Salze [2]

[823] Salze, Verbindungen, welche durch Vereinigung einer Säure mit einer Basis entstehen. Wie man die Säuren als Sauerstoffsäuren u. Wasserstoffsäuren unterscheidet, so nimmt man anch zweierlei S. an, nämlich S., welche durch Vereinigung einer Sauerstoffsäure mit einem Oxyd entstanden sind, also eine sauerstoffhaltige Säure u. eine sauerstoffhaltige Base enthalten, u. S., welche aus Wasserstoffsäuren durch Aufnahme eines Metalls an Stelle des Wasserstoffs od. durch gegenseitige Zersetzung von Wasserstoffsäuren u. Oxyden unter Abscheidung von Wasser gebildet werden, also ein Metall als den einen u. einen (chemisch unzerlegbaren od. zusammengesetzten) salzbildenden Körper als den andern näheren Bestandtheil enthalten. Nach Berzelius kommt der Name Salz jedem Körper zu, dessen Elemente ihre elektrochemischen Eigenschaften vollständig vernichten; er unterscheidet Haloidsalze u. Amphidsalze; erstere entstehen aus der Verbindung eines Halogens mit einem Radical, letztere, wenn eine elektronegative Amphigenverbindung sich mit einer elektropositiven vereinigt; sie bestehen aus einer Vereinigung eines Oxydes, Sulfuretes, Selenietes od. Telluretes mit einer Sauerstoffsäure, einem Sulfid, einem Selenid od. Tellurid; nach dem in den Amphidsalzen enthaltenen Amphigenstoff werden dieselben als Sauerstoff-, Sulfo-, Selen- u. Tellursalze unterschieden. Die Sauerstoffsalze sind entweder neutrale, basische od. saure S. Ein neutrales (normales) Salz ist ein solches, in welchem der Sauerstoff der Base zu dem der Säure sich verhält wie die Zahl der Radicaläquivalente[823] in der Säure zuder Zahl der Sauerstoffäquivalente in derselben; in den basischen Salzen ist die Quantität der Base, in den sauren Salzen ist die Quantität der Säure größer als in den neutralen Salzen. So ist bei den neutralen Salzen der Salpetersäure das Verhältniß des Sauerstoffgehalts der Säure zu dem der Base wie 5: 1, bei denen der Schwefelsäure wie 3: 1, bei denen der Kohlensäure wie 2: 1. Bei den basischen Salzen gilt dies jedoch nur dann, wenn die Säure mit einer einzigen Base verbunden ist; sind mehre Basen vorhanden, so müssen ihre Sauerstoffmengen addirt u. als zu einer einzigen Base gehörig betrachtet werden. Ist z.B. in der neutralen schwefelsauren Thonerde ein Theil der Thonerde ersetzt durch Eisenoxyd, Chromoxyd u. Manganoxyd, so darf doch diese Verbindung kein basisches Salz genannt werden, weil der Sauerstoffgehalt der Säure sich zu dem der Base wie 3: 1 verhält. Die S. sind nun fähig sich unter einander zu verbinden u. Doppelsalze zu bilden; meist enthalten dieselben einerlei Säure, aber verschiedene Basis, wie z.B. im Alaun, welcher aus schwefelsaurer Thonerde u. schwefelsaurem Kali besteht; od. zweierlei Säure u. dieselbe Basis; od. verschiedene Säuren u. verschiedene Basen. Als Doppelsalze können auch solche saure S. betrachtet werden, in welchen die zur Bildung eines neutralen Salzes fehlende Quantität Base durch ein Äquivalent Wasser vertreten ist, z.B. KO, 2SO3, HO, kann als KO, SO3 + HO, SO3 angesehen werden. Mit wenigen Ausnahmen enthalten die sich verbindenden S. immer gleiche Säurebilder, Sauerstoffsalze verbinden sich mit Sauerstoffsalzen; Sulfosalze mit Sulfosalzen etc. In der Constitution eines Doppelsalzes u. der eines einfachen Salzes findet wenig od. keine Ähnlichkeit statt, u. die Annahme, daß das eine der S., welche das Doppelsalz bilden, sich gegen das andere wie eine Säure zu einer Base verhalte, entbehrt durchaus der Begründung. In Bezug auf den oben angeführten Begriff des Neutralsalzes scheint es doch, als ob das von Berzelius aufgestellte Gesetz einige Ausnahmen hätte. Péligot fand nämlich, daß mehre Oxyde der Formel, R2O3, z.B. das Uranoxyd u. Antimonoxyd, S. bilden können, welche sich den Neutralsalzen ähnlich verhalten u. in denen doch nur ein Äquiv. Säure enthalten ist. Diese Oxyde haben also eine ihnen eigenthümliche Sättigungscapacität, welche sich von den anderen Sesquioxyden wesentlich unterscheidet. Obgleich die Haloïdsalze in ihren Eigenschaften große Ähnlichkeit mit den Amphidsalzen haben, so findet dennoch nach der herrschenden Ansicht ein großer Unterschied zwischen Verbindungen oxydirter Basen mit Sauerstoffsäuren u. denen der Salzbilder mit Radicalen statt. Dulong suchte eine Vereinigung der Theorie mit der Natur beider Klassen von Salzen, indem er alle wasserhaltige Säuren als Wasserstoffsäuren betrachtet, den Sauerstoffgehalt des Wassers der Säure zurechnet u. daraus, mit dem Sauerstoff u. dem brennbaren Radical der Säure, einen Salzbilder macht. Schwefelsäurehydrat, SO3, HO (eine sogenannte Sauerstoffsäure) erscheint als eine Wasserstoffsäure, wenn man den Sauerstoff des Wassers zu der Schwefelsäure rechnet u. dadurch ein Radical, SO4, gebildet annimmt. Denkt man sich dieses Radical mit Wasserstoff verbunden, so hat man die Wasserstoffsäure SO4H; bringt man diese Säure mit einem Metalloxyd, z.B. mit Natron, zusammen, so wird derselbe Vorgang stattfinden, als wenn man Chlorwasserstoffsäure mit Natron zusammenbringt; es wird Wasserbildung stattfinden u. zu gleicher Zeit bildet sich eine Verbindung des Radicals SO4 mit dem Metall Natrium, eben so wie sich im zweiten Falle eine Verbindung des Chlors mit dem Natrium bildet. Nach der älteren Ansicht ist also Schwefelsäurehydrat; SO3 + HO (schwefelsaures Wasserstoffoxyd), schwefelsaures Natron, SO3 + NaO; nach der neueren Ansicht Sulfanwasserstoffsäure, SO4 + H, Sulfannatrium, SO4 + Na. Demzufolge existirt die Schwefelsäure SO3 nicht; wenigstens ist diese Verbindung, welche aus einigen Sulfaniden abgeschieden worden ist, dadurch entstanden, daß das Sulfanid (das Sulfat) zur Oxydation des Wasserstoffs od. Metalles einen Theil des Sauerstoffes hergegeben hat; sie ist keine Säure, kann sich nicht mit Basen verbinden u. existirt nicht in dem sogenannten schwefelsauren Salz. Diese Ansicht kann auf alle Hydrate der Sauerstoffsäuren im Allgemeinen angewendet werden u. führt zu übereinstimmenden Formeln für analoge Verbindungen, z.B.:

