Sexualpsychologie

[391] Sexualpsychologie, die Lehre von den Gefühlen und Trieben geschlechtlicher Art. Das Geschlechtsgefühl entsteht unter regelmäßigen Verhältnissen mit dem Eintreten der Pubertät. Es ist anfangs nicht mit völliger Sicherheit auf das andre Geschlecht bezogen und daher manchmal in der Form einer sinnlich angehauchten Freundschaft enthalten. Alsdann wandelt es sich in sentimentale Schwärmerei, bis es nach dem Eintreten der Geschlechtsreife sich eindeutig auf den Besitz einer Person des andern Geschlechts bezieht. Diese Stellung im Seelenleben behält es bis zum Erlöschen der physiologischen Fähigkeit. Krankhafte Störungen des Geschlechtstriebes und noch mehr Übergangsformen zwischen normalen und abnormen Sexualempfinden sind sehr verbreitet. Häufig sind die beiden Seiten des Geschlechtstriebes, der Drang nach Ausübung des körperlichen Geschlechtsaktes (Detumeszenztrieb) und der auf Besitz des Individuums des andern Geschlechts gerichtete Trieb (Kontrektationstrieb), die normalerweise miteinander verbunden sind, isoliert oder in verschieden starker Entwickelung vorhanden. Isoliertes Vorhandensein des erstgenannten Triebes findet sich häufig im Beginn der Pubertät und bei Schwachsinnigen und führt zu Onanie, die ohne Berührung oder auch nur Vorstellung eines Individuums des andern Geschlechts Befriedigung herbeiführt. Alleinige Äußerungen des Kontrektationstriebes sind ebenfalls in der Pubertät häufig, aber auch im spätern Leben tritt dieser isolierte Trieb als Anomalie des Sexualgefühls auf. Er äußert sich in dem Drang, das Individuum des andern Geschlechts nur zu berühren, auch wohl nur geistig sich ihm zu nähern (»platonische« Liebe), ohne daß dabei Erregung der Geschlechtsorgane vorhanden ist. Kastration vernichtet den Detumeszenztrieb, ohne aber notwendig das Geschlechtsgefühl zu zerstören; sogar bei sehr frühzeitiger Kastration bleibt manchmal der Kontrektationstrieb bestehen, meistens allerdings tritt dann völlige geschlechtliche Gefühllosigkeit ein. Häufig sind sexuelle Anomalien in Gestalt einer Veränderung des Inhalts der Sexualgefühle, insofern Vorstellungen, die sonst mit Unlustgefühlen verbunden sind, mit sinnlichen Lustgefühlen einhergehen und Affekte hervorrufen (Parästhesien). Das praktische Resultat sind verkehrte Handlungen (Perversion des Geschlechtstriebes). Hierher gehören: a) Sadismus (nach den Romanen des Marquis de Sade), die Verquickung der sexuellen Triebe mit unnatürlicher Freude an Grausamkeiten. Diese Verbindung von Wollust mit der Lust an Schmerzen (Wollustschmerz, Algolagnie) der geliebten Person äußert sich in schmerzhaftem Pressen, Kratzen, Beißen, steigert sich zum Blutigstechen, Schlagen, Geißeln, Besudeln und gipfelt in Notzucht, Lustmord. Leichenschändung (Nekrophilie), Anthropophagie. Dieser Verirrung unterliegen meist Männer, und von vielen Naturvölkern wissen wir, daß bei ihnen der Raub, ja selbst die Wehrlosmachung der Frau durch Keulenschläge die Liebeswerbung ersetzt. b) Masochismus (nach den Romanen Sacher-Masochs), der darauf ausgeht, Schmerzen zu leiden und sich der Gewalt unterworfen zu fühlen; während der Sadismus die krankhafte Steigerung des männlichen Geschlechtscharakters in seinem psychischen Beiwerk ist, stellt der Masochismus eine Übertreibung spezifisch weiblicher seelischer Eigentümlichkeiten dar. Der