Guttapercha

[551] Guttapercha (richtiger Getah-pertcha, »Milchsaft aus Sumatra«, Tabangummi, Gettaniagummi, Gummi plasticum, Percha), aus dem Milchsaft einiger zur Familie der Sapotazeen gehörender Bäume gewonnene Substanz. Palaquium Gutta Hook. (s. Tafel »Kautschukpflanzen I«, Fig. 5), der früher hauptsächlich G. lieferte, ist ausgerottet, und man gewinnt gegenwärtig G. im Judischen Archipel aus P. oblongifolium Burck auf Sumatra, Borneo, Malakka, Riau, P. borneense Burck auf Borneo, P. Treubii Burck auf Banka, doch scheinen die beiden letzten Arten in ihrer Heimat auch ausgerottet zu sein. Auch Payena Leerii Benth. et Hook. auf Malakka, Sumatra, Borneo, Banka und Amboina liefert G., die aber leicht faserig wird und weniger elastisch ist. Man hat zur Gewinnung der G. die Bäume gefällt, Einschnitte in die Rinde gemacht und den austretenden Milchsaft gesammelt. Läßt man den Baum stehen, so kann man mehrere Jahre hindurch aus Einschnitten G. gewinnen (jährlich 1400 g), der Milchsaft fließt aber langsamer und spärlicher aus und deshalb haben die Eingebornen immer wieder Bäume gefällt. In neuerer Zeit hat man in Hinterindien, auf Sumatra und Java Plantagen mit Guttaperchabäumen angelegt. Auch hat man die Blätter und jüngern Zweige der Bäume mit Schwefelkohlenstoff, heißem Toluol, Harzöl oder Petroleumäther extrahiert und das Lösungsmittel verdunstet. Die trocknen Blätter enthalten 9–10 Proz. G. und ein Baum liefert jährlich etwa 1 kg. Die so gewonnene grüne G. scheint aber unter dem Einfluß von Luft und Licht zu leiden. Der aus den Baumstämmen gewonnene Milchsaft erstarrt zu einer schwammigen Masse, diese wird vor der Erhärtung geknetet, in Bänder ausgezogen und dabei von beigemengten Verunreinigungen befreit, dann an der Sonne getrocknet. Die so erhaltene rohe G. (Getah muntah) wird mit Wasser und etwas Zitronensaft oder Kokosöl gekocht, von Verunreinigungen befreit und in Formen gegossen. Sie bildet dann Blöcke von 10–20 kg. Die G. des Handels ist in den besten Sorten fast weiß, sonst rötlich, oft ziemlich dunkel und marmoriert, auf dem Schnitt heller. Sie fühlt sich fettig an, ist geschmacklos, riecht namentlich beim Erwärmen charakteristisch, angenehm, besitzt etwa das spez. Gew. 0,96–0,99, ist undurchsichtig, schneidbar, bei 0–25° lederartig zäh, wenig elastisch und dehnbar. Bei 45° wird ste teigig, bleibt aber zäh, bei 62–65° wird sie weich und so geschmeidig, daß man sie zu sehr dünnen Blättern auswalzen und in Formen pressen kann, deren feinste Details sie auch nach dem Erkalten bewahrt. Bei 100° wird sie klebrig, auch in kochendem Wasser, in dem sie ihre Form verliert und aufquillt. Sie nimmt hierbei 5–6 Proz. Wasser auf, das sie an der Luft sehr langsam wieder abgibt. Bei 150° schmilzt sie unter teilweiser Zersetzung. Bei höherer Temperatur gibt sie ähnliche Produkte wie Kautschuk. G. leitet Wärme und Elektrizität sehr schlecht, und durch Reiben wird sie stark negativ elektrisch. Sie widersteht den meisten Lösungsmitteln. In Wasser ist sie vollkommen unlöslich, Alkohol und Äther lösen sie nur zum Teil, Öl löst nur in der Hitze geringe Mengen. Dagegen löst sich G. leicht in Schwefelkohlenstoff und Chloroform, bei gelindem Erwärmen in Benzin, Terpentinöl, Erdöl und Kautschuköl. Sie widersteht konzentrierten Lösungen von Alkalien, Salzlösungen, verdünnten Säuren und dem Chlor, während sie von konzentrierter Schwefel- und Salpetersäure angegriffen wird.

