Kropf [1]

[739] Kropf (Ingluvies), die bei manchen Tieren, z. B. Vögeln und Insekten, sich findende sackförmige Erweiterung des Schlundes oder Vorderdarms, die zur vorläufigen Aufnahme der Nahrung dient. Beim Menschen versteht man unter K. (Struma) die krankhafte Anschwellung oder Vergrößerung der am vordern Teile des Halses rechts und links von der Luftröhre gelegenen Schilddrüse (glandula thyreoidea). In seinen geringern Graden bildet der K. eine gleichmäßige schmerzlose und den damit Behafteten wenig belästigende Anschwellung der Vorder- und Seitenteile des Halses, den sogen. dicken H als (Blähhals, Sackhals). Man kann drei Gruppen von K. unterscheiden, von denen zwei durch Gewebsneubildung, eine dritte nur durch eine mehr oder weniger dauernde Blutüberfüllung der Schilddrüse dargestellt wird. Die durch Gewebsneubildung erzeugten Kröpfe teilen sich in benigne und maligne Kröpfe, je nachdem das neugebildete Gewebe eine harmlose Wucherung von dem ungefähren Bau des normalen Drüsengewebes oder ein bösartiges Gebilde (Krebs, Fleischgeschwulst) darstellt. Die Wucherung kann gleichmäßig die ganze Schilddrüse betreffen, oder in einzelnen Knoten auftreten, oder auch nur einzelne Teile (Lappen) der Drüse befallen. Gutartige Kröpfe sind: der sogen. lymphatische K. (Struma lymphatica oder parenchymatosa) ist eine Hypertrophie mit Verwandlung des Inhalts der Drüsenbläschen in eine gallertartige Substanz (S. gelatinosa), wobei das Bindegewebe und die Blutgefäße am Wachstum teilnehmen. Zuweilen erweitern sich die Gefäße sehr bedeutend, einen K. mit beträchtlich erweiterten Gefäßen bezeichnete man früher als Gefäßkropf (S. vasculosa). Der K. kann bis zur Faust- und Manneskopfgröße anwachsen, und es finden sich dann darin oft große, cystenartige Räume, mit einer schmierigen Masse erfüllt (Balg- oder Cystenkropf, S. cystica). Die Cysten entstehen durch Zusammenfließen der vergrößerten[739] Schilddrüsenbläschen. Die umgebende Bindegewebsfülle gerät dabei oft in einen Zustand entzündlicher Reizung, bricht manchmal durch, nimmt aber öfters Kalksalze auf, so daß in alten Kröpfen zuweilen haselnuß- bis taubeneigroße, rundliche, steinharte Knollen (S. ossea) neben Höhlungen mit weichem Inhalt vorgefunden werden. Auch knöcherne Entartungen der Schilddrüse kommen vor. Daß starke Vergrößerung der Schilddrüse mannigfache Beschwerden hervorrufen kann, ist erklärlich. Namentlich ist dies der Fall, wenn ein Lappen unter das Brustbein hinab sich sehr vergrößert und dadurch die Luftröhre nach hinten drängt. An Atembeschwerden leiden alle Kropfkranken mehr oder weniger, zumal wenn sie sich schneller bewegen, sich körperlich anstrengen, Treppen steigen etc.; viele leiden auch an Blutüberfüllung des Kopfes durch den Druck auf die das Blut nach dem Herzen leitenden Blutadern. Die Ursache des Kropfes ist noch unbekannt. Daß das weibliche Geschlecht häufiger am K. leidet, ist festgestellt, ebenso die Erblichkeit. Am meisten scheinen örtliche Einflüsse (Bodenbeschaffenheit, Trinkwasser) denselben hervorzurufen, deren letzten Grund man aber meist nicht kennt (vgl. Kretinismus). In manchen Gegenden ist der K. fortdauernd sehr häufig, in andern kommt er höchst selten vor. Die Behandlung des Kropfes im engern Sinne, des lymphatischen Kropfes, beruht auf innerlichem und äußerlichem Gebrauch der Jodpräparate (innerlich Jodkaliumlösung, äußerlich Einreibung von Jodkaliumsalbe); auch Einspritzungen von Jodlösungen in den K. werden angewendet. Dringend anzuraten ist es, bei geringster Anschwellung der Schilddrüse sich sogleich in ärztliche Behandlung zu begeben, sobald die Schwellung deutliche Zunahme zeigt. Sind schon stärkere Vergrößerungen vorhanden, haben sich namentlich Bälge ausgebildet, so kann nur Operation (Strumektomie) Heilung bringen. Als bei den ersten Versuchen dieser Operation die ganze Schilddrüse entfernt worden war, entwickelte sich eine Schwellung der Haut des Gesichts und der Hände, unter gleichzeitiger Abnahme der Intelligenz bis zum Eintritt von Blödsinn (kachexia strumipriva). Bald beobachtete man, daß diese Kachexie identisch mit dem Myxödem (s. d.) ist, und so ergab sich eine Klärung über die Tätigkeit und physiologische Wichtigkeit der Schilddrüse (s. d.). Es ging daraus hervor, daß eine Entfernung der ganzen Schilddrüse nicht angängig ist, und es werden infolgedessen seitdem, wenn überhaupt, nur noch teilweise Exstirpationen des Kropfes vorgenommen. K. ist auch eine Teilerscheinung der Basedowschen Krankheit (s. d.). Vgl. Bircher, Der endemische K. und seine Beziehungen zur Taubstummheit und zum Kretinismus (Basel 1883); Bruns, Über den gegenwärtigen Stand der Kropfbehandlung (Leipz. 1884); Wölfler, Die chirurgische Behandlung des Kropfes (Berl. 1887); Naumann, Über den K. und dessen Behandlung (a. d. Schwedischen von Reyher, Lund 1892); Bérard, Thérapeutique chirurgicale du goître (Par. 1897); Verhandlungen der Gesellschaft für deutsche Chirurgie vom Jahre 1888, 1889, 1890 und des Chirurgenkongresses in Berlin (1896). – Bei Haustieren kommt echter K. ebenfalls vor, namentlich häufig bei Hunden. Im Volksmund heißt aber K. jede Anschwellung an der Kehle hinter dem Unterkiefer. Unter K. der Pferde versteht man z. B. Druse (s. d.) mit Schwellung der Lymphdrüsen neben dem Rachen. Über Wasserkropf der Schafe s. Bleichsucht. Über den K. des Roggens s. Stockkrankheit.

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Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 11. Leipzig 1907, S. 739-740.
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