brennen.

»Eine breslauer Kräuterin: Ihr unehrlicher Moan, ihr sêd a rechter Hôsdieb, ma seld ich a dervaur a Zeichen uf a Puckel brennen.« (Keller, 169b.)


*23. Er ist dieses Zeichens nicht.

»Er ist eines andern Zeichens. Man weiss nicht, wess Zeichens er ist.« Diese und ähnliche Ausdrücke und Redensarten finden ihre Erklärung in der altdeutschen Haus- und Hofmarke, deren Erforschung sich der Obertribunalrath C.G. Homeyer in Berlin ein paar Jahrzehnte gewidmet hat und worüber er das Ergebniss seiner Untersuchung in der Schrift: Die Haus- und Hofmarken (Berlin 1870) niedergelegt hat. Ein 1851 an das Obertribunal gelangter Process wegen eines Kirchenstuhls, in dem eine der Parteien ihren Anspruch auf einen Kirchenstuhl mit dem Hinweis auf ein Zeichen begründete, machte Homeyer auf die Bedeutung der »Hausmarke« aufmerksam, wozu die Wahrnehmung trat, dass das »Handgemal« des Sachsenspiegels bald für Handzeichen, bald für Hofgut gebraucht wird. »Die Marke«, sagt das Homeyer'sche Werk, »ist das Zeichen einer Person, wer es sieht, soll dabei an eine Person denken, der es angehört. Es ist wie ein Name, der im Hörer eine Vorstellung von der Persönlichkeit des Trägers erweckt; sie ist ein auf die Familie übergehendes Personenzeichen; sie heftet sich an das Grundstück, an andere Vermögensobjecte, an das Geschäft.« Die Gestalt der Marke ist unendlich verschieden. Dem Homeyer'schen Werke sind 44 lithographische Tafeln mit Marken aus allen Theilen des von der Sitte beherrschten Gebiets beigegeben. Das vierte Buch des Werks handelt von den Hausmarken in der Rechtsordnung, und das fünfte zeigt, wie sich der Gebrauch allmählich verliert. Den Schluss des 16. Jahrhunderts bezeichnet Homeyer als die Periode, wo das Institut der Marken zur weitesten Verbreitung gediehen war, wo jedermann sein Zeichen mit sich führte und allenthalben anbringt, wo Schulbuben, Gefangene auf Bänken und Wänden sich daran versuchen, wo allgemein gefragt werden konnte, wess Zeichens jemand sei. Ein Artikel über Homeyer's Haus- und Hofmarken findet sich in der Wochenschrift: Im neuen Reich, Leipzig 1871, Nr. 29, S. 742.


*24. Er ist in das Zeichen des Widders gekommen.

Seine Frau ist ihm untreu geworden.


*25. Er ist nit im rechten Zeichen geboren worden.Sutor, 166.


*26. Er nimmt das Zeichen herein.Klix, 124.


*27. Es geschehen Zeichen und Wunder.Eiselein, 656.


*28. Ich bin in dem Zeichen geboren.Meisner, 92.

Soll eine Entschuldigung sein, um zu sagen, ich habe es thun müssen.


*29. Jetzt geschehen keine Zeichen und Wunder mehr. (Ulm.)

*30. Wenn nicht alle Zeichen trügen.


*31. Wenn nicht Zeichen und Wunder geschehen.

Der Ausdruck »Zeichen und Wunder« ist aus Apostelg. 5. 12 u. 14, 3 entlehnt, während 2, 19; 2, 22; 2, 43 u. 6. 8 von Wunder und Zeichen die Rede ist. (Büchmann, 10. Aufl., S. 219.)


[Zusätze und Ergänzungen]

32. An vier Zeichen erkennet man den Mann: seine Weisheit, wenn er in Rechten ist; seine Geduld, wenn er in Noth ist; seine Demuth, wenn er gross ist, seinen Reichthum, wenn er todt ist.Harssdörffer, 363.


*33. Ein Zeichen geben mit der Stange, die den Laden schliesst.Merx, 135.

D.h. einen Wink mit dem Zaunpfahle.

Quelle:
Karl Friedrich Wilhelm Wander (Hrsg.): Deutsches Sprichwörter-Lexikon, Band 5. Leipzig 1880, Sp. 519-522,1821.
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