HO, SO3 = H(SO4), analog mit HCl;

Hg2O, SO3 = Hg2 (SO4), analog mit Hg2 Cl;

FeO, SO3 = Fe(SO4), analog mit FeCl;

Fe2O3, 3SO3 = Fe2(SO4)3, analog mit Fe2Cl3.

Die Klasse der Sauerstoffsalze wird auf diese Weise vernichtet; diese S. werden zu binären Verbindungen wie die Chloride, Sulfide, Cyanide etc. Es ist nicht die Schwefelsäure SO3, sondern das, was früher als deren Verbindung mit Wasser angesehen wurde, die wirkliche Säure, u. dies ist eine Wasserstoffsäure. Die Eigenschaften, welche die Säuren charakterisiren, sind jedenfalls auch nur an den Hydraten der Sauerstoffsäuren wahrnehmbar. So röthet die wasserfreie Schwefelsäure Lakmuspapier nicht, u. sie zeigt mehr eine Neigung sich mit Salzen, z.B. mit Chlorkalium u. mit schwefelsaurem Kali, zu verbinden, als mit Basen. Nach der vorstehenden Ansicht ist es evident, daß die Säure u. das Salz in der That von der nämlichen Constitution sind; die Chlorwasserstoffsäure ist das Chlorür des Wasserstoffs, so wie das Kochsalz das Chlorür des Natriums ist; die Schwefelsäure u. das schwefelsaure Natron sind die Sulsannre des Wasserstoffs u. des Natriums. Die saure Reaction u. der saure Geschmack sind der Wasserstoffverbindung nicht immer eigen u. trennen sie nicht von andern Verbindungen; das Chlorid, das Sulfanid u. das Nitranid des Kupfers sind beinahe eben so sauer u. ätzend, als das Chlorür, Sulfanür u. Nitranür des Wasserstoffs u. gewiß Körper von demselben Charakter u. derselben Zusammensetzung. Ihrer Constitution nach sind sie S. Der Name Säure ist keineswegs für irgend eine Klasse von Körpern nothwendig, u. man könnte denselben daher aufgeben, wenn man nicht die Unbequemlichkeit fühlen würde, keinen gemeinschaftlichen Namen für die Wasserstoffverbindungen zu haben. Die vorstehende Ansicht über die Constitution der S., welche die Wasserstoffsäurentheorie od. Binartheorie der Säuren u. Salze genannt werden kann, hat die großen Vortheile für die Wissenschaft, daß sie aus zwei Klassen nur eine einzige große Klasse von Salzen macht, welche ihren Eigenschaften nach einander ähnlich sind, dieselben aber nun ihrer Constitution nach ähnlich macht; daß sie ein merkwürdiges Gesetz erklärt,[824] welches man bei der Zusammensetzung der S. bemerkt, nämlich das Gesetz, daß sich die Basen immer mit so viel Äquivalenten Säure verbinden, als sie Äquivalente Sauerstoff enthalten; eine Base, welche ein Äquivalent Sauerstoff enthält, bildet ein neutrales Salz mit einem Äquivalent Sauerstoffsäure, während eine Base, welche 2 Äquivalente Sauerstoff enthält, auf 1 Äquivalent Metall, wie z.B. das Zinnoxyd (SnO2), mit 2 Äquivalenten Säure ein neutrales Salz bildet. Ein Oxyd endlich, mit 3 Äquivalenten Sauerstoff, wie die Thonerde (Al2O3), gibt mit 3 Äquivalenten Säure ein neutrales Salz. Diese Ansicht gibt ferner eine einfachere u. naturgemäßere Erklärung von der Wirkung gewisser Säuren im Wasser, eben so von der Zersetzung solcher Auflösungen unter anderen Umständen. Wenn man Zink in Salzsäure bringt, so wird allgemein angenommen, daß das Metall einfach den Wasserstoff verdrängt, welcher dabei frei wird; man gibt zu, daß Chlorzink für Chlorwasserstoff sich bildet. Wenn man Zink in verdünnte Schwefelsäure bringt, so wird auf dieselbe Weise der Wasserstoff verdrängt, u. es bildet sich Sulsanzink für