Owen [2]

[270] Owen (spr. ō'n), 1) John (latinisiert Audoenus oder Ovenus), neulat. Dichter, geb. 1560 zu Armon in Wales, gest. 1622 in London, studierte in Oxford die Rechte, nahm aber wegen Armut 1591 eine Schullehrerstelle in Cryleigh und 1594 in Warwick an. Seine »Epigrammata« (zuerst libri III, Lond. 1606; dann stark vermehrt und oft wiederholt; am besten hrsg. von Renouard, Par. 1795, 2 Bde.) waren durch ungezwungenen und beißenden Witz ausgezeichnet. »Epigrammata selecta« mit Übersetzung gab Jördens (Leipz. 1813), einen »Libellus epigrammatum« Ebert (das. 1825), eine Übersetzung J. L. B. ein Ungenannter (Nördlingen 1863) heraus.

2) Robert, engl. Sozialist, geb. 14. Mai 1771 in Newtown (Nordwales) als der Sohn eines kleinen Handwerkers, gest. daselbst 17. Nov. 1858. Er kam mit zehn Jahren als Lehrling zu einem Tuchhändler nach Stamford und war dann mehrere Jahre Kommis in London und Manchester. Durch Fleiß und geschäftliche Begabung schwang er sich 1790 zum Leiter einer Baumwollspinnerei mit 500 Arbeitern in Lancashire auf. Eine mit einigen Teilhabern gegründete Spinnerei in Manchester gab O. bald wieder auf. Vom 1. Jan. 1800 übernahm O. die Leitung einer großen Baumwollspinnerei in New Lanark, und von da an beginnt seine Tätigkeit als sozialer Reformator. O. nahm sich hier ganz vorzüglich seiner Arbeiter an, deren Lage er durch Maßregeln, die damals noch neu und unerprobt waren, mit günstigstem Erfolg zu heben suchte, wie durch Bau von Wohnungen, Beschaffung von Lebensmitteln etc. im großen und Überlassung derselben an die Arbeiter zu den Selbstkosten, durch Lohnerhöhung mit zinsbarer Anlegung des Mehrbetrags, Kürzung der Arbeitszeit, Nichtbeschäftigung von Kindern unter zehn Jahren, Errichtung einer Schule, einer Kleinkinderbewahranstalt etc. Er erreichte es, daß in wenigen Jahren nicht allein die Arbeiterbevölkerung von 2–3000 Seelen materiell gut situiert und sittlich gehoben, sondern auch der Reinertrag der Fabrik erheblich gestiegen war. Mißhelligkeiten mit seinen Kompagnons veranlaßten O., das Unternehmen in eine neue Kapitalgesellschaft umzuwandeln, deren Mitglieder sich mit einer Rente von 5 Proz. begnügten. Der Beifall, den O. fand, verleitete ihn zu einer Überschätzung seiner Kraft. Er fühlte jetzt in sich den Beruf, als neuer Messias alle Menschen gut und glücklich zu machen. In der Schrift »A new view of society, or Essays on the principle of the formation of the human character and the application of the principle to practice« (Lond. 1812 u. 1813; deutsch übersetzt und erklärt von Collmann, Leipz. 1900) entwickelte er zuerst seine Ansichten. Von dem Gedanken ausgehend, daß für Charakter und Handlungen der Menschen nur die äußern Verhältnisse, unter denen sie lebten, bestimmend seien, und daß demnach niemand für seine Handlungen persönlich verantwortlich sei, forderte er eine Reform der Erziehung, bei der es vor allem darauf ankäme, günstige physische, moralische und soziale äußere Verhältnisse für jeden einzelnen von seiner frühesten Jugend an zu schaffen. Hierbei gelangte O. allmählich zu rein kommunistischen Ideen; er entwarf eine neue Gesellschaftsordnung, nach der das gesamte wirtschaftliche und soziale Leben sich nur noch in kleinen kommunistischen Gemeinden mit gemeinsamer Erziehung der Kinder vollziehen sollte (s. Kommunismus, S. 334), und machte es jetzt, nachdem er ein reicher Mann geworden, zu seiner Lebensaufgabe, für die Verwirklichung seiner kommunistischen Ideen zu agitieren. Die Gründung solcher Gemeinden forderte er zuerst 1817 in einem »Report to the Committee of the House of Commons on the Poor Law« als ein Mittel zur Beseitigung der Armut (vgl. auch sein Hauptwerk: »The book of the new world«, Lond. 1820). Zwei Jahrzehnte entfaltete er eine rastlose Tätigkeit als Agitator, hielt über 1000 Reden, schrieb über 2000 Artikel in Journalen, ohne jedoch in England praktische Erfolge zu erzielen. Er begab sich deshalb, nachdem er wegen seines Atheismus mit der englischen Geistlichkeit in Konflikt gekommen war, 1825[270] nach Amerika, wo er New Harmony in Indiana kaufte, um hier eine kommunistische Gemeinde zu gründen. Gleichzeitig machte einer seiner Schüler, Abram Combe (s. d.), einen Versuch zu Orbiston bei Glasgow. Beide kostspieligen Unternehmungen sowie ein weiterer Versuch einer Kolonisierung von Texas mißglückten. 1827 nach London zurückgekehrt, verlor O. bei einem phantastischen Unternehmen, »National labour equitable echange«, das die Ersetzung des Geldes als Tauschmittel durch Arbeitsstunden bezweckte, 1832 fast sein ganzes Vermögen. Andre verfehlte Versuche mit kommunistischen Gemeinden wurden unter andern zu Ralahine in Irland und zu Tytherly in Hampshire vorgenommen. Bessere Erfolge erzielte O. dagegen mit seiner bis in die 1840er Jahre fortgesetzten Agitation für Einführung einer Fabrikgesetzgebung und des obligatorischen Schulunterrichts, für Kürzung der Arbeitszeit in den Fabriken, für Gründung von Genossenschaften der Arbeiter etc. In dieser Tätigkeit beruht die hervorragende sozialpolitische Bedeutung Owens. Weiteres darüber s. Kommunismus. In seinen spätern Jahren wurde O. Anhänger des Spiritismus. Außer seinen obenerwähnten Werken schrieb er noch: »Discourses of a new system of society«, »Outline of the rational system«. Sein Bildnis s. Tafel »Sozialisten«. Vgl. »Life of Robert O., written by himself« (Lond. 1857); Sargant, Robert O. and his social philosophy (das. 1860); Booth, Robert O., the founder of socialism in England (das. 1869); Lloyd Jones, Life, times and labours of R. O. (3. Aufl., das. 1900); Liebknecht, Robert O. (Nürnb. 1892); Helene Simon, Robert O., sein Leben und seine Bedeutung für die Gegenwart (Jena 1904); Dolléans, Robert O. (Par. 1905); Podmore, Robert O., a biography (Lond. 1906, 2 Bde.).

