Deutsche Literatur

[885] Deutsche Literatur. I. Obgleich sich die Reihe der Literaturdenkmale bei den Völkern deutscher Zunge nur bis in die Zeit der Völkerwanderung od. die zweite Hälfte des 4. Jahrh. zurückverfolgen läßt, so ist doch außer Zweifel gestellt, daß die Deutschen auch schon vorher bes. poetische Erzeugnisse besaßen. Tacitus, der wichtigste Berichterstatter aus jener Zeit, erwähnt ausdrücklich, daß die alten Germanen eigenthümliche Lieder besaßen, welche sich von Generation zu Generation fortpflanzend, zugleich die einzige Art geschichtlicher Erinnerung u. Überlieferung bildeten. In denselben wurden die Stammväter des Volkes, der Gott Tuisko, dessen Sohn Mannus u. dessen 3 Söhne gefeiert. Vermuthen läßt sich, daß die Deutschen neben diesen noch andere Gesänge mythologischer Natur besaßen. Das Andenken des Arminius u. anderer Helden der Nation lebte in geschichtlichen Gesängen fort. Vordem Beginne des Kampfes wurden Schlachtgesänge (Baritus od. Barritus) angestimmt, in denen der sogenannte Hercules (d. i. Irmin) als der erste aller tapferen Männer gepriesen wurde. Diese Schlachtlieder bilden mit den Gesängen, welche bei festlichen Mahlen u. frohen Geiggen ertönten, die Anfänge der lyrische Dichtung. Über den Inhalt der Volkslieder, welche um die Mittedes 4. Jahrhunderts am Rhein gesungen wurden, ist nichts bekannt. Mehrere Gesänge der Gothen, die Jornandes erwähnt, reichen wahrscheinlich diese Zeit hinaus. Wenn auch mit letzteren die spätere deutsche Heldensage nur in sehr wenigen Zügen zusammenhängen mag, so ist doch kaum zu bezweifeln, daß bereits in diesem Zeitraume die Siegfriedssage (in den Nibelungen) u. die Thiersage ihre erste Gestaltung erhielten. Die Stelle aller künstlichen Versmaße der späteren Zeit vertrat in den Liedern dieser vorchristlichen Zeit jedenfalls die Alliteration (s.d.). Über die Vortragsart istnichts überliefert worden; Saiteninstrumente zur Begleitung des Gesanges werden erst im 6. Jahrh. erwähnt, mögen aber schon früher existirt haben. Eine eigene Sängerkaste, wie bei den Celten das Bardenthum, gab es bei den ältesten Deutschen nicht; nur durch gelehrten Irrthum hat man die celtischen Barden auf deutschen Boden versetzen wollen. Aufgezeichnet scheint kaum in dieser Periode etwas geworden zu sein, obgleich die Deutschen bereits zur Zeit des Tacitus eine Schrift, die Runen (s.d.), besaßen, die jedoch nur im Besitz Einzelner verblieb u. nicht zu allgemeiner Anwendung kam.

II. Althochdeutsche Literatur. Darf man den Deutschen zur Zeit des Tacitus u. der folgenden Jahrhunderte auch nicht eine allzuhohe Bildung beilegen, so muß man sich doch auch hüten, dieselben als rohe Naturmenschen zu etrachten. Schon die Nachbarschaft u. die verschiedenen Beziehungen zu den Römern mußten einen starken geistigen u. socialen Einfluß üben. Mehr noch war dies mit der Völkerwanderung der Fall, welche verschiedene mächtige deutsche Stämme auf römisches Gebiet hinüberführte u. zu den Erben römischer Cultur machte. Zugleich gestalteten sich die Verhältnisse der einzelnen deutschen Völker unter u. zu einander vollständig um; während nur wenige in ihren alten Sitzen blieben, verschwanden andere gänzlich u. gingen in ihren Überwindern auf od. sie verließen ihren heimathlichen Boden, um sich in römischen Provinzenneue Wohnsitze u. Herrschafte zu gründen. Am wichtigsten wurden jetzt die Gothen, Longobarden, Burgunder, Franken, Alemannen, Baiern, Thüringer, Sachsen u. Friesen. Diese Umgestaltung der Dinge zog auch den Verlust der reichen Sagenpoesie der verschollenen Stämme nach sich, aber sie erfuhren eine wesentliche Umgestaltung durch Beimischung neuer geschichtlicher Elemente[885] aus der Zeit der Völkerbewegung selbst. So wurden vor Allem die hervorragenden Gestalten des Attila, des großen Ostgothenkönigs Theoderich u. des ersten Burgundenkönigs Günther in die mythologische Grundlage der Siegfriedsage hineinverwebt. Einen noch größeren Einfluß jedoch auf die Umgestaltung der geistigen u. sittlichen Zustände der Deutschen übte die Einführung des Christenthums u. die mit diesem bereits eng verbundene griechisch-römische Bildung. In dem Bestreben der Bekehrenden, der neuen Lehre durch Vernichtung der heidnischen Ansichten u. der diese bewahrenden Volkspoesie einen dauernden Sieg zu sichern, mußten die Geistlichen von vornherein als entschiedene Gegner der einheimischen Dichtung auftreten u. dieselbe möglichst zu beseitigen suchen. Zugleich jedoch fühlten sie sich veranlaßt, selbst einen Ersatz dafür zu schaffen u. riefen aus diesem Bestreben eine in der kirchlichen Gelehrsamkeit der damaligen Zeit begründete Literatur, sowohl in Poesie als in Prosa, hervor. Es entwickelten sich somit in diesem zweiten, von der Völkerwanderung bis zur Mitte des 12. Jahrh. reichenden Zeitraum das literarische Leben bei den Deutschen nach zwei Hauptseiten hin, einer echt volksthümlichen in der Volkspoesie, gegenüber einer gelehrten in der kirchlichen deutschen Literatur. Die Höfe der neu entstandenen deutschen Staaten, in denen nach Einführung des Christenthums als Staatskirche die Geistlichkeit, als der gebildetste Stand seiner Zeit, einen in jeder Beziehung überwiegenden Einfluß besaß, wandten sich bald entschieden der neuen geistlichen Kunstpoesie zu. Auch bediente sich gleich von Anfang an der Klerus nicht der einheimischen Runenschrift, sondern des lateinischen Alphabets. Das erste deutsche Volk, welches sich dem Christenthum ergab, waren die Gothen (s.d.), welche bereits in der zweiten Hälfte des 4. Jahrh. durch Ulfilas (s.d.) eine fast vollständige Übersetzung der Bibel erhielten. Ein Theil derselben ist erhalten u. bildet das älteste Denkmal der deutschen Sprache. Im eigentlichen Deutschland begann die durchgreifende Einwirkung der christlich-römischen Bildung auf die Entwickelung des deutschen Volksgeistes erst mit Karl dem Gr. Bereits im 7. Jahrhundert hatten christliche Apostel, die aus dem benachbarten Britannien kamen, die von ihnen gelegten Keime des Christenthums besonders im südwestlichen u. nordwestlichen Theile des Landes durch Errichtung von Bisthümern u. Klöstern zu befestigen gesucht. Letztere waren zugleich die Herde der neuen Bildung u. übten auf ihre näheren Umgebungen einen segensreichen Einfluß aus. Namentlich gilt dies schon in dieser Zeit von St. Gallen. Der Angelsachse Winfried od. Bonifacius (s.d.), der Begründer der deutschen Kirchenverfassung, vermehrte die bereits vorhandenen Bisthümer u. Klöster. Noch mehr that aber Karl d. Gr., welcher nicht nur die Ruhe u. den Wohlstand seines weiten Reiches zu sichern wußte, sondern auch mit Bewußtsein durch Gründung wissenschaftlicher Anstalten auf die Bildung des deutschen Volkes zu wirken suchte. Er berief gelehrte Männer des Auslandes, wie Peter von Pisa, den Longobarden Paulus Diaconus u. den Angelsachsen Alcuin, denen er den Unterricht der fränkischen Geistlichkeit übertrug. An seinem Hofe stiftete er eine Schule für seine Dienstleute u. deren Kinder; aus Liebe zur vaterländischen Sprache u. Poesie beschäftigte er sich selbst mit der Grammatik der ersteren u. ließ die alten Heldenlieder seines Volkes sammeln. Verordnungen aus seinen letzten Regierungsjahren geboten, daß die Laien das Apostolische Glaubensbekenntniß u. das Vaterunser in den Landessprachen auswendig lernten u. daß ihnen von den Geistlichen in denselben gepredigt würde. Nach dem Muster der Schule zu Tours, welche Alcuin leitete, wurde durch Hrabanus Maurus (s.d.) die Klosterschule zu Fulda eingerichtet, die bald den größten Ruhm erlangte u. wiederum das Vorbild anderer Klosterschulen wurde od. diesen Lehrer lieferte. So zu Hirschau, St. Gallen, Reichenau, Weißenburg, Corvey, Prüm. Bei denselben entstanden allmälig kleine Bibliotheken, in denen auch deutsche Schriften nicht fehlten. Überhaupt wurde das Vaterländische nicht vernachlässigt in dem wissenschaftlichen Leben, das unter Ludwig dem Frommen u. Ludwig dem Deutschen erblühte. Nachdem die Klosterbildung in Folge politischer Stürme 880–940 mehrfach gestört u. in einzelnen Theilen fast gänzlich vernichtet worden war, erhob sich die literarische Bildung von Neuem in den ersten Sächsischen Kaisern. Neben den Klöstern wurden jetzt auch die Dom- u. Stiftsschulen, worunter Utrecht, Lüttich, Köln, Bremen, Hildesheim, Paderborn, Trier u. Corvey berühmt waren, Hauptsitze der Wissenschaften u. dieselben von den Sächsischen Kaisern eifrig gepflegt. Das fleißigere Studium der alten Römer zeigen die zahlreichen lateinischen Chronisten (z.B. Widukind, Dietmar von Merseburg, Wippo, Hermannus contractus, Lambert von Aschaffenburg) dieser u. der nächsten Folgezeit, u. dasselbe führte zur Veredelung der lateinischen Poesie, die jedoch auch geistliche wie weltliche Stoffe in Form u. Ton der volksmäßigen Dichtung behandelte. So erscheint sie zuerst im Kirchengesang, seit Otto I. auch in der weltlichen Hofpoesie. Um die Mitte des 11. Jahrh. begannen die Domschulen wie die Klosterschulen in Verfall zu gerathen. Neben dem Studium der Römer hatten auch die engeren Beziehungen, in welche Deutschland durch den Übergang der römischen Kaiserwürde auf seine Könige mit Italien kam, sowie die Verwandtschaftsbande zwischen dem Sächsischen u. Byzantinischen Kaiserhause Vortheile für die geistige Entwickelung der Deutschen. Aus Italien kam die Kirchenmusik durch Gerbert (später Papst Sylvester II.), die Mathematik, Philosophie u. Medicin der spanischen Mauren nach Deutschland. Obgleich man annehmen muß, daß die Volkspoesie schon in diesem Zeitraume zu voller u. reicher Blüthe gediehen war, so läßt sich doch nur mit Schwierigkeit ein deutliches Bild von ihr gewinnen, da nur noch wenige von ihren Werken übrig sind. Der deutschen Heldensage gehörten zunächst die 4 großen Sagenkreise vom Gothenkönig Ermanrich, die fränkische Siegfriedsage, die burgundische Sage von Günther, die später mit der Siegfriedsage verschmolz, u. endlich die Dietrichsage od. die Sage von Theoderich dem Großen. Daneben bestanden noch mehrere minder umfangreiche Sagen, die später mit den größeren Kreisen verknüpft wurden, wie die Sage von Wieland dem Schmied, von Walther von Aquitanien, von Irnfried u. Iring u. die im nordwestlichen Deutschland einheimische, immer unabhängig gebliebene Sage von der Gudrun. Übrig aus diesem althochdeutschen Zeitraum sind zunächst nur noch das berühmte Hildebrandslied (s.d.), zu Ansang[886] des 9. Jahrh. niedergeschrieben, u. der lateinische Walther von Aquitanien (Waltharius manu fortis), in Hexametern zuerst nach Mitte des 10. Jahrh. von einem St. Gallener Mönch (Eckehard I. od. Geraldus) gedichtet, später von Eckehard IV. (st. 1024) durchgesehen u. überarbeitet. Daneben bestanden zahlreiche Lieder, die nicht zu den großen Kreisen der deutschen Heldensage gehörten. Dieselben enthielten Stammsagen, behandelten Volkssagen od. feierten Helden u. Begebenheiten ihrer Zeit. Zu letzterer Art gehört das Ludwigslied (s.d.), bald nach 881 von einem fränkischen Geistlichen gedichtet, sowie der Leich auf Otto den Großen (od. der Leich von den beiden Heinrichen), nach 962 halb in deutscher, halb in lateinischer Sprache verfaßt. Der Thiersage fallen 3 lateinisch abgefaßte Gedichte, die Ecbasis captivi, zu Tull in Lothringen von einem Mönche nach Mitte des 10. Jahrh. verfaßt, der Isengrimus in Südflandern u. der Reinard us Vulpes, letzter wahrscheinlich von Magister Nivardus in Nordflandern abgefaßt (s. Reinecke Fuchs u. Thiersage). Deutsche hierher gehörige Gedichte haben sich aus diesem Zeitraum nicht erhalten. Eine reine Lyrik läßt sich noch nicht nachweisen; Alles, was von weltlicher Poesie (Winiliod, d.h. Freundes-, dann auch Liebeslieder) bis zum 12. Jahrh. in Deutschland vorhanden war, hatte epischen Inhalt od. wenigstens Form u. Farbe der Erzählung. Bei frohen Festen u. Gelegenheiten scheint man heitere, leichtfertige, wohl auch possenhafte Dichtungen gehabt zu haben, die wohl vorzugsweise den Eifer der Geistlichen gegen den Volksgesang rege erhielten. Weil zum großen Theil wohl heidnischen Ursprungs, werden sie Teufelsgesänge (Carmina diabolica) genannt u. finden sich wie die Zauber- u. Spottlieder öfter verboten. Dahin gehören die 2 merkwürdigen Merseburger Gedichte (1841 von Waitz in Merseburg entdeckt u. zuerst von Grimm 1842 herausgegeben) u. der neuerdings 1857 von Miklosich aufgefundene Hirtensegen (herausg. von Karajan, Wien 1858). Die geistliche u. gelehrte Dichtung dieses Zeitraumes brachte es, weil das Lateinische die Kirchensprache war, nicht zum eigentlichen Kirchengesange in deutscher Sprache. Dagegen entwickelte sich eine Art von geistlichem Volkslied, indem etwa seit Mitte des 9. Jahrh. den Rufen Kyrie eleison, Christe eleison, od. dem Halleluja deutsche Worte u. deutsche Strophen vorgesetzt wurden. Dahin gehört das Lied auf St. Petrus (von Einigen dem Otfried zugeschrieben); von dem Gedicht des St. Gallener Mönches Ratpert über St. Gallus ist nur noch eine lateinische Übersetzung übrig. Von Gesängen in Leichform gehören hierher: Christus u. die Samariterin, eine Bearbeitung des 138. Psalms, u. das Gedicht auf St. Georg. Daneben beginnt schon gegen Ende des 8. Jahrh. eine andere Gattung der geistlichen Poesie, die nicht zum Gesang für die Volksmassen, sondern zum Vortrag durch besondere Sänger sowie zur Erbauung Einzelner bestimmt gewesen zu sein scheint. Ihre Stoffe liefert die Bibel, namentlich bilden sie die Schöpfungsgeschichte, das Jüngste Gericht, das Leben Christi, Alles der Fassungskraft des Volkes angepaßt. Das älteste der noch vorhandenen Denkmäler dieser Gattung ist das Wessobrunner Gebet (s.d.), vielleicht noch dem Ende des 8. Jahrh. angehörig; gegen die Mitte des 9. Jahrh. niedergeschrieben, aber früher gedichtet ist Muspilli (s.d.), Verse vom Jüngsten Gericht. Aber die umfangreichsten u. wichtigsten Werke der ältesten deutschen geistlichen Poesie sind die beiden Evangelienharmonien, die altsächsische alliterirende, der sogenannte Heliand (s.d.) u. die althochdeutsche mit Endreimen, der Krist von Otfried. Das Werk des Letzteren bildet bei den Absichten des Verfassers gewissermaßen den ersten Versuch der Deutschen im Kunstepos. Das einzige althochdeutsche Denkmal Gelehrter Poesie ohne eigentlich geistlichen Inhalt ist der Merigarto (s.d.), das Bruchstück einer Art von Kosmographie aus dem 11. Jahrh. Die prosaischen Werke dieses Zeitraums gehören nur als Denkmäler der Sprache in das Gebiet der Nationalliteratur, da sie fast alle nur in Übersetzungen u. Paraphrasirungen griechischer u. lateinischer Schriften bestehen. Abgesehen von der schon berühmten Bibelübersetzung beginnt die Reihe der deutschen Prosaschriften in dem 8. Jahrh. mit der Isidorischen Epistel De nativitate domini (hergusgeg. von A. Holzmann, Karlsr. 1836), eine Übertragung des Evangeliums Matthäi (in Endlicher u. Hoffmanns Fragmenta theotisca, Wien 1834), u. die Interlinearversion der Regel des St. Benedict, letztere dem St. Gallener Mönche Kero, s.d. (um 760) zugeschrieben. Noch älter ist das bereits im 7. Jahrh. niedergeschriebene Glossar des heiligen Gallus (bei Hattemer, Bd. 1). In das 8. Jahrh. gehören jedenfalls noch verschiedene kleinere Stücke (gesammelt in Maßmann, Die deutschen Abschwörungs-, Glaubens-, Beicht- u. Betformeln, Quedlinb. 1839), in das 9. vor Allem die Interlinearversion lateinischer Kirchenhymnen (herausgegeben von I. Grimm, Gött. 1830), u. die Übersetzung der sogenannten Tatianischen Evangelienharmonie (s.d.). In das 10. Jahrh. fallen mehrere kleinere Stücke, einige Bruchstücke von Predigten u. vielleicht auch noch Notker's (s.d.) Paraphrase der Psalmen. Letztere zählt zu den vortrefflichsten Denkmälern der althochdeutschen Prosa. Wenn nicht von Notker selbst, doch von St. Gallener Mönchen derselben Zeit rühren Übertragungen einzelner kürzerer Stücke des A. u. N. T. her. Aus dem 11. Jahrh. stammt die Übersetzung u. Auslegung des Hohen Liedes (herausgeg. von Hoffmann, Bresl. 1827) von Williram (st. 1085 als Abt von Ebersberg in Baiern) u. die allegorische Reda umbe diu tier, nach der lateinischen Übertragung des älteren griechischen Physiologus. Weniger Bedeutung haben die altniederdeutschen Denkmäler dieser Zeit, darunter die Abrenuntiatio diaboli aus dem 8. Jahrh., die Übersetzung einiger Psalmen, eine Beichtformel u. das Stück einer Übersetzung einer Legende od. Predigt. Unter den althochdeutschen Schriften, welche mehr der gelehrten als rein geistlichen Literatur zugehören, sind vor Allem zu nennen die Übersetzungen eines Theils des aristotelischen Organon (herausgeg. von Graff, Berl. 1837), des Boethius Schrift der Consolatione philosophiae (herausgeg. von Graff, Berl. 1837) u. der 2 ersten Bücher von des Marcianus Capella Schrift De nuptiis Mercurii et philosophiae (herausgegeben von Graff, Berl. 1837), sämmtlich von dem erwähnten Notker in St. Gallen im Anfang des 11. Jahrh. verfaßt. Hieran reiht sich noch das Bruchstück einer Abhandlung über Musik, ebenfalls in St. Gallen übersetzt.[887] Auch sind noch mehrere lateinisch abgefaßte Schriften mit eingefügten deutschen Wörtern u. Sätzen, vorhanden, wie die sogenannte St. Gallische Rhethorik, die Abhandlungen de syllogismis u. de partibus logicae u. der Brief Meister Rudperts von St. Gallen. Schon gegen Ende dieses Zeitraumes macht sich ein wesentlicher Umschwung in der Strömung des deutschen Volksgeistes geltend. Das Christenthum hatte bei den Germanen festere Wurzel geschlagen u. fand in Deutschland eine neue innerliche Heimath. Daher kam es, daß die deutsche Gesammtbildung, wenn auch unbewußt, eine wesentlich christliche u. auch die gesammte Literatur vom christlichen Geiste durchdrungen wurde. Dennoch wurde die Menge des Volkes der geistlichen Herrschaft entfremdet u. schon frühzeitig die Saat für die künftigen reformatorischen Ideen gestreut. Die von Karl d. Gr. u. einzelnen seiner Nachfolger begründeten u. gepflegten Bildungsanstalten waren bei der Verweltlichung der Geistlichkeit u. den häufigen inneren Bedrängnissen Deutschlands erlegen; die geistige Bildung, früher fast ausschließlich das Eigethum einzelner durch Geburt, Geist od. Glück bevorzugten Männer. Der Gegensatz zwischen dieser Bildung u. Roheit der Massen wurde immer schroffer; die Volkspoesie, das Eigenthum der Letzteren, gerieth in Mißachtung u. Verfall. Dagegen begann sich seit Heinrich I. der Ritterstand u. das Bürgerthum zu bilden u. zu entwickeln; während das Bürgerthum noch wenig Anhalt für dichterische Thätigkeit bieten konnte, war dies um so mehr der Fall bei dem Ritterthum. Die abenteuervolle Lebensweise der Ritter bot der Phantasie reiche Nahrung, während dieselbe durch religiöse Gesinnung, zarte Frauenliebe u. oft mit dem Blute besiegelte Lehnstreue veredelt wurde. Dieses wurden auch die leitenden Ideen einer neuen Kunstpoesie, welche nun in der folgenden Periode, der Zeit der Hohenstaufen bis zur Mitte des 14. Jahrh., an die Stelle der bisher ausschließlich geistlichen Richtung derselben trat.

III. Mittelhochdeutsche Literatur. Die Kämpfe der Hohenstaufen mit Italien, namentlich aber die Kreuzzüge, welche die deutsche Ritterschaft in die engste Gemeinschaft mit dem Kern der an seiner Sitten. Weltbildung sowie an äußerem Glanze weit überlegenen englischen, französischen, spanischen u. italienischen Ritterschaft brachte, bildete zwar auch die deutsche Ritterschaft zu einem ordensmäßig abgeschlossenen Stande aus, der alles Geistesleben beherrschte, dagegen wurde dadurch auch der Mangel an Gefühl für Nationalität begünstigt. Man erstrebte ein ideales Ritterthum, von dem auch die Kunstpoesie dieses Zeitraums ausschließlich beherrscht wird. Gottesdienst, Herrendienst u. Frauendienst waren die drei Ideale, um deren, nicht um seiner eigenen Ehre willen, der wahre Ritter auf Abenteuer auszog. Von der mittelalterlichen Bezeichnung für die zarte Frauenliebe heißt diese ganze poetische Gattung Minnegesang, welcher Name jedoch bes. wieder von der eigentlichen ritterlichen Lyrik gilt. Weil diese Poesie namentlich auch an den Höfen der größeren u. kleineren Dynasten Schutz u. Pflege fand, wie an denen der Hohenstaufen selbst, dann bes. bei Landgraf Hermann von Thüringen (st. 1216) u. Leopold VII. von Österreich (st. 1230), so nennt man sie auch höfische Poesie. Da die alten deutschen Heldensagen nicht hinreichend den ritterlichen Ideen entsprachen u. auf die Dauer dem Zwecke der phantastischen Unterhaltung, welcher immer mehr die Poesie dienen mußte, genügen konnten, entlehnte man die Stoffe der zahlreichen epischen Dichtungen dieses Zeitraumes meist dem Auslande, namentlich Frankreich. Letzteres besaß bereits eine Anzahl von Ritterepopöen, welche ihre Gegenstände theils alteinheimischen, theils britischen, südeuropäischen u. selbst morgenländischen Quellen entlehnten. Doch wurden diese französischen Dichtungen nicht blos in Deutschland nachgeahmt, sondern auch die nordfranzösische od. provenzalische Lyrikdiente der deutschen vielfach zum Vorbilde. Diese poetische Thätigkeit wurde sowohl von Männern ritterlichen als bürgerlichen Standes ausgeübt; erstere hießen Herren, letztere Meister. Diese Sänger zogen von Hof zu Hof u. von Burg zu Burg u. lebten von den reichen Geschenken, die ihnen die vielgepriesene Freigebigkeit der Dynasten u. Edlen zu Theil werden liest. Durch das Vorherrschen fremder Stoffe u. fremder Dichtweise wurde die einheimische Volksdichtung immer mehr in den Hintergrund gedrängt, so da´ß sie bei den höheren Ständen kaum noch Theilnahme fand, im Volksmunde selbst aber allmälig in Vergessenheit gerieth. Durch den Einfluß des Hofs der Hohenstaufen wurde in diesem od. dem mittelhochdeutschen Zeitraume die Schwäbische Mundart zu fast ausschließlicher Mundart erhoben u. dieselbe zu größerer Feinheit u. Regelmäßigkeit ausgebildet, auch Versmaß u. Reime wurden mit größter Sorgfalt u. Kunstfertigkeit behandelt. Doch gilt dies nur von der Blüthezeit der mittelhochdeutschen Dichtkunst von 1190–1250, später vergröbert sich die Sprache wieder u. die Verskunst artet aus. Aus der Übergangszeit zur eigentlichen Blüthenepoche des 13. Jahrh. od. aus dem 12. Jahrh. sind viele Denkmäler übrig, welche deutlich den Fortschritt in Handhabung der Sprache u. der Darstellungsform erkennen lassen. Es sind dies theils Dichtungen geistlichen Inhalts, wie eine Bearbeitung der evangelischen Geschichte od. das sogenannte Görlitzer Evangelium, das Marienleben vom Mönche Wernher von Tegernsee (1173); zwei Bearbeitungen der Vision des Tundalus, das sogenannte Annolied, um 1183 am Niederrhein gedichtet, die Legende von. St. Oswald (herausgeg. von Ettmüller, Zürich 1836), u. die treffliche Erzählung von Pilatus; theils Gedichte weltlichen Inhalts. Unter letzteren nimmt die Kaiserchronik, bāldnach 1160 von einem Geistlichen abgefaßt, die erste Stelle ein. Sonst gehören dahin: die volksthümliche deutsche Heldensage vom König Ruther (nach 1181), die älteren Bearbeitungen des Herzog Ernst u. des Reinecke Fuchs, letztere, von Heinrich dem Glichesäre, ferner das Rolandslied des Pfaffen Konrad (zwischen 1173 u. 1177), der Tristant des Eilhart von Oberg, die Bruchstücke des Graf Rudolf, das Lied von Alexander, vom Pfaffen Lamprecht um 1175–80 gedichtet, u. das strophische Gedicht von Salman u. Marolt. Alle diese Dichtungen stehen dem Charakter der Volkspoesie noch ziemlich nahe, obgleich die Stoffe meist schon der Fremde entlehnt sind. Als eigentlicher Begründer der erzählenden Poesie ist jedoch Heinrich von Beldeke mit seiner Eneit (zwischen 1184 u. 1190 verfaßt), zu betrachten. In ziemlicher Vollendung erscheint dieselbe auch in den Gedichten Karlmeinet (zwischen 1190–1210), Athis u. Prophilias[888] u. dem vollständig erhaltenen Eraclius (herausgeg. von Maßmann, Quedlinb. u. Lpz. 1842). Ihre Höhe erreichte sie aber erst in den 3 Meistern erstern Ranges: Hartmann von Aue (s.d.), um 1200, ein lieblicher, milder Dichter; Wolfram von Eschenbach (s.d.), gest. um 1228, der ernsteste, tiefsinnigste u. deutscheste aller Dichter dieser Gattung, u. Gottfried von Strasburg (s.d.), etwas jünger als Wolfram, Meister in der Form, blühender, hier u. da üppiger, mehr dem weltlichen Genuß zugeneigt. Alle Zeitgenossen u. Nachfolger strebten bewußt od. unbewußt diesen drei Mustern nach, so daß man diese Dichter als die Häupter eben so vieler Schulen betrachten darf. Sie wurden von keinem erreicht, nur in der äußeren Form u. in Bezug auf stylistische Eigenschaften kamen ihnen einige nahe. Dahin gehören Ulrich von Zetzinkofen, Wirnt von Grafenberg, Konrad Flecke, der Stricker u. Rudolf von Ems, sämmtlich aus der ersten Hälfte des 13. Jahrh. Nach diesen sank die erzählende Poesie sichtbar von ihrer Höhe, nur Konrad von Würzburg (s.d.), gest. 1287, konnte sich noch mit den genannten Dichtern messen. Aus der Fülle der hierher gehörigen Dichtungen sind, nach den behandelten Stoffen geordnet, als die wichtigsten hervorzuheben: In den Bereich des Bretonischen Sagenkreises fallen der Erec u. der Iwein Hartmanns von Aue, der Parzival u. der Anfang des Titurel von Wolfram von Eschenbach, u. der unvollendet gebliebene Tristan Gottfrieds von Strasburg. Diesen reihen sich, wenn auch schon tiefer stehend, an: der Lanzelot Ulrichs von Zetzinkofen, der Wigalois Wirnts von Grafenberg, die Krone Heinrichs von Türlein (um 1220) u. Daniel von Blumenthal vom Stricker (aus Österreich, gest. vor 1241). Die spätere Zeit scheint auf diesem Gebiete, vielleicht mit Ausnahme des Gauriel von Muntarelvom Meister Kunhart von Stoffel, nichts bedeutenderes hervorgebracht zu haben, doch wurden mehrere unvollendete Werke der Vorgänger fortgesetzt, so bereits vor 1241 der Tristan durch Ulrich von Türheim, später von Heinrich von Freiberg (um 1300); um 1270 dichtete Albrecht den sogenannten jüngeren Titurel, gegen 1300 wurde der von einem Andern begonnene Lohengrin zu Ende geführt. Verwandt dem Bretonischen Sagenkreise sind einzelne Ritter- u. Liebesgeschichten nach romanischen Vorbildern wie Flore u. Blancheflur von Konrad Flecke (um 1230), der Wilhelm von Orlens von Rudolf von Ems u. der Engelhard von Konrad von Würzburg. Etwas weniger deutlich spiegelt sich das ausgebildete Ritterthum u. Hofleben in den Gedichten des Karolingischen Sagenkreises. Dahin gehört außer dem Karlmeinet vor allem Wolframs von Eschenbach Wilhelm von Oranse, welcher unvollendet blieb, aber von Ulrich von Türheim fortgesetzt wurde u. noch später durch Ulrich von Türlein einen Anfang erhielt. Eine Bearbeitung der Rolandssage enthält der Karl vom Stricker. Antike Sagen, völlig unbewußt im mittelalterlichen Geiste umgestaltet, bilden den Stoff zunächst der erwähnten Eneide Heinrichs von Veldecke, der Alexander von Rudolf von Ems, der Trojanische Krieg von Herbort von Fritzlar (um 1210) u. von Konrad von Würzburg. – Schon in der besten Zeit der höfischen Dichtung fanden die jedoch erst gegen Ende des 13. u. im 14. Jahrh.

Aufnahme kommenden Legenden einzelne Bearbeiter. So dichtete Hartmann von Aue den Gregorius, Konrad von Fußesbrunnen die Kindheit Jesu, Rudolph von Ems den Barlaam u. Josaphat, Reinbot von Durne um 1250 den St. Georg. Aus späterer Zeit stammen St. Alexius u. St. Sylvester von Konrad von Würzburg, die Marter der Sta. Martina vom Bruder Hugo von Langenstein (1293) u. das große Passionale eines Unbekannten. Eine andere Gattung von erzählenden Dichtungen sind die mehr od. minder historischen Personengeschichten u. Chroniken. Zu ersteren must das seiner Zeit berühmte, jetzt aber verlorene Gedicht über Friedrich von Staufen (um 1230 abgefaßt), gehört haben; auch fällt dahin der Frauendienst, eine poetisch ausgeschmückte Selbstbiographie Ulrichs von Lichtenstein (1255). Unter den sogen. Weltchroniken steht oben an die des Rudolf von Ems die vielfach fortgesetzt u. umgestaltet wurde; etwas später (1250) fällt die Weltchronik des Johann Enenkel, eines Wieners, der auch ein Fürstenbuch von Österreich dichtete. Später mehrten sich die Welt-, Landes- u. Ortsgeschichten, unter denen die Österreichische Chronik des Ottacker (zwischen 1300–1317) eine der werthvollsten ist. Außer diesen Gattungen erzählender Poesien entstanden in dieser Periodenoch eine Menge Erzählungen sehr verschiedenen Charakters, welche gewissermaßen als eine zwischen der vornehmen erzählenden Ritterpoesie u. dem volksthümlichen Heldenepos stehende Mittelart angesehen werden können. So der Arme Heinrich von Hartmann von Aue, dann der Gute Gerhard von Rudolf von Ems u. Otto mit dem Barte von Konrad von Würzburg, sowie der Meier Helmbrecht (zwischen 1234 u. 1250) von Wernher dem Gartener. Während diese mehr den Charakter der historischen Novelle tragen, sind andere, wie vor Allem der Pfaffe Amis vom Stricker, schwankartiger, noch andere moralischer u. allegorischer Natur. Auch in letzterer Gattung hat der Stricker vieles abgefaßt. Viele kleinere Geschichten fanden mit der Zeit Eingang in spätere Sammelwerke.

Neben der höfischen Ritterpoesie, die ihre Stoffe dem Auslande entlehnte, wurde auch die einheimische Heldensage in ähnlicher Weise verarbeitet. Von keinem einzigen der erhaltenen Dichtwerke dieses Kreises ist der Name des Dichters bekannt; fragt man nach ihren Urhebern, so kann nur an Volkssänger od. sogenannte Fahrende gedacht werden. Einige dieser Dichtungen wurden ähnlich den erzählenden Werken der höfischen Poesie, von einem einzelnen Dichter bearbeitet, andere entstanden aus Volksliedern ganz verschiedener Verfasser, die mehr od. minder zu einem einheitlichen Ganzen verbunden wurden. Auf letztere Artentstanden das Nibelungenlied (s.d.) um 1210 u. die Gudrun, beides Poesien, welche in ästhetischer, wie nationaler Beziehung zu den Kleinodien des deutschen Volkes zu zählen sind. Andere Bearbeitungen von einzelnen Abschnitten der deutschen Heldensage sind meist nur in der veränderten Gestalt, welche sie inden folgenden Jahrhunderten erfuhren, auf uns gekommen u. bekunden fast sämmtlich den Verfall, in welchen das nationale Epos bereits gerathen war. Auf die Stoffe selbst hatten auch Kreuzzüge u. Ritterthum ihren Einfluß geäußert. Die erhaltenen Werke sind theils in kurzen Reimpaaren, seit Anfang des 13. Jahrh. auch in der sogen. Heldenstropbe, später auch in anderen künstlicheren Strophenarten[889] abgefaßt. In der Heldenstrophe sind außer den Nibelungen u. der Gudrun noch Walther u. Hildegunde u. der Alphart, beide noch aus der besseren Zeit abgefaßt; jünger, aber sich auf ältere niedergeschriebene Darstellungen stützend, sind Ortnit, Wolfdietrich u. der Große Rosengarten. In einer anderen Strophenart, der sogen. Berner Weise, sind das Eckenlied u. der Riese Siegenot gegen Ende des 13. Jahrh. gedichtet. Zu den Gedichten in kurzen Reimpaaren, wie sie schon der ältere Ruther zeigt, gehören die Klage, dem Inhalt nach eine Art von Fortsetzung der Nibelungen aus dem letzten Jahrzehnt des 12 Jahrh., u. der Biterolf, sowie aus der Mitte des 13. Jahrh. der Laurin od. der Kleine Rosengarten. Das jüngste Gedicht dieser Form, welches jedoch wieder auf eine ältere Darstellung hinweist, ist Dieterichs Flucht, das vielleicht von einem gewissen Heinrich dem Vogler herrührt.

Wenn sich auch schon vor dem 12. Jahrhundert die Anfänge zu einer noch sehr an die epische Poesie streifenden Lyrik nachweisen lassen, so fällt deren Ausbildung doch erst in diesen Zeitraum. Im Unterschied zu dem Epos, welches sich vorzugsweise an fremde Stoffe hielt, ist die deutsche Lyrik eine durchaus einheimische Pflanze, wenn sich auch bes. im Minnelied eine gewisse Verwandtschaft mit der provenzalischen u. nordfranzösischen Kunstpoesie nicht in Abrede stellen läßt. Man kann die lyrischen Poesien unter vier Rubriken bringen: das Liebeslied, die religiösen Gesänge, die gnomischen Dichtungen u. die Lob- u. Klagelieder. Die drei ersten bleiben auch in der Kunstpoesie die vornehmsten. Nur wenige Dichter haben sich in allen od. in mehreren dieser Arten zugleich versucht. Die ritterlichen Dichter beschränkten sich fast nur auf den Minnesang, weshalb dieser während der Blüthe der höfischen Dichtung auch entschieden vorherrscht, während die späteren bürgerlichen Meister mehr dem religiös-betrachtenden u. allegorischen Dichtungen das Übergewicht verschafften. Der umfassendste, sowie der reichste u. tiefste aller Lyriker dieses Zeitraums ist Walther von der Vogelweide (s.d.). Die geringe Anzahl der wirklichen lyrischen Volkslieder, die aus dieser Zeit erhalten sind, lassen das Verhältniß nicht deutlich genug erkennen, in welchem sich die kunstmäßige Lyrik zur volksthümlichen entwickelte. Später sind sicherlich auch viele dem Volkston sich nähernde Lieder höfischer u. meisterlicher Dichter zum Volkseigenthum geworden. Die Form der ritterlichen Lyrik ist ziemlich reich u. kunstvoll; es galt als Regel, daß der Dichter mit dem Liede die Singweise erfand, weshalb fast jedes Lied auch einen eigenen Strophenbau erforderte. Bes. berühmte Strophenarten (od. Töne genannt), fanden unveränderte Nachahmung. Die Lieder der überaus zahlreichen Minnesänger wurden schon im Mittelalter in Sammlungen, z.B. die Manessische Sammlung, vereinigt. Die ältesten Minnelieder, die aus der Mitte des 12. Jahrh. auf uns gekommen, sind theils namenlos, theils werden sie dem von Kürnberg zugeschrieben. Um etwa 1170 fallen auch die Lieder des Burggrafen von Regensburg u. des Meinlo von Seflingen. Von diesen Dichtern bildet Dietmar von Aist den Übergang zu der eigentlichen Kunstlyrik, die noch vor 1190 in Friedrich von Haufen u. Heinrich von Beldecke ihre ersten namhaften Vertreter fand. Ihnen reihen sich außer Walther von der Vogelweide, noch Heinrich von Rucke, Heinrich von Morungen, Hartmann von Aue, Reinmar (der Alte) u. Wolfram von Eschenbach an. Der besten Zeit gehören auch noch Graf Otto von Bodenlaube u. Ulrich von Singenberg an. Von der großen Anzahl der jüngeren Minnesänger, soweit sie vor der Mitte des 13. Jahrh. dichteten, sind die bedeutendsten: Christian von Hamle, Gottfried von Neissen, Burkart von Hohenfels, Rudolf von Rothenburg, Ulrich von Lichtenstein, Heinrich von Sak, Schenk Ulrich von Winterstetten, Hildebold von Schwangenau, Walther von Metz u. Reinmann von Brennenberg. In spätere Zeit fallen u. greifen zum Theil schon in den Anfang des 14. Jahrh. herüber: Konrad Schenk von Landeck (dichtete schon 1276, starb nach 1304), Herzog Heinrich von Breslau, Markgraf Otto von Brandenburg (st. 1308) u. Meister Johann Hadlaub (lebte um 1300). Eine besondere Unterabtheilung dieser Lyrik bildet die höfische Dorfpoesie, welche das Liebesleben u. die Freuden der niederen Stände, der Dorfbewohner, zum Gegenstande hat. Als ihr Erfinder dürfte ein adeliger Sänger, Neidhart, gelten (bereits um 1217 berühmt), der zugleich auch ihr vorzüglichster Vertreter war. In ähnlichem Geschmack dichteten der von Stamheim (um 1230) u. Burkart von Hohenfels, einiges auch der Tanhäuser. Im niedrigsten Styl dieser Art sind die Lieder u. Reien von Steinmar (um 1270) u. Johann Hadlaub, welche auch für uns die ältesten Ernte-, Herbst- u. Schmauselieder hinterlassen haben. In der geistlichen Lyrik ist ebenfalls die volksmäßige von der kunstmäßigen zu unterscheiden. Die erste entwickelte sich aus den Anfängen in den karolingischen Zeiten u. umfaßte geistliche Gesänge, die bei Bittgängen, Wallfahrten, kirchlichen Umzügen u. bei anderen zu Andacht auffordernden Gelegenheiten gesungen wurden u. unter dem Namen Leise zusammengefaßt werden. Es hat sich nur Einzelnes erhalten, darunter auch einige Stücke von Spervogel, einem der ältesten Lyriker des 12. Jahrh. Unter den religiösen Gedichten in eigentlich kunstmäßigen Formen (Leichen, Liedern u. Sprüchen) sind Lobgesänge auf die Dreieinigkeit u. die Jungfrau Maria am zahlreichsten; seit der Mitte des 13. Jahrh. zeigt sich in denselben das Streben zu allegorisiren u. mystisch zu deuten; noch später mischen sie eine seltsame Gelehrsamkeit ein. Unter den älteren Dichtern besitzen wir religiöse Dichtungen von Heinrich von Rucke, Hartmann von Aue, Walther von der Vogelweide u. Gottfried von Strasburg; unter den jüngeren von Reinmar von Zweter (seit 1228), dem Hardecker, Konrad von Würzburg, Raumsland (st. nach 1286), Bruder Eberhard von Sak (um 1260), Heinrich von Meißen, genannt Frauenlob u. A. Nur wenige der Dichter jener Zeit nahmen lebhafteren Antheil an den öffentlichen Angelegenheiten der Zeit, daher verhältnißmäßig nur wenig an einzelne Fürsten u. Edle gedichtete Lob- u. Strafgedichte, Klaggesänge auf berühmte Verstorbene u. eigentlich politische Gedichte. Klaglieder besitzt man von Spervogel, von Reimar dem Alten. Die vortrefflichsten hierher gehörigen Lieder u. Sprüche hat Walther von der Vogelweide hinterlassen. Manches Werthvolle findet man auch von jüngeren Dichtern, wie von Reinmar von Zweter, Bruder Wernher, dem Marner, Friedrich von Sunbarg (1250–1275), Konrad von Würzburg, dem Schulmeister von Esselingen (um 1280), Raumsland, [890] Hermann dem Damen u. dessen Zeitgenossen Frauenlob. An die Lyriker reihen sich die Gnomiker mit ihren betrachtenden od. moralisirenden, belehrenden od. zurechtweisenden, satyrischen od. strafenden Liedern u. Sprüchen. Der älteste derselben ist wiederum der Spervogel; ihnen folgten außer den so eben genannten Lyrikern noch Stolle, der Meißner, Poppo (st. nach 1287), der Kanzler (gegen Ende des 13. Jahrh.), Meister Alexander (Ende des 13. Jahrh.) u. Regenbogen. Ebenfalls lyrische Form haben noch die Hafte od. Räthsel, welche häufig Theile der zwischen verschiedenen Dichtern geführten Liederstreite bilden. Der berühmteste unter letzteren ist der Krieg auf der Wartburg.

Wie die lyrische Poesie, so entwickelte sich auch die didaktische als besondere Gattung erst in dieser Periode, obgleich die Keime zu derselben schon in den geistlichen Dichtungen früherer Zeiten erkennbarsind. Bereits in das 12. Jahrh. fallen verschiedene Gedichte, wie Schilderungen des Jüngsten Gerichts, u. der Ankunft des Antichrists, Heinrichs vorzügliches Gedicht von des Todes Gehügede, Hartmanns Rede von dem heiligen Glauben, u. das Anegenge, ein halberzählendes Gedicht von der Weltschöpfung, dem Sündenfall u. der Erlösung. Auch das eigentliche Sittengedicht war schon dem 12. Jahrh. nicht mehr fremd, wie dies Heinrichs Einleitung Vom gemeinem Lebel zu dem so eben erwähnten Lehrgedicht, ferner durch einige Stücke Wernher's vom Niederrhein, das Lehrgedicht Wernher's von Elmendorf etc. bekunden. Die bedeutendsten u. berühmtesten Spruch- u. Sittengedichte fallen jedoch erst in das 13. Jahrh. Unter denselben stehen durch Inhalt, Form u. Behandlungsart obenan der Welsche Gast des Thomasin von Zerclar, gedichtet 1215–16, Freidank's (d. i. vielleicht Walther's von der Vogelweide) Bescheidenheit, 1229 abgefaßt u. der Renner des Hugo von Trimberg (1260–1309 Magister u. Rector in Bamberg). Sonst verdient aus dem 13. Jahrh. noch besondere Erwähnung der Winsbecke u. die Winsbeckin, strophisch gegen Mitte des 13. Jahrh. abgefaßt; geringer an Kunstwerth, aber wichtig für die Sittengeschichte sind das Frauenbuch des Ulrich von Lichtenstein u. die Gedichte Seifried Helblings. Auch die sogenannten Beispiele (Bîspel), entweder wirkliche Thierfabeln od. kleine weltliche u. geistliche, märchenhafte u. allegorische Erzählungen, denen eine bestimmte Moral abgewonnen ist, beginnen bereits im 12. Jahrh. Viele derselben sind den größeren didaktischen Dichtungen einverleibt, eine große Anzahl ist aber auch einzeln od. in Sammlungen erhalten. Obenan stehen die Beispiele des Stricker's, die er selbst unter dem allgemeinen Titel die Welt, zusammenstellte; von Werth ist auch der Edelstein des Bonerius (Ulrich Boner, Predigermönch in Bern 1329–49). Gegen Ende des 13. Jahrh. kamen bereits die ascetischen, symbolischen u. mystisch-allegorischen Dichtungen in Aufnahme. Zu den frühesten derselben gehören das Vater Unser des Heinrich von Krolewic (1232–55); die Goldene Schmiede, ein lehrhaftes Lobgedicht auf die Maria, von Konrad von Würzburg; die Tochter von Lyon des Bruders Lamprecht von Regensburg (Ende des 13. Jahrh.); Gottes Zukunft von Heinrich von der Neuenstadt (um 1300). Noch ist der sogen. Liebesbriefe od. Büchlein zu gedenken, welche bisweilen sehr ausführlich u. sehr sinnreich die Angelegenheiten des Herzens besprechen. Die ältesten u. besten verfaßten Hartmann von Aue u. Ulrich von Lichtenstein.

Die Prosa dieses Zeitraumes besteht in der Hauptsache theils in Werken geistlichen u. verwandten Inhalts, theils in Aufzeichnungen rechtlichen Inhalts u. Urkunden. Andere Gattungen finden sich daneben nur erst in einzelnen Anfängen. Zu ersterer Gattung gehören auch die Predigten. Die bedeutendsten Kanzelredner waren die Minoriten Bruder David (mit dem Beinamen Teutonicus, st. 1271 in Augsburg) u. vor Allem dessen Schüler Bruder Berthold (mit dem Familiennamen Lech), wirkte 1247–72 in allen Theilen Deutschlands. Nach diesen sank die geistliche Beredtsamkeit, bis sie durch Meister Eckart (st. um 1329), seine Schüler u. Nachfolger einen neuen Aufschwung nahm. Von den die Rechtsverhältnisse betreffenden Prosadenkmälern fallen zwei kleinere Stücke, das Schwäbische Verlöbniß u. der Erfurter Judeneid, noch in das 12. Jahrh.; die bedeutendsten u. wichtigsten Werke, der Sachsenspiegel u. der Schwabenspiegel (s. b.) fallen in das 13. Jahrh. Daran schließen sich noch viele Land- u. Stadtrechte, deren viele nebst den sogen. Weisthümern (s.d.) im 13. u. Anfang des 14. Jahrh. aufgezeichnet wurden. Der deutschen Sprache statt der lateinischen bediente man sich, wenn auch sehr vereinzelt, schon seit der 2. Hälfte des 11. Jahrh., häufiger seit Ende des 13. Jahrh. in Urkunden. Die Anfänge geschichtlicher Darstellung in deutscher Prosa werden durch die sogen. Repgow'sche od. Sachsenchronik (niederdeutsch schon im 13. Jahrh.), sowie das St. Galler Geschichtsbuch Christian's des Küchemeisters bezeugt. Auch finden sich gegen Ausgang dieses Zeitraums schon die Anfänge des Prosaromans, sowie einer Art wissenschaftlicher Auffassung der Natur in der sogenannten Meinauer Naturlehre Im Allgemeinen stand die deutsche Prosa in diesem Zeitraume entweder unter geistlichem Einflusse od. diente nur dem Bedürfnisse des praktischen Lebens.

Die glänzende und reiche Blüthe, zu welcher die ritterliche Poesie in diesem Zeitraum gediehen war, war jedoch nur von kurzer Dauer; ihr folgte ein rascher u. völliger Verfall. Mit der Verwilderung der staatlichen u. bürgerlichen Zustände seit dem Interregnum verlor sich auch nothwendig der Sinn für Pflege u. Ausübung schöner Künste Das Ritterthum entartete in Roheit u. Räuberei u. trat somit seinem Ziele immer ferner. Der Kreis der in den Epopöen erzählten Abenteuer war bald erschöpft u. verlor den Reiz der Neuheit; die Lyrik mit ihrem Bedürfnisse neuer Formen wurde von der Kunst zur Künstelei fortgerissen; auch verlor der an u. für sich schon rege u. conventionell mannigfach beschränkte Ideenkreis immer mehr an Lebens- u. Entwicklungsfähigkeit. Die Poesie wurde von den Rittern u. Herren vernachlässigt u. fiel allmählig dem Bürgerstande zu, dem es jedoch an wirklicher Bildung, an freiem Blick, sowie an hinreichender Muße fehlte, so daß das freie Spiel des Geistes zu handwerksmäßiger Arbeit herabzogen ward. Um die Mitte des 14. Jahrh. war die D. L. nach einer herrlichen aber kurzen Blüthe bereits in völligem Verfall.

IV. Die vierte Periode in der Geschichte der D-n L. umfaßt die Blüthezeit des Bürgerthums u. des bürgerlichen Meistergesanges, die Wiederbelebung der Wissenschaften u. das Zeitalter der Reformation.[891] Sie reicht von der Mitte des 14. Jahrh. bis gegen Ende des 16. Jahrh. Die beiden bevorzugten Stände des Mittelalters, der Adel u. die Geistlichkeit, verloren nicht blos an Bildung, sondern auch an Einfluß immer mehr an den Bürgerstand; aus demselben ging, als der Betreibung der Wissenschaften, namentlich der humanistischen Studien, neues Leben verliehen war, ein neuer Stand, der Gelehrtenstand, hervor. Die Poesie wurde jetzt zwar eifrig u. sorgfältig gepflegt u. ihr wiederum die Volksthümlichkeit verliehen, welche der ritterlichen Poesie des vorigen Zeitraums mangelte, allein sie verlor ihre ideale Richtung u. verirrte sich in Handwerksmäßigkeit u. Formalismus, sowie in beengten Rücksichten auf sittliche Belehrung. An die Stelle der zuerst geistlichen, dann ritterlichen Kunstpoesie, tritt in dieser Periode der Meistergesang (s.d.). Der neuer wachsene Gelehrtenstand wandte sich von der vaterländischen Sprache u. Literatur ab, vertiefte sich in das griechische u. römische Alterthum u. dessen Geistesschätze u. zog es vor, nicht allein seine wissenschaftlichen Arbeiten in Lateinischer Sprache zu schreiben, sondern auch seine etwaigen dichterischen Talente in dieser todten Sprache zu versuchen. Alle Zweige der deutschen Dichtung versanken in Roheit u. Unbedeutendheit; gleichzeitig ging auch die Sprache aller grammatischen Regel u. stylistischen Ausbildung verlustig. Der Bürgerstand erwarb sich, von der Buchdruckerkunst wesentlich begünstigt, eine höhere Verstandesbildung, was in diesem Zeitraum wiederum das rasche Zunehmender Prosazur Folge hatte. In solche Zustände fiel die Reformation u. das Wirken Luthers, eines Mannes von grunddeutschem Wesen. Seine Schriften, darunter namentlich seine Bibelübersetzung, wurden die maßgebende Grundlage für die deutsche Schriftsprache. Gleichzeitig wurde der Schwerpunkt der literarischen Bewegung nach Norddeutschland verlegt, das von nun an der Mittelpunkt alles freieren Geisteslebens wurde, während im Süden nur die protestantischen Theile, namentlich die Reichsstädte, noch fortdauernd Antheil an demselben nahmen. Unmittelbar wurde die deutsche Nationalliteratur durch die Reformation nur wenig gefördert. Zwar rief dieselbe eine zahllose Menge von belehrenden, satyrischen u. polemisirenden Schriften in Prosa u. Versen hervor, doch machte der bestimmte Zweck derselben den reinen Ausdruck einer allgemein menschlichen Erfindung unmöglich. Jedoch erhielt die D. L. eine Errungenschaft von unschätzbarem Werthe, das protestantische Kirchenlied, als Frucht der Reformation. Mit Luthers Todewär das Blüthenalter der Reformationszeit rasch vorübergegangen; es folgten nicht blos die blutigen Kämpfe der Parteien, sondern die Erörterung durch Wort u. Schrift blieb nicht Volkssache, sondern ging lediglich in die Hände der pedantischgelehrten Schultheologen über. Die volksthümliche Dichtung versank immer mehr in geistige Armuth u. Verwilderung, während sich für die gebildeteren Klassen, unter Einfluß des exclusiven Gelehrtenstandes, eine neue Kunstdichtungerzeugte, welche ohne alle Anknüpfung an die Nationalität, ohne innere Lebensfähigkeit u. ohne durchgebildeten Geschmack verblieb.

