Pergamént

[582] Pergamént (Pergamēn), eigentümlich zubereitete Tierhaut, die keine Gerbung erhalten hat und sich daher beim Kochen mit Wasser in Leim (Pergamentleim) verwandelt. Die zur Darstellung von P. bestimmten Felle werden eingeweicht, gereinigt, mit Kalk behandelt, enthaart, gewaschen, auf dem Schabebaum bearbeitet, in einem Rahmen faltenlos ausgespannt, nochmals ausgestrichen, dünn geschabt und getrocknet (Trommelpergament aus Kalb-, Paukenpergament aus Eselfellen). Das zum Schreiben bestimmte P. wird auf beiden Seiten abgeschabt, getrocknet und mit magerer Bleiweißölfarbe gestrichen. Derartiges P. fertigt man aus den Häuten junger Kälber, Ziegen, totgeborner Lämmer, auch aus der Aasseite gespaltenen Schafleders. Oft wird das P., nachdem es auf dem Rahmen getrocknet ist, gekreidet, geschabt und mit Bimsstein abgerieben. Das feinste und dünnste P. heißt Jungfernpergament. Schweinefelle liefern besonders P. zu Büchereinbänden (Schweinsleder) und Sieben. (Vgl. Wiener, Die Weißgerberei und Pergamentfabrikation, Wien 1877.) Einen Pergamentersatz für Schreibtafeln erhält man aus Papier, wenn man dasselbe auf beiden Seiten mit Kopallack leicht anstreicht, nach dem Trocknen ebenfalls auf beiden Seiten 2–3 Anstriche mit einer aus Bleiweiß, Bimssteinpulver, etwas Erdfarbe und Leinöl bereiteten Farbe macht und zuletzt mit Bimsstein und Wasser schleift (Ölpergament). Ein andres Ersatzmittel ist Pergamentpapier und ein Fabrikat aus baumwollenem Gewebe, das man mit Papierzeug imprägniert und dann wie bei der Fabrikation des Pergamentpapiers mit starker Schwefelsäure behandelt. Kautschukpergament besteht aus ganz dünnen, vulkanisierten, mit Mineralfarben gefärbten Kautschukblättchen.

P. wurde schon in den ältesten Zeiten in Asien zu Schreibzwecken verwendet. Wesentlich verbessert wurde seine Bearbeitung in Pergamon im 2. Jahrh. v. Chr. (daher der Name charta pergamena), der Sage nach, weil Eumenes II. hier eine Bibliothek anlegen wollte, die eifersüchtigen Ptolemäer aber ihm dies Vorhaben durch ein Ausfuhrverbot für Papyrus unmöglich zu machen suchten. Die enthaarten Felle wurden mit Kalk gebeizt, aber nicht gegerbt, so daß sie steif blieben, und dann auf beiden Seiten durch Glätten zum Schreiben eingerichtet. So entstand im Gegensatz zu den frühern Rollen eine ganz neue Gestalt der Bücher. Für besondere Zwecke färbte man das P., sowohl weiß der bessern Lesbarkeit halber, als besonders purpurn für Luxuszwecke und heilige Schriften (codex argenteus in Upsala), auch schwarz für Gebetbücher; auf die beiden letztern Farben wurde die Schrift in Gold und Silber aufgetragen. Allmählich verdrängte das P. den Papyrus; eine eigne Industrie befaßte sich mit seiner Herstellung (pergaminarii, buchfeller, pirmeter). Der Wert des Pergaments war der Grund, daß im Bedarfsfalle die Schrift durch Abwaschen, Abreiben mit Bimsstein, Abschaben mit dem Messer wieder beseitigt wurde, um Raum für neue Texte zu bieten. Diese zweifach benutzten Pergamente heißen Palimpseste, deren erster Text sich durch Anwendung von Reagenzien zumeist wieder lesbar machen läßt. Später mußte das P. dem Papier weichen, doch wurde es auch nach der Erfindung der Buchdruckerkunst noch vielfach verwendet. Die ältesten Erzeugnisse des Buchdrucks (Donate, Kalender, Bibel, Fust und Schöffers Psalterium 1457) wurden zum großen Teil ihrer Auflage auf P. gedruckt. Die Sitte, von kostbaren Werken Pergamentabzüge zu veranstalten und wichtigere Aktenstücke auf P. zu schreiben, hat sich bis heute erhalten. Vgl. Wattenbach, Das Schriftwesen im Mittelalter (3. Aufl., Leipz. 1896); Leist, Urkundenlehre (2. Aufl., das. 1893).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 15. Leipzig 1908, S. 582.
Lizenz:
Faksimiles:
Kategorien: