Plotīnos

[44] Plotīnos, der bedeutendste Neuplatoniker, geb. 205 n. Chr. zu Lykopolis in Ägypten, gest. 270 auf dem Lande bei Minturnä in Kampanien, hörte die Vorträge des Ammonios Sakkas (s. Ammonios 1), schloß sich der Expedition des Kaisers Gordianus gegen Persien an. um in Persien und Indien aus den Urquellen der Weisheit zu schöpfen, kehrte nach Ermordung des Kaisers nach Antiochia zurück und ging 244 als Lehrer der Philosophie nach Rom. Die hervorragendsten unter seinen Schülern waren hier Amelios, Eustochios und Porphyrios von Tyros. Seine asketische Lebensführung brachte ihn in den Geruch eines Wundertäters und Götterfreundes. Noch in seinem 60. Jahr ging er damit um, einen Platonischen Musterstaat zu gründen, und schon hatte er sich dazu eine wüst liegende Stadt in Kampanien, die den Namen Platonopolis erhalten sollte, ausersehen, als die Ausführung des vom Kaiser Gallienus gebilligten Planes durch Höflinge hintertrieben wurde. Sein Schüler Porphyrios hat seine Werke gesammelt und in sechs Hauptabschnitte geordnet, deren jeder wieder neun Bücher enthält (daher der Name »Enneaden«). Herausgegeben wurden sie von Creuzer (Oxf. 1835, 3 Bde.), Dübner (Par. 1855), Kirchhoff (Leipz. 1856, 2 Bde.), H. F. Müller (Berl. 1878–80, 2 Bde.), welch letzterer gleichzeitig eine Übersetzung lieferte, und von Volkmann (Leipz. 1883–84); in Auswahl wurden sie übersetzt von O. Kiefer (Jena 1905). Die Lehre des P. ist eine Fortbildung der Ideenlehre Platons unter Aufnahme des orientalischen Emanatismus. Zugleich aber verwendet P. auch andre Elemente der griechischen Philosophie, namentlich stoische und aristotelische, ohne doch ein Eklektiker zu sein. Das Verhältnis der Welt zu ihrem Urgrund wurde von ihm als eine ewige Ausströmung des Abhängigen aus dem Selbständigen aufgefaßt. Wie die Ontologie ein beständiges Hervorgehen des Niedern aus dem Höhern, des Geistes (Nus) aus der Einheit oder dem Guten, der Seele (Psyche) aus dem Geist und die Materie aus der Seele, so stellt die Erkenntnis- und Tugendlehre umgekehrt ein beständiges Sicherheben vom Niedern zum Höhern dar. Dasselbe erfolgt theoretisch von der Stufe der sinnlichen durch die der mathematischen und dialektischen hindurch zu der höchsten, der reinen, d. h. einer sinnenfreien, Erkenntnis, die auf unmittelbarem Einssein menschlichen und göttlichen Wissens, praktisch von der Stufe der sinnlichen Befangenheit durch die der asketischen Tugenden hindurch zu der höchsten, des reinen, d. h. von allen Antrieben der Sinnlichkeit freien, Handelns, das auf unmittelbarem Einssein des menschlichen und göttlichen Willens beruht, und endet dort wie hier in dem (wenigstens temporären) ungeschiedenen Zusammenfallen des Menschen mit Gott in ekstatischer Verzückung. P. selbst hat nach der Versicherung des Porphyrios diesen Zustand viermal in den sechs Jahren, die Porphyrios bei ihm war, erreicht. Hiermit verknüpfen sich manche phantastische Vorstellungen, so die Annahme einer Seelenwanderung, Götter- und Dämonenlehre, auch der Mantik und Astrologie. P.' Philosophie war der letzte bedeutende Versuch des griechischen Geistes, das Rätsel der Welt zu lösen, und hat, abgesehen von ihrem bedeutenden spekulativen Gehalt, insofern Bedeutung, als sie, statt sich auf Erfahrung und Vernunft zu gründen, sich auf das Übernatürliche einer intellektualen Anschauung und Mystik stützte, wovon die Folgen in der Philosophie des Christentums und in der Theosophie des neuen deutschen Idealismus sich deutlich fühlbar gemacht haben. Vgl. Art. »Neuplatonismus«; ferner Kirchner, Die Philosophie des Plotin (Halle 1854); Brenning, Die Lehre vom Schönen bei Plotin (Götting. 1864); A. Richter, Neuplatonische Studien (Halle 1864–67, 5 Hefte); H. v. Kleist, Plotinische Studien (Heidelb. 1883); Horst, Plotins Ästhetik (1. Teil, Gotha 1905).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 16. Leipzig 1908, S. 44.
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