Bleichen

[874] Bleichen, 1) Gespinnste u. Gewebe aus Baumwolle, Flachs, Hanf, Wolle u. Seide, sowie auch andere Pflanzen u. Thiersubstanzen des ihnen[874] gewöhnlich anhängenden Farbestofff entledigen u. in vollkommen weißen Zustand herstellen. Es gibt hauptsächlich drei Bleichmittel, nämlich ein natürliches, Luft u. Licht, u. zwei chemische, Chlor u. schwefelige Säure, u. so gibt es unter den Hauptarten von B. (Bleichanstalten, Bleichmitteln): A) Luft- u. Sonnenbleiche (Rasenbleiche, natürliche Bleiche), die älteste auch vortheilhafteste, aber Zeit u. Mühe erfordernde, doch im Kleinen immer anwendbarste. Das Luft-B. geschieht meist auf dem Bleichplatze, einem der Luft u. Sonne ausgesetzten, mit Rasen besetzten Platze an fließendem Wasser; derselbe ist mit Kanälen durchschnitten, in welche Wasser geleitet od. durch Schöpfmaschinen gehoben wird. Dabei befindet sich meist ein Bleichhaus, ein Haus zur Wohnung des Bleichers, welches ein Zimmer zum Aufbewahren der Bleichgeräthschaften, einen Kessel zum Sieden des zum Bleichen der Leinwand nöthigen Wassers u. eine Vorrichtung zum Herbeischaffen desselben enthält. Die Wirkung der Luft beim B. besteht ohne Zweifel in einer Oxydation, wobei das Sonnenlicht eine Erhöhung der Verwandtschaft zwischen dem durch den Lebensproceß der Pflanzen entwickelten Sauerstoff u. den oxydirbaren Bestandtheilen des Farbestoffes, Kohlenstoff u. Wasserstoff bedingt. Auch das Wasser befördert den Bleichproceß, indem es Sauerstoff aus der Luft absorbirt. Die ausgespannte, durch hölzerne Bleichnägel auf einem Rasenplatz angepflöckte Leinwand wird nach dem Trocknen immer von Neuem wieder mit weichem, fließendem od. Regenwasser feucht erhalten u. vom Schlichte u. anderem Schmutze befreit (entschlichtet), auch nach einiger Zeit umgewendet. Garn wird zu gleicher Behandlung auf dem Bleichplan auf Stäben aufgehängt u. durch solche straff erhalten. Je milder das Wasser ist, desto schöner weiß wird das Zeug; auch durch Thau u. Schnee bleichen die Zeuge. Um eine blendende Weiße zu erhalten, wird nach beendigter Luftbleiche od. während derselben der Stoff noch gebleicht, d.h. in eine Ätzlauge (Bücklange) aus Pottasche od. Soda mit der nöthigen Menge Kalk in den Äschern, welche zur Hälfte siedend heiß ist, in die hölzernen, unten mit einer Öffnung versehenen Bleichfässer gelassen; in diesen bleiben die Zeuge 2–3 Stunden liegen, worauf man die andere Hälfte ebenfalls heiß aufgießt u. hiermit, indem die erste von Neuem siedend heiß gemacht wird, so lange fortfährt, bis die Lauge trüb u. braun wird. Baumwollene Zeuge werden etwa dreimal, leinene zehn- u. mehrmals gebleicht. Zwischen durch, bes. das 1. Mal, werden sie in fließendem Wasser ausgewaschen u. durch Klopfen von dem, durch das B. aufgeweichten Farbestoff gereinigt. In Holland (Haarlener Bleiche) weicht man die Leinwand nach dem Benchen in saure Milch; aber auch andere schwache Säuren, namentlichverdünnte Schwefelsäure, sind von gleichem Vortheil. Für die Luftbleiche eignen sich auch andere Pflanzen- u. Thierstoffe, wie Papier (s.u. Papierfabrication), Stroh, Knochen (s.u. Beinarbeiten), Wachs (s. Wachsbleiche), Talg etc. B) Chemisches B. (Schnellbleiche), durch Anwendung von chemischen Stoffen außer der atmosphärischen Luft u. Laugen auf die zu bleichenden Gegenstände, wo das B. schneller u. bequemer erfolgt. Es zerfällt in: a) Chlorbleiche, welche sich durch Schnelligkeit, Wohlfeilheit u. Vollkommenheit der Leistung auszeichnet. Man wendet das Chlor an aa) in flüssiger Form, als