Chiromantie

[47] Chiromantie (v. gr.), 1) Weissagung des Charakters, des Lebensganges u. der Schicksale aus der Hand, u. zwar aus den, bei verschiedenen Menschen verschiedenen Hautfalten od. Hautvertiefungen der hohlen Hand. Ein solcher Weissager heißt Chiromant. Der Aberglaube unterscheidet zuvörderst I. die in der Handhöhlung wahrnehmbaren Linien od. länglichen Hautvertiefungen, u. diese theilt man wieder in A) die 5 Hauptlinien: a) die Lebenslinie (Linea vitalis), sie fängt am äußersten fleischigen Theile der Hand, zwischen dem Daumen u. Zeigefinger, an u. läuft krumm um das Dickfleisch unter dem Daumen herum abwärts gegen die Querlinien, Rascela u. Discriminallinien; sie soll, wenn sie undurchschnitten, rein ausgeprägt ist, bis in jene Querlinien hinein od. noch besser über dieselbe hinaus reicht, u. das Dreieck im oberen Winkel geschlossen ist, auf innere Lebenskraft, Gesundheit u. Sittlichkeit u. deshalb auf langes Leben hindeuten; fehlt sie, od. ist sie unscheinbar, so soll daraus ein schlechtes Herz, schwacher Geist, Unbeständigkeit u. früher Tod erkennbar sein; b) die Natur- od. Hauptlinie (Linea naturalis s. cephalica), sie fängt an unter dem Zeigefinger, od. vom Zwischenraume des Zeige- u. Mittelfingers, zuweilen auch erst unter dem Zeigefinger, vereinigt sich gewöhnlich unmittelbar od. durch einen Ast in einem spitzigen Winkel unter jenen beiden Fingern mit der Lebenslinie, od. geht ohne jene Vereinigung fort u. verliert sich in den Mondberg; bei vollkommen gehöriger Länge u. bei guter Vereinigung der Leber- u. Magenlinien mit ihr u. mit der Lebenslinie soll sie einen guten Zustand des Magens, der Leber u. der Lebensgeister anzeigen; Kürze derselben soll dagegen auf einen unbeständigen Charakter schließen lassen; c) die Tisch-, Gedärm- od. gemeine Linie (Lin. mensalis s. inquinalis s. communis), welche, unter dem kleinen Finger an der Seite od. auch auf dem Rücken der Hand anfangend, unter den 3 letzten Fingern quer über die Hand vorläuft u. etwas aufwärts gebogen, unter dem Zwischenraum des Zeige- u. Mittelfingers od. unter ersterem endet; sie zeigt, stark ausgehängt u. rein, eine gute Zeugungskraft, aber wenn sie bis ins 1. Gelenk des Zeigefingers geht, ein mühseliges Leben an; d) die Leber- od. Magenlinie (Lin. hepatica s. stomachica, von unbestimmtem Anfang, läuft entweder von der Lebenslinie, od. vom Venusberg, od. von der Rascela aus u. endigt in der Naturlinie; sie soll mit dem Zustande der Verdauung in Zusammenhang stehn u. wohl beschaffen sein, wenn sie das Dreieck gehörig schließt u. undurchschnitten ist; c) die Rasceta, die erste Querlinie unter der Hohlhand auf dem Handgelenke; deutet, ununterbrochen, auf glücklichen Fortgang in Unternehmungen; B) die 7 Nebenlinien: f) die Martislinie od. Schwester der Lebenslinie (Lin. Martis s. Soror vitalis), läuft parallel mit der Lebenslinie zwischen dieser u. dem Ballen auf dem Daumen; sie soll lang, deutlich u. unzerrissen, bes. bei reinem u. wohlgeschlossenem Dreieck, andeuten, daß ein Mensch Reichthum u. Glück, bes. als Soldat, erlangen werde; g) die Sonnen- od. Ehrenlinie (Lin. Solis s. honoris), von der Grenzlinie des 4. Fingers aus bis zur Tischlinie reichend, od. auch dieselbe durchschneidend, bis zur Naturlinie, od. auch durch beide bis zur Lebenslinie, od. auch bis zur Marshöhle fortgehend; sie deutet auf Verstand u., wenn sie lang ist, auf Ehrenstellen; h) der Venusgürtel (Cingulum Veneris), fängt zwischen dem Zeige- u. Mittelfinger an, geht zwischen der Tischlinie u. dem Mittel- u. 4. Finger in einem Halbkreis bis zu dem Zwischenraum des letztern u. des kleinen Fingers, kommt bisweilen doppelt u. mehrfach, aber auch stückweis u. sehr kurz vor. Aus ihrer Beschaffenheit wird auf relative Neigung u. Fähigkeit zu Geschlechtsvereinigung geschlossen