Racine [2]

[544] Racine (spr. -ßīn'), 1) Jean de, der größte franz. Tragiker, geb. 21. Dez. 1639 zu La Ferté-Milon im Depart. Aisne, gest. 26. April 1699 in Paris, erhielt, früh verwaist, seine Erziehung in dem von Jansenisten geleiteten Port-Royal und ward durch Lemaistre de Sacy und namentlich durch den Hellenisten Lancelot in das Studium der klassischen, besonders der griechischen Literatur eingeführt. Nachdem er im Collěge Harcourt zu Paris seine Studien vollendet hatte, wandte er sich ausschließlich der schönen Literatur zu. Eine Ode auf die Vermählung Ludwigs XIV.: »Les nymphes de la Seine« (1660), trug ihm eine Belohnung von 100 Louisdor ein, zwei weitere Oden auf Ludwig eine Pension, dazu die Bekanntschaft mit Molière und Boileau, die für seine weitere Entwickelung von großem Vorteil war. Auf Molières Rat vernichtete R. sein erstes Trauerspiel: »Théagène et Chariclée«, und dichtete dagegen »La Thébaïde, ou les frères ennemis«, die 1664 mit Beifall ausgeführt wurde. In dieser Tragödie sowohl als im »Alexandre« (1665) zeigte er sich noch als Nachahmer Corneilles, wogegen er in der »Andromaque« (1667) die fremden Fesseln abwarf. Die innern Kämpfe und Widersprüche der Leidenschaft, in deren Darstellung Racines Eigenart besteht, sind in dieser Tragödie, die großen Beifall fand, zum erstenmal mit Wahrheit und Kraft entwickelt. 1668 entstand sein mit nur geringem Beifall aufgenommenes einziges Lustspiel: »Les plaideurs«, eine geistreiche Nachbildung der »Wespen« des Aristophanes. Der darauf folgende »Britannicus« (1669) wurde trotz der meisterhaften Zeichnung der Charaktere kalt aufgenommen; dagegen gefiel das idyllische Trauerspiel »Bérénice« (1670) durch gemütvolle Zartheit und einen Reiz der Sprache, der von keinem andern französischen Dichter erreicht worden ist. Nachlässiger ist »Bajazet« (1672) gearbeitet, doch sprach die Neuheit des Gegenstandes an. »Mithridate« (1673) kann, was Charakterzeichnung und die Darstellung der geistigen Physiognomie der Zeit betrifft, neben »Britannicus« gestellt werden. Die darauf folgende »Iphigénie« (1674) gilt bei den Franzosen für das Meisterwerk der dramatischen Poesie, doch leidet sie unter dem Widerspruch der französischen Sitte und des antiken Stoffes; dagegen gebührt der »Phèdre« (1677), dem lebenswahren und furchtbaren Gemälde der Leidenschaft, unbedingte Anerkennung. Da das Stück aber von Racines Feinden dem gleichnamigen mittelmäßigen Stück von Pradon nachgestellt wurde, entschloß sich der Dichter, dem Theater ganz zu entsagen. Bereits seit 1673 Mitglied der Akademie, vermählte er sich 1677 mit der frommen, aber höchst prosaischen Catherine Romanet und ergab sich nun gänzlich seiner Neigung zur Frömmigkeit. In dieser Stimmung schrieb er später, nur auf die dringenden Bitten der Frau v. Maintenon, noch zwei religiöse Stücke: »Esther« (1689) und »Athalie« (1691), beide für die Fräulein von St.-Cyr, das erstere schwächer, das andre eine der schönsten Zierden des französischen Theaters, aber von dem Hof und den Jesuiten verworfen. Ludwig XIV., der R. zu seinem Historiographen und Kammerjunker ernannt hatte, war ihm lange Zeit sehr gewogen; doch fiel der Dichter infolge einer Schrift über das Elend des mit Abgaben überladenen Volkes bei ihm in Ungnade.

