Kritik

[828] Kritik (v. gr.), Beurtheilung nach festen u. bestimmten Principien. Nach Verschiedenheit dessen, was beurtheilt werden soll, ist K. auch selbst verschieden. Sie kann eben so gut Gegenstände der äußeren Wahrnehmung, in so fern entweder ein freies Wirken dieselben hervorbrachte od. anordnete, od. Grundsätze der Zweckmäßigkeit dem Urtheil unterlegen, als Vorgänge u. Handlungen betreffen. Vorzugsweise äußert sich daher die K. in Beziehung auf Wissenschaft, Kunst, Geschichte, politische u. sittliche Ereignisse u. Thätigkeiten. So bezeichnete Kant (s.d.) die ganze Aufgabe der Philosophie als eine kritische, indem es in ihr wesentlich darauf ankomme, die Quellen u. Grenzen der menschlichen Erkenntniß zu prüfen u. zu bestimmen. In ähnlicher Weise hat es die historische K. mit der Prüfung der Glaubwürdigkeit der Nachrichten über geschichtliche Ereignisse zu thun. Die ästhetische od. Kunstkritik prüft den Werth u. Gehalt der verschiedenen Klassen der künstlerischen Productionen. Ein gleich großes Feld ist ihr in der Philologie (Philologische K.) eröffnet. Sie enthält die Regeln, wonach man nicht nur die Echtheit alter klassischer Schriftwerke im Ganzen u. in ihren Theilen prüft, sondern dieselben überhaupt in Absicht auf Form u. Stoff würdigt. Umfassende Sprachkenntniß, behende kritische Spürkraft, gründliche Kenntniß der Archäologie, gute Bekanntschaft mit dem Verfahren der Abschreiber, sicherer Takt u. Entschlossenheit, das Wahre dem Hergebrachten vorzuziehen, sind die Haupteigenschaften eines philologischen Kritikers. Die philologische K. theilt man in niedere u. höhere K. a) Die niedere od. grammatische K. untersucht die Echtheit des Ausdrucks in einem Werke, prüft die abweichenden Lesarten (s. Varianten), um die Glaubwürdigkeit derselben zu bestimmen u. die[828] echte wieder herzustellen. In so fern sie dabei auf die von den ältesten u. besten Handschriften dargebotenen Lesarten zurückgeht u. sich dadurch zu Untersuchungen über das Alter, den Ursprung u. die Abhängigkeit der Handschriften von einander veranlaßt findet, heißt sie diplomatische K.; in so fern sie es blos mit einzelnen Ausdrücken zu thun hat, heißt sie Wortkritik; sofern sie es unternimmt, die richtige Lesart wieder herzustellen, emendirende K. Wenn nach kritischer Vergleichung aller Handschriften eine Stelle doch noch von der grammatischen od. historischen K. als verdorben betrachtet werden muß, so tritt die Conjecturalkritik (s. Conjectur) ein. Hülfsmittel dabei sind: Variantensammlungen (Kritischer Apparat), Commentare u. Scholien, ältere Übersetzungen, Glosso- u. Lexikographen, Citate der Autoren aus anderen Werken etc. Wird aus einem großen Apparat von Hülfsmitteln der Text hergestellt, so entsteht eine Recension; hat man nur wenige Subsidien, od. zieht sie nur bei einzelnen Stellen zu Rathe, eine Recognition des Textes. b) Die höhere K. beschäftigt sich bes. damit, die Echtheit (Authentie) theils ganzer Schriften, theils einzelner Stellen zu untersuchen, wobei äußere u. innere Gründe abzuwägen sind. Die Kritischen Zeichen (Kritische Noten, gr. Semeia), deren sich die alten Kritiker (doch erst nach Augustus) zur Beurtheilung eines Wortes od. einer Stelle bedienten u. welche sie am Rande der Handschriften beifügten, sind Obelos, Keraunion, Asteriskos, Antigraphos, Antisigma, Kryphia, Lemniskos (s.d. a.) u.a. Eigene Schriften über diese Zeichen verfaßten unter den Alten Philoxenos, Aristonikos, Nikanor u. And. Einen zu kritischen Urtheilen über einen wissenschaftlichen od. Kunstgegenstand mit den nöthigen Vorkenntnissen versehenen u. mit einer vorzüglichen Urtheilsgabe begabten Menschen nennt man einen Kritiker. Wenn Einer aber das Kritisiren übertreibt u. es nur theils auf unwesentliche Kleinigkeiten od. blos auf Einzelnheiten beschränkt, dabei nur Tadelsucht, Rechthaberei, Herabwürdigung zeigt, so heißt dies Hyperkritik od. Krittelei, u. ein Solcher heißt Kritikaster u. Krittler. Beurtheilung einer K., ausgegangen von dem Beurtheilten, heißt Antikritik. Vgl. Leclerc, Ars critica, n.A. Leyd. 1778; Heumann, De arte crit., Nürnb. 1747; Morel, Elémens de critique, Par. 1766; Valesius, De critica, Amsterd. 1740; Canter, De rat. emendandi graecos auctores, Antw 1571; Beck, Comment. acad., 4 Abhandl., 1791–98; Grundlinien der Grammatik, Hermeneutik u. Kritik, Landsh. 1808.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 9. Altenburg 1860, S. 828-829.
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