Weissagung

[59] Weissagung, 1) eine durch den Erfolg bestätigte Vorherkündigung einer zufälligen zukünftigen Begebenheit. Daher ist nicht das Vorhersagen von Sonnen- u. Mondfinsternissen, Sternconstellationen u. dgl. eine W., weil jene Ereignisse nicht zufällig sind; auch ist das keine W., wenn durch Combination der Ursachen u. ähnlicher Fälle auf ähnliche Erfolge geschlossen wird, dies ist eigentlich Divination, wiewohl die Alten unter dieser die mittelbare auf der Auslegung bestimmter Zeichen beruhende W. verstanden, im Gegensatze zur unmittelbaren durch Orakel u. schicksalskundige Seher (Μάντεις, Vates). Von dem Weissager unterscheidet sich der Wahrsager, welcher nicht allein das Zukünftige, sondern überhaupt alles Verborgene, also auch das bereits Geschehene sagt, was aber nur Niemand bekannt ist. Der Prophet ist eigentlich der, welcher unbekannte göttliche od. Religionslehren u. Wahrheiten verkündigt, wohl auch damit in Verbindung stehende künftige sittliche u. daraus folgende politische Ereignisse voraussagt, s. Propheten. Der den Menschen eigene Wunsch in die Zukunft zu blicken hat unter allen Völkern u. in allen Zeiten zu den Glauben an Wahrsage- u. Weissagekunst Veranlassung gegeben, u. bei dem allgemeinen Bewußtsein nicht selbst den Schleier der Zukunft lüften zu können, wurde diese Kraft einzelnen Menschen zugeschrieben, welche man für Bevorzugte, Vertraute u. Lieblinge der Gottheit hielt, gewürdigt der Mittheilung göttlicher Rathschlüsse. Daß dem Menschen solche Disposition des Geistes od. göttliche Kraft beiwohne, daran zweifelte man um so weniger, je geringer die Naturkenntnisse u. überhaupt die religiöse, wissenschaftliche u. sittliche Cultur waren; mit dem Wachsthum derselben zieht sich dieser Glaube in immer engere Grenzen zurück, ist aber gleichwohl den niederen Schichten des Volkes u. denen, welche denselben an Kenntnissen gleich stehen, oft schwer zu benehmen, Beispiele dafür bieten noch in der neuesten Zeit das Tischrücken u. das Geisterklopfen (s. b.). Man theilte die Weissagekunst nach den Elementen ein, in od. mit welchen gewisse Ereignisse geschehen, aus denen man dann prophezeihte, u. unterschied die Pyromantie aus Feuer, Aëromantie aus der Luft, Hydromantie aus dem Wasser, Geomantie aus der Erde, Astrologie aus den Sternen. An dem Menschen u. seinen einzelnen Theilen, bes. Händen (Chiromantie) u. Gesicht, ferner in seinen Träumen suchte man Wahrzeichen u. Andeutungen zu W-en (Oneiromantie). Auch befragte man citirte Todte (Nekromantie). Selbst die Thiere dienten dazu, bes. die Vögel, von denen man glaubte, daß sie wegen ihres Flugs in der Luft dem Himmel näher wären u. eher als die Menschen Kunde von den Göttern bekommen könnten (Ornithomantie, s. Augurium). Obgleich bei den Hebräern das Wahrsagen durch das Mosaische Gesetz verboten war u. Moses bes. seine Israeliten vor der Gemeinschaft u. dem Gebrauch der Wahrsager in dem neu zu beziehenden Lande gewarnt u. sie an die Propheten, welche Gott ihnen senden werde, gewiesen hatte, so wendete sich doch selbst der König Saul, welcher erst die Wahrsager u. Zeichendeuter aus dem Reich verbannt hatte, an die Seherin von Endor (s.d.), um von derselben den Ausgang seines Kampfes gegen die Philister zu erfahren. Auch Weissager, bes. aus dem nahen Morgenlande, schlichen sich ein, u. bes. waren die Traumdeuter gesucht, auch aus den Sternen, aus den Eingeweiden der Opferthiere, aus Loosen, aus der Beobachtung gewisser Thiere (bes. der Schlangen) weissagte man. Von den Wahrsagern der Perser, s. Magie. Die Griechen, bei denen Apollo als die Kunst der W. gebende Gott galt, theilten die Weissagekunst (Μαντεία) in eine natürliche od. vielmehr unmittelbare, welche ohne Unterricht, Regeln u. angestellte Versuche dem Weissagenden durch göttliche Eingebung gegeben war, u. zu welcher die Orakel u. Theomantie gehörten, welche