Sulfanwasserstoff. Das Metall scheint zwar bei gewöhnlicher Temperatur nicht im Stande zu sein reines Wasser so zu zerlegen, daß der Wasserstoff deplacirt wird; dieses Factum steht aber mit der vorstehenden Definition nicht in Widerspruch, da das Zink eine größere Verwandtschaft zum Sulfan haben kann, als es zum Sauerstoff hat, u. also wohl im Stande sein kann das Sulfanid, aber nicht das Oxyd des Wasserstoffs zu zersetzen. Endlich erklärt diese Theorie die Zersetzung eines Salzes durch strömende Elektricität auf allein geeignete Weise. Früher nahm man an, daß z.B. schwefelsaures Natron durch die Elektrolyse in Natron u. in Schwefelsäure zerlegt werde; etwas ähnliches nahm man bei der Erklärung der Erscheinung des Ausscheidens von metallischem Kupfer, bei der Zersetzung des schwefelsauren Kupferoxydes in der Galvanoplastik an; jetzt, da man weiß, daß das schwefelsaure Kupferoxyd als Sulfankupfer (SO4 + Cu) betrachtet werden kann, ist eine Theorie der Galvanoplastik leicht aufzustellen; das Sulfankupfer wird durch die Elektrolyse in seine Bestandtheile zerlegt; das Kupfer scheidet sich metallisch aus, während sich das Sulfan mit Zink zu Zinksulfanid, Zn, SO4, verbindet. Der allgemeineren Annahme dieser Anschauungsweise über die rationelle Constitution der S. steht jedoch entgegen, daß sie eine Anzahl Atomgruppen als nähere Bestandtheile anzunehmen genöthigt ist, wie in den schwefelsauren Salzen SO4, in den salpetersauren Salzen NO6, in den kohlensauren Salzen CO3, ohne daß dieselben als wirklich existirend nachzuweisen sind. Nur die in den salpetrigsauren Salzen mit Metall verbundene Atomgruppe NO4, die Untersalpetersäure, ist für sich darstellbar u. verhält sich allerdings den Halogenen ganz analog. Eine weitere Schwierigkeit liegt in dem Umstande, daß von manchen dieser Atomgruppen auch die Wasserstoffverbindung nicht bekannt sind, so (CO3)H, nach der gewöhnlichen Betrachtungsweise Kohlensäurehydrat, u. (CrO4)H, Chromsäurehydrat (CrO3.HO), welches ebenfalls nicht sicher bekannt ist. Wird auch durch die Binartheorie in den meisten Fällen der Zweck erreicht chemisch ähnlichen Körpern analoge Constitution beizulegen, so ist dieser Vortheil doch nicht für alle unter sich ähnlichen Verbindungen durch diese Theorie erreicht. Die Annahme einer sauerstoffhaltigen Säure u. einer sauerstoffhaltigen Base als nähere Bestandtheile der S. schließt solche S. durch eine Reihe von Übergängen an die Verbindungen zweier Oxyde an, in welchen diese als nähere Bestandtheile angenommen werden müssen, z.B.: KO, NO5; KO, AsO5; KO, AsO3; KO, Al2O3; sie gibt ferner einen leichteren Überblick über die Beziehungen vieler basischer u. saurer S. unter sich u. zu den neutralen Salzen, als dies durch die Binartheorie erreicht wird. So haben z.B. das neutrale u. das saure chromsaure Kali, KO, CrO3 u. KO, 2CrO3, nach der Binartheorie die Formeln K(CrO4) u. K(CrO4) + CrO3. Gewährt auch die Binartheorie in vielen Fällen entscheidende Vortheile gegenüber der älteren Lehre von Sauerstoff- u. Haloidsalzen, so hat man doch fast durchgängig wenigstens für die Nomenclatur u. die Art die chemischen Formeln zu schreiben, die letztere beibehalten.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 14. Altenburg 1862, S. 823-825.
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