Rechnung

1. Alte Rechnungen machen frische Händel.

Engl.: Old reckonings breed new disputes or quarrels. (Bohn II, 127.)

Frz.: A vieux comptes nouvelles disputes. (Bohn II, 127.)

Holl.: Van oude rekeningen en oud goed te deelen ontstaan gemeenlijk nieuwe krakeelen. (Harrebomée, II, 217a.)


2. An rechnung machen, an worten, an duncken vnd gespante tuch gehet vil ab.Henisch, 768, 12; Petri, II, 17.


3. Die Rechnung ist gewiss, das Haupt ist edler als die Füss'.


4. Die Rechnung kommt nach.

Holl.: Onder in den zak vindt men de rekeningen. (Harrebomée, II, 217a.)


5. Genaue Rechnung erhält die Ordnung.

It.: Conti chiari amici cari. (Pazzaglia, 68, 3.)


6. Genaue Rechnung ist umsonst, wenn man übel bezahlt.

Holl.: Wat licht aen nau rekeninghe, daer men qualic betalen wil?

Lat.: Computo cur stricte, cum tu vis solvere ficte? (Fallersleben, 771.)


7. Genaue Rechnung macht leichte Bezahlung.


8. Häinjderhiér kit de Rêchnung. (Siebenbürg.-sächs.) – Schuster, 868.


9. Je chürzer d' Rechnig, je länger d' Fründschaft.Schweiz, I, 216, 145.


[1514] 10. Klare Rechnung macht gute Freunde.Bohemia, 1871, Nr. 300.

Die Chinesen sagen: Wenn es sich um Geld und Rechnung handelt, beendet alles oder ihr werdet nichts beenden. (Cibot, 161.)


11. Korte Reknung, lange Fründschupp.Eichwald, 1580.

Holl.: Effen rekeningen maken goede vrienden. (Harrebomée, II, 216b.)


12. Kurze Rechnung, lange Freundschaft.Eiselein, 521; Schottel, 1136b; Winckler, X, 32; Körte, 4946; Simrock, 8177; Dove, 288.

In Paul Clifford (III, 91) sagt der Räuber Tomlinson: »So wahr der Spruch ist, dass kurze Rechnung lange Freunde macht, so kenne ich doch einen, der noch viel wahrhaftiger ist, nämlich: Lange Freunde machen kurze Rechnung.« Häufiger Rechnungsabschluss bewahrt einerseits vor Irrthümern, die gar leicht eine Störung in den freundschaftlichen Verhältnissen zu bewirken im Stande sind, andererseits beugt sie auch dem Misvergnügen vor, das aus einer erwarteten, aber ausbleibenden Zahlung entsteht, und das ebenfalls nachtheilig auf die Freundschaft einwirkt.

Böhm.: Častá pořádnost dobré přátely činí. – Častý počet, dlouhá láska. – Častý počet přátely činí. – Počtováním přátelství netrpí ujmy. (Čelakovský, 277.)

Engl.: Even reckoning makes (keeps) long friends. (Gaal, 1288.)

Holl.: Korte rekening maakt lange vriendschap. (Harrebomée, II, 217a.)

It.: A conti vecchi contese nuove. (Pazzaglia, 66, 1.) – Conti chiari amici cari. (Bohn II, 127.) – Conti spessi amicizia lunga. (Pazzaglia, 68, 2.)

Poln.: Rzetelny rachunek utrzymuje przyjažń. (Masson, 280.)

Span.: Cuenta y razon sustenta amistad. (Bohn II, 122.)


13. Kurze Rechnungen machen gute Freunde. Lohrengel, II, 462.

Engl.: Short reckonings make long friends. (Bohn II, 127.)


14. Man muss nicht Rechnung ohne den Wirth machen.Lehmann, 609, 2; Simrock, 8179.

Frz.: Il ne faut pas compter sans son hôte. (Masson, 69.)

It.: Un conto fa il ghiotto e uno il taverniere. (Masson, 69.)

Lat.: Currens per prata non est lepus esca parata. (Binder II, 676; Neander, 270.)