letztere von dem Orakel in so fern verschieden war, als die Theomanten nicht an einen gewissen Ort u. eine bestimmte Zeit mit ihren W-en gebunden waren, sondern, wenn sie nur die gewöhnlichen Opfer u. religiöse Reinigung vollbracht hatten, stets u. überall weissagen konnten; u. eine künstliche u. mittelbare, welche durch Unterricht, Erfahrung, Beobachtung,[59] gelernt wurde; dazu gehörte die Traumdeutung, die W-en aus Opfern mit verschiedenen Unterarten (s. Hieromanteia), aus dem Gesang u. Flug der Vögel (Ornithomantie, Orneoskopie), aus Loosen (Kleromantie, s.u. Loos), aus Stellen von Büchern, welche dem Blick des Aufschlagenden zuerst begegneten (s. Stichomantie, Rhapsodomantie). Dazu kamen noch einige Arten von W-en, wobei man aus zufälligen od. von ungefähr sich ereignenden Umständen die Zukunft verkündigte; als an Menschen selbst befindliche u. auf sie wirkende Dinge, in dieser Hinsicht nahm man zu W-en Merkzeichen od. Maale am Körper, plötzlich entstehende innere Unruhe od. Bestürzung, Herzklopfen, Zittern der Augen, Klingen der Ohren, Niesen; dann äußere Erscheinungen, z.B. helle Scheine, Mißgeburten, Begegnisse auf Reisen etc.; auch aus Wörtern, welche eine gute od. schlimme Bedeutung hatten, weissagte man dem, zu welchem sie unwillkürlich gesagt waren. Über die etruskische W. s.u. Etruskische Religion. Die hauptsächlichen W-en bei den Römern waren eigentliche Divination, mittelbare W-en, welche aus himmlischen Zeichen (Blitz) u. dem Flug der Vögel, Fressen der heiligen Hühner, Schau der Eingeweide von Opferthieren (s. Augurium u. Auspicium), überhaupt einer großen Anzahl von der gewöhnlichen Regel abweichender sichtbarer (Ostentum, Prodigi um, Monstrum) od. hörbarer (Omen) Erscheinungen, u. man legte während der ganzen Zeit der Republik sowohl für öffentliche, als für Privatangelegenheiten hierauf hohen Werth. Auch einzelne Gottbegabte, namentlich Weiber, galten ihnen als geschickt in der W., wie die Sibyllen (s.d.). Außer jenen Weissagungsarten wurden noch W-en, bes. für Magistratspersonen, welche aus der Provinz gingen, aus entgegenkommenden Stieren u. Pferden, für alle Fälle auch aus den Dirae (s.u. Augurium), aus den Loosen (s. Loos), in der späteren Zeit aus den Gestirnen, aus Träumen, aus Gemüthskrankheiten u. Verstandesverrückung (s. Ceriti, Larvati, Lymphati) etc. entnommen. Den germanischen Völkern war es vornehmlich eigen die Macht der W. den Weibern beizulegen, u. vor allen sind die Alrunen, Veleda u. andere Weissagerinnen bekannt; bes. gaben die Deutschen viel auf Vorzeichen u. Loose (s.u. Loos); auf Ordalien, wohin die Zweikämpfe gehören, welche man bei Ausbruch eines Krieges mit einem Stammgenossen u. einem Gefangenen der feindlichen Partei anstellte u. nach dem Ausgang dieses Kampfes den Ausgang des Hauptkampfes weissagte. Dazu kamen noch Pferdeorakel (s. Pferd S. 955), die Beobachtung des Geschreies u. Flugs der Vögel, bes. bei Krankheiten, das Weissagen aus Blut u. Eingeweiden der Schlachtopfer, mochten diese Menschen od. Thiere sein; aus dem Wasser, u. zwar aus dem Wirbeln u. Rauschen der Flüsse; aus Träumen. In Skandinavien war die Gabe der Weissage von Anfang bei den Vanen, kam aber durch Freya zu den Asen. Da die Prophezeiungen entweder gut od. böse sein konnten, so hatten sie verschiedenen Ursprung, jene kamen von den Göttern, diese von den Riesen, bei welchen letzteren die Wahrsageweiber Völur hießen, bei jenen Nornen u. Walkyren. Die Skandinavier singen kein wichtiges Geschäft an ohne eine W. erhalten zu haben; u. diese Sitte blieb auch nach der Einführung des Christenthums. Das Christenthum machte auch in Deutschland vergebens Versuche jene W-en zu verdrängen; nicht nur dauerten vielerlei Weissagungskünste aus dem Hedenthum fort, sondern im 15. u. 16. Jahrh. breiteten sich dazu noch manche von den Römern u. Arabern stammende Künste dieser