Romanze

[305] Romanze, eine Gattung der lyrisch-epischen Poesie, deren Name u. Begriff aus seiner Heimath Spanien nach Deutschland gekommen ist. In Spanien, wie in allen übrigen romanischen Ländern, ist ein jedes volksmäßiges Gedicht, welches in der Sprache des Landes abgefaßt war, Romance (ital. Romanzo), im Gegensatz zu den Productionen der Kunstpoesie, welche in Lateinischer Sprache abgefaßt waren. Noch gegenwärtig bezeichnet das Wort Romance in Spanien ein lyrisch-episches Gedicht im Volkston, dann aber auch die Versart, welche in solchen Dichtungen gewöhnlich gebraucht wurde (acht- u. sechssylbige Verse mit trochäischem Rhythmus u. mit durchgehender Assonanz in den gleichen Zeilen). Die spanische R. ist überhaupt ein jedes episches Volkslied mit nationaler Färbung, zeigt demnach trotz allem Ergriffensein von dem zu Erzählenden od. zu Schildernden, mögliche Objectivität, ist in dramatisch lebendiger, gedrängter, ja schwunghafter Darstellung, bei naiver Einfachheit gehalten, ohne daß sich die nationalen Eigenheiten, die südliche Leidenschaftlichkeit u. Sinnlichkeit, verkennen lassen. Die ältesten spanischen R-n, in denen das epische Element vorherrscht, sind die historischen R-n, welche die Großthaten u. bedeutenden Ereignisse im wirklichen nationalen Leben behandeln, wenn sie auch sagenhafte Züge zeigen u. mit mythischen Persönlichkeiten verschmolzen wurden. Dahin gehören vor allen die R-n vom Cid (vgl. Mönnich, Herders Cid u. die spanischen Cidromanzen, Tüb. 1854). Nicht hiermit zu verwechseln sind diejenigen historischen R-n, welche nach den Erzählungen in den Chroniken von Sepulveda, Alonso de Fuentes u. Anderen gemacht wurden. Eine andere Gattung sind die Ritterromanzen, welche die Heldensagen der Nachbarvölker, namentlich der Provenzalen u. Franzosen, wie z.B. die von Karl dem Großen u. seinen Paladinen, in den Volksmund mit nationaler Färbung brachten. Während diese Ritterromanzen jedenfalls als Producte fahrender Sänger zu betrachten sind, wurden die maurischen od. moresken R-n, (welche nicht mit den historischen R-n aus der Zeit der Kriege mit den Mauren verwechselt werden dürfen), von spanischen Kunstdichtern verfaßt. Dieselben entstanden erst nach der Eroberung Granadas, besingen verliebte Abenteuer u. galante Feste in maurischem Costüm, u. ihre Verfasser erzählen in ihnen oft Selbsterlebtes od. Reinerdichtetes unter dieser Maske u. in diesen volksthümlichen Weisen u. Formen. In noch höherem Grade gehören der Kunstpoesie die Schäferromanzen der Folgezeit an, wie denn überhaupt gegen Ende des 16. u. zu Anfang des 17. Jahrh. die Form der R. zu allem Möglichen benutzt wurde u. ganz u. gar in das subjectiv-lyrische Gebiet der Poesie übertrat. Alle diese R-n wurden traditionell od. durch fliegende Blätter fortgepflanzt, seit Mitte des 16. Jahrh, begann man auch eigene Sammlungen für dieselben, die Romanceros (s.d.), anzulegen, vgl. Wolf, Über eine Sammlung spanischer R-n in Fliegenden Blättern, Wien 1850. Viele dieser spanischen R-n wurden in neuerer Zeit nicht nur ins Deutsche übersetzt (von Diez, Geibel, Regis etc.), sondern schon vorher seit dem letzten Decennium des 18. Jahrh. in die Deutsche Literatur eingeführt u. nachgeahmt, so von Stolberg, Schiller, Goethe, Tieck, den beiden Schlegel, Gustav Schwab, Uhland, Rückert, Chamisso, Zedlitz, Nic. Lenau etc. Nahe verwandt der R. ist die Ballade (s.d.), doch hat sich in neuerer Zeit ziemlich allgemein der Sprachgebrauch festgesetzt, daß man Balladen diejenigen kürzeren epischen Dichtungen nennt, welche einen naturelementaren, märchenhaften Hintergrund haben (z.B. Goethe's Erlkönig, Heine's Loreley, Bürgers Leonore etc.); R. hingegen Erzählungen, welche jenes phantastischen, elementaren Hintergrundes entbehrend, rein innerliche u. sittliche Erlebnisse u. Conflicte darstellen. Meister in der R. ist Schiller (z.B. Der Taucher, Der Kampf mit dem Drachen, Der Gang nach dem Eisenhammer etc.), während Goethe für die Ballade mustergültig ist; beide Dichter haben sich jedoch in Wirklichkeit nur wenig od. gar nicht an den angegebenen Sprachgebrauch gehalten. Bei anderen Völkern findet sich zwar auch der Name der R., doch verbindet man einen andern Begriff damit. Bei den älteren Franzosen ist Romance eine rein lyrische Gattung von Liebesliedern; dieselben besitzen zwar kleinere volksmäßige epische Lieder, welche nach Charakter u. Ton wahre R-n sind, doch heißen die dieselben auch Lais. Bei den Engländern sind Romances größere Rittergedichte u. Romane, während sie ihre, den R-n ähnlichen, nur durch nationale Färbung verschiedenen kleineren[305] epischen Volkslieder mit dem Namen Balladen bezeichnen.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 14. Altenburg 1862, S. 305-306.
Lizenz:
Faksimiles:
305 | 306
Kategorien: