Delphi [2]

[617] Delphi (griech. Delphoi), kleine, aber wegen ihres berühmten Orakels wichtige Stadt Griechenlands, in Phokis am Parnaß, lag in einer Höhe von 570 m auf einer halbkreisförmigen Berglehne unterhalb zweier steil abstürzender Felswände (Phädriaden und Hyampeia), ringsum von einer großartigen, feierlich-ernsten Natur umgeben und oft von Erdbeben heimgesucht. Am Fuße der Hyampeia entspringt die Kastalische Quelle (s.d.). Der westlich davon liegende oberste Teil der amphitheatralisch aufsteigenden Stadt enthielt innerhalb einer Umfassungsmauer den großen Apollotempel, den eigentlichen Sitz des Orakels, nebst mehreren kleinern Tempeln, Thesauren (Schatzhäusern zur Aufbewahrung der Weihgeschenke. Gesunden wurden neuerdings namentlich Metopen von den Thesauren der Knidier, Siphnier und Athener), zahlreichen Bildsäulen, Denkmälern etc. Auch das Theater, die Lesche der Knidier, eine Art Wandelhalle, geschmückt mit berühmten Wandgemälden des Polygnot (Darstellung aus der Zerstörung Trojas und aus der Unterwelt), ferner die Stoa der Athener, das Buleuterion (Rathaus) u. a. befanden sich hier. Der älteste Name von D., der schon bei Homer vorkommt, war Pytho, weil Apollon dort den Drachen Python erlegt und dadurch den Anbau möglich gemacht hatte. Vor Apollon wurden andre Götter (Gäa, Themis, Poseidon) hier verehrt. Der Apollotempel selbst war, nachdem ein älterer Bau 548 v. Chr. abgebrannt war, durch Spintharos aus Korinth besonders auf Kosten des reichen athenischen Geschlechts der Alkmäoniden prachtvoller als zuvor aufgebaut und 478 vollendet worden. Auch diesen zerstörte ein Erdbeben, worauf in der zweiten Hälfte des 4. Jahrh. ein abermaliger Neubau stattfand. Die Cella des Tempels umschloß außer einer Apollostatue den Omphalos (Erdnabel), einen kegelförmigen Marmorblock, der als der Mittelpunkt der Erde galt; dahinter, im Opisthodom. befand sich die eigentliche Orakelstätte, ein Erdschlund, aus dem ein kalter, angeblich begeisternder Luftzug emporstieg. Über ihm stand ein eherner Dreifuß mit einem Sitz für die Priesterin (Pythia). Die Pythia mußte über 50 Jahre alt, von ehrlicher Herkunft und in ihrem Lebenswandel unbescholten sein; auch trug sie jungfräuliche Kleidung. Übrigens durften nur Männer das Orakel befragen, und jeder mußte vorher beten und opfern. Durch Fasten, einen Trunk aus der Quelle Kassotis (neben dem Theater) und Kauen von Lorbeerblättern vorbereitet, begab sich sodann die Pythia ins Adyton und bestieg nach mancherlei geistaufregenden Vorbereitungen den lorbeergeschmückten Dreifuß. Allmählich brachte sie der aufsteigende Luftzug in Ekstase, und unter krampfhaften Zuckungen stieß sie einzelne Worte aus, die der neben ihr stehende Priester (der Prophetes) auffing und, zu einem Spruch ausgeführt, dem Fragenden verkündete. Die Orakelsprüche waren, wie das in der Natur der Sache lag, meist rätselhaft und verschiedener Auslegung fähig. In älterer Zeit wurden sie in poetischer Form gegeben, später mußte Prosa genügen. Übrigens war die ganze Umgebung der Stadt voll von geweihten Stätten und Erinnerungen und dem Volk ein Heiligtum sowie der Schauplatz hoher Feste (die pythischen Agonen). In zahlloser Menge prangten hier unter dem Schutz des Gottes die Meisterwerke der Kunst, die Kostbarkeiten und frommen Weihgeschenke der Völker, der Städte und der Könige.

