Scharlachfieber

[94] Scharlachfieber (Scharlach, Scarlatina), ein mit Halsbräune verbundener fieberhafter Hautausschlag, tritt als allgemein verbreitete od. Flecke bildende Hautröthe auf u. endet mit Abschälung der Oberhaut in größeren Stücken. Das S. erscheint epidemisch, selten sporadisch, u. verbreitet sich durch Ansteckung namentlich im Stadium der Abschuppung. Nach einigen Tagen fieberhafter Erscheinungen od. nach einem Froste zeigen sich rothe Flecken im Gesichte, verbreiten sich schnell über den Körper von oben nach unten, dazu gesellen sich entzündliche Affectionen des Gaumens u. der Mandeln; die Papillen der Zunge ragen körnig hervor (Erdbeerzunge). Die Röthe des Ausschlags verschwindet unter dem Fingerdrucke, kehrt aber von der Peripherie aus schnell wieder zurück; die Flecke sind unregelmäßig u. verschwimmen oft zu einer allgemeinen Hautröthe, die oft dazwischen gelegene gesunde Haut erzeugt ein marmorirtes Ansehen. Meist fühlen sich die Flecken glatt an (S. laevigata), zuweilen rauh durch Erhebung der Hautpapillen od. durch Theilnahme der Schweißdrüschen mit Knötchen od. Friesel besetzt (Scharlachfriesel, Rother Hund, S. papulosa u. vecicularis, S. miliaria), der Ausschlag verschwindet, nachdem er drei Tage gestanden hat, unter allmäligem Blässerwerden. Später u. oft lange nach dem Aufhören aller Krankheitszufälle erfolgt die Abschuppung (Desquamatio), wobei die Oberhaut in Fetzen, seltener in Kleienform sich ablöst u. eine große Empfindlichkeit der darunter zum Vorschein kommenden jungen Haut gegen atmosphärisch. Einflüsse mit Neigung zu Hautwassersucht zurückbleibt. Bei einzelnen Epidemien kommen Fälle vor, wo es außer Fieber u. Halsentzündung (S. anginosa) zu gar keinem Hautausschlag kommt (S. invisibilis, S. sine exanthemate). Manche Epidemien haben die Neigung den nervösen od. fauligen Charakter anzunehmen (bösartiges S., S. maligna), wobei die Halsentzündung oft zu Brand führt. Die Anlage zu S. scheint im Menschen weniger allgemein verbreitet zu sein als die zu den Pocken. Die Krankheit befällt den Menschen selten zweimal. Scharlachepidemien treten gewöhnlich im Winter u. Frühling auf, oft von Keuchhusten u. Masernepidemien begleitet. Mit Pockenepidemien scheinen sie im Wechselverhältniß zu stehen, so daß, während starke Pockenepidemien herrschen, der Scharlach gelinder od. gefahrloser ist, u. umgekehrt. Das S. kann plötzlichen Tod bedingen, namentlich auf der Höhe der Krankheit u. bei blühendem Ausschlag durch eine den narkotischen od. Kohlengasvergiftungen ähnliche Hirnaffection u. nicht selten auf den serösen Häuten der Lunge, des Herzens, des Gehirns Entzündungen entstehen u. Wasserausscheidungen zu Stande kommen, wobei die Hautröthe abblaßt (daher zurückgetretener Scharlach, S. metastatica genannt), od. es tritt plötzlicher Tod durch Übergang der Halsentzündung in Eiterung, Brand, durch Stimmritzödem ein od. durch innere Blutungen u. andere begleitende od. Nachkrankheiten, deren häufigste allgemeine Hautwassersucht ist, in schlimmeren Fällen mit Wassersucht innerer Höhlen verbunden. Sie erscheint oft erst einige Wochen nach der Abschuppung u. beruht gewöhnlich auf einer Erkrankung der Nieren, welche allerdings häufig wohl durch Erkältung während od. kurz nach der Abschuppung, jedoch nicht immer bedingt zu werden scheint. Andere Nachkrankheiten sind Taubheit, Ohrenausfluß, Rachenübel, Schlingbeschwerden, Lungen- u. Herzkrankheiten, Drüsenverhärtung, chronischer Wasserkopf etc. Zur Verhütung des S-s hat man kleine Gaben der Belladonna od. Einreibung des ganzen Körpers mit Speck empfohlen. Die Behandlung des S-s hat darauf Bedacht zu nehmen, daß der Ausschlag weder gestört, noch übereilt werde, daher reicht man zumeist mit einer diätetischen Behandlung aus. Als specifische Scharlachmittel sind die Ammonpräparate geschätzt. Kalte Begießungen wurden zur Belebung der Haut u. Hervorlockung des Ausschlags empfohlen. Die Nachbehandlung hat es mit der Sorge für die gehörige Abschuppung u. für die sehr erkältbare Haut zu thun. Vgl. Hinterberger, Beobachtungen über den Scharlach, Linz 1833; Kroyher, Behandlung des S-s, Lpz 1834.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 15. Altenburg 1862, S. 94.
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