Herat [2]

[190] Herat, Hauptstadt der gleichnamigen afghan. Provinz (s. oben), unter 34°22´ nördl. Br. und 62°3´ östl. L., 808 m ü. M., bei den Persern »Perle der Welt« genannt, im schönen Tal des Heri Rud, 6 km nördlich des durch eine Brücke mit 26 Bogen überspannten Flusses, aus dem es sein Wasser bezieht. H. bildet ein längliches Viereck, früher von einer hohen Lehmmauer mit sechs Tortürmen aus Ziegeln und einem Wassergraben umgeben, aber in neuester Zeit mit englischer Hilfe stark befestigt. Außer der Hauptstraße mit Basaren und Karawansereien bildet H. ein Labyrinth von engen, schmutzigen Gassen mit schmalen Häusern. Im NW. liegt die gemauerte Zitadelle Chakhar Bagh. Die Zahl der Einwohner (Perser, Afghanen, Tadschik, Belutschen, Tataren, Hindu, Juden) wird auf 50,000 angegeben; deren bedeutendste Industrieerzeugnisse Rosenöl, dann Röcke und Mützen aus Lammfell, Schwerter, Teppiche sind. In der Umgegend erinnern weite Ruinenfelder an den einstigen Glanz der Stadt; der Königsgarten, Baghi-Schahi, galt als Weltwunder. Das von 9 (früher 20) Kanälen aus dem Heri Rud bewässerte Tal ist erfüllt von Gärten und Weinbergen, daher der Name »Stadt der hunderttausend Gärten«. Strategisch bildet H. den Schlüssel zu Afghanistan und Indien von W. her; über H. nahmen alle persischen Eroberer den Weg nach Indien, der ganze Karawanenhandel folgt noch jetzt einzig dieser Straße. Daher die wiederholten Anstrengungen der Perser, H. zu besetzen, und die Bemühungen der Russen wie Engländer, von letztern sogar 1856 durch einen Krieg gegen Persien, um Afghanistan den Besitz von H. zu erhalten. Vgl. Boulger, Cabul and H. (in »Contemporary Review«, 1900).

H., in den altpersischen Schriften Haräva, bei den alten Geographen Aria genannt, wurde im 7. Jahrh. mit Chorasan dem Kalifat unterworfen, 1036 aber von den Seldschuken erobert. Mitte des 12. Jahrh. nahmen die Sultane von Ghor ihren Hauptsitz in H., das unter ihnen eine hohe Blüte erreichte. Ende des 12. Jahrh. fiel H. in die Hände der Schahs von Chwaresm (Chiwa) und 1220 in die Dschengis-Chans, der es zerstören ließ. Vor einer zweiten Heimsuchung durch Mongolen (von Dschagatai) wurde H. 1280 durch den Sieg des (gleichfalls mongolischen) Ilchans Abaka von Persien bewahrt. Wieder aufgebaut, wurde H. doch 1291 nochmals von den Mongolen zerstört. 1381 mußte es sich mit Chorasan Timur unterwerfen, der dem Kurtidenhaus 1389 ein Ende bereitete. 1507 wurde die Stadt von den Uzbeken erobert und kam 1510 durch den Sefewiden Ismael an Persien, bis sie 1715 von den Afghanen erobert, an Persien 1735 wieder verloren, aber 18 Jahre später zurückerhalten wurde; auch 1816 wurde ein persischer Angriff abgeschlagen. Zu einer staatlichen Selbständigkeit gelangte H. unter Fürsten aus dem Stamme der Durrâni (seit 1747); »Sultan« Kamran eilte 1823 den Persern gegen die Russen zu Hilfe, nahm aber am Kampf im Kaukasus und an der Niederlage der Perser wegen Friedensschlusses nicht mehr teil. Kurz vor dem englisch-afghanischen Kriege (1839–42) nahmen 1837 die Perser den alten Plan wieder auf, H. an sich zu bringen; der Versuch scheiterte aber 1838 an der Kriegstüchtigkeit der Herati und an Englands diplomatischem Schutz. Eine Gesandtschaft unter Major Todt, deren Mitglieder bis nach Chiwa vordrangen, befestigte den englischen Einfluß. Zu neuer Einmischung Persiens kam es 1852, als Jar Mohammed-Chan starb, der sich 1842 durch Ermordung des Durrâni Fath Dschang vom Minister zum Herrscher emporgeschwungen hatte. Seinem Sohne machte Dost Mohammed, seit 1826 aus dem Stamme der Barakzai, Emir von Afghanistan, den Thron streitig; doch die Vorstellungen des englischen Gesandten bewirkten die Aufhebung der Belagerung. Persien verpflichtete sich dabei England gegenüber, die Länder von Afghanistan nicht anzugreifen, ohne zuvor Englands Vermittelung angerufen zu haben. 1856 erneuerte Persien den Krieg gegen H. mit Erfolg; eine Expedition der Engländer in den Persischen Meerbusen (Ende 1856) hatte jedoch die Zurückziehung der Truppen zur Folge (bestätigt im Frieden von Paris 4. März 1857). Die Perser hatten vor ihrem Abzug Ahmed-Chan, genannt Dschan, den Schwiegersohn Dost Mohammeds, als Sultan eingesetzt; dieser bezog von Persien Waffen und Kanonen, ließ Münzen im Namen des Schahs schlagen, und Persien hätte ohne den Übermut des Fürsten von H. vielleicht seinen Zweck erreicht. Zu Anfang 1861 begannen Zwistigkeiten zwischen H. und Afghanistan, weil ersteres die Fürsten von Ghor, das es sich 1845 unterworfen hatte, zu Räubereien in Farrah verlockte; im Juni 1862 schlug der Sultan von H. den afghanischen Gouverneur, der seine Parteigänger züchtigen wollte, bei Kilatgak, wurde aber von Dost Mohammed selbst bei Girischk am Hilmend besiegt. Seitdem verblieb, abgesehen von wiederholten Losreißungsversuchen, H. bei Afghanistan. Weiteres s. Afghanistan (Geschichte).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 9. Leipzig 1907, S. 190.
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