Das an Schätzen reiche Heiligtum des Phoibos Apollon in dem felsigen Pytho wird schon in der »Ilias« genannt; sein Einfluß als Orakelstätte läßt sich bis in das 7. und 8. Jahrh. v. Chr. zurückverfolgen. Er wuchs namentlich, als D. der Mittelpunkt einer großen hellenischen Amphiktyonie (s.d.), die besonders nord- und mittelgriechische Staaten umfaßte, wurde, und dehnte sich allmählich so weit aus, daß man in dem delphischen Heiligtum »den gemeinsamen Herd« von Hellas verehrte. Lange Zeit hindurch wirkte es fast bei jedem wichtigen Ereignis, bei jedem Unternehmen von höherer Bedeutung mit; die Wirren des öffentlichen und privaten Lebens, die Anordnungen der Gesetzgeber und die gottesdienstlichen Einrichtungen unterlagen seiner Entscheidung. Religiöse Bräuche und völkerrechtliche Grundsätze wurden durch seinen Spruch eingeführt, Kolonien nicht ohne seine Befragung gegründet. Die Pythia war eine religiös-politische und selbst sittlich-wirksame Macht, von der die größten Dichter, namentlich Pindar, Äschylos und Sophokles, mit hoher Ehrfurcht sprechen, und an die von allen Seiten feierliche Gesandtschaften abgingen, um Rat, Aufklärung und Verhaltungsmaßregeln zu begehren. Sie hat ganz besonders dazu beigetragen, das Gefühl der Zusammengehörigkeit unter den Hellenen zu erhalten, zu verbreiten und zu festigen, auch außerhalb der Grenzen Griechenlands. Sogar fremde Völker und Herrscher (Gyges, Krösos, Tarquinius Superbus) traten mit dem Orakel in Verbindung. Die Oberherrschaft über D. hatte ursprünglich die am Meere gelegene Stadt Krissa gehabt, bis es sich 590, von der Amphiktyonie unterstützt, selbständig machte. In dieser Zeit stand das Orakel auf der Höhe seiner Macht; auch noch in der der Perserkriege übte es den wohltätigsten Einfluß auf das Zusammenhalten der Griechen gegen den Nationalfeind. Mit dem Peloponnesischen Krieg, mit der wachsenden Aufklärung und dem religiösen Indifferentismus begann sein Verfall. Hinneigung zu Sparta und seinen Königen war in D. eine alte Tradition, die in. der Geschichte der Wanderungen ihren Grund hatte; auch hatte die aristokratische Priesterschaft immer Gesinnungsgenossen bevorzugt: jetzt begann sie offen in politischen Wirren der die meisten Vorteile versprechenden Partei zu dienen und die Zerwürfnisse zu fördern, statt zu versöhnen und zu vereinigen. Die Eingriffe der Phoker in die Rechte der Stadt und des Heiligtums, die darauf folgenden Heiligen Kriege mit der Plünderung des Tempels durch die phokischen Feldherren Philomelos, Onomarchos und Phaläkos (355–346) beschleunigten das Sinken Delphis und boten zugleich dem König Philipp von Makedonien eine willkommene Veranlassung, sich in die Amphiktyonie einzudrängen und das Patronat des Orakels an sich zu reißen. Ein neuer Glücksstern schien für D. auszugehen, nachdem 279 wie durch ein Wunder die Macht der Gallier unter Brennus in der unmittelbaren Nähe des Heiligtums (wie 480 die der Perser) zurückgescheucht worden war. Sulla und Nero durften jedoch später ungestraft die damals noch vorhandenen Kunstschätze wegschleppen. Seit Hadrian begann mit der neubelebten Achtung vor Griechenlands Kunst, Religion und Literatur wieder eine bessere Zeit für D., eine zweite und letzte Blüte, deren beredter Zeuge Plutarch ist. Mit dem Untergang des hellenischen Heidentums schließt dann auch die Geschichte Delphis. Von den Kirchenvätern angegriffen, von den Neuplatonikern verteidigt, von Konstantin d. Gr. für sein Konstantinopel geplündert, wurde das Orakel,[617] zuletzt noch von Julianus vor seinem Zug nach Persien befragt, gegen Ende des 4. Jahrh. von Theodosius d. Gr. für erloschen erklärt und geschlossen. An der Stelle des alten D. trat in neuerer Zeit ein ärmliches, von Albanesen bewohntes Dorf, Kastri, das infolge der 1892 von der französischen Regierung begonnenen umfassenden Ausgrabungen beseitigt worden ist. Durch die französischen Ausgrabungen wurde der ganze heilige Bezirk in der Umfassungsmauer mit dem Apollotempel, den oben genannten Schatzhäusern, zahlreichen Weihgeschenken und Bildwerken aus der Zeit vor den Perserkriegen bis zur römischen Zeit und außerhalb der Muter das Theater, die Halle der Knidier u. a. bloßgelegt. Unter den Kunstdenkmälern sind die lebensgroße Bronzefigur eines jugendlichen Wagenlenkers, ein Werk der peloponnesischen Schule aus der Zeit von 500–450 v. Chr., und zwei in Marmor eingegrabene Hymnen an Apollo, mit Text und Notenschrift, besonders bemerkenswert. Zur Aufnahme der Funde wurde ein Museum erbaut (1903 eröffnet), das in sechs Räumen außerdem die Überreste des bildnerischen Schmuckes der beiden Giebelfelder des Apollotempels, des Schatzhauses der Athener (sämtliche Metopen mit den Kämpfen des Herkules und Theseus) und Metopen mit Amazonenkämpfen von einem runden dorischen Tempel enthält. Vgl. Götte, Das delphische Orakel in seinem politisch-religiösen und sittlichen Einfluß auf die Alte Welt (Leipz. 1839); A. Mommsen, Delphika (das. 1878); P. Foucart, Mémoire sur les ruines et l'histoire de Delphes (in den »Missions scientifiques«, Par. 1865); Pomtow, Beiträge zur Topographie von D. (Berl. 1889); die Berichte über die französischen Ausgrabungen im »Bulletin de correspondance hellenique« (seit 1893) und das von der École française d'Athènes herausgegebene Werk. »Fouilles de Delphes, 1892–1901« (unter Leitung von Homolle, Par. 1902).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 4. Leipzig 1906, S. 617-618.
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