Weichsel [1]

[19] Weichsel, 1) (poln. Wisla), schiffbarer Strom in Polen u. Preußen, entspringt im Kreise Teschen in Österreichisch-Schlesien, auf der Nordseite der Beskiden (westlicher Theil der Karpaten), östlich vom Jablunkapaß, 1750 Fuß über dem Meere, indem die drei Quellenbäche in den Bergen Züpron, Malinow u. Barania, wovon der östliche Malinka, der mittlere (die Hauptquelle) Biala u. der westliche Czarno, im nahen Dorfe Kobila sich vereinigen, worauf der Strom in dem Dorfe Wisla (Weichsel, s.d. 2) den Namen W. erhält. Der obere Lauf mit steilen, felsigen Thalrändern u. schmaler Thalsohle reicht bis Schwarzwasser; dort ist der Fluß 60 Fuß breit u. kann bei trockener Witterung durchwatet werden. Bei Krakau beginnt die Schifffahrt für kleine Fahrzeuge, die Breite beträgt hier 280 Fuß, die Meereshöhe 670 Fuß. Mehr u. mehr entfernt sich nun der nordöstlich strömende Fluß von den Vorhöhen der Karpaten; am linken Ufer bildet das ihm vorgelagerte Plateau noch hier u. da steile Thalränder. Die größten Zuflüsse kommen von den Centralkarpaten u. bilden bei ihren Mündungen weite, zum Theil mit Wäldern u. Sümpfen bedeckte Niederungen: der Donajec mit dem Poprad u. der schiffbare San, welcher die W. für größere Fahrzeuge praktikabel macht. Unterhalb Sandomir, bis wohin der Oberlauf reicht, verengt sich das Thal, die Ränder werden steil u. bewaldet, der Durchbruch durch den Uralisch-karpatischen Landrücken beginnt u. damit der Mittellauf u. eine Änderung der Laufrichtung. Eine Strecke strömt der Fluß ganz nördlich, bis von rechts der Wieprz einmündet, dann nordwestlich, bis die schiffbare Pilica, der größte linke Nebenfluß, zugeht. Zwischen niedrigen, zuweilen kaum erkennbaren Thalrändern geht nun der Strom durch die Fruchtebene von Polen nordwestlich weiter, ist bei Warschau 1600–3000 Fuß breit u. nimmt 4 Meilen unterhalb dieser Stadt, bei Modlin, ihren mächtigsten Nebenfluß, den Bug, von rechts her auf. Sodann gehen ihr links die Bzura, rechts die Drewanz u. wieder links die Brahe (durch welche die Verbindung mit der Oder hergestellt ist) zu. Von Modlin ab ist der rechte Thalrand steil u. unterhalb Thorn treten auch links bewaldete Hügel heran. Hier bildet der Strom den Durchbruch durch die zweite Landhöhe. Der Strom fließt in großer Breite durch ein weites, fruchtbares Thal; schönbewaldete Inseln (Kämpe) u. Sandwerder erfüllen das Bett; die Thalränder erscheinen als hohe Lehmwände, schon von Thorn an begleiten Deiche die Ufer. Das Durchbruchsthal ist das erste Stück des Unterlaufes; das zweite Stück des Unterlaufes bildet das Delta der W. Unterhalb Mewa, 8 Meilen vom Meere, an der Montauer Spitze, findet die Haupttheilung des Stromes statt. Die östliche W. od. Nogat ergießt sich unweit Elbing mit 20 Armen (deren größter Schlundrinne heißt) in das Frische Haff. Der westliche Hauptarm spaltet sich 3 Meilen von Danzig, bei dem Danziger Haupt, wieder in zwei Arme: der östliche, die alte od. Elbinger W. ergießt sich in 14 Armen in das Haff; der westliche, die Danziger W., nähert sich bald dem Meere u. fließt demselben eine Zeit lang parallel, nur durch einen schmalen Landstreifen geschieden, dann wendet er sich nach Danzig, nimmt noch Mottlau u. Radaune auf u. mündet 1 Meile unterhalb Danzig bei Neufahrwasser u. Weichselmünde in die Danziger Bucht. Dieser, bes. bei seiner Ausmündung (der Norderfahrt) sehr versandete Arm kann bis Danzig nur von Fischerkähnen befahren werden, weshalb für den Danziger Handel ein Kanal (die Westerfahrt od. das Neufahrwasser genannt) gegraben ist; dieser Kanal bildet mit der W. die Insel Holm u. ist nahe an der See durch die Weichselmünder Schanze gedeckt. Im Jahr 1840 erfolgte in der Nacht vom 31. Januar zum 1. Februar 2 Meilen östlich von Danzig bei Neufähr ein Durchbruch durch die Dünen, u. dieser Mündung geht jetzt die größere Wassermasse (Neufährer W.) zu. Die W. ist in vieler Beziehung ein schwieriger Strom; die Schiffbarkeit selbst im Mittel- u. Unterlaufe wird durch Massen von Sand u. Lehm gefährdet, welche oft vorübergehend Inseln u. Sandbänke bilden. Auf dem Unterlaufe hat sie zwar die fruchtbaren Marschen der 40 QM. großen Niederung geschaffen, aber bei ihrem oft sehr gefährlichen Eisgange u. Hochwasser bricht sie nicht selten die Dämme u. verwüstet das Land weithin. Erst in der neuesten Zeit ist es gelungen durch großartige Deichschüttungen, sowie durch Anlage eines Kanals[19] zwischen W. u. Nogat, den Überschwemmungen Einhalt zu thun u. zugleich die W. zu zwingen ihr eigenes Bett selbst auszutiefen u. so für die Schifffahrt geeigneter zu machen. Mündung u. Quelle der W. liegen fast unter gleichem Meridian; die große Spirale des Flusses ist nach Osten gerichtet, nach Osten hin dehnt sich auch das Gebiet der W. am weitesten aus. Die Stromlänge beträgt 135 Meilen, das Stromgebiet umfaßt 3540 QM. Auf ihrem Laufe durchströmt die W. die Territorien von Österreich, Preußen u. Rußland. Vgl. Pfeffer, Die Wasserverhältnisse der W. u. Nogat, Danz 1849; Kalbus u. Brandstätter, Die W., ebd. 1852 f.; Brandstätter, Die W. (historisch, topographisch u. malerisch), ebd. 1853. 2) (Visla), Dorf im Bezirk Skotschau des österreichischen Herzogthums Schlesien, an den vier Quellbächen der Weichsel, welche vereinigt hier einen 180 Fuß hohen Wasserfall bilden, u. zerstreut zwischen den Karpaten liegend in einem Umfang von 4 Meilen, ist das größte Dorf in Österreich, hat evangelische Kirche u. 3400 Ew.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 19. Altenburg 1865, S. 19-20.
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