Urbīno

[956] Urbīno, Kreishauptstadt in der ital. Provinz Pesaro e U., 451 m ü. M., in beherrschender, aussichtsreicher Lage auf einem östlichen Vorberge des Römischen Apennin, zwischen dem Metauro und Foglia, an der Bahn U.-Fabriano, hat steile, winklige Straßen, einen Dom (mit Gemälden von Federigo Baroccio, Piero della Francesca und Timoteo della Vite) und mehrere andre Kirchen, darunter San Domenico (mit Terrakottarelief von Luca della Robbia, 1449), San Sebastiano (mit Altarbild von Giov. Santi), das Oratorium der Bruderschaft San Giovanni Battista (mit Fresken der Brüder San Severino, 1416) und 1 km östlich von der Stadt die schöne Renaissancekirche San Bernardino. Ein herrliches Bauwerk der Frührenaissance ist der Palazzo Ducale, 1460–82 von Luciano da Laurana aus Dalmatien erbaut, mit einem Hallenhof des Baccio Pontelli von 1480, im Innern mit Arabesken, Reliefs, Skulpturen und Intarsien, namentlich reizenden marmornen Türrahmen und Kaminen reich ausgestattet und eine Gemäldesammlung enthaltend (vgl. Arnold, Der herzogliche Palast von U., Leipz. 1857, mit 50 Tafeln; Budinich, Il palazzo ducale d'U., Rom 1905). U. hat eine freie Universität (seit 1564) mit juristischer Fakultät und Kursen für Pharmazeuten und Hebammen (1903: 163 Hörer), ein Seminar, Lyzeum, Gymnasium, eine Technische Schule, ein Institut der schönen Künste, ein Raffaelmuseum (im Geburtshause Raffaels) mit Kupferstichen bedeutender Werke des Meisters, dem 1897 ein Standbild errichtet ist, und einem Fresko seines Vaters, eine Bibliothek und (1901) 4896 (als Gemeinde 18,307) Einw. Die Industrie ist durch Kalk- und Ziegelbrennereien, Teigwaren- u. Ölfabriken, Seidenspinnereien sowie durch Hausweberei vertreten. U. ist Sitz eines Erzbischofs und eines Gerichtshofs. Es ist der Geburtsort Raffaels (1483) sowie der Künstler Federigo Baroccio und Girolamo Genga. – U. hieß im Altertum Urbinum Hortense und war eine Munizipalstadt in Umbrien. Im 13. Jahrh. kam die Stadt unter die Herrschaft der Grafen von Montefeltro (s. d.), die vom Papst Sixtus IV. 1474 zu Herzogen von U. unter päpstlicher Lehnshoheit ernannt wurden. Beim Tode des letzten aus diesem Geschlecht, Guidobaldo II., folgte 1508 dessen Neffe und Adoptivsohn Francesco Maria della Rovere, Herr von Sinigaglia, der Nepote Papst Julius' II. (vgl. Marcucci, Francesco Maria I della Rovere, Urbino 1904). Leo X. vertrieb diesen und setzte seinen Neffen Lorenzo de' Medici in U. ein; doch gewann Francesco Maria 1522 unter Hadrian VI. seine Herrschaft wieder. Nach dem Erlöschen der Familie Rovere mit Francesco Maria II. zog der Papst 1631 U. als erledigtes Lehen ein, und es teilte seitdem die Geschicke des Kirchenstaates. Vgl. Annibale Card. di San Clemente, Memorie concernenti la città d'U. (Rom 1724); Ugolini, Storia dei conti e duchi di U. (Flor. 1859, 2 Bde.); Celli, Storia della sollevazione di U. 1572–74 (Turin 1892); Calzini, U. ei suoi monumenti (3. Aufl., Urbino 1899); G. Lipparini, Urbino (in der Sammlung »Italia artistica«, Bergamo 1903). – U., eigentlich das nahe Fermignano, war seit etwa 1475 der Sitz einer umfangreichen Majolikafabrikation, aus der die meisten noch erhaltenen italienischen Majoliken hervorgegangen sind, und die etwa bis 1620 in Blüte stand. Die Majoliken von U., meist Schaugeräte, zeigen farbige Arabesken auf weißem Grund im Stil der Grotesken Raffaels oder biblische, mythologische und andre Darstellungen, die ebenfalls zumeist von [956] Raffael und seiner Schule beeinflußt sind oder auch Kompositionen Raffaels wiedergeben (s. Tafel »Keramik I«, Fig. 8). Hauptmeister: Nicola da Urbino, Fr. Xanto Avelli und die Mitglieder der Familie Fontana, deren bedeutendstes Orazio war.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 19. Leipzig 1909, S. 956-957.
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