G. besteht aus 78–82 Proz. Gutta (C10H16)n und drei Oxydationsprodukten dieses Kohlenwasserstoffes, Fluavil C10H16O, Alban C40H64O2 und sehr unbeständigem Guttan, sie enthält auch Gerbstoffe, Salze und zuckerähnliche Stoffe. An Luft und Licht, besonders bei 25–40° und in Form dünner Platten, Bänder oder Fäden, oder wenn sie abwechselnd[551] befeuchtet und getrocknet wird, verändert sich G. schnell, wird brüchig, zerreiblich, harzig, in Alkohol, Äther und Alkalien löslicher und selbst ein guter Leiter der Elektrizität. Diese Oxydation erfolgt nicht im Dunkeln und unter Wasser, namentlich nicht unter Seewasser. Man bewahrt G. am besten auf in Gruben, die mit Wasser gefüllt und vom Licht abgeschlossen sind. Auch im Erdboden hält sie sich sehr gut; unterirdische Telegraphenkabel zeigen sich nach mehr als 25 Jahren unverändert, ebenso Seekabel, die in den Jahren 1850–69 gelegt worden sind. Gegen Schwefel verhält sich G. ähnlich wie Kautschuk.

Zur Verarbeitung wird die G. auf einer Schneidemaschine in seine Späne zerschnitten, die man mit kaltem und warmem Wasser wäscht und von den abgelösten Verunreinigungen durch Absetzen trennt, dann durch Einleiten von Dampf erweicht und durch Kneten zu Blöcken vereinigt. Diese zerreißt man in noch weichem Zustande durch eine schnell rotierende Zahntrommel in seine Teilchen, die durch zuströmendes Wasser fortgespült und ausgewaschen werden. Die erhaltene gleichförmige Masse wird zwischen Walzen mit dicken, stumpfen Zähnen geknetet und ist dann für den Gebrauch fertig. Läßt man sie zwischen glatten Walzen hindurchgehen, so erhält man sie in Form von Platten oder Papier und bei Einschaltung eines Schneideapparats in Form von Bändern. Ebenso werden Röhren gepreßt etc. Wie Kautschuk, kann man G. auch vulkanisieren und ihr dadurch die unangenehme Eigenschaft entziehen, bei 40–60° zu erweichen. Besser als Schwefel, der beim Vulkanisieren des Kautschuks angewendet wird, eignen sich aber für G. die Unterschwefligsäuresalze des Bleies oder Zinks. Man mischt 100 Teile G. mit 15 Teilen des Salzes bei 100° und erwärmt den geformten Gegenstand auf 140°.

G. findet mannigfache Verwendung; man benutzt sie als Surrogat von Leder, Pappe, Papiermaché, Holz, Papier, Metall etc. in allen Fällen, wo es auf Undurchdringlichkeit gegen Wasser, Widerstand gegen Alkohol, Laugen und Säuren ankommt und keine höhere Temperatur mitwirkt. Die in der Wärme erweichte G. gibt beim Einpressen in befeuchtete Formen, Holzschnitte etc. sehr scharfe Abdrücke derselben, und man benutzt sie deshalb in der Galvanoplastik zur Darstellung der Formen. Einige der wichtigsten Verwendungen der G. sind außerdem. Treibriemen, Röhren für Wasserleitungen, Pumpen und Spritzen, allerlei Gefäße, Liderungen, Sohlen, Bougies, Katheter, Ornamente, Rahmen, Messerhefte, Säbelgriffe, Peitschen, Knöpfe, Dosen, Hähne, Heber, Trichter, Überzüge für Walzen zum Pressen und Appretieren etc. Namentlich überzieht man mit G. Telegraphendrähte zu unterirdischen und unterseeischen Leitungen. Ein Gemenge von 1 Teil G. mit 2 Teilen Kautschuk steht in bezug auf seine Eigenschaften in der Mitte zwischen beiden Substanzen und läßt sich wie G. vulkanisieren. Zur Darstellung von reiner, farbloser G. löst man 1 Teil in 20 Teilen Benzin. klärt die Lösung durch Zusatz von gebranntem Gips oder Tonpulver, zieht die klare Lösung ab und fällt durch Zusatz des doppelten Volumens Alkohol die reine G., die man mit Alkohol wäscht, in heißem Wasser zusammenknetet und zu dünnen Stangen ausrollt, die unter Wasser aufbewahrt werden müssen Sie dient meist nur als Zahnkitt, indem man sie in heißem Wasser erweicht und in die ausgetrocknete Zahnhöhlung drückt. Eine Losung in 12–14 Teilen Chloroform diente früher unter dem Namen Traumaticin als elastisches Kollodium, haftet aber der Haut wenig fest an und zerfällt leicht. Durch Walzen hergestelltes Guttaperchapapier wird zu Verbanden benutzt. Guttaperchaabfälle können leicht wieder zusammengeknetet werden; durch Einwirkung der Luft brüchig und harzartig gewordene G. läßt sich zwar auch wieder zu einer homogenen Masse verarbeiten, erhält aber die Eigenschaften frischer G. nicht wieder. Man kann die G. mit Leinöl in jedem Verhältnis zusammenschmelzen und erhält dadurch Mischungen von verschiedener Konsistenz; 1 Teil G. gibt mit 10 Teilen Leinöl eine gleichförmige Auflösung, die sich zum Überziehen von Geweben u. dgl., also zum Wasserdichtmachen, eignet. Weißer Kattun wird durch diese Flüssigkeit gelblich durchscheinend, bleibt sehr weich und läßt sich leicht mit Farben bedrucken. Firnisse aus G. zum Überziehen von Guttaperchafabrikaten oder zum Wasserdichtmachen von Geweben bereitet Fry mit Terpentinöl oder Steinkohlenteeröl, die er aber zunächst mit Kautschuk oder G. (auf 5 kg Öl 180–240 g) destilliert. Guttaperchafirnis kann benutzt werden zum Überziehen von Dokumenten u. dgl., indem das Papier dadurch nicht verändert wird, der Firnisüberzug durchsichtig ist und mithin auch die feinste Schrift deutlich erkennbar bleibt. Das Dokument wird durch den Firnis gegen Wasser, Säuren, Alkalien vollkommen unempfindlich, und die Schrift kann nicht verlöscht werden. Man hat sich vielfach bemüht, Surrogate für G. herzustellen, die wichtigsten dürften die Nigrite sein, die aus Kautschuk mit den Rückständen der Ozokeritdestillation durch Zusammenkneten gewonnen werden. Sie besitzen größere Isolationsfähigkeit und bemerkenswert geringe elektrische Leitungsfähigkeit. Vgl. auch Gutta-Gentzsch.