u. sie deutet, rein u. durchschnitten, auf Glück in der Liebe; i) die Saturn- od. Glückslinie (Lin. saturnina), geht nach dem Mittelfinger zu entweder unter dem Daumballen in der Rascela, jenen u. die Lebenslinie durchschneidend; od. läuft außerhalb des Daumenballens in der Rascela, od. nur in der Nähe der Rascela od. in dem Mondberge aus; sie endigt entweder schon in der Natur- od. in der Tischlinie od. unterhalb des Mittelfingers. Wenn sie unzerrissen u. nicht geschlängelt, in der Marshöhle stehen bleibend u. sich vor der Naturlinie endigt, soll sie Glück u. Reichthum anzeigen; wenn sie aber diese Grenze überschreitet u. doppelt od. dreifach da ist, Mühseligkeit u. Gefahren; k) die Heiraths- od. Ehestandslinien (Lineae matrimoniales). kleine Linien, die unter dem kleinen Finger mit der Tischlinie parallel laufen u. auf Glück im Heirathen deuten sollen; l) die Milchstraße (Via lactea), eine Schwester- od. Seitenlinie der Lebenslinie, fängt unter derselben, am Mondberge u. bei der Rascela an u. geht gegen den Mondberg zu od. fängt im Venusberg an u. geht bei der Rascela in u. durch den Mondberg hin; sie soll, wenn sie lang u. ununterbrochen ist, Geschick zu Studien u. Künsten, auch Glück in der Fremde u. der Liebe andeuten; m) die Discriminal- od. Entscheidungslinien (Lineae discriminales), bilden die Grenze der Hand gegen den Arm; die erste ist die Rascela, sie werden in der Rechten von der linken gegen die rechte Seite, in der Linken von der rechten gegen die linke Seite gemessen. II. Die Räume sind Stellen in der Hohlhand, zwischen den angeführten Linien: A) der Tisch (Mensa), zwischen der Natur- u. Tischlinie, deutet auf Reichthum u. Freigebigkeit; B) die Martishöhle od. das Dreieck (Cavea Martis), ein dreieckiger Raum zwischen der Lebens-, Natur- u. Leberlinie; die beiden ersten Linien bilden die Schenkelseiten desselben die Leberlinie aber ist[47] die Basis; ein doppeltes Dreieck wird dieser Raum, wenn die Natur- od. die Tischlinie zum Mittelfinger steigt; die Martishöhle deutet, wohlgeschlossen, auf Glück im Vaterlande u. läßt auf natürlichen Verstand, Bescheidenheit u. stilles Wesen schließen; C) die 5 Berge der Finger (Montes), die fleischigen Theile unter den ersten scheinbaren Gelenken der Finger: a) der Venusberg (Mons Veneris), unter dem Daumen, nach innen von der Lebenslinie, unten von der Rascela begrenzt; b) der Jupiter- od. Jovisberg (Mons Jovis), unter dem Zeigefinger abwärts, bis an die Lebens- u. Naturlinie; c) der Saturnberg (Mons Saturni), unter dem Mittelfinger; d) der Sonnenberg (M. Solis), unter dem Ringfinger; e) der Mercurberg (M. Mercurii), unter dem kleinen Finger, die 3 letzten bis zur Tischlinie herab. Nach diesen Namen sind auch die bezüglichen Finger benannt. D) Der Mondberg (M. Lunae), der dem Venusberge entgegengesetzte, erhabene, fleischige Theil der innern Hand unter dem kleinen Finger, zwischen der Rascela u. der Tischlinie. Alle diese Berge zeigen die bezügliche planetarische Natur an, also der Venusberg die venerische, der Jupiterberg die joviale, der Saturnberg die saturninische, der Sonnenberg die solarische, der Mercurberg die mercurialische, der Mondberg die lunarische Natur u. sind nach dem Vorherrschen dieser planetarischen Eigenschaften zu deuten. Eine besondere Kunst der Ch. ist die Ausmessung der Linien u. Räume, wobei bes. auf deren Anfang u. Ende zu merken ist, sie geschieht mit dem Zirkel nach verschiedenen Rücksichten für die verschiedenen Räume u. Linien. Diese Dimensionen bedeuten die Zeit des Lebens, die Dauer eines Zustandes od. Ereignisses od. des Eintretens desselben. Bei der Lebens- od. Sonnenlinie ist möglichst große Länge gut, nicht so bei den andern, z.B. der Saturn- u. der Tischlinie. Tiefe u. breite Linien zeigen standhaften u. ernsten Charakter u. deuten