Masochismus durchläuft die ganze Stufenreihe von der bloß geistigen Demütigung bis zur schmerzhaftesten körperlichen Peinigung durch das geliebte Weib, er kommt aber auch in larvierter Form ekelhafter Handlungen zum Zwecke sexuell erregender Selbstdemütigungen vor. Vgl. Flagellomanie. Es gibt Personen und namentlich Männer, für die der Hauptreiz am Weibe (mit gänzlicher Außerachtlassung der übrigen Persönlichkeit) entweder ein bestimmter Körperteil, der mit dem sexuellen Verkehr direkt nichts zu tun hat, oder auch ein Kleidungsstück des Weibes ist (Zopfabschneider, Stiefelfreier). Vgl. Fetischismus. Anderweitige geschlechtliche Verirrungen sind die Tierschändung (Sodomie), die Statuenschändung und der Exhibitionismus, die Entblößung der Geschlechtsteile vor Kindern, Mädchen, Frauen ohne den Versuch sonstiger geschlechtlicher Annäherung (meist bei krankhafter Geistestätigkeit, bei Epileptikern [Dämmerzustände], Schwachsinnigen, Alkoholisten etc.). Eine sehr häufige Anomalie des Sexualtriebes ist die Homosexualität (s. d., gleichgeschlechtliche Liebe, konträres Geschlechtsgefühl), bei der sich, im Gegensatz zur normalen Heterosexualität, das sexuelle Begehren auf Individuen des gleichen Geschlechts beschränkt. Die Homosexuellen hat man auch als drittes Geschlecht bezeichnet. Die Stärke des Geschlechtstriebes ist individuell sehr verschieden und abhängig von Konstitution, von organischen Einflüssen (Alkoholmißbrauch) und von der Wirksamkeit hemmender Gegenvorstellungen, für die Erziehung und Selbstbeherrschung ausschlaggebend sind. Schwere körperliche und namentlich geistige Arbeit wirken vermindernd auf den Geschlechtstrieb. Sehr häufig ist, namentlich beim weiblichen Geschlecht, eine Anästhesie (Frigidität) in geschlechtlicher Beziehung, also ein Fehlen jedes sexuellen Verlangens oder ein übermäßiges Zurücktreten desselben, das teils angeboren, teils erworben sein kann. Der Gegensatz ist die Hyperästhesie, die krankhafte Steigerung des Triebes, die bei höhern Graden als Nymphomanie oder Satyriasis bezeichnet wird. Häufig wechseln Perioden von Verminderung und Verstärkung des sexuellen Bedürfnisses; für diesen Wechsel sind namentlich Veränderungen der allgemeinen körperlichen Leistungsfähigkeit und der Ernährung bedeutungsvoll. Im höhern Alter tritt das Sexualgefühl mehr und mehr zurück und verschwindet beim weiblichen Geschlecht gewöhnlich in den Wechseljahren; beim männlichen Geschlecht kann es auch im Greisenalter noch vorhanden sein. Vgl. Tarnowsky, Die krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinnes (Berl. 1886); Kraft-Ebing, Psychopathia sexualis mit besonderer Berücksichtigung der Sexualempfindungen (12. Aufl., Wien 1903); Moll, Untersuchungen über die Libido sexualis (Berl. 1898, 2 Tle.) und Die konträre Sexualempfindung (3. Aufl., das. 1898); Eulenburg, Sexuale Neuropathie (Leipz. 1895) und Sadismus und Masochismus (Wiesb. 1902); Forel, Die sexuelle Frage (Münch. 1906); Bloch, Das Sexualleben unsrer Zeit (Berl. 1907); »Jahrbücher für sexuelle Zwischenstufen« (Leipz., seit 1899); weitere Literatur s. Geschlechtstrieb und bei einzelnen in Betracht kommenden Artikeln (Flagellomanie, Sade etc.). Vgl. auch Sittlichkeitsverbrechen.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 18. Leipzig 1909, S. 391.
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