Im Handel unterscheidet man nach Obach vier Hauptgruppen von G.: 1) Echte Sorten, d. h. G. von Palaquium-Arten, insbes. von P. oblongifolium, und zwar Pahang von der Malaiischen Halbinsel, Bulongan rot von Borneo und Banjer rot von Borneo. 2) Soondie von Payena, und zwar Bagan goolie von Borneo, Goolie soondie rot oder Kotariugin goolie soondie von Borneo und Serapong goolie soondie von Sumatra. 3) Weiße G. von unbekannten Baumarten auf Borneo, vielleicht unter anderm von Palaquium polyanthum oder pustulatum und Payena-Arten. 4) Gemischte Sorten von Borneo (Sarawak), Sumatra (Padang) und Banka. Der Hauptstapelplatz aller rohen Guttaperchasorten ist Singapur. Zwei Drittel von dessen Ausfuhr, die von 1885–96: 32 Mill. kg im Werte von 100 Mill. Mk. betrug, gehen nach London und Liverpool, den Rest nehmen die Märkte von Hamburg, Rotterdam und Marseille auf. Von der englischen bleiben etwa drei Viertel in England. G. wurde in ihrer Heimat von den Eingebornen zu Axtstielen etc. benutzt. In Singapur lernten sie Montgomery und Joze d'Almeida kennen; ersterer legte sie 1842 der Indischen Kompanie, letzterer 1843 der Asiatischen Gesellschaft in London vor. Die ausgezeichneten Eigenschaften der G. riefen sehr schnell eine bedeutende Nachfrage hervor, und schon 1845 wurden 224 Ztr. in England eingeführt. 1882 betrug die Einfuhr in England 72,044 Ztr. Die so schnell hervorgerufene Nachfrage hatte zur Folge, daß die Gewinnung der G. in der rücksichtslosesten Weise betrieben wurde; man hieb die Bäume nieder und verwüstete in den ersten Jahren große Wälder. Erst durch die englische G.-Handelsgesellschaft wurde ein rationeller Betrieb eingeführt. Vgl. Clouth, Die Kautschukindustrie[552] (Wien 1878) und Gummi, G. und Balata, ihr Ursprung, Vorkommen etc. (Leipz. 1899); Heinzerling, Fabrikation der Kautschuk- und Guttaperchawaren (Braunschw. 1883); Hoffer, Kautschuk und G. (2. Aufl., Wien 1892); Oesterle, Pharmakognostische Studien über G. (Bern 1893); Seeligmann, Le Caoutchouc et la G. (mit Lamy-Torillhon und Falconnet, Par. 1895); Obach, Die G. (Dresd. 1899); Brannt, India rubber, G., Balata (Lond. 1900).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 8. Leipzig 1907, S. 551-553.
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