auf Gewißheit einer verkündigten Sache; seichte u. flache Linien zeigen wankelmüthigen u. unbeständigen Charakter; breite Linien zeigen Freigebigkeit, Verschwendung, Unbestand, schmale u. tiefe Linien Geiz u. Engherzigkeit an; durchschnittene Linien deuten auf Gefahr, die um so größer ist, wenn die durchschneidende breiter ist, als die durchschnittene. Zur allgemeinen Bestimmung des Glücks od. Unglücks einer Person untersucht der Chiromant zuförderst die Hand im Allgemeinen, u. es gilt als eine glückliche Hand diejenige, in welcher alle Linien u. bes. die Hauptlinien vorhanden u. zwar auch am rechten Orte, u. die Berge genau unter ihren bezüglichen Fingern, wo die Hauptlinien unzerrissen u. unzerschnitten, u. das Dreieck nicht durch verworrene Linien gestört ist, bes. muß der Venusgürtel vorhanden sein, alle Hauptlinien u. die Glückslinie gehörig u. der Tisch in beiden Händen gleich groß sein. Die Tischlinie darf nicht in das erste Gelenk des Zeigefingers gehen; das Gegentheil zeigt eine unglückliche Hand an. Die Chiromanten beachten auch die Nägel an den Fingern, welche die Name der unter C) a)–e) angeführten Berge haben; sie theilen dieselben in 3 gleiche Theile u. rechnen auf jede einen Monat; von jenen Theilen zeigt der unterste die Zukunft, der mittle die Gegenwart u. der oberste die vergangene Zeit von 4 Wochen an. Weiße Punkte in den Nägeln bedeuten Glück u. Gesundheit; bleiche, gelbe, schwarze, rothe Punkte, Streifen, Gruben etc. Gefahr, Unglück, Krankheit. Endlich achten einige Chiromantenauch auf kleine Figuren, die außer den Räumen noch von den Linien gebildet werden, unter ihnen z.B. die Buchstaben A-H, die sich zuweilen in den Bergen finden u. als göttliche (heilige) Buchstaben mit besonderen Andeutungen unterschieden werden. – Man leitet die Kunst der Ch. von den Chaldäern ab, wo sie schon zur Zeit des Propheten Daniel geübt worden sein soll. Von ihnen soll sie zu den Ägyptiern u. durch diese zu den Zigeunern, welche sie professionsmäßig betrieben, gekommen sein. Auch die Griechen haben sie von den Ägyptiern gelernt; Aristoteles kannte schon die sogenannte Lebenslinie u. verwirft nicht, daß ihre Länge der muthmaßlichen Lebenslänge entspreche. In dem Traumbuche des Artemidoros, im 2. Jahrh., findet sich zuerst eine zusammenhängende Lehre über die Deutung der Lineamente der Hand. Später verbreitete die Ch. sich mit der Astrologie; Cardan u. Theophrastus Paracelsus förderten den Glauben an sie, u. der Letztere dehnte den Begriff der Ch. ungebührlich aus, indem er darunter verstand 2) die Kunst aus den äußeren Signaturen u. Lineamenten an Menschen, Thieren, Pflanzen, Mineralien etc. ihre innere Qualität zu erkennen, u. hielt ihre Kenntniß für jedem Arzte nöthig. Vgl. außer Artemidoros, Cocles, Chiromantia etc., Bonn 1517, Fol.; Dessen Chyromantiae anaphr., ebd. 1523, Fol. u. ö. (französisch, Par. 1560, Rouen 1598); Dessen Chiromantiae compendium, Strasb. 1534; Joh. ab Indagine, Introductiones apotelesmaticae in chirom. etc., Frankf. 1522 u. ö., deutsch: Kunst der Chyrom., Strasb. 1523, Fol.; R. Goclenius, Chirom., Frankf. 1621; Ant. Piccioli, De manus inspectione, Bergamo 1578; De la Chambre, Sur la chiromance, Par. 1653; Joh. Prätorius, Thesaurus chiromantiae, Jena 1661.–64; Phil. May, La chiromantie médicale, Haag 1665; Höping, Institutiones chiromanticae, Jena 1674; Dessen Chirom. harmonica, ebd. 1677; G. B. della Porta, Della chirofisionomia, Neap. 1677; Nic. Pompeji, Praecepta chiromant., Vened. 1680; Joh. Ingenbert, Chirom., Frankf. a. M. 1698, Fol.; Chiromantie nebst Traumbuch, ebd. 1742; Peuschel, Abhandl. der Physiognomie, Metoposkopie u. Chiromantie, Lpz. 1769.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 4. Altenburg 1858, S. 47-48.
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