Art aus; an die Stelle der Sortes Sibyllinae u. Virgilianae traten die Sortes sanctorum, zufällig aufgeschlagene Stellen in der Bibel u. andern heiligen Schriften, aus denen man weissagte, eben so verschiedene Formen der Astrologie, Rhabdomantie, Geomantie, Chiromantie etc. Es erschienen sogar schriftliche Anweisungen dazu, z.B. Fausts Höllenzwang, wahrsagerische Kalender unter dem Titel Praktiken, u. ähnliche mehr. Seit der Zeit, in welcher die Zigeuner in den verschiedenen Ländern Europas auftraten, wurden diese vorzugsweise als die Inhaber solcher Künste betrachtet, u. unter den gemeinen Leuten hat sich der Glaube daran noch in ziemlicher Blüthe erhalten. Hierher gehören auch noch die Vorzeichen von Todesfällen durch Ahnungen, das Zweite Gesicht, das sich Doppeltsehen, das Kartenschlagen, das Wahrsagen aus dem Kaffeesatz, das Bleigießen, das Punktiren (s.d. a) etc. Nirgends aber gibt man mehr auf diese Kunst, als bei den noch heidnischen Völkern aller Länder, bei diesen sind die Wahrsager zugleich die Priester. 2) (Vaticinia, Miracula praescientiae), in der Dogmatik Vorhersagung zukünftiger Dinge durch Männer, welche durch besondere göttliche Offenbarung dazu ausgerüstet sind. Die W-en, welche in dem Alten Testament vorkommen, wurden von den Propheten ausgesprochen, die damit zuweilen auch ihre prophetische Sendung bestätigten, u. bezogen sich auf die Erscheinung des Messias, od. waren eine Verkündigung besserer Zeiten, wodurch sie zum Trost u. zur Ermunterung des Volkes in schweren Zeiten dienten (Messianische W-en, s.u. Messias). Außer den Propheten weissagten auch andere Personen im Neuen Testament von Christo, z.B. Simeon u. Johannes der Täufer. Jesus selbst spricht W. en aus über die Verläugnung Petri, über sein eignes Leiden u. Sterben u. seine Auferstehung, über die Schicksale seiner Jünger, über den Heiligen Geist, über den Untergang des Jüdischen Volkes u. über sein Reich. Die meisten dieser W-en sind in Erfüllung gegangen, andere noch nicht. Die W. selbst wird von den Propheten als eine Folge besonderer göttlicher Einwirkung bezeichnet. Die von der ältesten Zeit an bis auf die Gegenwart herauf gehenden Versuche auf psychologischem Wege zu erforschen, wie die göttlichen Offenbarungen in das Subject eintreten u. in wie weit dabei eine gewisse natürliche Disposition des Individuums vorauszusetzen ist, haben zu keinen bestimmten Resultaten geführt. In der Alten Kirche legte man auf die W-en ein bedeutendes Gewicht u. suchte dieselben in möglichst vielen Stellen des Alten Testaments zu finden, hauptsächlich um den judaisirenden Christen die Aufhebung des Alten Bundes durch die Stiftung des Neuen Bundes, als schon in den W-en verkündet, nachzuweisen u. sie für das Evangelium dadurch zu gewinnen, u. um den Gnostikern gegenüber die enge Verbindung des Alten u. Neuen Testamentes zu begründen, welche von denselben verworfen wurde, wobei man allerdings oft zu allegorischen Auslegungen der W-en seine Zuflucht nehmen mußte. Die älteren protestantischen Theologen benutzten die W-en bes. zur Begründung einzelner Dogmen; durch Bengel wurden sie mehr in Verbindung mit der gesammten Offenbarung u. dem Reiche Gottes überhaupt gebracht;[60] die naturalistischen u. rationalistischen Theologen erklärten sich gegen die W-en, während die Supernaturalisten in denselben einen Hauptbeweis für die Göttlichkeit Christi u. der Offenbarung überhaupt fanden. Dagegen näherte sich Hengstenberg in seiner Christologie des Alten Testaments mehr den älteren protestantischen Theologen, indem er die wichtigsten Dogmen aus den alttestamentlichen W-en herleitete, u. Joh. Christ. Konr. Hofmann (W. u. Erfüllung 1841–43, 2 Bde.) verknüpfte sie mit der ganzen Heilsgeschichte.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 19. Altenburg 1865, S. 59-61.
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