wässerige Auflösungen von Chlorverbindungen, indem die Zeuge darin gewaschen od. damit befeuchtet werden. Solche Bleichflüssigkeiten, die zum Theil auf der Anwendung von Chlorkalk beruhen, sind: α) Die Tennant-Daltonsche Bleichflüssigkeit; Chlorkalk in 8 Theilen Wasser aufgelöst; sie muß immer frisch bereitet werden, ist jedoch wohlfeil; ein Zusatz von Pottasche macht sie noch wirksamer; β) die Bertholletsche Bleichflüssigkeit, reines Chlorwasser; γ) die Javellische Bleichflüssigkeit (Javellische Lauge), aus einer Lösung von unterchlorigsaurem Kali bestehend; δ) die Wilsonsche Bleichflüssigkeit, Auflösung von unterchlorigsaurer Thonerde; ε) die Ramsaysche Bleichflüssigkeit, unterchlorigsaure Magnesia; ζ) die Labarracquesche Bleichflüssigkeit od. Chlornatron, durch Zersetzen von Chlorkalk mit kohlensaurem Natron erhalten, ist unterchlorigsaures Natron; η) die Westrumbsche Bleichflüssigkeit, verdünnte Schwefelsäure; sie wird abwechselnd mit wiederholtem Bleichen in Lauge angewendet; ϑ) die Thenardsche Bleichflüssigkeit (Wasserstoffsuperoxyd), eine Zusammensetzung von Sauer- u. Wasserstoff, der zweimal so viel Sauerstoff enthält als Wasser, u. von demselben sich ziemlich durch Verdunstung unter einer Schwefelsäureglocke befreien läßt. Sie wirkt gut, ist aber für die Anwendung im Großen zu theuer. ι) Sehr verdünntes Chlorkali u. Chlornatron; nur zum B. bunter Waaren (Buntbleiche), wobei auch das Bad von Weizenkleien u. Lerchenschwamm (Agaricus albus) u. die Luftbleiche angewendet wird. Die Stoffe werden hierbei zur Mittagszeit den Sonnenstrahlen entzogen u. mit der bedruckten Seite nach unten gelegt. Das beim Bleichen der Leinwand auf den irischen Musterbleichen bei Belfast angewendete Verfahren zerfällt in folgende Operationen: Reinigung des Leinens von der Weberschlichte (Entschlichtung) durch Waschen unter Waschhämmern u. Einweichung desselben in kaltem Wasser bis zum Eintritt der sauren Gährung; Kochen mit Lauge von Pottasche od. Soda; Auswaschen des gekochten Leinens unter Waschhämmern; trockene Luftbleiche 2–3 Tage; Wiederholung der drei letzten Operationen 6–12 Mal, je nachdem das Leinen seiner od. gröber ist; Sauerbad in Wasser mit 1/3 Proc. Schwefelsäure; abermaliges Auswaschen nach 12–24 Stunden; Einseifen in der Seifmaschine; abermaliges Kochen in Lauge, Waschen u. Auslegen auf dem Bleichplatz; Chlorbad in Javellischer Lauge; nach 12–24 Stunden nochmaliges Auswaschen; zweites Sauerbad (schwächer); Waschen; zweites Einseifen; zweistündiges Erwärmen in Seifenwasser; Waschen; Luftbleiche; Waschen u. endlich Trocknen im Trockenhause. Beim Bleichen der Baumwolle wird die Kochung mit Kalkmilch u. das Bleichen mit ätzender Kalilauge angewandt, außerdem aber auch das Chlor- u. Sauerbad. Das B. der Seide beruht auf der Befreiung der Rohseide von ihrem gummiartigen Überzuge (degummiren) in einem Seifenbade, welches nicht kochend heiß sein darf. Das B. der Wolle, d.h. das Entschweißen derselben geschieht in Seifenwasser od. gefaultem Urin. Das Bad darf nicht viel über 55° R. warm sein, weil sonst die Wollfaser zersetzt würde. Die weiße Wolle wird, ehe[875] sein den Handel kommt, noch geschwefelt, entweder durch Schwefeldämpfe od. ein Bad mit schwefeliger Säure. bb) Chlorgas in Dunstform, welche zuerst von Born angegebene Methode bes. Sieber wieder zur Sprache gebracht hat. Diese Schnell-B. in flüssiger u. fester Form muß jedoch mit großer Vorsicht angewendet werden, da diese Bleichflüssigkeiten, bes. die Bertholetsche u. Westrumbsche, die Pflanzenfasern