Afrika (Geographie)

[92] Afrika (Geographie). Einer der größten Welttheile, im Angesicht von Europa, (man soll bei heiterem Himmel von der Spitze des Aetna und von anderen Höhen Siciliens, die Küsten von Karthago sehen können, von Spanien sieht man das Land ganz deutlich) angränzend an die gebildetsten Nationen, durch einen schmalen Meeresarm nur geschieden von denjenigen Völkern, welche Jahrhunderte lang den Ruhm der höchsten Cultur besaßen. Einst selbst der Sitz aller Wissenschaften (in Aegypten), ist es uns doch noch ein unbekannter Welttheil, fast wie Neuholland, denn von diesem wie von jenem kennt man nur zur Noth die Küsten, das Innere gar nicht. Erst in den neuesten Zeiten sind Europäer etwas tiefer in seine unbekannten Binnenländer gedrungen. Es ist ein mächtiges Dreieck, vom mittelländischen, atlantischen, äthiopischen, indischen und rothen Meer umflossen, eine Halbinsel, welche nur bei Sucs mit dem Festlande von Asien zusammenhängt, und einen Flächenraum von 520 bis 530,000 Quadrat Meilen, eine Länge von 1070 und eine Breite von 1020 Meilen hat. Das Land ist von mehrern Gebirgsketten durchzogen, wie der Atlas im Norden, das Mondgebirge in der Mitte, das Capgebirge im Süden, doch nur vom Vorgebirge der guten Hoffnung wissen wir etwas mehr als den Namen, die anderen sind noch in dunkle Schleier gehüllt, selbst der Atlas, der von Spanien aus gesehen wird, ist seiner räuberischen Bewohner wegen noch nicht durchforscht, welche überhaupt wohl das tiefere Eindringen absichtlich verhindern, indem sie glauben, daß ihnen dadurch der Handel, den sie mit jenen Völkern treiben, geschmälert oder entzogen werden könnte, was auch von Seiten der Engländer gewiß geschehen würde, wäre es irgend möglich Eine besondere Eigenthümlichkeit dieses Welttheils sind die, viele Tausende von Quadratmeilen weit ausgedehnten Wüsten (nach Einigen über 60,000, nach Andern 100,000 Quadrat Meilen), welche sich durch[92] ganz Nordafrika von dem grünen Vorgebirge bis nach dem rothen Meere erstrecken, und wohl Ursache der fürchterlichen Hitze sind, unter welcher das Land während des größern Theils des Jahres schmachtet. Sie umschließen fruchtbare Inseln, welche man Oasen nennt – große, quellenreiche, von Bäumen und Gesträuchen, auf üppigem Boden bewachsene, angebaute Landstriche, kleine Königreiche oder Republiken; es sind deren einige dreißig, zwanzig davon mit zahlreicher Bevölkerung, sie bilden die Ruhepunkte der Karawanen, durch die allein der Handel im Innern betrieben wird. Die Gluth der Sonne ist so furchtbar, daß man im Sande Eier siedet, daß die Bewohner, welche keine Schuhe haben, ihre Häuser nicht verlassen, weil der Boden ihnen die Haut an den Füßen verbrennt. Die Küstenländer sind nicht so heiß, weil häufiger Regen den Sonnenbrand mildert, dafür aber sind sie auch nicht so gesund, als die innern hochgelegenen Reiche. Dem Naturforscher ist Afrika ein wahres Wunderland, es ist mit Allem so überreich versehen, es hat so viel Pflanzen und Thiere, daß ihre Anzahl sich kaum mit der anderer Welttheile vergleichen läßt; sie beträgt wenigstens drei Mal so viel als Amerika und fünf Mal so viel als Asien hat, allein die vierfüßigen Thiere betreffend, von den andern nicht zu reden. Es hat ganze Herden von Nil-, besser Flußpferden, (da sie in den andern größern Strömen eben so hausen wie im Nil) es hat die colossale, vier und zwanzig Fuß hohe Giraffe, gegen welche der Elephant ein Zwerg ist, Elephanten, Rhinoceros, Löwen, Tiger und alle Raubthiere, in ganzen Rudeln, und um sie zu ernähren, zahllose andere Thiere, Antilopen, Hirschschweine, Zebras, Gemsen, Gazellen, Springböcke, Damhirsche etc. Es hat Vögel von der ungeheuersten Größe, wie der Strauß und vom prächtigsten Gefieder, wie die Papageien, Flamingos, Paradiesvögel, es hat die ungeheueren Amphibien: Krokodil und Boa constrictor und tausend andere, giftige und nicht giftige Schlangen, Schildkröten u. s. w. Es hat von den verwüstenden Heuschrecken, die manchmal ganze[93] Tage hindurch die Sonne verfinstern mit ihren viele Meilen langen Zügen, durch alle geflügelten und ungeflügelten Entomen hindurch, bis zur weißen Ameise, welche Häuser baut, und zur schwarzen Ameise, welche Häuser zerstört, ein zahlloses Heer von Insekten. Seine Flüsse und Meere sind voller Fische und Gewürme. So ist das Land bewohnt von Thieren, so ist es bedeckt von Pflanzen, welche gleich riesige Verhältnisse zeigen. Die Boababs oder Adansonien haben nicht selten einen Stamm von 120 Fuß Umfang, also von sechs bis sieben und dreißig Fuß Durchmesser. Außer diesen colossalen Bäumen hat Afrika die trefflichsten Früchte und mehlreichsten Gräser, hat Ananas und Orangen, Feigen und Pisang, Datteln und köstliche Gewürze, hat Wachs und Butter gebende Bäume (Kuhbaum), welche letztere die zarteste frische Butter übertrifft, hat Kaffee, Thee, köstliche Weine (Capwein), und auch die Weinpalme liefert einen trefflichen Wein; hat seine Hölzer, hat Gold und Eisen in seinem Schoß, und wäre so ein halbes Paradies, wenn es nicht von Negern bewohnt wäre. Allein diese eigenthümliche Menschenrace macht das Land bis jetzt noch für den Europäer unbewohnbar. Ob bei der Bevölkerung von Afrika ein schwarzer Adam geschaffen worden, oder ob ein Nachkomme des Noah dorthin gewandert, und seine Nachkommenschaft durch das Klima sich so verändert hat, ist wohl nicht auszumitteln. Die seit vielen Jahrhunderten dort angesiedelten Kaukasier: Bewohner aller nordischen Theile des Landes, sind übrigens nicht verändert, ihr Stamm ist durchaus weiß, die Weiber von blendender Farbe, die Männer nur durch die Sonne gebräunt, wie mitten in Deutschland der Bauer es auch ist. Ueber die Bevölkerungszahl ist man eben so uneins wie über die Abstammung, man gibt sie von 100 bis auf 200 Millionen an; sehr groß muß sie sein, denn der Sklavenhandel hat dem Lande wenigstens 40 Millionen kerngesunder Leute gekostet; wie viel gehört dazu, damit dieß ein Land nicht entvölkere!

V.

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Quelle:
Damen Conversations Lexikon, Band 1. Leipzig 1834, S. 92-95.
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