Die Stoffe der epischen Poesie blieben einestheils die Sagen, Geschichten u. Anekdoten einheimischen u. fremden Ursprungs, die schon im vorigen Zeitraum behandelt wurden; theils wählte man das, was sich im Laufe der Zeit zutrug u. das allgemeine Interesse des Volks erregte; theils ging man auf die Werke des Alterthums od. auch die Italienische Literatur zurück. Die Heldensage dauerte zwar fort, wie das Volkslied von Hildebrand bekundet, wurde aber nicht zu größeren epischen Dichtungen benutzt Die auf uns gekommenen umfassenderen Darstellungen aus diesem Sagenkreis, wie der Hörnen Siegfried, Dietrichs Drachenkämpfe u. Etzels Hofhaltung, sind wohl nur Überarbeitungen älterer, in die vorige Periode fallender Gestaltungen, wie ja auch von anderen älteren Gedichten dieses Kreises ähnliche Neubearbeitungen u. Umschreibungen noch vorliegen. Zu letzteren gehören Ortnit, Wolfdietrich, der Große Rosengarten u. Laurin, welche zusammen im 15. u. 16. Jahrh. unter dem Titel Der Helden Buch wiederholt gedruckt wurden. Außerdem stellte Kaspar von der Rhön um 1472 alle diese Dichtungen, verkürzt u. bearbeitet in seinem Heldenbuch, zusammen. Größere romanartige Dichtungen konnten ebenfalls nicht die frühere Aufnahme wiederfinden, obgleich bis weit ins 15. Jahrh. herein ähnliche Erzählungen, öfter freilich blos Übersetzungen, hervortreten. Dahin gehören: Valentin u. Namelos, ein niederdeutsches, auf karolingischer Sage beruhendes, nach niederländischem Vorbild gearbeitetes Gedicht; aus dem Niederländischen wörtlich übertragen wurden: Malagis, Reinold von Montalban u. Ogier von Dänemark. In die erste Hälfte des 15. Jahrh. zu setzen sind noch die Geschichten von Friedrich von Schwaben, von der Königstochter von Frankreich (gedichtet von Hans von Bühel um 1400, einem der besseren Dichter dieses Zeitraums) u. von der Margarethe von Limburg; letztere durch Joh. von Soest (Johann Grumelkut, 1471–80) aus dem Niederländischen übersetzt. Noch später, 1475–1508 verfaßte Ulrich Füterer sein Buch der Abenteuer, eine große cyclische Dichtung vom Ursprung der Helden- u. Ritterorden, dem Argonautenzuge, dem Trojanischen Kriege u. der Helden des Bretonischen Sagenkreises. Auch die Legende fand bis zur Mitte dieses Zeitraums in ober- u. niederdeutscher Sprache häufige Bearbeitung, wie das Marienleben, die Reisen des St. Brandan, die Vision des Tundalus etc.; am bekanntesten unter den späteren hochdeutschen Legenden wurde das Leben derheiligen Elisabeth von Joh. Rothe. Neben den wirklichen historischen Volksliedern wurden auch andere historische Dichtungen verfaßt. Die poetischen Chroniken machten zwar den prosaischen Platz, allein desto mehr wurden einzelne hervortretende Persönlichkeiten, wichtige Begebenheiten u. dgl. bis Ende des 16. Jahrh. in größeren od. kleineren Reimwerken dargestellt, die sich jedoch nur durch Vers u. Reim von der Prosa unterschieden. Die Stoffe waren oft die unpoetischsten, wie denn z.B. 1418 Thomas Prischuch aus Augsburg in seinem Gedicht; des Concils Grundveste die Geschichte der Kostnitzer Kirchenversammlung in Reime brachte. Von einzelnen Dichtern, die sich mit solchen Stoffen beschäftigten, verdienen besondere Erwähnung aus dem 14. Jahrh.: Peter Suchenwirt (s.d.) zu Wien, der Ehrenreden auf verschiedene Edle seiner Zeit u. Gedichte über Zeitereignisse hinterlassen hat; aus dem 15. Jahrh.: Hans Rosenblüt (s.d.), genannt der Schnepperer (1430–60), dessen Gedicht auf der Nürnberger Sieg bei Hempach (1450) am bekanntesten[892] ist, u. Michael Beheim (s.d.), dessen zahlreiche, oft sehr umfangreiche Reimwerke ihres historischen Inhalts halber beachtenswerth sind. Vortheilhaft unter seinen Zeitgenossen im 16. Jahrh. zeichnet sich Johann Fischart (s.d.) mit seinem Glückhaftem Schiff (1576) aus. Bei der vorherrschenden Neigung zum Allegorisiren u. Symbolisiren war es natürlich, daß man nicht selten auch allegorische Geschichten u. Erzählungen, meist in das Gebietder didaktischen u. beschreibenden Poesie hinüberspielend, verfaßte. Dahin gehören zunächst viele der sogenannten Reden, kleinerer Gedichte in Erzählungsform, in denen Gegenstände sehr verschiedener Art, häufig aber die Minne (wie Der Minne Lehre von Johann [od. Klein Heinzelin] von Konstanz aus dem Schlusse des 13. Jahrh.), behandelt werden. Dann einige der besseren Gedichte Peter Suchenwirts u. aus dem 16. Jahrh. viele von Hans Sachs; ferner die umfangreichere Mohrin des Hermann von Sachsenheim (1453). Auch wirkliche Begebenheiten hüllte man in das Gewand der Allegorie, wie eine Reihe von Abenteuern u. Begebenheiten aus dem Leben des Kaisers Maximilian I. in dem zu seiner Zeit bewunderten Romane Theuerdank (1517), nach des Kaisers eigenem Entwurfe von Melchior Pfinzing bearbeitet. Der vorherrschend lehrhaften Richtung der Zeit erlag auch die Thiersage, welche zuerst 1498 in niederdeutscher Sprache, wahrscheinlich von Nikolaus Baumann aus dem niederländischen Reinart übertragen, unter dem Namen Reineke Vos bekannt wurde. Verwandt mit dieser satyrischen Dichtung ist der etwa 100 Jahre jüngere Froschmäuseler von Georg Rollenhagen (s.d.). Mit ganz besonderer Vorliebe wurde in diesem Zeitraum die kleine poetische Erzählung gepflegt. Zu den alten Stoffen kamen viele neue hinzu aus dem Alterthum, wie aus der deutschen Übersetzung des Decamerone von Boccaccio (zuerst 1471), dem Sammelwerke der Gesta Romanorum (s.d.) etc. Unter den novellenartigen Geschichten verdienen besondere Erwähnung der Ritter von Staufenberg u. zwei Bearbeitungen des Buches von den Sieben weisen Meistern, davon eine, Diocletians Leben, von Hans von Bühel (1412) herrührt. Die Erzählungen u. Schwänke von Hans Rosenblüt (s.d.) gehören zu den besten dieses Zeitraums; weniger bekannt sind die seines jüngeren Zeitgenossen Hans Folz. Ganze Reihen von Schwänken wurden in den beiden Gedichten: der Pfarrer vom Kalenberg, von Philipp Frankfurter (Schluß des 14. Jahrh.), u. Peter Leu, von Achilles Jason Widmann (1560), bearbeitet. Verwandt den beiden letzten Dichtungen sind die Bearbeitungen des Salomon u. Markolf aus dem Anfang des 15. Jahrh. u. die Wunderbarlichen Gedichte u. Historien des Neidhart Fuchs. In allen Arten der poetischen Erzählung versuchte sich Hans Sachs; weniger bedeutend sind die Schwänke von Burkard Waldis u. Lazarus Sandrub. Epische Volkslieder entstanden in diesem Zeitraum in unglaublicher Anzahl. Ihrem Gegenstande nach zerfallen sie in drei Klassen: in solche, welche auf namhaft gemachte Personen u. Ereignisse bezügliche Sagen darstellen; in eigentlich historische, welche Zeitbegebenheiten behandeln; in balladen- u. romanzenartige Gedichte mehr allgemeineren Inhalts. Die Stücke der ersteren Klasse behandeln theils Gegenstände der deutschen Heldensage, theils vereinzelte Wunder u. Liebesgeschichten, wie die vom Herzog Ernst, vom edlen Möringer, von Heinrich dem Löwen, vom Tanhäuser, vom Ritter Trimunitas etc. Für die zweite Klasse lieferten die zahlreichen Kriege u. Fehden, Raub- u. Mordgeschichten u. dgl. dieser Zeit einen reichen Stoff. Dahin gehören die ausgezeichneten Lieder von Halb-Suter (um 1386) u. Veit Weber (seit 1474), welche die ruhmreichen Kämpfe der Schweizer gegen Österreich u. Burgund besangen. Andere entstanden unter den Dithmarsen, sowie überall im ganzen Deutschland. Die dritte Klasse berichtet meist von den glücklichen od. unglücklichen Begebenheiten Liebender, sowie von komischen Vorfällen des täglichen Lebens; viele derselben sind vortrefflich, wie denn überhauptdiese Klasse unter allen erzählenden Volksliedern am höchsten steht.

In der Lyrik dieses Zeitraums ist der volksmäßige Gesang von dem meisterlichen zu unterscheiden. Die erste Genossenschaft bürgerlicher Sänger bildeten sich bereits nach der Mitte des 13. Jahrh. zu Mainz um den berühmten Frauenlob. Hierauf traten die Sängerschulen zurück, bis man nach Mitte des 14. Jahrh. wiederum auf Meistersänger trifft. Von jetzt an wächst die Zahl ihrer Schulen mit jedem Jahrh., namentlich im südlicheren u. mittleren Deutschland. Seit der Reformation war bes. Nürnberg Sitz des Meistergesangs. Die Mehrzahl der Meistergesänge aus diesem Zeitraum ist noch ungedruckt, auch mag nur Weniges die Veröffentlichung verdienen. Beachtenswerthe Dichternamen sind: Heinrich von Müglein (um 1370), Suchensinn (Ende des 14. Jahrh.), Muscatblüt (s.d.), Michael Beheim, Hans Sachs u. Adam Puschmann Das weltliche Volkslied ist theils lyrisch, theils geistlich; beide Hauptartendauern diesen ganzen Zeitraum nebeneinander fort u. gelangen auch ziemlich zu derselben Zeit zur Blüthe. Die weltlichen lyrischen Volkslieder sind entweder Liebeslieder, in denen zum Theil, wie namentlich in denen von Hugo von Montfort, von Muscatblüt u. vom Tyroler Oswald von Wolkenstein, noch deutlich der ritterliche Minnegesang nachklingt, od. Frühlings- u. Sommerlieder, Trinklieder, das Sittenlied etc.; ferner politische Lieder od. Jägerlieder u. Bergreihen. Daran schließen sich die Studenten- u. Soldatenlieder, sowie die Lob- u. Spottlieder auf dieverschiedenen Handwerke. Das geistliche Lied dieses Zeitraums ist theils unmittelbare u. selbständige Fort- u. Umbildung des älteren religiösen Volks- u. Kunstgesanges, theils hat es einen andern Ursprung, indem man geistliche Texte in der Versart od. nach der Melodie berühmter weltlicher Lieder dichtete, od. auch weltliche Lieder geradezu in geistliche umgestaltete. Zu der ersteren Art gehören auch die Lieder der Flagellanten, sowie die der Mystiker, namentlich Johann Taulers; ferner die religiösen Lieder Hugos von Montfort, der Ostergesang des Konrad von Queinfurt, die Nachbildungen der lateinischen Sequenzen u. Leiche durch den Mönch von Salzburg; zur zweiten die Lieder des Heinrich von Laufenburg (1415 bis 1458). Letzter, sowie Peter von Dresden, verfaßten auch geistliche Gesänge aus gemischten lateinischen u. deutschen Zeilen. Mit der Reformation wurde der geistliche Volksgesang zum Kirchenliede, welches nunmehr einen Hauptbestand theil des Gottesdienstes bildete. Luther gab nicht nur die Anregung zu dieser neueren Gestaltung der geistlichen [893] Lyrik, sondern übte dieselbe auch selbst mit glücklichstem Erfolge, während er mit seinem Freunde Hans Walther den Choralgesang der Gemeinde unendlich vervollkommnete u. ordnete. Auf der Bahn, welche Luther betreten hatte, folgten ihm bes. unter der Geistlichkeit zahllose andere Dichter von Kirchenliedern. Noch im Reformationszeitalter dichtete Paul von Spretten, Justus Jonas, Lazarus Spengler, Nicolaus Decius, Michael Weiße, Adam Reißner, Erasmus Alberus, Paul Eber, Nicolaus Hermann, Ambrosius Blaurer u. die Übersetzer des ganzen Psalters, Hans Gamersfelder u. Burkard Waldis. Später, als in Folge der theologischen Streitigkeiten ein trockener Dogmatismus u. eine finstere Ascetik ihren Einfluß übten, lebten Ludwig Helmbold, Nicolaus Selnecker, Martin Schalling, Bartholomäus Ringwaldt, Philipp Nicolai u. Ambrosius Lobwasser. Wie sehr sich auch die gesammte deutsche Dichtung schon gegen Schluß der vorigen Perioden zur Didaktik hinzuneigen begann, so ist doch aus dieser Zeit von eigentlich didaktischen Dichtungen nur Weniges zu nennen. Ihre Bedeutung besteht weniger im poetischen Verdienst, als vielmehr in dem Einfluß, welchen sie auf die deutsche Bildung gewannen. Der Darstellungsform nach sind sie entweder vorzugsweise rede- u. spruchartig, od. erzählend od. dialogisch. In Spruchform gedichtet sind die moralischen Reden Heinrichs des Teichners u. einiges Ähnliche von Peter Suchenwirt aus dem 14. Jahrh.; ferner aus dem 15. Jahrh. das Buch der Tugend von Hans Vintler (1411), eine Anzahl geistlicher u. weltlicher Priameln von Hans Rosenblüt u. And., sowie Seb. Brants (s.d.) Narrenschiff; aus dem 16. Jahrh. endlich die Narrenbeschwörung u. die Schelmenzunft von Thomas Murner (s.d.), die Klage u. Vermahnung gegen die Gewalt des Papstes von Ulrich von Hutten, mehrere Spruchgedichte von Hans Sachs, die Mahnrede an die Teutschen von Johann Fischart u. die Lautere Wahrheit von Bartholomäus Ringwaldt. Didaktische Poesten in Erzählungsform, wie Fabeln, Bergreden, Allegorien, Visionen, hat Hans Sachs geliefert; Fabeln u. Beispiele hat man auch von einem niederdeutschen Anonymus, von Burkard Waldis u. Erasmus Alberus, sowie unter den kleinen erzählenden Stücken, mit denen Eucharius Eyring die von ihm gesammelten deutschen u. lateinischen Sprüchwörter begleitet hat. Umfangreicher sind das Buch der Maide, ein allegorisch-didaktisches Gedicht aus dem 14. Jahrh. von Heinrich von Müglein, ferner der Spiegel des menschlichen Heils u. das Buch der Figuren, zwei symbolisirendascetische Dichtungen aus dem 15. Jahrh. von Heinrich von Laufenburg u. die Christliche Warnung des treuen Eckarts, eine Vision von Barthol. Ringwaldt aus dem 16. Jahrh. Dialogisirle didaktische Poesien waren bes. im Reformationszeitalter beliebt; die werthvollsten findet man unter den Kampfgesprächen des Hans Sachs.

Als eine wesentlich neue Erscheinung in diesem Zeitraume ist das deutsche Drama zubetrachten. Zwar hatte schon im 10. Jahrh. Hroswitha, eine Äbtissin zu Gandersheim, Dramen geschrieben u. auch in ihrem Kloster zur Aufführung gebracht, allein dieselben sind blos christliche Nachbildungen der Lustspiele des Terenz u. daher gelehrter Natur. Dagegen waren von Alters her bei heidnischev Festlichkeiten Vermummungen u. Aufzüge welche zur Veranschaulichung gewisser Ideen od. Ereignisse dienten, im Gebrauch, für welche nach Einführung des Christenthums die Geistlichkeit einen Ersatz zu schaffen sich bestrebte, indem sie ähnliche Feierlichkeiten an kirchliche Feste anschloß. Biblische, namentlich neutestamentliche Stoffe, vor Allem aber die Leidensgeschichte Christi, bildeten den Gegenstand solcher Darstellungen, bei denen Anfangs das Wort nur wenig Anwendung fand, demselben aber allmählich immer mehr Raumge gönnt wurde. Zuerst wurde nur der betreffende biblische Text, u. zwar lateinisch, dabei vorgelesen, od. wohl häufiger dazu gesungen, dann wurde derselbe mit Zusätzen begleitet od. wohl selbst meiner Art von dramatischem Wechselgespräch verarbeitet, jedoch ohne daß dabei von einer eigentlich dichterischen Thätigkeit die Rede sein konnte. Gegen diese kunstlosen Anfänge bilden jedoch einen Fortschritt zum wirklichen Drama die sogenannten Mysterien (s.d.) od. geistlichen Spiele, in denen biblische u. legendenartige Stoffe einer freieren Bearbeitung unterliegen, von denen aber nur Weniges in einiger Vollständigkeit auf uns gekommen ist. Am häufigsten zur Aufführung kamen die sogenannten Passionsspiele od. Darstellungen der Leidensgeschichte Christi. Vollständig erhalten ist das sogenannte Alsfelder Passionsspiel, wenn auch nur in einer Aufzeichnung aus dem Ende des 15. Jahrh.; nur in Bruchstücken liegen bis jetzt vor verschiedene Bearbeitungen der Marienklage u. einige Osterspiele. An das Legendenartige streift die ziemlich alte Marien-Himmelfahrt; von dramatisirten Legenden besitzen wir aus dem 14. Jahrh. die Heilige Dorothea u. den niederdeutschen Theophilus (s.d.); aus dem 15. Jahrh. das Spiel von Frau Jutten (die Geschichte der sogenannten Päpstin Johanna), um 1480 von einem Geistlichen Theoderich Schernberg gedichtet. Zur Aufführung gelangten diese geistlichen Spiele in Kirchen u. auf öffentlichen Plätzen u. dauerten oftmehrere Tage. Von der Geistlichkeit begünstigt, erhielten sie sich in entlegeneren Theilen Deutschlands, wie z. V. im Oberammergau, bis auf die neueste Zeit. Einen anderen Anlauf nahm die dramatische Kunst von weltlicher Seite her in den Fastnachtsspielen (s.d.), in denen auch erst allmählig das gesprochene Wort zur Hauptsache u. eine gewisse Kunst in der Anlage bemerklich wurde. Vorher meist regellose Possen, wurden sie um die Mitte des 15. Jahrh. zu Bildern aus dem gewöhnlichen Leben des Volks, denen bald eine mehr belehrende, bald eine mehr satyrische Färbung verliehen wurde; doch blieb der possenhafte Inhalt fortwährend die Hauptsache. Die vorzüglichste Heimath des Fastnachtsspiels war Nürnberg, wo auch im 15. Jahrh. Hans Rosenblüt, genannt der Schnepperer, u. nicht viel später Hans Folz dergleichen dichteten. Einen verhältnißmäßig bedeutenderen Aufschwung nahm das Drama in Deutschland im 16. Jahrh., namentlich durch den Einfluß des Terenz, der seit 1486 mehrfachen das Deutsche übertragen worden war. Man begann auch Tragödien u. Komödien, jedoch nicht in der Anlage, sondern nur nach ihrem Ausgang, zu unterscheiden. Gleichzeitig erwuchs der dramatischen Poesie ein wesentlicher Vortheil dadurch, daß sie den Kreis ihrer Gegenstände bedeutend erweiterte. Leider bedienten sich die begabteren Männer dieser Zeit auch in ihren dramatischen Dichtungen der Lateinischen Sprache, wie Joh. Reuchlin, Thomas Naogeorg (Kirchmeier) u. Ricod. Frischlin. Doch[894] wandte sich der gelehrte Schulmann Paul Rebhuhn in Berlin (1564 bis 1613) mit Erfolg dem deutschen Drama zu. Die bedeutendsten unter den dramatischen Dichtern dieses Jahrhunderts sind Hans Sachs (s.d.), der sich dieser Dichtgattung bes. seit 1545 zuwandte, u. Jakob Ayrer, dessen fruchtbare Thätigkeit mit dem Ausgange des 16. Jahrh. beginnt. Nächst diesen ist noch der Herzog Heinrich Julius von Braunschweig (geb. 1564, gest. 1613) zu nennen, sowie wegen ihrer Fruchtbarkeit Joachim Greth (1535–45), Georg Mauritius (geb. 1539, gest. 1610) u. Wolfhart Spangenberg (1603–15). Die Grundlagen, die bes. durch die Thätigkeit des Hans Sachs für die Weiterentwickelung eines nationalen deutschen Theaters gewonnen worden waren, wurden jedoch durch fremde Einflüsse, die von jetzt an überhand nahmen, zerstörend angegriffen. Während die Aufführung der Stücke bisher in den Händen des Volks geblieben war u. auf offenem Markte, in Rathhäusern u. Schulsälen stattfand, begegnet man gegen Ende des 16. Jahrh. den ersten Spuren berufsmäßiger Schauspieler in den sogenannten Englischen Komödianten. Diese führten Stücke aus England ein, die zwar inhaltsreicher u. kunstmäßiger waren als die einheimischen, aber doch zugleich fremdartig waren. Dieser fremde Einfluß macht sich daher auch schon bei den Dichtern am Ausgang dieses Zeitraums, theilweise selbst schon bei Jakob Ayrer, bemerkbar.

Die deutsche Prosa dieses Zeitraums dürfte, wenn auch weniger an Umfang, so doch an inneren Gehalt, der Poesie überlegen sein. Sehr reich ist die Literatur der Romane, größeren u. kleineren Erzählungen, welche meist dieselben Gegenstände mit den vorausgehenden u. gleichzeitigen epischen u. episch-didaktischen Dichtungen gemein haben. Viele sind blos aus fremden Literaturen übersetzt, andere wählen die Stoffe älterer, einheimischer, aus fremder Überlieferung geschöpfter Werke der erzählenden Kunstpoesie. So sind die Romane zum größten Theil mehr od. minder treue Übertragungen, vorzüglich französischer u. lateinischer Prosawerke. Dahin gehören: Lother u. Maller, Pontus u. Sidonia, die Melusine, Euriolus u. Lucretia, Fortunatus, Fierabras, die Haimonskinder, die schöne Magelone, Kaiser Octavianus, Amadis von Gallien, welche sämmtlich erst in diesem Zeitraume den Deutschen zugeführt wurden, während Wigalois u. Tristan im 15. Jahrh. aus den älteren deutschen Kunstdichtungen Wirnts von Grafenberg u. Eilharts von Oberg entstanden. Ganz selbständig der Abfassung nach u. zum großen Theil aus einheimischen Elementen erwachsen, sind die drei Volksromane von Tyll Eulenspiegel (ursprünglich niederdeutsch), vom Schwarzkünstler Faust u. das komisch-satyrische Lalenbuch od. die Schildbürger. Auf der Grundlage eines satyrisch-humoristischen französischen Romans beruht die wahrhaft geniale u. sprachgewandte Geschichtklitterung od. Gargantua von Joh. Fischart. Unter den Sammlungen kleiner erzählender Stücke aller Art, welche als solche schon vor ihrer Übertragung ins Deutsche vorhanden waren, od. von den deutschen Bearbeitern od. Verfassern erst zusammengestellt wurden, sind die bekanntesten von ersteren: das Buch von den Sieben weisen Meistern, die Gesta Romanorum u. die Bearbeitung des Decamerone des Boccaccio; von letzteren: der Schimpf u. Ernst des Barfüßermönchs Joh. Pauli aus dem Anfang des 16. Jahrh., sowie das Rollwagenbüchlein von Georg Wickram, die Gartengesellschaft von Jakob Frey u. der Wend-Unmuth von Hans Wilh. Kirchhof. Von prosaischen Fabeln findet sich ein großer Reichthum in der Übersetzung des Äsop von Heinrich Steinhöwel (nach der Mitte des 15. Jahrh.), desgleichen Legenden in dem Buch von der Heiligen Leben, welches Hermann von Fritzlar schon um die Mitte des 14. Jahrh. sammelte. Satyrische Schriften entstanden im Reformationszeitalter, in großer Menge aber in der Zeit nach demselben. Zu den geistreichsten u. witzigsten gehören Aller Praktik Großmutter u. der Bienenkorb des heiligen römischen Immenschwarms von Joh. Fischart. Schon vor der Reformation hatte sich eine geschichtliche Darstellung entwickelt, die über die bloße Aufzählung einzelner Thatsachen hinausging. Dies bekundete unter Anderem die Strasburgische Chronik, welche Fritsche Closener im Jahre 1362 vollendete, u. die zum größten Theil daraus geschöpfte Elsassische Chronik von Jakob Twinger von Königshofen (geb. 1346, gest. 1420), ferner die Thüringische Chronik von Johannes Rothe (um 1431), die Berner von Die Schilling (um 1465) u. Petermann Etterlins Chronik der Eidgenossenschaft (1507). Zeigten schon diese beiden letzteren Werke gewisse Fortschritte, so vervollkommnete sich doch die historische Darstellung im Laufe des 16. Jahrh. in noch höherem Grade zum Theil unter dem wohlthätigen Einflusse von Luthers Schreibart. Dies zeigt sich zunächst schon in Joh. Thurmayrs, genannt Aventinus (s.d.) Baierischer Chronik (zuerst vollständig Frkf. 1566), dann in der noch vorzüglicheren Weltgeschichte Seb. Franks (s.d.) u. dessen Chronik des ganzen deutschen Landes, sowie ferner in der Schweizerischen Chronik des Ägidius Tschudi (s.d.) u. der erst niederdeutsch abgefaßten, dann aber vom Verfasser selbst auch zweimal ins Hochdeutsche übersetzten Pommerschen Chronik des Thomas Kantzow (gest. 1542). Charakteristisch für die Sinnesart u. Handelsweise des Zeitalters u. bes. der höheren Stände ist die Selbstbiographie des Ritters Götz von Berlichingen u. die Denkwürdigkeiten des Ritters Hans von Schweinichen. Reise-, Länder- u. Erdbeschreibungen finden sich schon viele in dieser Zeit, berühren sich aber in ihren Anfängen noch vielfach mit der erzählenden Dichtung, wie dies der Fall ist bei der berühmtesten unter den älteren Reisebeschreibungen, der des Engländers Maundeville, die zuerst im Anfang des 15. Jahrh. ins Deutsche übersetzt wurde. Bereits von größerer Bedeutung für die Wissenschaft u. auch in stylistischer Beziehung sich vortheilhaft auszeichnend, sind die Weltbeschreibungen von Seb. Frank u. Seb. Münster. Von tiefgreifendem Einfluß wurden in der ersten Hälfte dieses Zeitraums die Mystiker, welche theils in Predigten, theils in belehrenden Abhandlungen ihre Ansichten entwickelten u., indem sie im Gegensatz zur katholischen Werkheiligkeit Heiligung des inneren Menschen verlangten, der Reformation nicht wenig vorarbeiteten. Ihre Reihe beginnt mit dem bereits obengenannten Meister Eckart (st. vor 1329), außer welchem selbst sich noch Nicolaus von Strasburg (um 1326) u. Johann Tauler als Prediger auszeichneten. Unter den übrigen Kanzelrednern ist aus der Zeit vor der Reformation nur noch Joh. Geiler von Kaisersberg hervorzuheben[895] (1445–1510), der unter Anderem auch über Seb. Brandts Narrenschiff predigte. Einen mächtigen Aufschwung nahm die deutsche Prosa mit der Reformation, wozu zahlreiche Übersetzungen aus alten Klassikern nicht wenig beitrugen. Obenan steht hier Luther selbst, der durch seine Bibelübersetzung, seine Predigten u. seine zahlreichen Flugschriften auch auf die Entwickelung der Literatur einen unermeßlichen Einfluß übte; ihm zur Seite, wenn auch in formeller Beziehung nicht so entwickelt, waren Ulrich von Hutten u. Ulrich Zwingli thätig. Unter den jüngeren geistlichen Rednern ist Johann Mathesius (1504–65) einer der populärsten u. gemüthvollsten. Unter den religiös-didaktischen Schriften dieses Zeitraums sind die speculativ-theologischen u. mystisch-ascetischen, welche aus Eckart Schule od. verwandten Geistesrichtungen hervorgingen, die wichtigsten, wie außer denen von Eckart selbst, die von Joh Tauler, Heinrich den Sensen od. Suso (s.d.), Heinrich von Nördlingen u. Otto von Passau (um 1386). Dahin gehören ferner das von Luther hochgehaltene u. herausgegebene Büchlein von der deutschen Theologia (1518) eines unbekannten Verfassers, mehrere Schriften von Luther u. Zwingli, des katholischen Bischofs Berthold Deutsche Theologie, mehrere theologische Schriften Seb. Franks, vornehmlich dessen Lob des göttlichen Wortes. Treffliche Lehren praktischer Lebensweisheit gab im 15. Jahrh. Albrecht von Eybe (gest. 1475) im Ehestandsbüchlein u. dem Spiegel der Sitten, sowie Joh. Fischart im Philosophischen Ehezuchtbüchlein. Ein ganz neues Gebiet für die Deutsche Sprache gewann Luthers Zeitgenosse, Albrecht Dürer (s.d.), in seinen mathematisch-artistischen Schriften, während die Auslegungen deutscher Sprüchwörter durch Joh. Agricola u. Seb. Frank wichtig für die Geschichte der Sprache u. des Volksgeistes geworden sind. In das 16. Jahrh. fallen auch die ersten unbeholfenen Versuche in der wissenschaftlichen Auffassung u. Darlegung des deutschen Sprachorganismus; als die älteste der auf uns gekommenen deutschen Grammatiken gilt die von Valentin Ickelsamer (gedruckt um 1522), während Niclas von Weyl schon früher über deutsche Rechtschreibung nachgedacht hatte.