Racines Art verband die Strenge des Jansenisten mit der glatten Form des Hofmannes. Den griechischen Tragikern näherte er sich durch Einfachheit der Komposition, streng beobachtete Einheit des Ortes und der Zeit und durch Würde der Sprache. Seine Helden und Heldinnen wählte er mit Vorliebe aus der griechischen und römischen Geschichte. Die Liebe und das weibliche Herz vermochte kein andrer Dichter seines Vaterlandes so rein und wahr zu schildern; weniger gelangen ihm kraftvolle Charaktere. Mit einer nicht reichen, aber sehr beweglichen Phantasie begabt, wußte er in jedem dramatischen Stoff das hervorzuheben, was dem modernen Geschmack zusagte, und selbst einen unbedeutenden Stoff durch die Behandlung zu heben. Durch Eleganz der Sprache und Versbildung steigerte er die Wirkung seiner Trauerspiele. Von Racines Lyrik sind die geistlichen Oden hervorzuheben. Unter den Reden, die er in der Akademie hielt, ist die auf seinen Nebenbuhler Corneille, dessen Verdiensten er durchaus gerecht wird, klassisch. Schöne Zeugnisse für seine Denkart und seinen Geschmack geben seine Briefe an Boileau und an seinen Sohn. Außerdem sind noch zu erwähnen seine »Histoire de Port-Royal« und seine »Lettres à l'auteur des hérésies imaginaires« (1666). Ein von David hergestelltes Denkmal wurde ihm in seiner Vaterstadt errichtet. Sein Bildnis s. Tafel »Klassiker der Weltliteratur II« (Bd. 12). Von den zahlreichen Ausgaben seiner »Œuvres complètes« ist die vorzüglichste die von Mesnard (Par. 1865–73, 8 Bde.), daneben die von Aimé Martin (5. Aufl. 1844, 6 Bde.); seine dramatischen und poetischen Werke erschienen in der sogen. Louvre-Ausgabe (1801–1805, 3 Foliobände mit Kupfern), von Geoffroy (mit Kommentar, 1808, 7 Bde.), von Saint-Marc Girardin und Moland (1871–79, 8 Bde.); das »Théâtre complet« von Lemaistre (Par. 1903). Vollständige deutsche Übersetzungen gaben Viehoff (Berl. 1869, 4 Bde.) und ein Ungenannter (Stuttg. 1886–89, 4 Bde.), eine Auswahl Laun (Hildburgh. 1869). Vgl. außer der Biographie seines Sohnes (s. unten): Sainte-Beuve, Port-Royal, Bd. 6 (6. Aufl., Par. 1901); Deltour, Les ennemis de R. (6. Aufl. 1896); P. Robert, La poétique de R. (2. Aufl. 1891); de Grouchy, Documents inédits relatifs à Jean R. (1892); Deltour, La Bible dans R. (1891); Larroumet, R. (2. Aufl. 1904); Le Bidois, De l'action dans la tragédie de R. (1900) und La vie dans la tragédie de R. (1901); Ühlin, Geschichte der Racine-Übersetzungen (Heidelb. 1903); Canfield, Corneille and R. in England (Lond. 1904).

2) Louis de, franz. Dichter, zweiter Sohn des vorigen, geb. 6. Nov. 1692 in Paris, gest. daselbst 29. Jan. 1763, studierte die Rechte, wurde aber dann Geistlicher. Er glänzte in einer sittenlosen Zeit als Muster religiöser und bürgerlicher Tugenden. Seine berühmten Lehrgedichte: »De la grâce« (1720) und »La religion« (1746) zeichnen sich mehr durch religiöse als poetische Wärme aus. Die »Mémoires sur la vie de Jean R.« (Par. 1747, 2 Bde.) sind wertvoller als die oberflächlichen »Remarques sur les tragédies de Jean R.« (3 Bde.). Seine Werke erschienen Paris 1808 in 6 Bänden.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 16. Leipzig 1908, S. 544.
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