angreifen, mehrere auch der Gesundbeit der Arbeiter schädlich sind. Dies sucht jedoch eine Untergattung der Dunst-B. cc) Chaptals B. mit Ätzlaugendämpfen zu vermeiden. Ein kupferner, 15–20 Zoll tiefer, oben 4 Fuß breiter u. hier mit einem hölzernen Rahmen versehener Kessel wird eingemauert u. darüber ein 7–8 Fuß hoher, sich oben bis 20 Zoll verringernder Ofen aufgerichtet, u. die zu bleichenden Gegenstände (Baumwolle, Garn od. Zeug) mit einer dünnen Kaliali- od. Natronlauge getränkt über den Rahmen gebreitet; die aus den Zeugen tropfende Lauge, welche, nachdem die Öffnung des Ofens geschlossen ist, 20–30 Minuten lang mäßig durch die darunter angebrachte Feuerstätte erwärmt wird, ist hinreichend, um schön damit zu bleichen. Nachdem alles erkaltet ist, nimmt man die Zeuge heraus u. legt sie 3–4 Tage ins Freie. b) Das Bleichen mit schwefeliger Säure (Schwefeln) findet meist nur bei Stroh- u. Korbmacherarbeiten, bei Schwämmen etc. Statt. Vgl. Kurner, Kunst zu bleichen, Nürnb. 1841; Das Bleichen der Leinwand, 2. A., Braunschw. 1854; Paul, die Kunst des Bleichens, 2. Aufl., Wien 1855; Paul, Natur- u. Rasenbleichen, Olm. 1853; Fontenelle, Handbuch. der Bleichkunst, Quedlinb. 1853._– Schon die Ägyptier u. auch die Inder brauchten, ehe noch die Europäer mit ihnen in Verkehr kamen, das B. u. benutzten gewisse Thonarten, Alkalien u. Seifen hierzu. Im Mittelalter waren die B. in den Niederlanden, bes. Holland, hochberühmt, in Nürnberg bestand schon 1444 eine Bleichanstalt, eine andere wurde 1498 angelegt; gleich vollkommen u. alt waren die schlesischen u. westphälischen (Bielefelder). Allgemein wurden aber die Bleichmittel erst neuerlich angewendet, namentlich in Irland, wo die Bleichen von Belfast sich durch ihre vorzüglichen Resultate auszeichnen. – Scheele entdeckte, daß der Braunstein ein Bleichmittel sei, u. that dar, daß gemeine Salzsäure, dephlogistisirt (überoxydirt), die färbenden Theile vegetabilischer Stoffe zerstöre. Berthollet wandte dies in Frankreich in großen Manufacturen als Schnellbleiche in wenigen Minuten u. zu jeder Jahreszeit an. Watt, Valotte, Pajot de Charmes u. Westrumb vervollkommneten dies Bleichverfahren, machten es wohlfeiler u. die Gesundheit der Arbeiter u. die Zeuge minder angreifend; in England benutzte man auch die Soda aus dem Seesalz zum Bleichen; Carpenter erfand das Papierbleichen, Tennant, Higgens, Turnbuli u. A. vortheilhafte Bleichmittel; v. Born in Wien wendete zuerst gasförmiges Chlor, Chaptal Laugendämpfe an. 2) Das B. der Pflanzen, besonders der Küchengewächse, geschieht, wenn man diesen Gewächsen durch Zusammenbinden der Blätter, durch Bedecken mit Blumentöpfen u. Bretern od. dadurch, daß man sie in den Keller legt, den freien Zutritt der atmosphärischen Luft u. der Sonnenwärme benimmt u. sie folglich unter Umstände versetzt, daß sie eine Mischungsveränderung ihrer Bestandtheile erleiden, wodurch sie zarter u. wohlschmeckender werden. Vgl. Endivien. Das B. der Ähren ist eine Krankheit des Getreides. Die Ähren stehen zwar aufrecht, sind aber weißlich u. scheinen weit eher reif geworden zu sein, als die übrigen, sind aber körnerlos. Die Halme solcher Pflanzen enthalten ein pulverförmiges gelbliches Mark u. die Knoten der Halme im Innern sind durchbohrt. Ursache ist die schwarze Sägewespe, die sich mit ihrem Stachel in die Pflanzen einbohrt u. ihre Eier in dieselben legt.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 2. Altenburg 1857, S. 874-876.
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