Mit dem Schluß dieses Zeitraums beginnt die neue Zeit der D. L., welche sich jetzt von allen alten Anknüpfungen u. Überlieferungen immer mehr loswindet, aber unter pedantischer Zucht eine ganz neue Schule durchzumachen u. den drückenden Einfluß fremder Literaturen zu überwinden hat, bis sie sich endlich unter Beihülfe der literarischen Kritik zu neuer Blüthe u. höchster Vollendung erhebt.

V. Die fünfte Periode, welche vom Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges bis zum zweiten Viertel des 18. Jahrh. od. auch bis zum Siebenjährigen Krieg angenommen wird, ist charakterisirt durch die Herrschaft gelehrter Kunstpoesie im schroffen Gegensatze zu der mehr u. mehr verfallenden Volkspoesie, durch Entstellung der deutschen Sprache u. des deutschen Sinnes durch Nachahmung des Auslandes u. äußeres Elend. Der Einfluß, welchen der Gelehrtenstand bereits im 16. Jahrh. auf die allgemeine Bildung zu üben begonnen hatte, wuchs immer mehr; namentlich waren es einerseits die Theologen, andererseits die Juristen, welche zu dem größten Ansehen im Staate u. an den Höfen gelangten. Für die Fürsten u. den Adel wurde eine gelehrte Erziehung unentbehrlich, u. es entwickelte sich als Ideal der Bildung eine Polyhistorie, die zwar alle Gebiete des Wissens umfaßte, aber arm an belebenden u. befruchtenden Gedanken war. Als ein Hauptvertreter derselben kann Daniel Morhof (s.d.) gelten, der unter vielem Anderen auch über Deutsche Sprache u. Literatur schrieb. Die freiere Entwickelung war gefesselt durch Schul- u. Facultätszwang, starre Satzung u. todtes Formelwesen, Pedanterie, Vorurtheil u. nutzlose Wortgelehrsamkeit. Doch noch vor Ablauf des 17. Jahrh. sollte zur Abhülfe dieser großen Übelstände ein entscheidender Anfang gemacht werden. Von kirchlicher Seite her geschah dieses durch die Bewegungen, welche Phil. Jac. Spener u. seine Anhänger, die Pietisten, bes. August Hermann Francke (s.d.), der Stifter des Hallischen Waisenhauses, hervorbrachten; auf wissenschaftlichem Gebiete wirkte ebendahin Christian Thomasius (s.d.), welcher die Deutsche Sprache für die akademischen Vorträge einführte, das Aufhören der Hexenprocesse durchsetzte u. die erste deutsche Zeitschrift (Monatsgespräche, 1688–90) herausgab. Die Pietisten zählten in Joh. Arndt (s.d.), den Verfasser der Vier Bücher vom wahren Christenthum u. des Paradiesgärtlein, u. in Joh. Val. Andreä (s.d.) würdige Vorläufer, während schon vor Thomasius Männer, wie Joh. Balthasar Schupp (s.d.) u. Christian Weise (s.d.), entschieden auf bessere Einrichtung der Schulen u. unbeschränkten Gebrauch der Muttersprache drangen. Um dieselbe Zeit begann auch aus dem todten Wissenein wahrhaft wissenschaftlicher Geist zu entsprossen. Während auf theologischem Gebiet die Pietisten reformirend wirkten, brach Sam. von Pufendorf in der Rechtswissenschaft eine neue Bahn; die Naturwissenschaften wurden durch höchst erfolgreiche Entdeckungen wesentlich erweitert. In der Philosophie hatte zwar schon zu Anfang des 17. Jahrh. der Theosoph Jakob Böhme eigene Wege gesucht, allein seine Schriften vermochten auf den Entwickelungsgang des gelehrt-wissenschaftlichen Lebens nur wenig Einfluß auszuüben. Außerordentlich hingegenwurde der Einfluß, welchen Gottfried Wilh. von Leibniz (s.d.), einer der größten Gelehrten aller Zeiten, durch seine zahlreichen, theils lateinischen, theils französischen Schriften über Geschichte, Philosophie u. Politik auf die Wissenschaft ausübte. Unter Anderem spricht sich derselbe in der Stiftung der Berliner Akademie der Wissenschaften (1700) aus. Systematisch durchgeführt wurde die von Leibniz mehr nur in ihren Grundzügen entworfene Philosophie in streng mathematischer Methode durch Christian von Wolff (s.d.), zuletzt Kanzler der 1694 gegründeten Universität zu Halle. Bevor sich aber diese Keime zu einem gereinigteren Geistesleben entwickelten, hatte Deutschland das Elend des Dreißigjährigen Krieges zu erdulden. Abgesehen von der Verwüstung, Entvölkerung u. allgemeinen Verarmung, welche derselbe unmittelbar nach sich zog, wurde der Religionshaß in vielen Theilen von Neuem erweckt, die in anderen Theilen bereits herrschende Reformation wieder unterdrückt, die Einheit u. Einigkeit des Deutschen Reiches ging verloren u. der Einfluß des Auslandes bemächtigte sich aller Lebenskreise. Der glänzende Hof zu Versailles wurde das Vorbild aller deutschen Höfe, denen der Adel u. ein großer Teil des Gelehrtenstandes in der Nachäffung französischer Sitte[896] u. Unsitte folgen mußte. Zur höheren Bildung gehörten weite Reisen, man studirte auf italienischen u. niederländischen Universitäten, in London, Madrid; vor Allem aber in Paris u. Versailles erwarb man sich die sogenannte Weltbildung, welche sich in gründlicher Verachtung der vaterländischen Zucht u. Sitte, Tracht u. Sprache kundgab. Nur die bevorzugten Stände hatten Geltung, alles Übrige fiel der tiefsten Verachtung anheim u. lebte meist in Elend, wie in sittlicher Versunkenheit. Nur hier u. da in den Städten, sehr selten auf dem flachen Lande, begegnete man in dieser Zeit einer einfachen u. redlichen Frömmigkeit.

Der Unterschied zwischen Volkspoesie u. Kunstpoesie, den die Reformation einigermaßen gemildert hatte, mußte bei diesen Zuständen des öffentlichen Lebens nur um so schärfer hervortreten. Die Literatur der niederen Stände war verwildert u. verachtet, die Literatur der höheren Stände aber eine vorherrschend gelehrte, u. da die Poesie meist von Gelehrten, welche dem Bürgerthum angehörten, gepflegt wurde, so hatte dies wenigstens die gute Folge, daß die Dichtung bei den Höfen u. Dynastien wieder zu Achtung u. Ansehen gelangte u. selbst die höchstgestellten Männer thätig mitwirkten; gleichzeitig jedoch war dies der Grund, daß die Dichtung ihre vorzüglichsten Stützpunkte theils in den sogenannten Sprachgesellschaften, theils an einzelnen Universitäten, Höfen u. Handelsplätzen, u. zwar fast ausschließlich im protestantischen Deutschland, fanden. Als Zweck stellten sich diese Sprachgesellschaften die Reinerhaltung der Sprache u. Ausbildung der poetischen Anwendung, doch war ihr Nutzen nur gering, da sie sich in Spielereien verloren u. zu kriechender Schmeichelei gegen die Höherstehenden führten. Die angesehenste derselben war die Fruchtbringende Gesellschaft (s.d.) od. der Palmenorden, 1617 zu Weimar von Kaspar von Teutleben gegründet u. bes. von sächsischen u. anhaltischen Fürsten gefördert. Während die Aufrichtige Tannengesellschaft, 1633 in Strasburg durch Esaias Römpler von Löwenhalt gestiftet, sich nicht über den Bereich dieser Stadt hinaus verbreitet zu haben scheint, wurde bes. in Beziehung auf die Deutsche Sprache die Deutschgesinnte Genossenschaft (s.d.) von Bedeutung, welche 1643 von Philipp von Zesen u. zwei seiner Freunde in Hamburg begründet wurde, aber in ihren puristischen Bestrebungen zu weit ging; sie bestand mindestens bis 1705. Die Gesellschaft der Pegnitzschäfer (s.d.), auch der Gekrönte Blumenorden an der Pegnitz genannt, 1644 in Nürnberg von Georg Philipp Harsdörfer u. Joh. Klai gestiftet, war während des 17. Jahrh. nach der Fruchtbringenden Gesellschaft am Meisten in Ansehen. Dieser Orden, der in einer Art verwandtschaftlichen Verhältnisses zu den alten Singschulen stand, war dichterisch thätig, aber bei Ausbildung des schäferlichen Wesens fast nur in spielender Richtung. In noch größere Geschmacklosigkeiten verfiel der erst 1656 von Joh. Rist zu Wedel im Holsteinischen gegründete Elbschwanenorden, der jedoch schon 1667 mit dem Tode des Stifters wieder einging. Auch fand namentlich seit Opitz die deutsche Dichtkunst ihre Vertretung an den Universitäten u. gelehrten Schulen, so durch Aug. Buchner in Wittenberg, durch Andr. Tscherning in Rostock, durch Sim. Dach in Königsberg, durch Christoph Kaldendach in Tübingen, später in Kiel u. Altorf durch Dan. Georg Morhof u. Magn. Dan. Omeis. Auch auf den Schulen, namentlich Schlesiens u. Sachsens, wurde es üblich, deutsche Gedichte zu machen, wozu bes. Chr. Weise in Zittau u. Christian Gryphius in Breslau ein gutes Beispiel gaben. Eine eigentlich poetische Gesellschaft erhielt in der ersten Hälfte dieses Zeitraums unter allen Universitätsstädten nur Königsberg, wo sie sich ohne feste Satzungen von Sim. Dach u. dessen nächste Freunde Rob. Roberthin u. Heinr. Albert bildete u. die Mitte hielt zwischen den Sprachgesellschaften u. den späteren deutschen Gesellschaften, die in Folge an deren Stelle traten. Die erste der letzteren wurde 1697 in Leipzig von einer Anzahl junger Leute gestiftet, welche den Professor Joh. Burkhardt Mencke zu ihrem Vorsteher wählten, anfänglich den Namen Görlitzischpoetische Gesellschaft, dann Deutschübende poetische, seit 1727 Deutsche Gesellschaft führte, aber erst seit Gottscheds Ernennung zum Senior 1726 einen bedeutenderen Einfluß auf die D. L. erlangte. Nach dem Beispiel der Leipziger bildeten sich ähnliche deutsche Gesellschaften in Jena, Göttingen, Greifswald, Königsberg, Helmstädt, von denen jedoch keine für die Geschichte der Deutschen Sprache u. Poesie von Wichtigkeit geworden ist. Dasselbe gilt zwar auch von der Deutschübenden Gesellschaft, die 1715 in Hamburg von Brockes, Richey u. König begründet wurde, aber doch zum Theil die Ursache wurde, daß Hamburg auch in der Folgezeit einer der vornehmsten Sitze deutscher Geistesbildung blieb. Es lag in dem Wesen der ganzen Gelehrtenpoesie dieses Zeitraums, daß nicht Gefühl u. Phantasie ihre Quellen waren, sondern nüchterne Reflexion u. verstandesmäßiges, kühles Urtheil. Man dichtete nicht aus innerem Triebe, sondern man folgte meist nur einem äußerlichen Anstoße. Der lehrhafte Charakter überwog zwar auch jetzt noch, doch war es nicht mehr der frühere religiös-sittliche, sondern der rationalistisch-schulmeisterliche. Das Gelegenheitsgedicht im engsten Sinne herrschte vor auf dem Gebiet der Lyrik; man besang Geburten, Hochzeiten u. Todesfälle u. suchte durch Wortwitz den eigenen Aufschwung des Dichters zu ersetzen. Im Einklang mit der allgemeinen Richtung der Zeit schloß man sich in Bezug auf Stoff u. Form unbedingt fremdländischen Vorbildern an. Man folgte nicht blos den griechischen u. römischen Klassikern, sondern namentlich den Franzosen u. Italienern. Man hatte deren Vorzüge erkannt, wollte dieselben aber ohne Weiteres der einheimischen Poesie einimpfen. Es entstand auf diese Weise eine Dichtung, welche einen ihr innerlich fremden Gedankengehalt mit einer dem Ausland ungeschickt nachgeahmten Form umgab u. deshalb nothwendig zu immer größerer Übertreibung, ja Caricatur ausarten mußte. Man ahmte die künstlichen Formen der Lyrik des Südens nach, ohne deren Wohllaut u. Sprachgewandtheit erreichen zu können; aus Frankreich wurde der Alexandriner entlehnt, der für die Deutsche Sprache ganz unpassend ist, aber dennoch in allen Dichtarten, mit Ausnahme des Liedes, herrschend wurde. Unter allen Hauptgattungen der Kunstpoesie fand auch in diesem Zeitraume die Lyrik die meiste Pflege. In Anschluß an die vorausgehende Zeit waren die Vorbereiter der Opitz'schen Zeit fast alle am Mittel- u. Oberrhein u. in Schwaben heimisch. Als die ältesten derselben galten P. Melissus u. Pet. Danaisius, deren Lebenszeit noch fast ganz in das 16. Jahrh.[897] fällt. Ihnen schließen sich zunächst an Theob. Höck, welcher Liebeslieder u. Gelegenheitsstücke aus dem Kreise des Hof- u. Staatslebens, u. J. Val. Andreä, welcher außer religiösen u. moralischen Liedern auch verschiedene didaktische Gedichte verfaßte. Während diese in Behandlung der Sprache u. der metrischen Form noch der Regellosigkeit der gleichzeitigen Volkspoeten folgen, zeigt in dieser Beziehung E. Schwabe von der Heide bereits einen bedeutenden Fortschritt. G. R. Weckherlin ans Stuttgart (1584 bis 1651) gehört schon völlig zu den gelehrten Kunstdichtern des 17. Jahrh., wenn er sich auch noch nicht allzeitig zu den Grundsätzen von Opitz bekennt; er wandte künstliche ausländische Formen, wie das Sonett, an; in etwas ungelenker Form spricht er ernste u. kräftige Gedanken, namentlich auch patriotische Gesinnung, aus. In näherem, auch persönlichem Verhältniß zu Opitz steht Jul. Wilh. Zinkgref. der in seiner Vermahnung zur Tapferkeit nicht ohne Glück den Tyrtäus nachahmte. Der eigentlich epochemachende Dichter dieser Zeit u. auch weiter hin von mächtiger Nachwirkung ist der Schlesier Martin Opitz (s.d.) von Boberfeld (1397–1029). Er besaß aber weder hinreichende Phantasie u. Erfindungskraft, um Dichter im eigentlichen Sinne des Worts zu sein, noch konnte er bei dem fremden Gehalt seiner Poesie u. deren fremden Formen ein wahrhaft deutscher Dichter werden; zu der hervorragenden Stellung, die er in der Geschichte der deutschen Poesie einnimmt, konnte er daher nicht durch den dichterischen Werth seiner Werke, als vielmehr nur dadurch gelangen, da er die poetische Literatur in ihrem Entwickelungsgange zuerst mit fester Hand in Wege einlenkte, denen sie bis dahin nur eben erst zugestrebt hatte. Er vollendete die von Luther begonnene Reform der Deutschen Sprache, indem er ihr den Eingang in mehrere katholische Landestheile verschaffte, sowie sie auch vollständig in der Dichtung zur Geltung brachte. Namentlich stellte er zuerst wieder feste, zum großen Theil noch jetzt in Geltung stehende Gesetze für Rhythmus u. Versmaß in seinem kleineren Buch Von der Teutschen Poetrey (Brieg 1624, 1626, Wittenb. 1634, 1638, 1641, 1647, Frkf. 1658 u. ö.) auf, die in den letzten Jahrh. nur in bloßer Sylbenzählung bestanden hatten. Seine eigenen Poesien, für ihre Zeit das Muster von Regelrichtigkeit, gehören den verschiedensten Gattungen an. Unter seinen größeren, sämmtlich mehr od. minder didaktischen Poesien ist der Vesuvius das erste beschreibende Gedicht in Deutscher Sprache, während er in Dafne das erste deutsche Singspiel lieferte. Seine zahlreichen Gedichte wettlichen u. geistlichen Inhalts, darunter viele Gelegenheitsgedichte, bieten jetzt nur noch weniges Genirßbare; die meiste innere Wahrheit enthalten noch die Trostgedichte in Widerwärtigkeit des Kriegs, welche dem wirklichen Leben der Zeit entnommen sind. Die vielseitige Thätigkeit Opitz's wirkte auf seine Zeitgenossen äußerst anregend, namentlich fand sie im östlichen u. nordöstlichen Deutschland Anklang. Letzteres hatte zur Folge, daß sich die literarische Thätigkeit, die mit der Reformation, namentlich in Mitteldeutschland, wach gerufen worden war, jetzt in der Hauptsache nach dem Norden u. Osten zu zog, wo Schlesien, die Mark Brandenburg, Preußen u. Hamburg für längere Zeit Haupflegestätten wurden.

Die Dichter, welche ihre Thätigkeit in unmittelbarem Anschluß an Opitz übten, faßt man unter dem Namen der Schlesischen Dichterschule zusammen. Am begabtesten zeigten sichunter den lyrischen Dichtern Paul Flemming (s.d.) u. Paul Gerhardt (s.d.), unter den Didaktikern Friedrich von Logau (s.d.), welche sich innerlich am weitesten von Opitz entfernten. Mehr blos äußerlich geschah dies von den Häuptern des Blumenordens, Georg Philipp Harsdörfer (s.d.), Johann Klai (s.d.) u. Siegmund von Birken (Betulius), bei denen vorzüglich der Verstand die dichtende Kraft blieb. Ganz außerhalb der Opitzschen Schule verblieben unter den Dichtern dieser Zeit der geistliche Lyriker Friedrich von Spee u. der Satyriker Johann Lauremberg (s.d.). Auch der Satyriker Joh. Michael Moscherosch (s.d.) steht Opitz ferner als der Zeit Fischarts. Ter Geist, der mit Opitz u. seinen Schülern in die poetische Literatur eingezogen war, behauptete seine Herrschaft bis ans Ende dieses Zeitraumes, wenn sich auch um die Mitte des 17. Jahrh. u. während der nächstfolgenden Jahrzehente einige Veränderungen zutrugen, welche bedeutend genug erscheinen, um den Beginn einer neuen Schule u. einer neuen von der Opitzschen stark abweichenden Dichtungsmanier, der sogenannten zweiten Schlesischen Dichterschule, anzunehmen. Während Andreas Gryphius (s.d.) noch die Vermittelung zwischen der ersten u. zweiten Schule bildet, müssen. Christian Hofmann von Hofmannswaldau u. Dan. Kaspar von Lohenstein als die Häupter der neuen Richtung in der Gelehrtenpoesie der Jahre 1645–1680 gelten. Diese fühlte den Mangel schöpferischer Phantasie bei den Dichtern der Opitzschen Schule, ihnen ging dieselbe aber völlig ab, u. indem sie dieselbe zu erzwingen suchten, geriethen sie auf die schlimmsten Abwege. Die gesuchten u. geschraubten Bilder, die sich bei Hofmannswaldau finden, steigern sich bei Lohenstein zurwiderwärtigsten Schwülstigkeit. Dennoch konnte bei der verschrobenen Richtung der Zeit der Lohensteinsche Schwulst bis ins 18. Jahrh. hinein zum guten Geschmack gehören. Daß Hofmannswaldau u. Lohenstein den Ton, welchen man damals in Deutschland zu hören wünschte, richtig trafen, bezeugen der ungemessene Beifall, welcher ihren Werken zu Theil wurde, u. die große Zahl der Verehrer u. Nachahmer, welche sie fanden. Die große Masse der Dichter huldigte den beiden Häuptern der jüngern Schlesischen Schule als den unübertrefflichen Mustern in der Lyrik, dem Drama und dem Roman. Wurden besonders in Schlesien selbst ihre Manieren, ihre Sprache u. ihr Styl in allen Gattungen u. Arten der Poesie nachgeahmt, so gelangten sie doch nicht zu einer so unbeschränkten Herrschaft, daß nicht Einzelne schon frühzeitigabwichen u. somit die Wendung vorbereiteten, die mit dem zweiten Viertel des 18. Jahrh. eintrat. Abgesehen von der geistlichen Dichtung, die sich in soweit auf Abwege verirrte, war noch zu Lebzeiten jener beiden Dichter Christian Weise bemüht, der Natürlichkeit u. Ungezwungenheit Rechnung zu tragen, wie denn überhaupt seine ganze Richtung etwas Volksmäßiges zeigt. Auf einem andern Wege entfernte sich v. Canitz von den Dichtern der zweiten Schlesischen Schule, indem er sich vorzugsweise die französischen Dichter aus dem Zeitalter Ludwigs XIV., namentlich Boileau, zum Muster nahm u. somit der erste Repräsentant der officiellen Hofpoesie wurde, wie sie als schwache Nachahmung[898] des französischen Hofgeschmacks, bes. an den Höfen in Berlin u. Dresden, in Aufnahme kam. Auf demselben Wege schritt Johann von Besser fort, ohne jedoch öffentlich mit der Schlesischen Schule zu brechen.

Dies geschah erst, nachdem bereits Christian Gryphius sich über dieselbe mißbilligend ausgesprochen hatte, durch zwei jüngere Dichter, Benj. Neukirch u. Christian Wernicke, die zugleich als öffentliche Kritiker auftraten. Der Letztere wagte es zuerst, in seinen »Überschriften« (zuerst 1697) das Verkehrte u. Verwerfliche in deren Manieren öffentlich zu rügen u. die talentlosen Nachahmer Hoffmannswaldaus u. Lohensteins zu verspotten. Zwar trat der Hamburger Operndichter Christ. Heinr. Postel für Lohenstein gegen Wernicke auf, doch wurde er von Letzterem lächerlich gemacht, hierauf antwortete Postels Verehrer, Christ. Friedr. Hunold, in einigen elenden Schreibereien, die jedoch von Wernicke nicht beantwortet wurden. Mit dieser an u. für sich unbedeutenden literarischen Fehde beginnt die Reihe der wichtigeren kritischen Kämpfe, an welchen sich im ferneren Verlauf des 18. Jahrh. die deutsche Poesie erheben u. kräftigen sollte. Als sich die Anfänge einer Art von Kunstkritik gezeigt hatten u. einzelne Dichter durch das Studium der Franzosen u. der Alten zur Erkenntniß wenigstens der augenscheinlichsten Gebrechen der deutschen Poesie dieser Zeit gelangt waren, verkündeten bald einzelne Erscheinungen, daß die weltliche Dichtung wieder auf dem Wege sei, sich mit einem gesunderen u. lebenskräftigeren Gehalt zu erfüllen. Am deutlichsten zeigte sich dies in den lyrischen u. didaktischen Poesien von Barthold Heinrich Brockes in Hamburg, sowie in noch höherem Grade in den Gedichten von Joh. Christian Günther, Beide unstreitig die talentvollsten Dichter an der Grenze dieses Zeitraumes. Während früher die erzählende Poesie ihre Stoffe meist der fremden u. einheimischen Sage entlehnt hatte, wurden sie jetzt aus der Geschichte entnommen, wenn sie die Dichter nicht selbst erfanden. Den Übergang von der älteren volksmäßigen zu der neueren kunstmäßigen Erzählungspoesie bildeten vornehmlich historische Volkslieder, welche während der ersten Hälfte des Dreißigjährigen Krieges in großer Mengeentstanden. Die Kriege mit den Türken u. den Franzosenriefen zwar noch viele Volkslieder hervor, doch stellte sich dem Fortleben desselben außer vielen mehr allgemeinen Ursachen bes. das Zeitungswesen entgegen. Das kunstmäßige Heldengedicht hielt sich zunächst an die bedeutenderen Persönlichkeiten u. Begebenheiten der Gegenwart, nahm aber meist den Charakter eines lyrischen Preis- u. Klaggesanges od. einer Satyre an, so daß nicht alle der sogenannten heroischen Poesie damals zugezählten Dichtungen wirklich erzählender Art sind. Am meisten gilt dies noch von Dichtungen auf Gustav Adolf von Weckherlin u. Joh. Seb. Wieland, von Joh. Freinsheims deutschem Tugendspiegel, von Georg Greflingers der Deutschen dreißigjährigem Kriege u. mehreren andern Sachen von Joh. von Besser, Karl Gustav Heräus u. Joh. Valentin Pietsch, welche jedoch sämmtlich mit Ausnahme des Weckherlinschen Gedichts nur in trockenen Reimereien bestehen, während Johann Ulrichs »von König August im Lager« fast ganz in Beschreibung u. lächerlicher Allegorie aufgeht. Eine schwache Ahnung von wirklicher Erzählungspoesie zeigt sich hingegen in Wolf Helmhardt von Hohenbergs »Habsburgischer Ottobert« u. Chr. H. Postels »Großer Wittekind.« Mehreres wurde in Versen übersetzt, wie aus dem Französischen der Telemach von B. Neukirch. Von komischen u. satyrischen Erzählungen in Versen ist etwa nur Chr. Wernickes Hans Sachs anzuführen. Mehr leistete dieser Zeitraum in der erzählenden Poesie in ungebundener Rede od. in gemischter Form; die alten Ritter- u. Volksromane u. die Sammelwerke kleinerer Erzählungen blieben bis tief ins 17. Jahrh. hinein in Ansehen, in den obern Schichten der Bevölkerung behauptete der Amadis am längsten seine Geltung, der auch überhaupt auf die Gestaltung der Liebes- u. Heldenromane dieses Zeitalters nachhaltigen Einfluß übte u. in der Geschichte der deutschen Romanliteratur das Mittelglied zwischen den ältern aus fremden Sprachen übersetzten Werken u. den neuen unter dem Einfluß des Auslandes entstandenen Darstellungen bildet. Die zunächst in Spanien entstandenen Liebesgeschichten, die unter der Hülle des Schäfer- u. Ritterthums spielten, nebst den sogenannten Schelmenromanen, sowie die von Frankreich ausgegangenen eigentlichen Geschichtsromane, wurden bes. seit Mitte des 2. Jahrzehents des 17. Jahrh. fleißig aus dem Neulateinischen, Spanischen, Italienischen, Englischen u. Französischen übertragen, bildeten einige Zeit lang nebst jenen älteren Ritterromanen die vorzüglichste Unterhaltungslectüre der höheren Klassen u. bereiteten ähnliche Erzählungswerke deutscher Erfindung vor, die zuerst vereinzelt, seit Mitte des 17. Jahrh. aber immer häufiger erschienen. Meist war der Roman nicht auf bloße Unterhaltung, sondern auch auf Erbauung, Moral, Unterricht u. Belehrung aller Art angelegt, bes. gilt dieses von den Liebes- u. Heldengeschichten, öfter auch Wundergeschichten genannt, welche sich zunächst dem u. Vorbilde der französischen Liebes- u. Geschichtsromane anschließen u. unter den verschiedenen Arten des Romans als die vorzugsweise kunstmäßige, vornehme u. adeliche angesehen wurde. Die ältesten hierhergehörigen Werke wurden zwar schon zwischen 1640 u. 1650 von Dietrich von dem Werder (Diana 1644), dem Übersetzer des Tasso u. Ariost, u. Philipp von Zesen (Die adriatische Rosamund 1643) verfaßt; zu eigentlicher Blüthe gelangte der geschichtliche Helden- u. Liebesroman jedoch erst nach A. H. Buchholz (Herkules 1695 u. Herkuliskus 1665). Hieran reihen sich außer den späteren von Ph. von Zesen (Assenat 1670, Moses u. Simson 1679) die Aramena u. Octavia vom Herzog Anton Ulrich von Braunschweig, die Asiatische Banise von Heinr. Anf. von Ziegler u. Klipphausen u. der Arminius von Lohenstein. Mit diesen vier Werken, bes. dem letzten, erreichte der deutsche Kunstroman des 17. Jahrh. seinen Höhepunkt. Unter der großen Zahl der übrigen Staats-, Liebes- u. Heldengeschichten dieser Zeit dürften nur noch die Eberh. Guerner Happels wegen ihres durchaus beschreibenden u. lehrhaften Inhalts zu nennen sein. Nachdem bereits Moscherosch um 1640 in seinem Soldatenleben die Anfänge eines deutschen Abenteurerromans geschaffen hatte, wurde diese Gattung von Prosaerzählungen durch Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen in seinem Simplicissimus (1669) ausgebildet, dem besten Romane des 17. Jahrh. Auch an die Schelmenromane von Chr. Weise schloß sich eine lange Reihe von Nachahmungen. Durch den Simplicissimus wurden auch[899] die Robinsonaden u. Aventuriers vorbereitet, die jedoch erst gegen Ausgang dieses Zeitraumes nach dem Erscheinen von Dan. Defoes Robinson Crusoe (1720) in Aufnahme kam. In gemischter Form traten die Schäferreien auf, welche Opitz mit seiner Hercynia in die Deutsche Literatur eingeführt hatte, u. welche den größten Beifall, zumal bei den Nürnbergern, fanden. Unter den Werken der letztern sind das Pegnesische Schäfergedicht von Harsdörfer u. Klai, die Fortsetzung der Pegnitzschäferei von Birken u. die Nymphe Noris von Joh. Helwig als Muster entarteten Geschmacks hervorzuheben. Einen unnatürlichen Inhalt zeigen die den sogenannten Heldenbriefen beigegebenen kleinen prosaischen Liebesgeschichten, wie in H. A. von Zieglers Heldenliebe (1691 u. ö.).