Schwed.: Man bör ej göra upp räkningen uten wärden. (Marin, 19.)


15. Man soll die Rechnung mit seinem Beutel machen.Simrock, 8180.

Dän.: Giør regnskab med din taske og see hvad hun formaaer. (Prov. dan., 471.)


16. Man soll sich auf nichts Rechnung machen, bis man es in den Händen hat.

It.: Non dir quattro, se tu non l'hai in sacco. (Biber.)


17. Rechnung ohne den Wirt gilt nicht.Gruter, III, 75.

Frz.: Qui compte sans son hôte, compte deux fois. (Körte, 4945.)

Lat.: Frustra secum rationes putantur. (Gaal, 1287.)

18. Richtige Rechnung erhält (macht) lange (gute) Freundschaft.Lohrengel, I, 578; Braun, I, 3471.

Frz.: L'amy vieux et le compte recent.

Holl.: Goede rekening houdt geene kwade vriendschap. (Harrebomée, II, 216b.)


19. Richtige Rechnung macht gute Freunde. Hollenberg, III, 12; Mayer, II, 104; Körte, 4943.

»Als jener schaffner seinem Herrn sollte Rechnung thun, thät er erstlich mit dem Finger auff den Mund weisen vnd sagen: diess ist das Buch des innenemens, hic liber est Accepti, vnd mit der andern vff den hindern, sagend: et hic liber est expensi. (Zinkgref, IV, 133.) Schwerlich wird diese Rechnung, obgleich Einnahme und Ausgabe stimmten, die Freundschaft gefördert haben.«

Engl.: Even reckoning makes long friends. (Masson, 280.)

Frz.: Compter, payer net et souvent est d'amitié vrai aliment. (Masson, 280.) – Les bons comptes font les bons amis. (Gaal, 1288; Lendroy, 29.)

It.: Patto (conto) chiaro amico caro. (Gaal, 1288.)

Lat.: Clara pacta, boni amici. (Gaal, 1288.)

20. Was hilft richtige Rechnung, wenn man schlecht bezahlt.Simrock, 8178; Körte, 4944.

Denen, die ihren Verlust in Zahlen ausrechnen, ruft man jüdisch-deutsch in Warschau zu: Der Cheschben geht aus, nor dus Geld fehlt.


21. Was ligt an genawer rechnung, wenn man vbel bezahlen will!Henisch, 364, 1; Petri, II, 602; Sutor, 337.

Holl.: Wat ligt aan eene naauwe rekening, daar men kwalijk betalen wil. (Harrebomée, II, 217a.)

Lat.: Computo cur stricte, cum tu vis soluere ficte? (Henisch, 364, 2.)


[1515] 22. Wer auf (ohne) Rechnung lebt, der lebt (hungert zuletzt) mit Schande.

Frz.: Qui vit à (sans) conte, il vit à honte. (Kritzinger, 162b.)

Holl.: Die op rekening leeft, die leeft op schande. (Harrebomée, II, 216b.)


23. Wer die Rechnung ohne den Wirth macht, der muss sie zweimal machen.Gaal, 1287.

Dän.: Hvo som gjør regnskab uden vert, maae gjøre det to gange. (Prov. dan., 471.)

Engl.: He that reckons without his host, must reckon again. (Gaal, 1287.)

Frz.: Qui compte sans son hôte, compte deux fois. (Lendroy, 50; Kritzinger, 162b; Gaal, 1287; Masson, 69.) – Qui vit sans compte, vit à honte.

It.: Chi fa il conto senza l'hoste, lo fa due volte. (Pazzaglia, 68, 4; Gaal, 1287.) – Non fare il conto (la ragione) senza l'oste.


24. Wer seine Rechnung bezahlt, verbessert sein Gut.

Dän.: Saa længe man er skyldig paa regenskab, er man ei fri derfor. (Prov. dan., 470.)

Frz.: Il n'est pas quitte qui doit de reste.


25. Wer sich Rechnung macht auf eines andern Kübel, der speist übel.


26. Zu genaue Rechnung macht sparsame Freunde.Winckler, IX, 61; Chaos, 674.


*27. Das wird auf seine Rechnung kommen.


*28. De wiset de Räkning.Dähnert, 371b.

Spottweis von einem, der, wenn er lacht, sein ganzes Gebiss sehen lässt.


*29. Die Rechnung geht in die Brüche.


*30. Die Rechnung mit doppelter Kreide machen.


*31. Die Rechnung mit nassem Schwamme auswischen.


*32. Die Rechnung mit seinem Beutel machen.

Die Ausgaben im gehörigen Verhältniss zur Einnahme machen.


*33. Die Rechnung stimmt, bis auf das, was fehlt.

Jüdisch-deutsch in Warschau: Chiz ma sche- gunew (=ausser was er stahl). Wird gebraucht, wenn von einer Zahl die Rede ist, von der man die Ueberzeugung hat, dass sie zu niedrig gegriffen sei; es wird gesagt: »Das Gestohlene nicht mitgerechnet.«


*34. Er hat die Rechnung ohne den Wirth gemacht.Lehmann, 407, 42; Hollenberg, II, 46; Körte, 4945; Eiselein, 521; Lohrengel, II, 143; Dove, 244 u. 445.

Mehr ausgeben, als bei einer angemessenen Eintheilung des Geldes verausgabt werden kann. Auch Leute von Genie machen oft die Rechnung ohne den Wirth, indem sie zu spät einsehen, was sie voraussehen sollten, wofür Karl's V. unglücklicher Zug gegen die Barbaresken einen Beleg liefert. (Vgl. Wagenseil, Aehrenlese, 156.)

Holl.: Hij heeft de rekening buiten (zonder) den waard gemaakt. (Harrebomée, II, 216b.)

*35. Er hat seine Rechnung abgeschlossen.

Ist gestorben. Die Niederschlesische Zeitung (Nov. 1871) enthält eine Anzahl Redensarten, welche zeigen, dass unser Reichthum an sprichwörtlichen Redensarten hinreiche, um für die verschiedenen Berufsarten den erfolgten Tod in entsprechender Weise auszudrücken. Ich lasse sie hier zur Ergänzung von Odem 1 folgen. Der Bergmann fährt zum letzten male an. Den Dienstboten hat der Herr zu sich genommen. Der Höfliche hat der Welt Valet gesagt. Der Kaufmann und der Gastwirth haben ihre Rechnungen abgeschlossen. Das Kindlein ist unter die Engel versetzt. Der Läufer setzt kein Bein mehr vor das andere. Dem Laternenanzünder hat der Tod das Licht ausgeblasen. Der Müde hat sich zur Ruhe gelegt. Dem Nachtwächter hat sein letztes Stündlein geschlagen. Der Schiffer hat sein Fahrgeld an Charon bezahlt. Der Schläfrige schliesst seine Augen. Der Schnitter hat ins Gras gebissen. Der Schwätzer wird ein stiller Mann. Der Todtengräber sinkt in die Grube. Der Trinker liegt in den letzten Zügen. Dem Uhrmacher ist die Uhr abgelaufen. Der Unglückliche haucht seinen letzten Seufzer aus. Der Wanderer ist zur Heimat eingegangen. Dem Weber schneiden die Parzen den Lebensfaden ab.


*36. Er hat seine Rechnung gefunden.Klix, 74.


*37. Er isch mit der Rächnig d' Stäge-n-abg'heit. (Solothurn.) – Schild, 89, 364; Sutermeister, 94.

Er hat sich stark verrechnet. Um geschäftliche und andere Irrthümer und Rechnungsfehler auszudrücken, finden sich a.a.O. noch folgende sprichwörtliche Redensarten der Schweiz: Bist verirret um en Schillg? Er hets wie der überrächnet Ma. Me haut em de Chopf zweimol ab. De hät si au guet ineg'metzget.


*38. Er ist weit von der Rechnung.

Er hat sich sehr verrechnet, seine Hoffnung ist bei weitem nicht erfüllt.

Frz.: Vous êtes bien loin de votre conte. (Kritzinger, 162b.)


[1516] *39. Er macht eine blankenbergsche Rechnung. (Holl.)

Blankenberg ist ein Flecken in Westflandern, am Meere gelegen, das noch heute meist vom Fischfange sich nährt. Die blankenberger Seeleute waren früher als Seeräuber bekannt, welche die Kauffahrteischiffe überfielen und sie nahmen, ohne zu bezahlen. Und in diesem Sinne wird das Sprichwort gebraucht. (Sprenger van Eijk.)

Holl.: Hij maakt eene Blankenbergsche rekening. (Harrebomée, II, 217a.)


*40. Er macht eine blankenburgische Rechnung.

Blankenburg war früher eine Grafschaft, welche 1690 Ludwig Rudolf von seinem Vater, Anton Ulrich, Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel, erhielt. Joseph I. erhob es 1707 zu einem Reichsfürstenthum, Braunschweig-Blankenburg genannt. Da er jedoch mit der Stammregulirung zögerte, wurde 1731 der obengenannte Herzog Besitzer aller braunschweig- wolfenbüttelschen Länder. Die Blankenburger sahen sich daher in ihrer Erwartung, ihre Grafschaft zu einem Reichsfürstenthum erhoben zu sehen, getäuscht. Das Sprichwort sagt also: eine falsche, unrichtige Rechnung machen, sich in seinen Voraussetzungen irren. – In Aegypten sagt man, um den Gedanken auszudrücken, dass man durch Ausserachtlassung eines Umstandes zu einem irrigen Ergebniss gelangt sei: »Wir hatten in unserer Rechnung die Schlange und den Skorpion eingerechnet, aber den Vierundvierzigfuss vergessen.« Nach Burckhardt (205) wird das Sprichwort besonders von denen gebraucht, die keine Vorkehrungen gegen den gefährlichsten Feind getroffen haben. Der Erbawa erbain ist nach dem genannten Schriftsteller ein kleines spinnenähnliches, sehr giftiges Insekt mit 44 Füssen. Von Menschen, deren Feigheit uns in unsern Erwartungen getäuscht hat, sagt man: Wir rechneten auf Männer in der Wüste. (Burckhardt, 215.)

Holl.: Eene kwade (verkeerde) rekening maken. – Zijne rekening kwalijk maken. (Harrebomée, II, 216b.)


*41. Er schreibt die Rechnung mit doppelter Kreide.


*42. Etwas auf fremde Rechnung bringen.

Holl.: Iets op rekening van een ander stellen. (Harrebomée, II, 217a.)


*43. Mach' deine Rechnung mit dem Himmel.

Aus Schiller's Wilhelm Tell (4. Act, 3. Scene), dem Monolog Tell's in der hohlen Gasse.


*44. Seine Rechnungen sind richtig.

Er ist aufrichtig, ehrlich.

Holl.: Zijne rekening sluit. (Harrebomée, II, 217a.)


[1517]

45. Der kommt in die Rechnung, sagte der Maurer, als der Bauherr zweifelte, dass die Mauer halten werde, weil der Kalk fehle.


46. Eine falsche Rechnung kehrt von Bagdad zurück.Ausland, 1872, S. 1203.


47. Keiner sich Rechnung machen soll, dass er allhie lang' leben woll', es gehe hie einer aus und ein, so steht der Tod und wartet sein. Volksblatt für Stadt und Land, Wien 1876, Nr. 24.

Hausinschrift.


48. Wer bey jhm selbs ein rechnung stelt vnd acht nicht, wie sie Gott gefelt, dem muss es gwisslich fälen weit, vnd kan nicht bestehn lange zeit.

Lat.: Absque Deo facta sua qui disponere curat huius amor uere non multo tempore durat. (Loci comm., 39.)


*49. Er machet die Rechnung zehn Jahr hinter dem Jüngsten Tag.Herberger, I, 720.


Quelle:
Karl Friedrich Wilhelm Wander (Hrsg.): Deutsches Sprichwörter-Lexikon, Band 3. Leipzig 1873.
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