3) Robert Dale, Sohn des vorigen, geb. 7. Nov. 1801 in New Lanark, gest. 25. Juni 1877 in New York, war 1843–47 Vertreter für Indiana im Kongreß, 1853–58 Geschäftsträger der Vereinigten Staaten in Neapel. Als eifriger Spiritist schrieb er: »Footfalls on the boundary of another world« (4. Aufl., Philad. 1881); »The debatable land between this world and the next« (das. 1872). Vgl. seine Selbstbiographie: »Threading my way« (Lond. 1873).

4) Richard, Naturforscher, geb. 20. Juni 1804 in Lancaster, gest. 16. Dez. 1892 in London, studierte seit 1824 Medizin in Edinburg, ließ sich dann als Wundarzt in London nieder und ward 1835 Konservator des Museums und Professor der Physiologie am College of surgeons. Auch lehrte er Paläontologie an der School of mines und Physiologie an der Royal Institution und ward Oberaufseher der naturhistorischen Abteilungen des Britischen Museums. Er lieferte einen illustrierten Katalog der Sammlungen von Hunters Museum, eine Anatomie des Nautilus (1832), der Brachiopoden etc. und erwies durch seine systematischen Arbeiten über fossile Tiere den Wert strenger Vergleichung für die Wiedererkennung und Rekonstruktion selbst nur bruchstückweise erhaltener ausgestorbener Tiere, wie er auch umgekehrt wichtige Grundsätze zur Erläuterung des gesetzmäßigen Baues der Tiere ableitete. Er versuchte die Grundformen der einzelnen anatomischen Systeme der Wirbeltiere, zunächst des Knochensystems, nach ihren verschiedenen Wandlungen zu entwickeln, und seine Arbeiten boten zum erstenmal ein sehr reichhaltiges Material konsequent nach einer bestimmten Theorie geordnet dar. Er schrieb: »Archetype and homologies of vertebrate skeleton« (Lond. 1848); »British fossil reptilia of the cretaceous period« (1851); »Comparative anatomy, invertebrate animals« (1855) und »vertebrate animals« (1855); »Crocodilia and Ophidia of the London clay« (1859); »Description of the extinct gigantic Sloth« (1843); »Fossil reptilia of the wealden« (1853–57); »History of the British fossil mammalia and birds« (1846) und »reptiles« (1849); »On the classification of mammalia« (1859); »Memoir on the Megatherium« (1861); »Odontography« (2. Aufl. 1845, 2 Bde.); »On forms of the skeleton and the teeth« (1856); »Palaeontology« (7. Aufl. 1871); »Principles of comparative osteology« (1855); »Anatomy of vertebrates« (1866–68, 3 Bde.); »Descriptive and illustrated catalogue of the fossil reptilia of South Africa« (1876); »On the fossil mammals of Australia and on the extinct marsupials of England« (1877, 2 Bde.); »Memoirs of extinct wingless birds of New Zealand« (1878, 2 Bde.). Ein Teil der genannten Arbeiten aus den Jahren 1849–81 erschien gesammelt als »History of British fossil reptils« (1884, 4 Bde.). Vgl. die von seinem Enkel Richard Owen herausgegebene Biographie: »Life of Richard O.«, mit einem Essay von Huxley (Lond. 1894, 2 Bde.).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 15. Leipzig 1908, S. 270-271.
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