Auf dem Gebiet der Lyrik wurde die weltliche wie die geistliche in diesem Zeitraum gleich stark gepflegt. Soweitdie weltliche Lyrik ihren Verband mit der Musik nicht aufgab, bewegte sie sich im Allgemeinen in dem Kreise, welchen das weltliche Volkslied im vorigen Zeitraum einnahm. Die größte Masse der Lyrik wurde aber von den nicht sangbaren Gelegenheitspoesien gebildet; neben der Unzahl von Preis-, Ehren-, Dank-, Glückwunsch-, Trost- u. Condolenzgedichten findet sich in dieser Zeit nur weniges, was auf wirklich poetischen Gehalt Anspruch machen könnte. Besser, bestellt ist es mit dem Liebeslied, dem Freundschafts-, Trink-, Natur-, Jahreszeit- u. Sittenlied, obwohl auch die Gebrechen der Zeit merklich hierbei hervortreten. Am meisten litt unter dem Eindringen der Reflexion des todten mythologischen Schmucks, der Allegorie u. Sinnbildnerei das Liebesgedicht in seinen verschiedenen Formen, welches zum großen Theil nur eingebildet u. vorgespiegelte Herzensgefühle zum Inhalt hatte. Das Schäferwesen u. andere Verirrungen in Bezug auf Darstellung u. Inhalt trug wesentlich dazu bei, die weltliche Lyrik dieser Zeit zum großen Theil ungemeßbar u. widerlich zu machen. Dazu waren selbst die vorzüglicheren Dichter bis zu einem gewissen Grade bloße Nachahmer des Auslandes. Vorbereitet wurde die neue weltliche Kunstlyrik nicht blos in den Liedern, Oden u. Sonetten der gelehrten Dichter vor Opitz, sondern auch in den Dichtungen, die aus dem Welschen übersetzt od. welschen Gesangstücken untergelegt, in die gegen Ende des 16. u. dem ersten Viertel des 17. Jahrh. herausgegebenen Musikbüchern Aufnahme fanden. Tiefe beiden Klassen haben sich von dem Volksthümlichen noch nicht völlig losgesagt u. selbst noch die Poesien von Moscherosch u. Römpler von Löwenhalt am Oberrhein, sowie von Gottfr. Finckelthaus u. Christian Brehme in Sachsen erinnern noch vielfach an das spätere Volkslied des 16. Jahrh. Unter den jüngeren Dichtern ist namentlich Chr. Weise entschieden auf diesen Volkston eingegangen. Auch daslyrische Volksli ed selbst verstummte in diesem Zeitraume eben so wenig als das epische; Manches mochte zwar älteren Ursprungs od. von kunstmäßigen Dichtern angenommen sein, doch entstandennoch immer neue Lieder aller Art. Von den Dichtern der ersten Schlesischen Schule schlossen sich Joh. Rist, Zacharias Lundt, Ernst Christoph Homburg u. Andreas Tscherning streng an Opitz an, während sich die königsberger Freunde Robert Roberthin, Heinrich Albert u. Simon Dach zumal der Letztere, schon etwas selbständiger, viel gemüthvoller u. empfindungreicher zeigten. Am schönsten entfaltete sich die Kunstlyrik dieser Zeit bei P. Flemming, mit dessen Geist u. Richtung G. Greflinger u. Jacob Schwieger die meiste Verwandtschaft, besonders im Liebesliede, bewährten. Von den Nürnbergern, deren Manier sich in Spielerei u. Unnatur verlor, ist höchstens Harsdörfer zu nennen. Die übrigen Dichter dieser Epoche, wie Ph. von Zesen, G. Neumark u. Dav. Schirmer, lehnten sich bald an Opitz u. Flemming, bald an die Nürnberger, od. auch schon an die prunkhafte u. schwülstige Manier der zweiten Schlesischen Schule; nur A. Gryphius, ohnedies mehr geistlicher als weltlicher Dichter, ging auch in der Lyrik seinen eigenen Weg. Die jüngeren Dichter folgten entweder Hofmannswaldau u. Lohenstein, als nächsten Mustern, od. entschieden sich für die Lehre u. Dichtweise Christian Weises. Zur ersten Klasse gehören Heinrich Mühlpforth, Hans Aßmann von Abschatz u. B. Neukirch, Letzter jedoch nur in seinen früheren Gedichten. Die Weisesche Schule hat außer D. G. Morhof u. Chr. Gryphius, die außer geistlichen Poesien doch fast nur Gelegenheitsgedichte hinterlassen haben, keine Lyriker von einiger Bedeutung aufzuweisen, da Joh. Riemers, Erdm. Neumeisters, Burckh. Menckes n. Chr. Fr. Henricis lyrische Stücke nur in schalen Reimereien bestehen. Das Niedrige u. Platte fand in dem Hamburger Dichterkreise an Christoph Heinrich Amthor u. in Schlesien an Dan. Hoppe Hauptvertreter. Nicht höher stehen die Dichter aus der Canitzschen Schule, die sich bes. in der Gunst der Höfe sonuten u. hier ihre Stoffe in Ehren- u. Lobgedichten fanden, wie: Besser, Ulrich von König aus Eßlingen, Pietsch u. auch Neukirch in seinen späteren Jahren. Daß erst Günther in seinen Liebesgedichten u. Brockes die weltliche Lyrik von ihren Abwegen in bessere Bahnenleitete, wurde schon oben berührt. Unter den Zeitgenossen der Letzteren ist noch Mich. Richey zu nennen, welcher den Ton des Gelegenbeitsgedichtes zu verfeinern u. zu beleben verstand. Nach ihrem inneren Gehalte u. der Zahl ihrerbesseren u. besten Erzeugnisse muß die geistliche Lyrik dieses Zeitraums weit über die weltliche gestellt werden. Insbesondere gilt dies von dem geistlichen Liede od. genauer, dem protestantischen Kirchenlie de. Es ist die erste gesunde Frucht, welche die neue deutsche Poesie getragen hat. Es war eigentlich kein Erzeugniß der Gelehrtenpoesie, wie sie Opitz begründet; mehr als ein anderer Zweig der neueren Dichtung volksthümlich, wurde es von der letzteren nur in ihr Bereich gezogen u. erhielt von ihr eine etwas kunstmäßigere Gestalt. Von den beiden Hauptzweigen, in welchen die geistliche Liederpoesie im 17. Jahrh. blühte, fußte der eine vornehmlich in dem kirchlichen Glauben der strengen Lutheraner, während der andere theils in dem subjectiven Gefühlsleben u. den inneren Erfahrungen einzelner, sich dem Mysticismus od. Katholicismus zuneigender Dichter, theils in den religiösen Vorstellungen u. Lehren der verschiedenen evangelischen Secten seine Nahrung fand. Zeigt auch die geistliche Dichtung manche Verirrung, die in den Verhältnissen der Zeit begründet war, so hat sich doch ein großer Vorrath guter u. vortrefflicher Stücke erhalten. Vorzüglich gehören dahin die durch die Gesangbücher (s.d.) großentheils zu einem wahren Volkseigenthum gewordenen Trost-, Lob- u. Danklieder,[900] sowie Fest-, Passions- u. Abendmahlsgesänge u. ein Theil der sogenannten Jesuslieder; doch finden sich auch noch in anderen Klassen, wie namentlich unter den lyrischen Morgen- u. Abendandachten u. unter den religiösen Natur- u. Sittenliedern manche sehr werthvolle Stücke. Unter denjenigen Dichtern, welche das Kirchenlied vom älteren Styl zu dem neueren mehr kunstmäßig überleiteten, ist Joh. Heermann (Herzliebster Jesu was hast du verbrochen; O Gott du frommer Gott) einer der ersten. Am nächsten stehen ihm Mart. Rinckart (Nun danket alle Gott), Matthäus Apelles von Löwenstern u. David von Schweinitz. Unter den Dichtern, die als weltliche Lyriker aufgeführt wurden, nähert sich aus älterer Zeit Simon Dach (In allen meinen Thaten etc.) am meisten dem Höhenpunkte des streng protestantischen Kirchengesanges; neben ihm sind noch I. Rist (Hilf Herr Jesu laß gelingen, u. Werde munter mein Gemüthe etc.), P. Flemming, A. Tscherning, H. Albert u. G. Neumark. Noch überragt wird Dach von Paul Gerhardt (Befiehl du deine Wege; O Haupt voll Blut u. Wunden), mit welchem die geistliche Lyrik der Deutschen ihren Glanzpunkt erreichte, den sie auch noch in den besten Liedern von Joh. Franck behauptete. Nach ihm beginnt der Kirchengesang mehr u. mehr herabzugleiten. Unter der Zahl der jüngeren Dichter, die in dem allgemein üblich gewordenen Kirchenstyl dichteten, sind noch bes. hervorzuheben: Herzog Anton Ulrich von Braunschweig, der mehrere schätzbare, einst sehr beliebte Kirchenlieder dichtete, Christian Weise u. Canitz, sowie Benjamin Schmolck u. E. Neumeister. Unter den Dichterinnen zeichneten sich im geistlichen Liede bes. mehrere den höchsten Ständen angehörige Frauen aus, wie die Kurfürstin Luise Henriette von Brandenburg, Gemahlin des großen Kurfürsten (Jesus meine Zuversicht etc.), die Landgräfin Anna Sophia von Hessen-Darmstadt u. die beiden Gräfinnen Ludämilia Elisabeth u. Emilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt. Die zweite Hauptart der geistlichen Liederpoesie entwickelte sich vornehmlich aus der religiösen Vorstellung von der innigen Gemeinschaft des Menschen mit Gott im Glauben, die unter der biblisch-dichterischen Form einer Braut- od. Gemahlschaft der Seele mit der Person des Heilandes bei einzelnen Personen od. ganzen Gemeinden Eingang fand u. gleichsam die Trägerin aller ihrer religiösen Empfindungen wurde. Die Reihe der geistlichen Erotiker dieses Zeitraums eröffnete ein Katholik, Friedrich von Spen, der seine einfachen, aber tiefsinnigen Lieder in seiner Trutz-Nachtigall sammelte. Unter den Protestanten, die sich in diesen sogenannten Jesusliedern versuchten, sind die älteren unter den zum Katholicismus od. zur Kabbalistik neigenden Mystikern zu suchen, wie Joh. Scheffler (bekannter unter dem Namen Angelus Silesius od. Joh. Angelus) u. Christian Knorr von Rosenroth, die jüngeren aber unter den Pietisten der Hallischen Schule, wie Joh. Kaspar Schad, Gottfr. Arnold, Joh. Anastasius Freylinghausen u. Joh. Jakob Rambach; od. unter einzelnen Männern, die in ihrer Gemüths- u. Glaubensrichtung den Pietisten nahe verwandt waren, wie Joachim Neander (eigentlich Neumann), Gerhard Tersteegen u. der Stifter der Herrnhutschen Brüdergemeine, Nicolaus Ludwig Graf von Zinzendorf. Durch Opitz, der für geistliche Gegenstände auch andere Einkleidungsarten gewählt hatte, wurde der Grund zu einer neuen Art von religioser Kunstlyrik gelegt. Dahin gehören in älterer Zeit die zahlreichen, in Alexandrinern abgefaßten hymnenartigen Gedichte, wie von Andr. Scultetus, in späterer die kaum minder zahlreicheren Oratorien, Cantaten, die Umschreibungen von Psalmen u. biblischen Stücken, die Elegien (z.B. von Kaspar Ziegler), Hirtengespräche u. Schäferlieder (bes. aus der Nürnberger Schule), die Andachtsgemälde (bes. von Harsdörfer), Sonette, Oden sammt den größeren strophischen Gedichten. Allen diesen geistlichen Kunstpoesien haften auch mehr od. minder die Fehler u. Verirrungen der weltlichen Kunstlyrik an. Nicht ohne dichterischen Werth sind die geistlichen Oden u. Sonette von A. Gryphius u. mehrere der frommen, cantatenartigen Naturbetrachtungen von Brockes; nächst diesen sind verschiedene Sachen von P. Flemming, A. H. Buchholz, Katharine Regina von Greifenberg u. H. A. von Abschatz. Merkwürdig wegen ihres wüst-mystischen Inhalts sind die Dichtungen von Quirinus Kuhlmann, einem Anhänger Jakob Böhmes.

Der günstige Entwickelungsgang, in welchem zum Schluß der vorigen Periode das volksthümliche Schauspiel begriffen war, wurde durch den Dreißigjährigen Krieg vielfach gestört u. unterbrochen. Nach dem Friedensschluß zeigte sich zwar überall wieder eine regere Theilnahme für dasselbe, doch war es nicht kräftig genug, sich selbständig gegenüber den Einflüssen der unterdessen stark gewordenen Kunstdichtung zu erhalten. Es bestand zwar den ganzen Zeitraum hindurch ein volksmäßiges Schauspiel, aber vielfältig mit fremden Elementen aller Art versetzt, od. dem Auslande, namentlich den Niederlanden, Frankreich, Italien u. Spanien in Stoff u. Form entlehnt. Daneben entwickelte sich ein Kunstdrama, vornehmlich in zwei Richtungen; als Trauerspiel in niederländisch-französischem Styl, als Oper vorzugsweise nach italienischen Mustern. Während das Erstere auf der Bühne nicht zu allgemeiner Geltung durchdringen konnte, fand die Oper desto mehr Beifall u. wurde nicht blos an mehreren Höfen, wie Rudolstadt, Dresden, Wolfenbüttel, sondern auch in mehreren Städten (Hamburg) begünstigt. Unter den verschiedenen Gattungen der dramatischen Poesie traten nur das kunstmäßige Trauerspiel u. die eigentliche Posse schärfer ausgeprägt hervor. Neben weltlichen Stoffen wurden noch fortwährend geistliche, sowohl aus dem Neuen wie dem Alten Testamente, benutzt; auch nahm man nicht Anstand, in ernste u. tragische Handlungen Possen u. Schwänke einzuschieben u. dem Lustigmacher Platz zu gönnen. Durchaus in Versen waren blos die Singspiele u. eigentlichen Opern, sowie das kunstmäßige Trauerspiel abgefaßt; im Lustspiel u. der Posse herrschte fast überall die Prosarede; andere Stücke wurden halb in Prosa, halb in Versen geschrieben. Nicht selten wurden Personen niederen Standes, bes. Bauern, in der Volksmundart eingeführt, sowie Zwischenspiele ganz od. theilweise in einer solchen abgefaßt. Komische Zwischenspiele in ernsten Dramen, pantomimische Darstellungen, Gesangstücke u. Tänze wurden Schauspielen jeder Art eingefügt od. angehängt. Die Oper, das Lieblingsschauspiel der höheren Stände, war in den meisten Fällen armselig u. geschmacklos in Bezug auf poetische Erfindung u. Ausführung, desto mehr bot sie dem Geiste[901] der Zeit Gelegenheit zu Prunk u. Schaugepränge in einer Massenhaftigkeit, die in der Gegenwart Staunen erregen würde. Schulacte, allgemeine Landes- u. Kirchenfeste, Feierlichkeiten u. Feste bei Höfen u. Universitäten, Fälle des bürgerlichen u. häuslichen Lebens, die Messen in größeren Städten (Leipzig, Braunschweig, Naumburg) bildeten die Anlässe zur Abfassung u. Aufführung von Schauspielen. Sie wurden zwar noch von Schülern, Studenten, an den Höfen von fürstlichen u. adeligen Personen, in den Städten hin u. wieder von jungen Leuten des Patricierstandes od. der übrigen Bürgerschaft gespielt, allein schon finden sich mehrfach an Höfen u. in Städten sogenannte hochdeutsche Komödianten in wandernden Gesellschaften, die in ihren Anfängen wahrscheinlich gegen Ende des 16. Jahrh. aus nach Deutschland eingewanderten fremden Truppen hervorgegangen waren. Nach u. nach traten einzelne dieser Gesellschaften, unter welchen in dem letzten Viertel des 17. u. dem Anfang des 18. Jahrh. die des Magisters Joh. Veltheim die beste u. auch berühmteste war, in ein näheres Verhältniß zu einzelnen deutschen Höfen, von denen sie sich, gewisse Privilegien erwirkten. Anfangs spielte man in eigens dazu errichteten Buden, später, namentlich als das Opernwesen sich ausbildete, wurden größere u. festere Räume für Spieler u. Zuschauer errichtet. Das erste größere stehende Opernhaus erhielt Hamburg 1677 durch Gerh. Schott, dem Begründer der Hamburgischen Oper; andere Residenz- u. Handelsstädte folgten (Braunschweig, Dresden, Wien, Hannover, Leipzig, Nürnberg, Augsburg, Naumburg etc.) u. erhielten noch im 17. od. im Anfange des 18. Jahrh. ihre Opernsäle. Das nicht musikalische Dramablieb dabei jedoch von diesen Räumen ausgeschlossen u. mußte sich anderweitig seine Bühne suchen. Dem deutschen Volksdrama, wie es sich am Schluß der vorigen Periode gestaltet hatte, am treuesten blieben die für die Schulacte abgefaßten Schauspiele. Viele darunter behandelten auch alttestamentliche Stoffe, namentlich wurde auch häufig die Passions- u. Auferstehungsgeschichte auf die Bühne gebracht. Allmälig jedoch wurden die Stücke letzterer Art durch das Oratorium verdrängt, dessen Zeit etwa um 1700 in Deutschland begann. Vorbereitet war dasselbe einestheils durch das Absingen der Passionsgeschichte während der Stillen Woche, anderentheils in der Gelehrtendichtung durch die geistlichen Trauer- u. Freudenspiele Joh. Klais (zwischen 1644–50), einer Mittelform zwischen den alten Mysterien u. dem Oratorium. Von denjenigen Schauspielen, welche Begebenheiten od. Zustände der Zeit, meist in allegorischer Form, veranschaulichen sollen, od. die moralische u. andere Lehrzwecke haben, unterscheiden sich in der Regel kaum von denen des 16. Jahrh., nur daß etwa einzelne Stücke von Rist künstlichere Form erhielten, od. Birken in seiner Margenis (1679) das Schäfergewand wählte. Einen Fortschritt zum echten Drama bekunden jedoch einzelne unter den eigentlich geschichtlichen Schauspielen, unter denen die merkwürdigsten u. besten Chr. Weise zum Verfasser haben. Am meisten unter allen Gattungen des volksmäßigen Schauspiels gelang in diesem Zeitraum jedoch das Lustspiel u. die Posse. Das Vorzüglichste hierin leisteten A. Gryphius u. wiederum Chr. Weise; nach ihnen dürften als die bekanntesten Lustspieldichter Joh. Georg Schoch, Jak. Schwieger u. Chr. Fr. Henrici zu nennen sein. Außer diesen volksmäßigen Schauspielen von namhaften Dichtern aus dem Gelehrtenstande gab es jedoch noch viele andere Stücke, deren Dichter unbekannt sind u. zum großen Theil Eigenthum derverschiedenen Wandertruppen waren. Viele rührten von den Führern der Gesellschaften od. einzelnen Mitgliedern derselben her, wie denn solche von Veltheim u. Joseph Anton Stranitzky verfaßt wurden. Bearbeitungen, sowie bloße Übertragungen fremder Stücke herrschten darin vor. Das Kunstdrama bildete sich ganz nach ausländischen Mustern. Auf die Dafne von Opitz gründet sich die deutsche Oper, die jedoch in fortwährender Abhängigkeit von italienischen Vorbildern blieb. Hauptanlässe zur Abfassung u. Aufführung von reinen Singspielen od. singspielartigen Werken gaben Anfangs die Feste an Höfen u. anderen Orten. Dahin gehören die Stücke von Dav. Schirmer, Andr. Gryphius, S. von Birken, I. Schwieger u. anderen älteren Dichtern. Allmälig wurde aus dem Festspiel ein allgemeines Unterhaltungsmittel der höheren u. gebildeteren Stände, wie z.B. in Hamburg; auch die herkömmlichen Stoffe, wie biblische (z.B. in den Stücken von Const. Christian Dedekind), mythologische Geschichten, allegorische Erfindungen, die Schäferei, wurden beibehalten, namentlich in den Hofopern, sowie in den Nebenarten des musikalischen Drama, den mit Gesang u. Rede verbundenen Balleten u. Maskeraden (welche die Deutschen schon Anfang des 17. Jahrh. von den Franzosen erhielten), Serenaten, Pastorellen, Oratorien u. den größeren ganz dramatisch behandelten Cantaten. Berühmt waren bes. die Ballete von Besser. Eine Art von Maskeraden waren die sogenannten Wirthschaften der Höfe in Berlin, Wien u. Dresden (etwa seit 1682), für welche Canitz, Besser u. König dichteten. Allmälig jedoch entschied sich die Neigung der Dichter, bes. der Hamburger, immer mehr für rein historische Gegenstände u. diesen verwandte Sagenstoffe. Unter den Verfassern von Operntexten zeigten das meiste Geschick Chr. H. Postel u. J. U. von König; sonst sind noch am bekanntesten Lucas von Bostel, F. Chr. Bressand, P. Thiemich, Chr. Fr. Hunold u. B. Feind. Das kunstmäßige Trauerspiel lehnt sich nach seiner inneren u. äußeren Gestaltung zunächst an das gleichzeitige Drama der Franzosen u. Niederländer. A. Gryphius, dessen erstes Trauerspiel, Leo Armenius, 1646 vollendet wurde, nahm sich den Niederländer Joost van den Vondel zum Muster; Lohenstein, Joh. Chr. Hallmann u. Aug. Ad. von Haugwitz behielten im Wesentlichen die Form bei, die ihnen Gryphius überliefert hatte. Seit etwa 1690 begannen Corneille u. seine Nachfolger ihren Einfluß auf die Gestaltung des Deutschen, deren Stücke häufig übersetzt wurden u. großentheils auch auf dem Hoftheater in Braunschweig zur Aufführung kamen.

Die Grenzen zwischen den verschiedenen Artender Didaktik u. den übrigen Gattungen der Poesie können in diesem Zeitraum kaum gezogen werden, da die gesammte Poesie einen mehr od. minder lehrhaften Charakter angenommen hat. Größere volksmäßige Lehrgedichte werden seit Ringwaldts Zeit durch prosaische Lehrschriften in verschiedener Form ersetzt. Der Fabelgattung, die erst gegen Ende des Zeitraums wieder mehr hervortrat, gehört aus der Zeit kurz vor Opitz der Eselkönig (1625)[902] des pseudonymen Adolf Rose von Creutzheim an. Unter den Sprüchwörtersammlungen dieser Zeit steht die von Christoph Lehmann (1630) oben an. Mit diesen kleinen Denkmälern der Weisheit u. des Witzes des Volks berühren sich viele Sinngedichte von Friedrich von Logau u. eine ansehnliche Reihe von Sittensprüchen von Hans Aßmann von Abschatz. Unter den volksmäßigen Satyrikern steht Moscherosch mit seinen »Wunderliche u. wahrhaftige Gesichte, d. i. Strafschriften,« obenan; unter den übrigen sind J. B. Schupp, H. J. Chr. von Grimmelshausen, Chr. Weise u. der Pater Abraham a Scta. Clara als die merkwürdigsten hervorzuheben. Die Scherzgedichte J. Laurembergs bilden den Übergang von der alten gereimten Volkssatyre zu der neuen kunstmäßigen in Alexandrinern. Obgleich sich Opitz mit besonderer Vorliebe u. Glück dem eigentlichen Lehr- u. beschreibenden Gedicht zugewendet hatte, so fand er doch weniger u. nur unbedeutende Nachfolger in der kunstmäßigen Didaktik. Wichtig wurden hier erst wieder die Werke von Brockes in Hamburg. An die Stelle der Fabel traten zunächst die Parabel u. die Lehrallegorie. Den Anfang machte darin Harsdörfer, welchem Sam. von Butschky, einer der vorzüglichsten didaktischen Prosaisten des 17. Jahrh., u. Justus Gottfr. Rabener folgten. Unter allen kunstmäßigen Dichtungsarten gelang den Dichtern des 17. Jahrh. das Epigramm od. Sinngedicht, wenn auch Viele sich an die lateinischen Muster Martial u. Owen hielten. Für die besten Epigrammatiker müssen Logau nebst seinen Zeitgenossen A. Gryphius u. G. Grcslinger, sowie Joh. Grob u. ganz vorzüglich Chr. Wernicke gelten. Die kunstmäßige Satyre, die etwa seit 1650 aufkam, hielt sich vorzüglich an römische u. neufranzösische Vorbilder, wie man denn bei A. Gryphius u. Joach. Rachel den Einfluß Juvenals, bei von Canitz, Neukirch u. Günther den Boileaus erkennt.

Auch die deutsche Prosa dieses Zeitraums blieb nicht unberührt von den herrschenden Geschmacksrichtungen; sie schwankte zwischen steifgelehrtem Pedantismus u. schwülstiger Schönrederei hin u. her, nahm an der widerwärtigen Einmischung von fremden Wörtern Theil u. neigte sich erst gegen Ende der Periode durch den Einfluß von Thomasius u. Anderer zum Besseren. Auf dem Gebiet der historischen u. beschreibenden Prosa zeigen sich die Nachwirkungen des vorigen Jahrh. noch in den besseren Werken aus dem Anfang des 17. Jahrh., wie in Chr. Lehmanns Chronik von Speier, in Zach. Theobalds Historie des Hussitenkriegs, in Joh. Kösters (Neocorus) niederdeutscher Chronik von Dithmarschen, in Mich. Stettlers Annales der Schweiz u. des Joh. Micrälius Altes Pommerland, sowie in J. W. Zinkgrefs trefflicher Sammlung »Der Deutschen scharfsinnige kluge Sprüche, Apophthogmata genannt.« Schon um die Mitte des 17. Jahrh. drang die verderbliche Sprachmengerei u. der schleppende Canzleistyl ein; dies zeigen die historischen Werke von Bogisl. Phil. von Chemnitz, während Fr. Frisius u. S. von Birken (Spiegel der Ehren des Erzhauses Österreich) schlicht u. anspruchslos darstellen. Im Allgemeinen zeigte sich jedoch nicht blos in den chronikartigen Geschichtswerken, sondern auch in den neu aufgekommenen periodischen Sammelwerken, wie das Theatrum Europaeum von Abelin u. ähnliche Unternehmungen von Martin Mayer, H. A. von Ziegler, Hiob Ludolff etc. u. den Anfängen einer eigentlichen Staatengeschichte (Sam. Pufendorf) kein besserer Geist. Bedeutend nach Inhalt, wie nach Form wird erst Gottfr. Arnolds Unparteiische Kirchen- u. Ketzerhistorie (1699), worauf man in der historischen Forschung wiederum mit größerem Eifer auf die vaterländische Vorzeit zurückging. Durch Joh. Jak. Mascow u. den Grafen Heinr. von Bünau wurde der Anfang zu einer geistvolleren u. lebensfrischeren Auffassung u. Darstellung derselben gemacht. Die ersten bemerkenswerthen Versuche dieser Periode (über Canitz u. Besser) haben J. U. von König zum Verfasser. Unter den Werkenbeschreiben der Gattung sind bes. Mathis Quad von Kinkelbachs Deutscher Nation Herrlichkeit (1609) u. die Neue orientalische Reisebeschreibung von Adam Olearius (1647). Von den verschiedenen Arten der Beredtsamkeit gelangte bei damaligem Zustande der öffentlichen Verhältnisse Deutschlands, trotz der zahlreich erscheinenden Rhetoriken (worunter die von Joh. Matth. Meysurtseit 1634 von besonderem Ruf), nur auf religiösem Gebiet zu einzelnen bedeutenderen Erscheinungen. Dahin gehören unter den Protestanten J. Arndt, die Pietisten Spener u. Aug. Herm. Francke, sowie Joachim Lütkemann, Joh. Balth. Schupp, Heinr. Müller, Joh. Lassenius u. Gottlieb Cober; unter den Katholiken der einzige Abraham a Scta. Clara. Die weltliche Beredtsamkeit hatte nur ein erkünsteltes Leben in Hof- u. Staats-, Lob-, Glückwunsch-, Trauer- u. anderen Gelegenheitsreden, wie deren von Hofmannswaldau, V. Ludwig von Seckendorf, Lohenstein, Paul von Fuchs, Canitz, Samuel von Königsdorf, B. Neukirch u. Nic. Hieron. Gundling vorliegen. Seit dem Ende des 17. Jahrh. begannen sich auch die Anweisungen zum Briefschreiben zu häufen, unter denen die von Chr. Weise, A. Bohse, B. Neukirch die beliebtesten wurden. Auf dem Gebiete der didaktischen Prosa blieb zwar in der Philosophie bei Fachgelehrten bis gegen Ende des 17. Jahrh. das Lateinische herrschend, doch bediente sich der ungelehrte Theosoph Jakob Böhml des Deutschen, dessen Schriften jedenfalls zu den wichtigsten Prosadenkmälern der Zeit zählen. Als Begründer der neuen philosophischen Kunstsprache in Deutschland muß Chr. von Wolff angesehen werden; doch haben auch bereits Leibniz u. Thomasius Beachtenswerthes geleistet. Von den Prosaisten, die sich in anderen Gattungen des Lehrstyis versucht haben, zeichnen sich außer J. B. Schupp u. Sam. von Butschky in theologischen, ascetischen u. moralischen Schriften J. Arndt, Chr. Scriver, Ph. J. Spener u. Gottfr. Arnold, als encyklopädischer Schriftsteller Harsdörfer in seinen Gesprächspielen u. als Kritiker Chr. Wernicke aus.

VI. Die sechste Periodein der Geschichte der D-n L. reicht vom zweiten Viertel des 18. bis zum Anbeginn des vierten Jahrzehnts des 19. Jahrh. od. bis zu Goethes Tod. Die D. L. erhebt sich allmälig mittels der wissenschaftlichen u. künstlerischen Kritik, welche ihren Höhepunkt mit Lessing erreicht. Ein neues dichterisches Schaffen beginnt durch Klopstock u. Wieland; die literarische Reform steigert sich zur literarischen Revolution der Sturm- u. Drangperiode durch Herder, Goethe u. den Göttinger Dichterbund, bis in dem vereinigten Wirken Goethes u. Schillers die Zeit der ruhigen Blüthe vollendeter [903] Klassicität eintritt. Bald jedoch wird der Anfang des Sinkens bemerklich durch die Künstelei in der Romantischen Schule u. die Literatur verflacht sich immer mehr zu bloßer Unterhaltungslectüre. Wie in der vorigen Periode, so bleibt auch in dem ersten Abschnitte der gegenwärtigen das protestantische Deutschland die Heimath des literarischen Schaffens; erst mit dem letzten Drittel des 18. Jahrh. beginnt das katholische Deutschland, zunächst Wien, in geringerem Grade auch München, sowie nach dem Siebenjährigen Kriege auch das westliche Deutschland, daran Theil zu nehmen. Schlesien u. Nürnberg treten in den Hintergrund, dagegen gewinnt zunächst die Schweiz, sowie über die Grenzen Deutschlands hinaus auch Kopenhagen, Einfluß auf die Literatur. Allmälig ziehen sich die Führer der großen literarischen Bewegung nach Mitteldeutschland, wo gegen Ausgang des 18. Jahrh. Weimar u. Jena die Hauptsitze des deutschen Literaturlebens werden, bis sich dasselbe nach den unglücklichen Ereignissen der Jahre 1805 u. 1806 wieder über die deutschen Länder zertheilt. Besonders regsam zeigt es sich von jetzt an in Preußen, wo Berlin, wenigstens in wissenschaftlicher Beziehung, von jetzt an immer mehr der bestimmende Mittelpunkt deutscher Bildung wird. Unter den einzelnen Orten, welche sonst noch während dieses Zeitraums zu besonderen Pflegestätten der Fortbildung der D-n L. auf längere od. kürzere Zeit wurden, sind Zürich, Leipzig, Halle, Berlin, Halberstadt u. Göttingen zu nennen. An die Stelle der (mit Ausnahme des Nürnberger Blumenordens) eingegangenen Dichterorden u. der auf diese folgenden Deutschen Gesellschaften, unter denen jedoch nur die zu Leipzig einen weiter greifenden Einfluß erhielt, traten freie literarische Vereine jüngerer strebsamer Männer, die sich theils an Gottsched, die Seele der Deutschen Gesellschaft in Leipzig, anlehnten, wie die Dichterbündnisse in Halle u. in Leipzig; theils bildeten sie sich ganz frei, wie die literarischen Kreise in Zürich, Berlin, Halberstadt u. Göttingen. Den ältesten dieser literarischen Vereine, den Züricher, stiftete Joh. Jak. Bodmer um 1720 mit Joh. Jak. Breitinger u. anderen Freunden, wie Zellweger, Zollikofer, H. Meister u. Keller von Maur. Bodmer u. Breitinger sind als Dichter zwar unbedeutend, doch gaben sie seit 1721 ein ästhetisch-moralisches Wochenblatt (Die Discurse der Mahler) heraus, in welchem sie zuerst entschieden gegen die noch immer herrschenden Grundsätze der zweiten Schlesischen Schule auftraten u. diese auch vollständig erschütterten. Bald nach Stiftung des Züricher Vereins ließ sich Joh. Christoph Gottsched in Leipzig nieder, welche Stadt zu Anfang des 18. Jahrh., als Sitz einer der blühendsten Hochschulen, Mittelpunkt des deutschen Buchhandels u. der gelehrten Journalistik, als einer der wichtigsten Handels- u. Verkehrsplätze, ein Einigungspunkt für die literarischen Interessen war, wie er sich anderwärts nirgends vorfand. Er gehörte damals der Brandenburgisch-preußischen Dichterschule eines Canitz, Besser, Neukirch an u. war ein Anhänger der Wolfschen Philosophie; er ließ sich in die Deutsche Gesellschaft aufnehmen u. wurde bald der eigentliche Leiter u. Ordner derselben. Verschiedene Umstände wirkten zusammen, daß er sich einen außerordentlichen Einfluß auf das gesammte deutsche Literaturwesen verschaffen u. dasselbe in der That anderthalb Decennien hindurch von Leipzig aus didaktisch beherrschen konnte. Verlor er auch hierauf sein Ansehen, so bleibt ihm doch das Verdienst, eine gewisse Einheit in die Literatur gebracht zu haben, wie er denn auch die Idee der D-n L. in ihrer Gesammtheit zuerst erfaßte (vgl. Danzel, Gottsched u. seine Zeit, Lpz. 1949). Seine schriftstellerische Laufbahn begann er 1725 mit dem Wochenblatt: Die vernünftigen Tadlerinnen, welchem bis 1762 verschiedeneandere Zeitschriften folgten, von welchen die Beiträge zurkritischen Historie der deutschen Sprache, Poesie u. Beredtsamkeit entschieden dah besteunter allen gleichzeitigen Blättern waren. Von Gottscheds Schülern hatte bereits 1741 Joh. Joach. Schwabe eine eigene Monatsschrift, die Belustigungen des Verstandes u. Witzes, begründet; von derselben sagten sich jedoch mehrere der tüchtigsten Mitarbeiter los, welche 1744 die Neuen Beiträge zum Vergnügen des Verstandes u. des Witzes eröffneten, welche bald unter dem kürzeren Titel Bremer Beiträge berühmt wurde. Dieselben bekunden sichtbar den Anbruch einer besseren Zeit der Poesie u. schönen Prosa u. trugen wesentlich dazu bei, daß bes. unter den mittleren Ständen ein lebendigeres Interesse an der Schönen Literatur erwachte. Mittelpunkt des Dichterkreises, welcher diese Zeitschrift herausgab, war Karl Christian Gärtner, dem sich gleich Anfangs Joh. Andr. Cramer u. Joh. Adolf Schlegel zugesellten, etwas später traten Gottlieb Wilh. Rabener u. in Leipzig selbst noch Konr. Arn. Schmid, Joh. Arnold Ebert u. Justus Friedr. Wilh. Zachariä in der Ferne (Kopenhagen) Joh. Elias Schlegel hinzu. Fr. von Hagedorn begünstigte das Unternehmen, für welches später noch Gellert, Nicolaus Dietrich Giseke u. außerdem zuletzt noch Gottlieb Fuchs u. Klopstock gewonnen wurden. Durch allmäligen Abgang der meisten Mitglieder von Leipzig wurde zwar dieser Dichterkreis äußerlich gelöst, doch blieben dieselben auch noch in ihren gemeinschaftlichen Bestrebungen verbunden. Leipzig mußte mit Lessings Übersiedelung von Sachsen nach Preußen die Führerschaft in der literarischen Fortbildung an Berlin abtreten. Nächst Leipzig machte sich im Anfang dieses Zeitraums bes. Halle um die literarische Bildung Deutschlands verdient. Durch die Pietisten war diese Universität zum Hauptsitz der neu belebten Theologie, durch Thomasius u. späterhin durch die Pflegestätte der neuen deutschen Philosophie geworden. Beide Wissenschaften, vornehmlich die Wolfsche Philosophie, waren bereits in Beziehung zur ästhetischen Kritik gebracht worden. Ein Schüler Wolfs, Alex. Gottlieb Baumgarten, wurde der thatsächliche Begründer einer neuen Wissenschaft, welche er Ästhetik nannte u. deren System er 1750 zuerst vollständig, aber in Lateinischer Sprache, im Druck erscheinen ließ. Doch hatte schon vorher Georg Friedr. Meier in den Anfangsgründen aller schönen Wissenschaften (Halle 1748–50, 3 Bde.) Baumgartens Ansichten dargelegt. Von Meiers Freunden hatte Sam. Gotthold Lange um 1733 einen Verein nach dem Muster der Deutschen Gesellschaft in Leipzig begründet, in welchen 1735 Jak. Imman. Pyra eintrat. Derselbe hielt es erst mit Gottsched, nach dem Abfalle von demselben aber entspann sich ein lebhafter Briefwechsel der Schweizer mit Lange u. Meier. Nach deren Abgang von Halle trat hier 1733 Joh. Wilh. Ludw. Gleim auf, dem sich 1739 Joh. Pet. Uz u. Joh. Nicol. Götz anschlossen. Tiefe Jünglinge wirkten bis 1740 gemeinschaftlich, doch[904] wurde der Geist dieses Vereins in die sich neu bildenden literarischen Kreise zu Laublingen (durch Lange) u. zu Berlin (durch Gleim) übertragen. In Berlin, wo Gleim Anfangs allein stand, sammelten sich um Letzteren seit 1743 Ewald Christian von Kleist, Karl Wilh. Ramler, Joh. Georg Sulzer, Joh. Joachim Spalding u., wenn auch mehr als Gönner, Aug. Friedr. Wilh. Sack. In diesem Kreise wurde Sulzer der erste u. ausdauerndste Vertreter der Dicht- u. Geschmackslehre der Schweizer in Preußen. Schon im Anfange zeigte sich in Berlin das Vorwalten der kritischen u. populärphilosophischen Richtung vor der eigentlich dichterischen; die gewichtigsten Erfolge erlangte dieselbe aber erst, als Lessing, Nicolai u. Moses Mendelssohn daskritische Richteramt auf dem deutschen Literaturgebiet übernahmen, namentlich seit 1759, als die berühmten »Briefe die neueste Literatur betreffend« zu erscheinen begannen. Letztere wurden von Lessing begründet, dann aber von Thom. Abbt (1760), in Verbindung mit Nicolai u. Mendelssohn, fortgeführt. Hierzu trat seit 1765 die Allgemeine deutsche Bibliothek, die nach einer Unterbrechung 1806 von Nicolai fortgeführt wurde u. einen außerordentlichen Einfluß auf die gesammte D. L., wie über das deutsche. Geistesleben überhaupt, erlangte. Nach Gleims Übersiedelung von Berlin nach Halberstadt blieb derselbe dennoch einer der eifrigsten Pfleger des damaligen Literaturlebens in Deutschland, u. Halber stadt muß seitdem als ein Mittelpunkt desselben angesehen werden. Zuerst wußte Gleim neben mehreren anderen jüngeren Dichtern Joh. Georg Jacobi, Klamer, Eberhard, Karl Schmidt u. Joh. Benj. Michaelis an sich zu ziehen, denen etwas später Wilh. Heinse folgte. Am lebhaftesten war das dichterische Treiben in diesem Kreise im Winter 1773–74; als derselbe jedoch bald darauf zerstreut wurde, übte Gleim mit seinen übrigen halberstädtischen Freunden keinen merklichen Einfluß mehr auf den ferneren Bildungsgang der D-n L. aus. Unterdessen hatte sich in Göttingen, was damals durch Joh. David Michaelis u. Christ. Gottlob Heyne auf morgenländischem u. altklassischem Gebiete alle anderen deutschen Universitäten überragte, der Göttinger Dichterbund gebildet. Bereits 1770 hatte hier Heinr. Christian Boie im Verein mit Friedr. Wilhelm Gotter die Herausgabe eines deutschen Musenalmanachs begonnen, welcher binnen Kurzem eine Zeitschrift wurde, zu welcher Dichter aus allen Gegenden Deutschlands beisteuerten u. einerseits nicht blos die Dichter unter sich in lebendigere Verbindung, sondern auch deren Poesien rasch dem Publicum zur Kenntniß brachte. In Göttingen selbst schloß sich Gottfr. Aug. Bürger bereits 1771 an Boie an, mit welchem nun auch zwei talentvolle Studirende, Ludw. Heinr. Christ. Hölty u. Joh. Martin Miller, sowie im Frühjahr 1772 auch Joh. Heinr. Voß, in Verbindung traten. Einige andere dichtende od. mit Sinn für Poesie begabte Studenten, wie Karl Friedr. Cramer u. Joh. Friedr. Hahn, schlossen sich an, so daß bereits seit Mai 1772 der Bund (Hainbund) bestand, welcher seinen geselligen Mittelpunkt u. Ordner in Boie, den idealen Mittel- u. Stützpunkt für sein Treiben u. Dichten aber in Klopstock fand. Im Herbst 1772 traten noch die Grafen Christian u. Friedrich Leopold zu Stolberg dem Bunde bei, der bis zum Herbst 1773 in seiner Blüthe stand. Als gegen Ende 1774 sich die Mitglieder zerstreuten u. auch Boie selbst nicht lange darauf Göttingen verließ, wurde ein äußerlicher Zusammenhang unter einem Theile derselben theils durch die Musenalmanache, theils durch das Deutsche Museum, eine der vielseitigsten u. gehaltreichsten Zeitschriften des 18. Jahrh., 1776 von Boie mit Christ. Wilh. Dohm begründet, vermittelt; vgl. Prutz, Der Göttinger Dichterbund, Lpz. 1841.

Mit dem Übergehen des Musenalmanachs von Boie an Voß (1776) schließt der Zeitabschnitt, in welchem die Neubelebung u. Pflege der deutschen Dichtung zum größten Theil von ganz jungen unter einander verbündeten Männern ausging. Ein solcher Verein meist noch studirender Jünglinge tritt fortan nicht mehr auf; dagegen bildeten außer den bereits genannten noch mehrere andere Städte Sammelpunkte literarischer Kräfte überhaupt. Dahin gehört wiederum Hamburg, wo damals Friedrich von Hagedorn, später Klopstock lebten u. durch das Theater Schauspielkunst u. dramatische Dichtung außerordentlich gefördert wurde; ferner Braunschweig, wohin Jerusalem mehrere talentvolle Männer an das Carolinum zog; Königsberg, wo Kant, Hamann u. Hippel wirkten. Städte, wie Wien, Stuttgart, Erfurt, Darmstadt mit Gießen u. Frankfurt, Gotha, Düsseldorf, Münster, München, Kassel, Manheim, Mainz, Breslau, Heidelberg u. Dresden, traten entweder auf die Dauer od. im Vorübergehen mehr od. minder in den Vordergrund. Das Theater insbesondere fand nach Leipzig u. Hamburg besondere Pflege zunächst u. auf längere Zeit hier, in Wien u. Berlin; während kürzerer Perioden in Weimar, Gotha u. Manheim, dann aufs Neue in Weimar u. in den bedeutenderen Residenzen. Die Hauptsitze streng wissenschaftlicher Thätigkeitblieben außer den Akademien in Berlin, München u. Göttingen, auch während dieses Zeitraums noch die Universitäten. Unter denselben übten die ganze Periode hindurch Leipzig, Halle u. Göttingen, mehr nur in deren erster Hälfte Frankfurt u. Königsberg, in der zweiten aber vorzüglich Jena, Heidelberg u. Berlin, dann auch Breslau u. ganz zuletzt noch Bonn u. München einen bemerkbaren Einfluß auf die allgemeine Geistesbildung in Deutschland u. auf die Nationalliteratur insbesondere. Schon in der Zeit von 1740–43 wurden einige einflußreiche u. hervorragende Persönlichkeiten allgemeine Mittelpunkte für verschiedene Schriftstellergruppen. Dahin gehört zunächst Gleim, der erst zwischen dem Hallischen u. Berliner Kreise einerseits u. den Schweizern andererseits vermittelte, dann von Halberstadt aus mit Leipzig, Braunschweig u. Klotz in Halle in Verbindung trat u. auch in gutem Vernehmen mit dem Hainbund stand. Durch Klopstock wurde ein geistiges Band um seine Freunde in Leipzig u. die Schweizer, nachher von Kopenhagen u. Hamburg aus um die deutschen Schriftsteller in Dänemark geschlungen, die seit 1766 die Briefe über Merkwürdigkeiten der Literatur herausgaben; ferner um die Dichter in Braunschweig, Halberstadt, Wien u. Göttingen. Nicolai besaß Verbindungen durch ganz Deutschland, während Lessing, zuletzt von Wolfenbüttel aus, durch seine Wirksamkeit überall die Geister weckte. Lessing war Derjenige, welcher zuerst das gesammte deutsche Literaturgebiet nicht blos von einem höheren Standpunkte aus übersah u. beherrschte, sondern auch in dasselbe einen geistigen Zusammenhang zubringen verstand. Wieland schuf sich erst 1772, nachdem er in Weimar den Deutschen [905] Mercur gegründet hatte, einen größeren Kreis literarischer Freunde u. eine Schule, die in ihm ihren Meister sah. Mit Herders Niederlassung in Strasburg begann auch das Rheinland wieder in den Entwickelungsgang der D. L. thätig einzugreifen. Durch Herder zum helleren Bewußtseins seines Dichterberufs geführt u. auf die reinen u. unversiegbaren Quellen der Poesie hingewiesen, wurde Goethe unter den deutschen Dichtern der Neuzeit der erste, welcher die Poesie in der That wieder in ihr volles Recht einsetzte, u. blieb hierauf eine Reihe von Jahren der Hauptträger u. Mittelpunkt der neu erblühenden Nationalliteratur, zu welchem die Vertreter aller übrigen bedeutenderen Richtungen großentheils in einem näheren od. entfernteren Bezuge standen. Mit J. G. Schlosser war Goetheaus seiner Jugendzeit her, mit Jung-Stilling u. Lang von Strasburg aus befreundet. Hierzu traten in den nächsten Jahren die Bekannschaften, die er in Frankfurt, Wetzlar, Darmstadt u. Gießen mit Merck u. dessen gelehrten Freunden machte. Durch Gotter kam er mit den Mitarbeitern des Musenalmanachs u. den Göttingern, 1775 persönlich mit den Brüdern Stolberg in Berührung. Auch trat er mit Klinger sowie mit Klopstock u. Zimmermann, mit Lavater u. Fr. Heinr. Jacobi in Verbindung. Bei seiner Ankunft in Weimar 1775 fand er außer Musäus, Bertuch, v. Knebel, v. Einsiedel, K. S. v. Seckendorf, auch Wieland vor; zu diesem Kreise trat bald Herder hinzu. Allmälig zogen Weimar u. Jena immer mehr dieausgezeichnetsten dichterischen u. wissenschaftlichen Kräfte an sich, so daß diese beiden Nachbarstädte, als Schiller seit 1795 in innigster Freundschaft mit Goethe zusammenwirkte, ein ganzes Jahrzehnt hindurch im vollsten Sinne für die Hauptstädte der deutschen Geistesbildung u. Literatur galten. In Weimar lebten außer den schon Genannten am Musenhofe des Herzogs Karl August: Bode (seit 1779), Vulpius (seit 1790), Böttiger (seit 1791), H. Meyer (seit 1792), Falk (seit 1798), Jean Paul (1798–1800), von Kotzebue (1801–02), Fernow (seit 1804), sowie die Frauen Caroline von Wolzogen u. Amalie von Imhof. Vgl. S. Wachsmuth, Weimars Musenhof in den Jahren 1772–1807, Berlin 1844. In Jena, schon vorher durch Griesbach, Eichhorn, Loder u. Schütz berühmt, wurde in der Allgemeinen Literaturzeitung (1783) ein Centralorgan für die gelehrte Kritikgeschaffen; 1787 wurde Jena Hauptsitz der neuen Philosophie durch Reinhold, Fichte, Schelling u. Hegel, während in anderen Fächern Batsch, G. u. Ch. W. Hufeland, Paulus, Schiller, Niethammer, Woltmann, A. W. Schlegel, Eichstädt, Feuerbach, Thibaut etc. lehrten. In Jena nahm auch die von Aug. Wilh. Schlegel, seinem Bruder Friedrich u. dessen Freunden gestiftete Romantische Dichterschule ihren Anfang, während auch der deutsche wissenschaftliche wie belletristische Journalismus seine Hauptquelle in Weimar u. Jena hatte.

Weil die ganze neuere T. L. bis in den Anfang des 18. Jahrh. sich nicht aus dem heimischen Volksleben heraus entwickelt hatte, sondern in den meisten Gattungen ein künstliches, nach fremden Vorbildern geschaffenes Erzeugniß des Gelehrtenstandes war, so mußte dieselbe auch dem eigentlichen Volke fern stehen u. dasselbe theilnahmlos lassen. Als die literarische Entwickelung eine Wendung zum Besseren nahm, fehlte ihr eigentlich ein größeres, für das Bessere empfängliche Publicum; ein solches mußte erst erzogen u. herangebildet werden. Die Grundlagen zu einem solchen bot zunächst der gebildetere Mittelstand dar, welchem ja auch die Reformatoren der literarischen Zustände meist selbst angehörten. Indem man mit richtigem Gefühl an das religiös-sittliche Element, das sich noch im Volksleben zeigte, anknüpfte, begründete man nach dem Vorbild des englischen Tatler (1709) u. Spectator (1711) Steeles u. Addisons, in Deutschland seit 1713 moralische Wochenschriften, aus denen sich dann die ganze kritische, belletristische u. populärwissenschaftliche Journalistik entwickelte. Daneben wirkten für den Einblick in die fremden Literaturen für den nicht gelehrt Gebildeten die zahlreichen Übersetzungen, die jeder irgendwie bedeutenden Erscheinung folgten. Daß sich bei den obersten Klassen die neugestaltete D. L. nicht sogleich, sondern erst allmälig Anerkennung verschaffen konnte, hat seinen Grund darin, daß dieselben in der Französischen bereits eine reiche u. ausgebildete Literatur besaßen Erst etwa seit 1770 wurde durch Wielands Dichtung der Weg gebahnt, auf welchem die D. L. dem deutschen Adel u. den deutschen Höfen näherrücken konnte. Bald verhielten sich diese Kreise nicht mehr blos empfänglich für das neue Geistesleben, sondern wirkten auch fördernd auf dasselbe ein. Viele französische u. italienische Bühnen in den Residenzen gingen ein u. machten deutschen Schauspielhäusern Platz; mehrere deutsche Fürsten zeigten sich eifrig bemüht, vorzügliche Schriftsteller in ihre Nähe zu ziehen. Zu Letzteren gehört zunächst König Friedrich V. von Dänemark, welcher Klopstock nach Kopenhagen zog; dann waren es namentlich einige kleinere deutsche Höfe, die sich mittelbar od. unmittelbar der Dichtkunst annahmen. Vor allen Höfen zeichnete sich jedoch, wie schon erwähnt, der Weimarische aus, zuerst unter der kunstliebenden Herzogin-Regentin Anna Amalia, sodann unter ihrem hochsinnigen Sohne Karl August. Auch mit den eigentlichen Fachgelehrten, die noch längere Zeit hindurch mit einer gewissen Verachtung auf die Schöne Literatur herabzublicken pflegten, zeigte sich in der zweiten Hälfte eine Veränderung zum Besseren, so daß Deutsche Sprache u. Literatur auch bei ihnen zur Geltung gelangte. Der Dichtername, der bis zur Mitte des 18. Jahrh. so gut wie gar keine Bedeutung verlieh, wurde durch Klopstock in Deutschland wieder zu Ehren gebracht, während Lessing das von akademischen Würden u. Ämtern unabhängige Schriftstellerthum adelte.

Während sich die Schöne Literatur zu Anfang des 18. Jahrh. schon in sehr verschiedenen Gebieten u. Richtungen versucht hatte, begann die wissenschaftliche eben erst ernstlich, die Fessel der Lateinischen Sprache abzustreifen u. dem Leben aus der Beschränktheit der Schule näher zu treten. So lange die Wissenschaft noch in dem neu-lateinischen scholastischen Formel- u. Regelwesen verharrte u. den blinden Glauben hegte, daß die poetische Kunst des klassischen Alterthums die einzig wahre sei, konnte auch die künstliche u. gemachte Gelehrtenpoesie nicht auf den Weg zur Natur, der Volksthümlichkeit u. originalen Kunstmäßigkeit geleitet werden. Die Haupthebel, durch welche dies jedoch allmählig bewerkstelligt wurde, waren zuerst die ästhetische Kritik, dann die philosophische Untersuchung,[906] zuletzt die geschichtliche Forschung. Obgleich schon um 1700 Wernicke die Nothwendigkeit der Kritik erkannt hatte, zeigten doch die nächstfolgenden Jahrzehnte die entschiedenste Abneigung gegen dieselbe. Den ersten Fortschritt zum Besseren machten die Schweizer. Obgleich ihre Einsicht in das Wesen der Poesie noch nicht weit genug reichte, drangen sie in ihrer Theorie jedoch darauf, daß der Dichter seine Imagination wohl cultivire, von welcher die reiche u. abändernde Dichtung ihr Leben u. Wesen einzig u. allein habe; ferner daß er vor Allem der Natur treu bleibe, nur sie nachahme u. ihr, als der einzigen u. allgemeinen Lehrerin, in jeder Art von Kunstübung folge; endlich daß er durch die gute Imagination erst in sich selbst die Stimmung hervorgerufen haben müsse, in welche er seine Lehre versetzen wolle, u. sodann das Herz reden lasse. Da sie von diesen Forderungen bei der zweiten Schlesischen Schule keine einzige erfüllt fanden, so war der Glaube an Hofmannswaldaus u. Lohensteins Vortrefflichkeit bald von Grund aus erschüttert. Den Discursen der Maler folgten einige andere Schriften, darunter auch: Von dem Einfluß u. Gebrauch der Einbildungskraft zur Verbesserung des Geschmacks (1727). Mit Gottsched blieben sie im Allgemeinen bis 1740 in gutem Vernehmen. Letzter hatte unterdessen mit seinem Versuch einer kritischen Dichtkunst für die Deutschen (1730) einen für seine Zeit ungemein wichtigen Schritt vorwärts gethan. Als Vorbild empfahl er namentlich die klassischen Dichter Frankreichs. Unterdessen war mit der Ausbreitung der Wolf-Leibnizschen Lehre auch die philosophische Bildung vorgeschritten u. hatte Liscow den Beweis geführt, daß das Recht zu kritisiren ein allgemeines Recht der Menschen sei. Bald darauf traten nun 1740 die Schweizer mit ihren längst vorbereiteten Hauptwerken hervor, darunter Breitinger mit der Kritischen Dichtkunst (Zür. 1740, 2 Bde.) u. der Abhandlung über die Gleichnisse (1740), Bodmer mit der Abhandlung vom Wunderbaren in der Poesie (1740) u. den Kritischen Betrachtungen über die poetischen Gemälde der Dichter (1741). In denselben, namentlich in der Kritischen Dichtkunst, hatten sie das Fundament ihrer Dichtungslehre viel tiefer gelegt, als Gottsched, u. waren zu dem Resultate gekommen, daß nur die das Schöne schaffende Kunst selbst sich ihre Regeln gegeben habe u. überhaupt geben könne. Obgleich die Schweizer sich noch nicht offen Gottsched gegenüber gestellt hatten, so folgte doch bald der Bruch, zunächst veranlaßt durch die Verschiedenheit der Ansichten über Miltons Verlorenes Paradies. Derselbe zog eine literarische Fehde (zwischen den Schweizern u. Gottsched) nach sich, die länger als ein Jahrzehnt mit der größten Erbitterung geführt wurde. Partei für Gottsched nahmen zuerst Triller, dann Pitschel u. Mylius; weder ausschließlich für Gottsched, noch für die Schweizer, entschieden sich die Kritischen Versuche zur Aufnahme der deutschen Sprache (Greifsw. 1741–46). Die Schweizer standen anfänglich den Gottschedianern ganz allein gegenüber, fanden jedoch aber bald Beistand im nördlichen Deutschland, zunächst von Liscow u. Rost, dann auch von Pyra u. dem damals sehr angesehenen Hamburger Correspondenten (redigirt von Zingg). Später wirkten auch Sulzer u. die Bremer Beiträge, sowie ganz entschieden Meier für die Schweizer. Inzwischen hatte sich jedoch auch in der Dichtung selbst das Erwachen eines besseren Geistes angekündigt. In der Nachbarschaft der schweizerischen Kritiker entstanden die Gedichte Drollingers u. Hallers, in Hamburg die Werke von Hagedorn. Noch vor 1740 fallen auch die hierher zu rechnenden Versuche von Lange, Pyra u. J. E. Schlegel. Als Prosaiker hatten sich um dieselbe Zeit Mosheim um die geistliche Beredtsamkeit u. durch geschmackvollere Behandlung der biblischen Sittenlehre, sowie Liscow durch seine kritischen Satyren verdient gemacht. Nach 1740 traten dann zunächst die Bremer Beiträge mit den ersten poetischen Versuchen Gleims u. seiner Freunde, dann die erste vollständige Sammlung von Hagedorns Lyrischen Gedichten u. einige Werke von J. E. Schlegel, in den rein prosaischen Gattungen Schriften von Sack, Jerusalem, Sulzer u. Spalding auf. Alles dies verkündete jedoch eben erst den Anbruch einer neuen Zeit.

Die Poesien selbst lassen erkennen, daß sie mehr auf eine äußere Anregung hin, als aus innerem Drange entstanden waren. Vieles war bloße Nachahmung, wenn auch freier u. selbständiger als früher; neben den Franzosen waren es namentlich die Engländer, die zur Geltung gelangten. Seit J. M. Gesner, J. F. Christ u. J. A. Ernesti in die klassischen Studien mehr Geist u. Leben brachten, begannen auch die deutschen Dichter in ein freieres lebendigeres Verhältniß zu den Vorbildern des Alterthums zu treten. Eine neue Wendung nahm die deutsche Dichtung namentlich im Epos, als 1748 die ersten Gesänge von Klopstocks Messias erschienen, die mit enthusiastischem Beifall aufgenommen wurden u. unter den Schweizern, zu deren Grundsätzen Klopstock sich bekannte, zuerst in Bodmers Noachide eine, wenn auch schwächere Nachahmung fand, dann aber auch viele Andere zur Nachfolge in der Abfassung biblischer Epopöen (z.B. Wieland) reizte. Gottsched, wie sehr er es sich auch angelegen sein ließ, Klopstock u. seine Nachahmer anzugreifen, u. obgleich er in dem Heldengedicht Hermann od. das befreite Deutschland (1751) von Schönaich ein dem Messias ebenbürtiges Werk aus seiner Schule zur Seite gestellt zu haben meinte, wurde dadurch vollständig in den Hintergrund gedrängt, u. seine Stimme blieb fortan ohne Einfluß auf das gebildetere Publicum. Obschon die ästhetische Kritik die Kämpfe zwischen den Schweizern u. Leipzigern durchgemacht, hatte sie sich doch im Allgemeinen nicht über den Standpunkt von 1740 erhoben. Erst Lessings Kritik brachte hierin eine Änderung hervor. In seinen Beurtheilungen, die er seit 1751 für das Neueste aus dem Reiche des Witzes lieferte, stellte er sich bereits selbständig über die kämpfenden Parteien u. Zeitrichtungen in der Literatur. Wie Lessing, so wandte sich auch Fr. Nicolai in seinen Briefen über den jetzigen Zustand der schönen Wissenschaft in Deutschland (1755) gegen die ungenießbaren biblischen Epopöen u. den Klopstock-Miltonschen Geschmack der Schweizerischen Schule, was zur Folge hatte, daß Bodmers u. Breitingers Einfluß gebrochen u. somit der ganze Gegensatz zwischen den Schweizern u. Leipzigern beseitigt wurde. Zugleich wie Lessing, wirkte die deutsche Dichtung, die mit Klopstock u. in anderer Beziehung mit Wieland eine epische Richtung eingeschlagen hatte, mit Entschiedenheit auf das Drama. Seine Miß Sara Sampson (1755) war das erste bürgerliche Schauspiel[907] nach englischem Vorbilde. In seinen höchst einflußreichen Literaturbriefen füllte er nicht blos Urtheile über gleichzeitige Schriftsteller u. Dichter, wie über Joh. Jak. Dusch, Wieland, J. A. Cramer u. Basedow, sondern er verwarf auch entschieden das bisherige Drama u. dessen Anlehnen an französische Muster, empfahl aber dagegen das Vorbild Shakespeares. Von unendlicher Wichtigkeit für die Neugestaltung der Alterthumswissenschaft wurde sein Laokoon od. über die Grenzen der Malerei u. Poesie (1766), welchem 1768 die Briefe antiquarischen Inhalts u. 1769 die Abhandlung, Wie die Celten den Tod gebildet, folgten. Gleichzeitigdichtete Lessing sein zweites Trauerspiel, den Philotas (1760); mit seiner Minna von Barnhelm (1767) begründete er das deutsche nationale Lustspiel; kurz darauf erschienseine Hamburgische Dramaturgie, sein größtes u. für die fernere Entwickelung unserer Schönen Literatur wichtigstes Werk, welches der Nachahmung der Franzosen für immer ein Ende machte u. zuerst Shakespeares ganze Bedeutung zur Geltung brachte. Während Lessing so allmälig in der Poetik aufräumte, den Grund zu einem nationalen Drama legte u. den Dichtern zeigte, wie sie aus Nachahmern zu selbständig erfindenden Dichtern werden könnten, hatte Winckelmann seit 1755 mit seinen kunsthistorischen u. kunsttheoretischen Schriften, namentlich mit seinem Hauptwerk der Geschichte der Kunst des Alterthums (1764), eine Wissenschaft ins Leben gerufen, welche der ästhetischen Bildung der Deutschen u. der Fortentwickelung ihrer Literatur vielfach förderlich wurde. Wie dadurch der Neuzeit die klassische Welt der Schönheit eröffnet worden war, so wurden durch Übersetzungen u. andere Schriften der D. L. eine Menge neuer Stoffe u. Ideen aus dem Morgenland, dem Alterthum, dem Mittelalter u. den neuen Abendländischen Literaturen zugeführt. Während Hamann durch seine schwer verständlichen Schriften zunächst nur wenig auf den allgemeinen Gang der deutschen Bildung u. Literatur einwirkte, so geschah dies um so mehr durch seinen Schüler Herder, der dessen Ideen zuerst für unsere Dichtung u. Wissenschaft fruchtbar machte.

Herder wurde der eigentliche Begründer jener Art von ästhetischer Kritik, welche poetische Werke u. ganze Literaturzustände der Vergangenheit in ihrem verschiedenartig bedingten Entstehen, ihrem nationalen Charakter u. geschichtlichem Zusammenhange aufzufassen u. zu würdigen suchte. Er führte von der durch Lessing geläuterten Theorie der poetischen Kunst zueinerlebensvollen, genialen Ausübung derselben über u. vermochte die jungen Talente bedeutend anzuregen. Die Blätter von deutscher Art u. Kunst, die gleichzeitig (1773) mit Goethes Götz von Berlichingen erschienen, wirkten epochemachend. Wie mit dem Götz die deutsche Dichtung, so trat mit den Briefen über Ossian u. die Lieder alter Völker u. den Aufsatz über Shakespeare die ästhetische Kritik aus dem Zeitalter der Reform in das der revolutionären Tendenzen, in das Zeitalter der Sturm- u. Drangperiode der neueren D-n L. Während bisher (bis 1773) die ästhetisch-kritischen Bestrebungen Hand in Hand mit der literarischen Production gegangen waren, wurde das Verhältniß in den nächsten 20 Jahren ein durchaus verschiedenes. Es erschienen zwar mehrere theoretische Werke über die Dichtkunst, wie von Engel, Eberhard u. Eschenburg, doch erhoben sie sich in ihren Grundsätzen nicht über Baumgartens Ästhetik u. die kunsttheoretischen Werke der Engländer; die kritischen Zeitschriften, unter denen nur etwa die Frankfurter gelehrten Anzeigen, so lange Merck an denselben arbeitete, einigen bestimmenden Einfluß auf die jungen Dichter übte, verwaltetenihr Richteramt mit Parteilichkeit u. nach veralteten Grundsätzen, so daß die jungen Talente im Fluge ihres Genies auf deren Urtheile nicht achteten u. mit kühnem Selbstvertrauen die Dichtung ihren neuen Zielen zuführten. Daß die Zeit nach einer anderen Poesie verlangte, als die zeitherige im Allgemeinen gewesen war, zeigte sich schon in dem Briefwechsel. Über den Werth einiger deutscher Dichter (1771–72) von Jak. Mauvillon u. Ludw. Aug. Unzer, deren Urtheile, namentlich in Betreff Gellerts, damals schon ziemlich allgemein von den sogenannten Freigeistern in Sachen des Genies getheilt wurden. Der einzige Mann, der sich um 1773 noch im vollkommensten Dichterrausche behauptete, war Klopstock; Lessing, Gleim, Ramler u. Kleist wurden nur nach einzelnen Richtungen hin hoch gehalten. Die jungen Dichter verwarfen auf das Entschiedenste alle Theorien u. Kunstregeln der alten Schule u. bildeten sich an deren Stelle eine ganz neue Dichtungslehre. Jeder Regelzwang sollte abgeworfen, alles blos Conventionelle beseitigt, die Natur in alle ihre Rechte eingesetzt u. dem Dichter die volle Freiheit bei allem Erfinden u. Ausführen gesichert bleiben. Natur, Originalität u. Genie wurden die Losungsworte der Dichter dieser Sturm- u. Drangzeit. Daher kam es, daß von den Dichtern der Vorzeit zunächst Shakespeare hervorgehoben u. die Gedichte Homers, Ossians u. der Skalden, die alten Lieder des Morgenlands, Percys Sammlung altenglischer Dichtungen, die Minnesänger u. Hans Sachs für echt u. naturwahr gehalten u. studirt wurden. Vollendet wurde das Fundament, auf dem sich die Theorien der neueren Dichter erhoben, erst mit den oben erwähnten beiden Aufsätzen Herders in den Blättern von deutscher Art u. Kunst (1773), sowie Klopstocks Deutscher Gelehrtenrepublik (1774). Während sich vorzugsweise in Goethes Kreise über Herders Aufsatz über Shakespeare die Theorie der neuen deutschen Dramas aufbaute, trugen dessen Ansichten über Ossian u. die Lieder der alten Völker bes. bei den Göttingern zur Neubildung der rein lyrischen u. episch-lyrischen Poesie wesentlich bei. In denselben Jahren, wo die genannten Schriften erschienen, traten auch zugleich drei Haupt- u. Meisterwerke auf dem Gebiet der dichterischen Production hervor, durch welche der lange vorbereitete Umschwung wie mit einem Schlage entschieden wurde: Goethes Götz von Berlichingen (1773), dessen Leiden des jungen Werther (1774) u. Bürgers Leonore (1774). Fast gleichzeitig od. in der allernächsten Zeit tauchten an allen Orten junge Talente auf, die sich zu Herders u. Klopstocks Theorie bekannten, sich in der Verehrungdes Letzteren vereinigten u. es Goethe nachzuthun verlangten, so daß schon Ende 1774 voneiner neuen weitverzweigten Dichterschule die Rede sein konnte. Zu dieser konnten, außer Herder, Goethe, Merck u. J. G. Schlosser, gleich Anfangs gerechnetwerden: Lenz, Heinrich Leopold Wagner, Klinger, Fr. H. Jacobi, Jung u. Lavater, sodann nebst von Gerstenberg u. G. Fr. Ernst von Schönborn[908] nach Bürger u. dessen Freunde, sowie außerdem noch Fr. Müller (Maler-Müller), Ludw. Phil. Hahn, Matth. Claudius, Ant. Matth. Sprickmann u. Chr. Fr. Dan. Schubart. Natürlich fehlte es auch nicht an Gegnern der neuen Richtung. So trat derselben zuerst die Leipziger Kritik entgegen u. anfangs auch Wieland im Deutschen Mercur; hierzu trat 1775 Nicolai, der sich mit den meisten Hauptvertretern der neuen Literaturrichtungen verfeindet hatte, in der Allgemeinen deutschen Bibliothek, für welche Musäus, Knigge, Eschenbach, Biester, Schatz, Manso u. J. G. Müller recensirte. Unter den übrigen Gegnern war Lichtenberg der geistreichste, witzigste u. durchgebildetste. Unter allen jenen Dichtern dieser Periode besaß jedoch nur einzig u. allein Goethe die Vollkraft einer genialen Dichternatur. Er hat sich in allen Dichterarten u. in jeder mit glücklichstem Erfolge versucht u. hat uns zugleich in der Gesammtheit seiner poetischen Werke eine Reihe von Erzeugnissen hinterlassen, die ein getreues Abbild von dem Entwickelungsgange unserer vaterländischen Dichtung bieten. Während in seinen ältesten Schriften noch manches an die alte sich an die Franzosen anlehnende Dichterschule erinnert, zeigt er sich in seinen Arbeiten, die in die Zeit nach Herders Bekanntschaft bis um 1786 fallen, volksthümlich deutsch u. auch in Betreff der Einkleidungsformen fast vollkommen unabhängig von der Fremde, wie im Götz, im Faust u. nach einer andern Seite hin im Werther, ferner in seinen Liedern u. Balladen.

Schon im Anfange der achtziger Jahre legte sich die drangvoll-stürmische Bewegung in der Literatur; selbst Klinger, der als Dramatiker dem Geiste der Sturm- u. Drangperiode am treusten blieb, war maßvoller geworden. Von Goethe selbst gelangte aus der Zeit von seiner Ankunft in Weimar bis zu seiner italienischen Reise nur wenig in das Publicum. Jedoch war der Geschmack des Letzteren durch die Ausschreitungen der Sturm- u. Kraftgenies untergeordneten Schlags, welche die Literatur überwuchert hatten, noch nicht in Abspannung u. Gleichgültigkeit gerathen, wie dies die ganz außerordentliche Aufnahme bewies, die Joh. Friedr. v. Schiller 1781 mit seinen Räubern, denen nebst einer Sammlung kleinerer Gedichte die Dramen Fiesco u. Kabale u. Liebe folgten. Er vereinigte in diesen Stücken die sämmtlichen drangvoll-stürmischen Tendenzen seiner Vorgänger u. eröffnete gegen die wirklichen u. scheinbaren Übelstände u. Naturwidrigkeiten im staatlichen u. gesellschaftlichen Leben eine heftige u. energische Polemik. Die Mängel, die Schiller selbst in seinen Erstlingswerken erkannte, suchte er im Don Carlos zu beseitigen, in welchem er als Dichter u. Denker bereits eine andere Bildungsstufe betreten hatte. Nach Schiller erschien nur noch einmal in W. Heinses (s.d.) Roman Ardinghello der wild übersprudelnde Geniedrang, aber in einer bis dahin unerhörten Zügellosigkeit. Sonst blieb seit etwa 1780 aus den Nachwirkungen der Sturm- u. Drangzeit nur Ausgeburten einer rohen Phantasie, eine Menge von Ritterschauspielen, Ritter-, Geschichts- u. Räuberromanen u. dgl. als Bodensatz übrig. Neben dieser enthusiastischen Richtung, welche gegen die Einrichtungen u. Verhältnisse der Gegenwart polemisch anstürmte, daher mehr einen ernsten u. tragischen Charakter trug u. ihrer allgemeinen Tendenz nach mehr idealistisch war, bestand jedoch noch eine andere Richtung fort, die zwar auch Naturwahrheit anstrebte u. der Originalität ein gewisses Anrecht verlieh, aber sich friedlicher zur Gegenwart stellte, mehr zu komischen, witzigen u. humoristischen Erfindungen hinneigte u. an einem bald feinern bald derbern Realismus Behagen fand. In dieser Richtung galt auch noch seit etwa 1773 Wieland der schon vorher einen gewissen Gegensatz zu Klopstocks Dichtung gebildet hatte, als der größte u. eigentliche Kunstmeister, der noch Stoff u. Form od. in beiden Beziehungen zahlreiche Anhänger hatte, die aber viel öfter in seine Fehler verfielen, als ihm auch nur in einem seiner Vorzüge nahe kamen. Wielands Ansehen schrieb sich nicht allein aus seinen Werken vor 1773 her; seine Blüthezeit fällt vielmehr zwischen Goethes u. Schillers erstes Auftreten. Unter allen übrigen Dichtern des 8. u. 9. Jahrzehnts war er, wenn auch nicht gerade der schöpferischste u. fruchtbarste, so doch sicher das geschmeidigste u. ausgebildetste Talent. Sein Dichterruhm beruht auf seinen Werken erzählender Gattung. Anfangs wählte er dafür ziemlich leichtfertige Stoffe aus den Überlieferungen des Alterthums od. ersann sie sich selbst (Idris u. Neuer Amadis), malte aber darin oft mit sehr unkeuschem Pinsel; in Weimar jedoch wandte er sich dem Ritterthum des Mittelalters od. der Märchenpoesie des Morgen- u. Abendlands zu, die er mit gebildeterem Geschmack u. tieferer Kunsteinsicht behandelte. Dahin gehört auch der Oberon, das vollendetste u. berühmteste unter seinen Werken, während unter seinen neuern Romanen die Abderiten obenan zu stellen sind. Von den Dichtgattungen, welcher sich die Anhänger an Wielands Richtung zuwendeten, war es vorzugsweise der Roman, der zahlreiche Bearbeiter fand. Außer etwa Ludwig Heinrich von Nicolays hierher gehörigen Gedichte, welche bloße Nachbildungen Ariosts sind, u. einigen komischen Erzählungen von Thümmel (Inoculation der Liebe, 1771) u. Heinse (die Kirschen, 1773) erschien fast Alles erst nach Wielands Oberon.

Seit Anfang dieser Periode hatten man sich im Gebiet des Romans nur mit höchst untergeordneten Arbeiten Einheimischer, namentlich aber mit Übersetzungen fremder Romane begnügen müssen. Der deutsche Leser war hierdurch so sehr an die Erfindung des Auslandes gewöhnt, daß nach der Mitte des 18. Jahrh. auch deutsche Romanschriftsteller nur fremde Stoffe wählten od. dieselben auf fremdem Boden spielen ließen. Nachdem 1760 Musäus das erste, jedoch ohne Nachfolge gebliebene Beispiel gegeben hatte, wagte es zuerst Joh. Timoth. Hermes 1770 in Sophiens Reise von Memel nach Sachsen, eine rein deutsche Geschichte zu geben u. somit den deutschen Roman dem lesenden Mittelstande näher zu führen. Obgleich sich nun viele Andere heimathliche Stoffe zu ihren Romanen wählten, so hielt man sich doch in Form, Styl u. Ton mehr od. minder an fremde Vorbilder. Allen gemeinschaftlich bleibt die pragmatisch-lehrhafte Tendenz, die man in die Zeichnung der Charaktere u. in die Erzählung der Begebenheiten zu legen pflegte, sowie das Humoristische in der Auffassung u. Behandlung der dargestellten Personen, Begebenheiten, Verhältnisse u. Situationen. Als Meister des humoristischen Romans wurde in dieser Zeit Sterne betrachtet, der jedoch von den Hauptvertretern[909] desselben, wie außer von Wieland, von Fr. Nicolai, Wezel, Musäus, von Hippel, Joh. Gottw. Müller u. Knigge, kaum erreicht wurde. In einer großen Anzahl von Romanen trat die dichterische Erfindung vor wissenschaftlichen od. praktisch-gemeinnützigen Zwecken gänzlich in den Hintergrund. Weniger deutlich treten im Drama die Brestebungen der Dichter hervor, welche dem entarteten Treiben der Originalgenies abhold waren. Das Vorbild der französischen Kunsttragödie war überwunden u. konnte weder durch Gotters Bearbeitungen einiger Stücke von Voltaire, noch durch die Trauerspiele, welche Ayrenhoff in diesem Style dichtete, neubelebt werden. Alles was in den achtziger Jahren für das ernste Drama geschah, ging von Goethe u. den ihm zunächst sich anschließenden Dichtern aus. Da jedoch diese Stücke für den Bedarf der Bühnen nicht ausreichten u. es namentlich in Deutschland noch immer an eigentlichen Lustspielen gebrach, so griff man nach Bearbeitungen u. Übersetzungen fremder Schauspiele; nicht wenige Schauspieler legten selbst Hand an das Werk, doch nur Friedr. Ludw. Schröder mit rechtem Geschick u. Erfolg. Gegen Ausgang der achtziger Jahre war so der Vorrath fremder Schauspiele, zu welchem die Römer, Italiener, Spanier, Dänen, am reichlichsten aber die Franzosen u. Engländer beisteuern mußten, zu einer bedeutenden Masse angeschwollen. Natürlich hatte das Fremde Einfluß auf die Erfindungen der heimischen Dramatiker, so daß sich das deutsche Schauspiel auf dem von Lessing u. Goethe gelegten Grunde nicht zur wahren Volksthümlichkeit entwickeln konnte; dagegen kam das rührende Schauspiel, namentlich um 1780 das Familiengemälde in Aufnahme durch Gemmingen (Der deutsche Hausvater), Großmann (Nicht mehr als sechs Schüsseln), Schröder u. bes. Issland, der bis gegen Ende des Jahrh. für einen der ausgezeichnetsten dramatischen Dichter galt. Doch schon vorher hatte sich die Gunst des Publicums Kotzebue zugeneigt, der mit Menschenhaß u. Reue seinen höchsten Ruhm erreichte. Als Kotzebue mit diesem Stücke Issland die Herrschaft über die Bühne streitig zu machen anfing, begann Lafontaine seine Laufbahn, der sich jetzt bald vom dramatischen Gebiet ab u. dem Familienroman zuwandte u. in dieser Gattung zum ausgebreitetsten Rufe gelangte. Wenn es auch von jeher Schriftsteller gab, welche bei ihren Arbeiten blos die zeitkürzende Unterhaltung der großen Menge im Auge hatten, od. blos des Erwerbes wegen schrieben, so standen diese bisher doch mehr vereinzelt, bis mit dem Anfang der Achtziger sie in dichterer Reihe erscheinen. Seitdem mehrten sie sich mit jedem Jahrzehnt, so daß durch diese überhandnehmende Vielschreiberei, namentlich die erzählende u. dramatische Literatur in Stoffen u. Formen immer tiefer zum Alltäglichen, Niedrigen u. Rohen herabgezogen wurde u. somit im höchsten Grade verderblich auf den Geschmack, wie die ganze Sitte u. Denkweise des stets lesebegierigen Publicums einwirken mußte. Wenn schon geistige Schriften aus jener Zeit jetzt in den Leihbibliotheken nur noch von den unteren Volksklassen gelesen werden, so hatte sie damals ihr Publicum in den sogenannten gebildeteren Ständen. Reben den zahllosen empfindsamen u. rührenden, zum Theil auch frivolen u. schmutzigen Liebesgeschichten, platten Familienromanen etc. waren durch Schillers Räuber u. Goethes Götz von Berlichingen angeregt, zu Ende des Jahrhunderts Ritter-, Räuber- u. Klostergeschichten in unendlicher Menge vorhanden, desgleichen Robinsonaden u. Abenteurergeschichten (s. oben), sowie Geistergeschichten aller Art, letztere meist durch Schillers Geisterseher hervorgerufen. Wenn auch A. G. Meißner, welcher die Reihe dieser Schriftsteller beginnt, J. F. Jünger, ferner J. Gottw. Müller u. von Knigge mit ihren späteren Romanen, J. Chr. Fr. Schulz u. Christiane Benedicte Eugenie Naubert noch nicht zu der Klasse der eigentlichen schlechten Schriftsteller gehören, so gilt Letzteres jedoch im eigentlichen Sinne des Wortes von Albrecht, Seidel, K. Gottl. Cramer, Spieß, Vulpius, Schilling, G. H. Heinse, K. Große, sowie auch von Zschokke in seinen jüngeren Jahren. Außer Schillers Räubern u. Geisterseher, sowie Goethes Götz von Berlichingen, wurden bes. L. F. Hubers Trauerspiel, Das heimliche Gericht (1790), Chr. G. Salzmanns Karl von Karlsberg (1783–96) u. Zschokkes Abällino der große Bandit (1793) die Vorbilder u. Ahnherren ganzer Reihen schlechter Nachahmungen. Daneben hatte bereits seit Ende der Siebziger neben den eigentlichen Romanen die kleinere Prosaerzählung, die ernstere u. komische Novelle, das Märchen u. die märchenhafte Erfindung, die Anekdote u. die kleine Liebezgeschichte fleißige Pflege gefunden. Die meisten dieser Arten finden sich schon in Meißners Skizzen (1778–88) vertreten; Volksmärchen behandelte Musäus, das in Deutschland Erfundene wurde durch Übersetzung u. Bearbeitung von Ausländischem ansehnlich vermehrt. Diese kleineren Erzählungswerke wurden bald die Hauptbestandtheile zweier sich neu bildender Klassen von periodischen Sammelschriften, der belletristischen Taschenbücher u. der belletristischen Zeitungen. Die Reihe der ersteren eröffnete W. G. Becker 1791 mit dem Taschenbuch zum geselligen Vergnügen, die der letzteren mit der Zeitung für die elegante Welt, 1801 zu Leipzig von K. Spazier begründet. Seit 1779 kam auch eine Gattung dialogisirter Romane auf; ihre Reihe beginnt mit Gustav Aldermann von F. T. Hase, welchem sich Schlenkert, H. G. Schmieder, J. A. Feßler, K. G. Cramer (Hasper a Spada 1792), Albrecht u. A. anschlossen.

Während sich auf der einen Seitebis zur Mitteder Neunziger hin die deutsche schöne Literatur zu einer bloßen Unterhaltungsliteratur verflacht hatte, wurde auf der anderen eine neue Wendung zum Besseren vorbereitet, theils durch sorgfältige u. geschmackvolle Übersetzungen fremder Dichtungen, theils durch Goethes neubelebte dichterische Thätigkeit während seines Aufenthalts in Italien u. nach seiner Rückkehr, theils endlich durch die Fortschritte, welche die deutsche Wissenschaft unterdessen gemacht hatte. Die Übertragungen der ausgezeichnetsten Dichtwerke des klassischen Alterthums u. der neueren Ausländer halfen der D-en L. zu einer höheren u. vollendeteren Kunstform, die ihr während der Sturm- u. Drangperiode noch mangelte, u. riefen die Ausbildung einer eigenen Übersetzungskunst in Deutschland hervor, wie sich bei keinem anderen Volke entwickeln konnte. Als Begründer derselben sind K. W. Ramler durch seine Oden des Horaz u. nach einer anderen Seite hin Herder mit seinen Volksliedern zu betrachten. Bald hatten sich zwei Klassen[910] von Übersetzern gebildet, von denen die eine sich namentlich an das klassische Alterthum, die andere an die Kunstdichtungen der romanischen Völker, zunächst der Italiener, hielt. In der ersten erhielt J. H. Voß den Preis der Meisterschaft, in der zweiten haben A. W. Schlegel u. J. D. Gries das Übertragen südländisch-romanischer Poesie zur eigentlichen Kunst ausgebildet, namentlich hat Schlegel in seiner Übersetzung Shakespeares Großartiges u. Vollendetes geleistet. Was für Wiedereinführung metrischer Formen theils durch diese Übersetzungen, theils durch Wielands Dichtungen, Lessings Nathan u. die erste Hälfte von Schillers Carlos vorbereitet war, fand die erfolgreichste Förderung in verschiedenen dramatischen Werken Goethes, die er jetzt vollendete, nachdem er nach Italien gegangen war. Das ernste Studium der vollendetsten Werke der antiken Plastik u. der italienischen Malerschulen lehrte ihn auch für die Poesie den Werth der Form wieder richtiger zu würdigen, wovon sich die Früchte zunächst in der Iphigenie, dem Egmont u. dem Tasso zeigten u. seine ganze fernere Thätigkeit durchdrangen. Er gelangte in dieser seiner zweiten Periode bis auf den Höhepunkt reinster u. edelster Kunstgestaltung im Dichten u. schuf somit eigentlich erst einen wahren Kunststyl in der neueren deutschen Poesie. Doch fand Goethe mit diesen Werken nicht gleich Nachfolge u. so raschen Anklang, wie mit seinen früheren Schöpfungen. In der dramatischen Gattung zeichnete sich bis zur Mitte der Nennzigernuretwa Klingerim Trauerspiel aus, während in der erzählenden Gattung von den Werken in gebundener Rede nur die Rittergedichte Joh. Baptist v. Alxingers u. Fr. Aug. Müller zu erwähnen sind. Besser verhielt es sich mit dem Roman, für welchen Wieland mit dem Peregrinus Proteus, Fr. H. Jacobi mit Allwills Briefsammlung u. dem Woldemar, sowie Klinger mit Faust u. einigen anderen Werken Verdienstliches leisteten, wenn ihre Arbeiten auch nicht für reine Gebilde einer frei schaffenden poetischen Kunst gelten können. Letzteres gilt auch von Hippels Kreuz- u. Querzügen des Ritters A bis Z u. Jean Paul Richters Unsichtbarer Loge u. Hesperus. Dagegen gehört jedoch ein Roman aus dieser Zeit, Mor. Aug. von Thümmels Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich, zu den ausgezeichnetsten Werken unserer schönen Prosaliteratur. War auch durch die Übertragung fremder Kunstdichtungen u. die neueren Arbeiten Goethes der Anfang gemacht worden, die vaterländische Poesie dem Naturalismus zu entreißen u. zur schönen Kunst zu veredeln, so war es doch erst die unterdessen zur Mündigkeit herangereifte deutsche Wissenschaft, welche die deutsche poetische Kunst mit Bewußtsein ihrem Höhepunkt zuführen sollte. Zunächst war es die kritische Philosophie Kants, welche in dieser Zeitzur Anerkennung gelangte. Hatte auch Kant in seiner Kritik der Urtheilskraft (1790), der Kritik der reinen Vernunft u. der Kritik der praktischen Vernunft kein vollständiges System der Ästhetik niedergelegt, so wurden doch die Kantschen Theorien durch Schiller, welcher der kritischen Philosophie das eifrigste Studium widmete, in verschiedenen ästhetischen Aufsätzen, sowie durch sein eigenes Beispiel als Dichter zur Anwendung gebracht. Einen befreundeten Genossen in seinen Bestrebungen fand er an Wilh. v. Humboldt. Gleichzeitig erhielt dadurch die erschlaffte ästhetische Kritik einen neuen Anstoß u. wurde in eine ganz neue Bahn eingelenkt, auf der sie namentlich durch die Gebrüder Schlegel weiter geführt wurde. Für die historischen Wissenschaften war bis Mitte der neunziger Jahre durch Forschung zwar viel geschehen, doch blieb der Geschichtschreibung in ihrer Ausbildung zur historischen Kunst noch viel zu wünschen übrig. Das Streben zum Besseren zeigt sich mehr nur im Einzelnen als im Ganzen der Leistungen der namhaftesten Geschichtsschreiber von Erfolg begleitet. Seiner Zeit höchst verdienstlich war die Geschichte der Deutschen von Mich. Jgn. Schmidt, der an die Stelle einer bloßen Kaiser-, Reichs- u. Ständehistorie eine Geschichte des deutschen Volkes zu setzen suchte. Zunächst erhob sich dann die Kirchengeschichte zu einem mehr kunstmäßigen Pragmatismus, der bald auch auf andere Zweige der Geschichtschreibung umbildend einwirkte. Auf Plancks Geschichte unseres protestantischen Lehrbegriffes folgte Spittler mit seinem Grundriß der Geschichte der christlichen Kirche, sowie einigen anderen Werken über die Geschichte von Hannover, Württemberg u. über die europäischen Staaten. Den gepriesensten Namen erlangte aber damals in der Geschichtschreibung Joh. Müller durch seine Geschichte der schweizerischen Eidgenossenschaft. Den größten Einfluß auf die Bildung des historischen Styls hatten Schillers Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande (1788) u. die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges (1791–93), welche Werke zugleich bei dem nicht gelehrten Theile des gebildeteren Publicums das Interesse für die geschichtliche Darstellung u. Lectüre weckten. In letzterer Beziehung hatte Schiller bereits in Herder einen Vorgänger gehabt, dessen Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit (1784–91) in Deutschland in der Geschichtswissenschaft ganz eigentlich epochemachend wirkten u. dieselbe zu einem ganz neuen Leben beseelten. Namentlich war es auch Herder, dem man die ersten wirksamen u. folgenreichen Impulse zur Literaturgeschichtschreibung zu verdanken hat. Außer den Andeutungen u. Beiträgen Herders zu letzter, boten Friedr. Aug. Wolfs Untersuchungen über die homerischen Gedichte einen sicheren Ausgangspunkt für die Geschichte der griechischen Literatur; auf diesem Boden erwuchsen bald die ersten reiferen Früchte der deutschen Literaturgeschichtschreibung in verschiedenen Arbeiten Friedrich von Schlegels. Unter letzteren wurde bes. einflußreich für die Entwickelung der ästhetischen Kritik zu neuer Blüthe die Schrift Über das Studium der griechischen Poesie.

Auf Grund u. unter Leitung der neugestalteten philosophischen Ästhetik, der Literaturgeschichte u. der neuerblühenden ästhetischen Kritik erhob sich auch die deutsche Dichtung zur Höhe der Klassicität; dies geschah seit 1794, als sich Goethe u. Schiller zu gemeinsamen, Theorie, Kritik u. Production in lebendigem Verbande einigenden Wirken an einander schlossen. Die Philosophie Kants hatte jedoch nicht blos auf die Ästhetik gewirkt, sondern auch auf die Neugestaltung der Alterthumswissenschaft zunächst durch Friedr. Aug. Wolf, später durch Gottfried Hermann in Leipzig, so daß auch die Kenntniß des Alterthums von Neuem bedeutsam auf die allgemeine deutsche Bildung eingriff. Goethe hielt sich zwar von der systematischen Philosophie fern, konnte sich jedoch nicht ganz ihrer Strömung entziehen. Eine mächtige Einwirkung übte auch die Französische [911] Revolution; während Goethe von Anfang an derselben fremd blieb, wandte sich ihr doch der größte Theil des deutschen Volkes zu u. viele der Edelsten der Nation waren beim Beginn derselben von den schönsten Hoffnungen erfüllt. Dahin gehörte Schiller selbst u. in noch höherem Grade der geistvolle Naturforscher u. treffliche Prosaist Johann Georg Adam Forster. Da jedoch noch immer die ästhetischen Interessen vorherrschten u. auch durch die Ausschreitungen der Revolution ein Umschlag in der öffentlichen Stimmung eingetreten war, übte die politische Umwälzung ihren Einfluß nur in untergeordneten Sphären der D-n L. Erst allmälich bildete sich auch in Deutschland eine gehaltreichere Publicistik aus; desto Vollendeteres rief jedoch in dem nächsten Decennium die gemeinschaftliche Thätigkeit Goethes u. Schillers hervor. Während Goethe mit besonderer Vorliebe das heitere Singspiel, durch seine Stellung in Weimar veranlaßt, anbaute, zahlreiche lyrische Stücke, bes. seine schönsten Balladen dichtete, den Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre (1796) u. das Epos Hermann u. Dorothea (1798) verfaßte; schuf Schiller in regstem Wetteifer mit seinem Freunde seine großartigen Balladen u. seine reifsten Dramen Wallenstein (1800), Maria Stuart (1800), Jungfrau von Orleans (1801), Braut von Messina (1903) u. Wilhelm Tell (1804), in denen die höchsten Ideale u. die ernstesten Lehren der Geschichte in bewältigender u. hinreißender Form dem Volke vorgeführt wurden. Beiden gemeinschaftlich waren die Xenien (1797). Durch Schillers frühzeitigen Tod auf das Tiefste ergriffen, ließ Goethe mehr u. mehr in seinem poetischen Schaffen nach, wenn er auch noch 1809 die Wahlverwandtschaften veröffentlichte u. 1819 durch seinen Westöstlichen Divan der Lyrik ein ganz neues Gebiet erschloß, endlich auch den Faust, das noch unerschöpfte Werk seines Lebens, zum Abschluß brachte. Im Ganzen jedoch wandte er sich mehr der Kunstbetrachtung, der Naturwissenschaft u. der erzählenden Darstellung zu; in letzter steht seine Dichtung u. Wahrheit als Meisterwerk da. Ohne das Eigenthümliche des deutschen Volksthums zu beeinträchtigen, haben Schiller u. Goethe die deutsche Nationalliteratur bei allen Völkern zu Ehren gebracht u. derselben den Charakter einer Weltliteratur verliehen, wie sie kein anderes Volk aufzuweisen hat. Der frühere Gegensatz zwischen Kunst- u. Volksliteratur ist seit dem so gut wie ganz ausgetilgt; Goethe u. Schiller sind für die D. L. bis auf den heutigen Tag in so weit maßgebend geblieben, daß ihr Einfluß mehr od. minder fast in jedem neuen Schriftsteller nachweisbar ist u. alle Anderen als Epigonen jener großen Meister zu betrachten sind.

Einen wesentlichen Umschwung nahm die deutsche Poesie um 1800 mit dem Auftreten der sogenannten neuen Romantischen Dichterschule. Man hatte zwar schon seit Wieland das Augenmerk auf das Mittelalter gerichtet, dasselbe jedoch nur nach den subjectiven Vorstellungen der Dichter geschildert. Durch Hippel, mehr aber noch durch Jean Paul, hatte man sich gewöhnt, sich von der Wirklichkeit ahzuwenden u. in subjective Gemüthsstimmungen zu vertiefen. Wesentlich aber zur Ausbildung der Romantik trug Johann Gottlieb Fichte durch seine neue Idealphilosophie bei, wie er nach der praktischen Seite hin auf Hebung u. sittliche Stärkung des deutschen Volksgeistes, namentlich in seinen Reden an die deutsche Nation (1808) während der Zeit der Unterdrückung u. Fremdherrschaft wirkte. Aus diesen Elementen erwuchs die romantische Dichtung, welche in stofflicher Beziehung eine besondere Vorliebe für das phantastisch aufgefaßte Mittelalter zeigte u. aus demselben ihre Ideale von Ritterthum, Lehnstreue, zartem Frauendienst u. verklärtem Katholicismus schöpfte. Ihr dichterisches Schaffen war meist von Unklarheit u. Willkühr durchdrungen, die sprachliche Form erfuhr oft Vernachlässigung, wogegen vorzugsweise die künstlichen Weisen der romanischen Völker geübt wurden. Die Literaturen der letzteren galten ihnen für die eigentliche Heimath der Romantik. Während Schiller u. Goethe der deutschen Nationalliteratur eine edle Volksthümlichkeit wiedergegeben hatte, wurde derselben durch die Romantiker vielfach Eintraggethan. Für die Kritik hat die Romantische Schule Werthvolles geleistet; die eigentlichen Apostel der neuen Richtung waren die Brüder Aug. Wilh. u. Karl Wilh. Friedrich von Schlegel; Geistesverwandte derselben sind Adam Müller, dessen Vorlesungen über deutsche Wissenschaft u. Literatur (1907) den Romanticismus förmlich vergötterte, u. Solger, der im Erwin sein ästhetisches System (1805) aufstellt. Ferner gehören hierher Wilh. Neumann u. Fr. Aug. Bernhardi aus Berlin; die eigentlichen Chorführer der productiven Romantiker waren Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis, u. Ludwig Tieck, Letzter hat im phantastischen, nicht bühnenmäßigen Drama, im Lied, ger volksthümlichen Erzählung u. im Roman Vorzügliches geleistet, seine Meisterschaft erreichte er aber erst in seinen späteren Jahren in der Novelle, welcher er eine ganz neue Richtung gab, indem er für dieselbe den Dialog u. die Durchführung abstracter Ideen zum Hauptinhalt machte. Von geringerer Bedeutung waren als Dichter die Gebrüder Schlegel. Noch gehört hierher Tiecks Freund u. Mitarbeiter Wilh. Heinrich Wackenroder, dessen Herzergießungen eines kunstliberalen Klosterbruders bereits 1797 die religiös-mystischen Anschauungen der romantischen Kunstästhetik hinstellten. Etwas jüngere, zum Theil schon selbständigere Anhänger des Romanticismus sind Friedrich Baron de la Motte Fouqué, Ludwig Achim von Arnim, Clemens Brentano u. der treffliche Novellist u. Dramatiker Heinrich von Kleist. Noch gehört hierher Zacharias Werner mit seinen phantastisch-mystischen Dramen, der zugleich aber auch durch seinen Vierundzwanzigsten Februar der Vater der sogen. Schicksalstragödie (s.d.) wurde. In letzter Ausartung des Dramas hatte er Müllner (mit seiner Schuld), von Houwald (Bild, Leuchtthurm) u. Grillparzer (Ahnfrau, 1816) zu Nachfolgern. Nicht unmittelbar zu den Romantikern gehörten, aber in vieler Beziehung zur Richtung derselben standen Bettina von Arnim u. die Rahel (Antonie Friederike Varnhagen von Ense), von denen zwar Letztere nicht selbstgis Schriftstellerin auftrat, aber durch ihre Persönlichkeit in ihrem Kreise ungemein anregend wirkte. Von späteren Dichtern stehen unter dem Einflusse der Romantik bes. noch Adalbert von Chamisso, der durch seine lyrischen Stücke u. Balladen, mehr noch durch sein Mährchen Peter Schlemihl zu den trefflichsten deutschen Dichtern zählt, u. der Dramatiker u. Literarhistoriker Joseph von Eichendorff. Eine besondere Gruppe der Romantischen [912] Schule bilden die sogenannten phantastischen Romantiker, an deren Spitze der als Musiker wie als Novellist gleichbegabte, aber auch oft fratzenhafte Ernst Theodor Wilh. Amadeus Hoffmann steht. Dahin gehören Christian Weisflog mit seinen Phantasiestücken u. Wilhelm Hauff, wenigstens mit mehreren seiner ironisch-humoristischen Werke. Wie sich die Anfänge der Romantik an Fichte anschlossen, so ging aus ihr der Naturphilosoph Friedrich Wilh. Joseph von Schelling hervor. Bei allen Schwächen u. Mängeln der Romantik bleibt derselben doch das Verdienst, während der Zeit der Unterdrückung durch Napoleon nicht blos die Idee des deutschen Volksthums wach erhalten, sondern auch im Zusammenhange damit ein ganz neues geschichtliches Studium der deutschen Sprache u. des nationalen Alterthums hervorgerufen zu haben. Während in erster Beziehung namentlich Friedrich Ludwig Jahn in seinem Deutschen Volksthum mit derber Unmittelbarkeit auf das Ziel losging, war es namentlich die Ausgabe der Nibelungen durch Friedrich Heinrich von der Hagen, welche die Berücksichtigung der mittelalterlichen Dichtungen sowie die gründlichsten wissenschaftlichen Forschungen über ältere deutsche Sprache u. Literatur hervorrief. Als die eigentlichen Schöpfer dieser neuen Wissenschaft sind die Brüder Wilhelm u. Jakob Grimm zu betrachten, denen sich zunächst Georg Friedrich Benecke u. Karl Lachmann, in jüngster Zeit vor Allen Moritz Haupt, dann in zweiter Reihe Franz Pfeiffer, Hoffmann von Fallersleben, Oskar Schade, Zarncke, Holzmann, Bartsch u. andere jüngere Kräfte anschlossen. Hand in Hand mit dieser Vertiefung in die vaterländische Vergangenheit ging der poetische Aufschwung für die Kriegsjahre von 1813–1815. Unter den begeisterten u. patriotischen Kriegsdichtern jener Zeit sind zu nennen vor Allen Ernst Moritz Arndt gleich bedeutend als Dichter, wie als Geschichtsschreiber u. Lehrer; dann Theodor Körner, der Dichter des Schwertliedes u. der wilden Jagd; Max von Schenkendorf, dessen Lieder zum Theil zu den schönsten Producten der vaterländischen Lyrik zählen; von Stägemann, mehr streng preußischer Dichter in klassischer Odenform. Als Dramatiker der Romantischen Schule sind noch zu erwähnen Wilhelm von Schütz, die Brüder Heinrich Joseph u. Matthäus von Collin, Joh. Heinr. Apel, Klingemann u. in gewisser Beziehung der gemüthvolle Friedrich Kind aus Leipzig.

Als nach dem Pariser Frieden durch die Täuschungen, Mißstimmung u. die Reaction die deutsche Nation wiederum niedergedrückt wurde, zeigten sich die Wirkungen auch bald in der Literatur. Entweder man erging sich in bittere Klagen od. suchte seine Stoffe in der Ferne, wie in Polen u. den griechischen Befreiungskampfe, gesinnungslose Tagesschriftsteller lieferten für die große Menge abgeschmackte Dramen u. geschmacklose oft unsittliche Romane; Almanache u. unterhaltende Journale gediehen in Menge u. beherrschten irreleitend die Ansichten u. den Geschmack des Publicums. Wer Sinn für Höheres bewahrte, hielt sich an die große Vergangenheit des Volks. Die eigentlich epische Dichtung gerieth in Vergessenheit; selbst die Epopöen des Erzbischofs Ladislaus Pyrker wurden nur wenig gelesen; jedoch fanden mehr Anklang die romantisch-epischen Poesien von Ernst Schulze desto reichlicher wucherte der Roman u. die Novelle. Dahin gehören die Schriften der Karoline Pichler, die wenigstens historisch treu u. sittlich rein gehalten waren, während die zahllosen Familiengeschichten von August Lafontaine eine schwächliche Sentimentalität zeigen; von Witzleben genannt von Tromlitz, van der Velde u. A. wandelten historische Anekdoten durch Phantasiezugaben in Romane um; Karl Heun, genannt H. Clauren, welcher nur zu zahlreiche Nachahmer fand, speculirte in seinen zahlreichen Romanen auf geheime u. übersättigte Lüsternheit. Eine höhere Stellung nahmen die historischen Romane von Wilhelm Häring, genannt Wilibald Alexis, ein, der in der Manier Walter Scotts arbeitete, von Karl Spindler u. die an tiefen Gedanken u. den herrlichsten Schilderungen reichen Novellen des Naturphilosophen Henrich Steffens. Im Drama herrschte anfangs die Schicksalskomödie (s. ob.); einen Fortschritt zeigten jedoch schon die zahlreichen Trauer- u. Lustspiele von Ernst Raupach, der lange Zeit hindurch die Berliner Bühne fast allein inne hatte. Nur einem erlesenen Kreise verständlich sind die satyrischen Lustspiele des Grafen Platen-Hallermünde; aus dem edelsten Streben nach dem Höchsten hervorgegangen waren die Dramen von Karl Immermann, dem Verfasser des theilweise vortrefflichen Romans Münchhausen (1838). Um dieselbe Zeit fallen auch die formlosen, mit genialen u. barocken, oft cynischen Einfällen gewürzten Dramen von Christian Grabbe. Das humoristisch-phantastische Volksdrama fand in dem Wiener Komiker Raimund seinen bedeutendsten Vertreter.

Das Werthvollste leistete die deutsche Dichtung nach dem Befreiungskriege auf dem lyrischen Gebiete. Von ältern Dichtern gelangte erst jetzt zu gerechter Anerkennung Johann Peter Hebel mit seinen Alemannischen Gedichten. Bedeutenderes leistete jedoch die Schwäbische Dichterschule. Ihr Haupt ist Ludwig Uhland, der Meister in der Ballade u. Romanze. Neben ihm sind zu nennen Gustav Schwab, Justinus Kerner, der seelenvolle Dichter wehmüthiger Sehnsucht, der Kritiker u. Historiker Gustav Pfizer, die Naturmaler Karl Mayer u. Eduard Mörike. Diesen schwäbischen Dichtern nahe verwandt ist Wilhelm Müller aus Dessau, einer der vorzüglichsten aller deutschen Liederdichter. Ebenfalls in Schwaben erhielt das vernachlässigte geistliche Lied durch Albert Knapp einen neuen Aufschwung. An Kunst u. Vielseitigkeit, wenn auch nicht an Volksthümlichkeit, werden alle schwäbischen Dichter durch Friedrich Rückert übertroffen, der sich nicht nur mit günstigstem Erfolge als Lyriker, sondern auch als Lehrdichter u. im größern u. kleinern erzählenden Gedicht versuchte u. zugleich alle möglichen lyrischen Formen u. Töne, ebensowohl das zarteste Liebeslied des Troubadur, wie die kunstvollste Ghasele u. Makama des Orients nach dichtete. In noch höherm Grade in der Form vollendet sind die Dichtungen des bereits erwähnten Grafen Platen, der namentlich die altklassische Odenform wieder anbaute u. der spätern politischen Poesie den Weg bahnte.

Die wissenschaftliche Prosa machte in der zweiten Hälfte dieses Zeitraums die großartigsten Fortschritte. Unter den Geschichtsschreibern sind Arnold Ludwig Heeren u. Ludwig Wachler hervorzuheben, ferner Friedrich von Raumer, welcher tiefere Quellenforschung[913] mit Formgewandtheit verbindet. Vorzügliches in der Biographie leistete Varnhagen von Ense. Das unerreichte Muster in der Darstellung des Natur- u. Völkerlebens wurde Alexander von Humboldt, der größte Gelehrte unseres Jahrhunderts; sein Bruder, der geistvolle Denker Wilhelm von Humboldt, begründete die allgemeine Sprachwissenschaft. Unter den Theologen steht Friedrich Schleiermacher als Redner, Lehrer, Philosoph u. Theolog unerreicht da, während als Kanzelredner Reinhard, Dräseke u. Klaus Harms Großes leisteten. Fortwährend auf das eifrigste gepflanzt wurde die klassische Alterthumswissenschaft, deren allgemeine bildende Seiten bes. von August Böckh u. Otfried Müller u. deren Schülern hervorgehoben wurde. Den wichtigsten Einfluß auf die Umgestaltung der Erziehungskunst übte Pestalozzi aus. Die literarische Kritik, welche in Schlaffheit verfallen war, erhob sich gegen Ende dieses Zeitraums zu neuem Leben u. bereitete die Bewegungen der folgenden Zeit vor. Einer der Hauptführer war Wolfgang Menzel; eine andere geistvoll lebendigere, aber oft vorurtheilsvoll philosophische Kritik fand ihren Mittelpunkt in Berlin. Beiden Richtungen gegenüber stand Ludwig Börne, dessen Opposition gegen die bestehenden Zustände nicht blos in Literatur u. Gesellschaft, sondern auch in Staat u. Kirche bedeutend zu dem bevorstehenden Umschwunge beitrugen.

VII. Mit Goethes Tod beginnt die letzte Periode in der Geschichte der D-n L. Doch ist eine literarhistorische Darstellung derselben wegen der theoretischen wie praktischen Zerfallenheit unserer Gegenwart nicht möglich. Von den rein geistigen Mächten, welche aus dem vorigen Zeitraum herüberwirkten, übte die Philosophie Hegels, welche vermittelst der ihr eigenen dialektischen Methode alle Gegenstände des menschlichen Denkens u. Wissens in ihr Bereich zu ziehen vermochte u. zugleich die Fortentwickelung nach den verschiedensten Richtungen hin gestattete, einen fortdauernden Einfluß auf die Literatur. In unserer jüngsten Entwickelungsepoche wurde einerseits die negative Richtung des Hegelschen Systems bis in ihre äußersten Consequenzen fortgebildet, andererseits zeigt sich in mehrfachen Versuchen das Streben, positive, reale Systeme zu gründen. Der Lehre des Meisters treu blieben zunächst Marheinecke, welcher (mit Daub) der eigentliche Begründer der neueren speculativen Theologie wurde, von Henning, Gabler, Göschel u. Erdmann, welche jedoch bereits die Hegelsche Philosophie mehr od. minder mit dem Glauben auszusöhnen suchten, während Michelet, Vatke u. Benary mehr die freiere Richtung im Sinne des Schöpfers ihres Systems vertraten. Gans brach der Hegelschen Philosophie auf dem Gebiet der Jurisprudenz Bahn; Fr. Theod. Bischer nahm sie zur Grundlage seiner Ästhetik. Sonst sind noch Werder u. Hinrichs, vor Allen aber als der thätigste u. geistvollste Vertreter der Hegelschen Lehre bis auf die Gegenwart, Rosenkranz zu nennen. Der Abfall einer selbständigen u. jüngeren Richtung (Junghegelianer) geschah mit Strauß im Leben Jesu, mehr aber noch in seiner Christlichen Glaubenslehre, in welcher er sich entschieden gegen den Standpunkt Hegels erklärt. Ihm folgte Bruno Bauer mit seiner absoluten Kritik vom theologischen Gebiet auch auf das der Geschichte u. Politik übersiedelte. Ludwig Feuerbach, nachdem er die Theologie in Anthropologie aufgelöst hatte, machte den ersten Versuch, der Lehre Hegels gegenüber ein neues positives System zu begründen, in welchem er vom concreten Sein ausgeht, während Max Stirner (Schmidt) die Ethik in Egoismus auflöst. Fast zu gleichem Resultat mit Feuerbach kommt, obgleich von ganz verschiedenem Standpunkt ausgehend, Nees von Esenbeck. Den zweiten Versuch, Hegel gegenüber ein positives System aufzustellen, machte Schelling im Abfall von seinem früheren Princip mit seiner Offenbarungsphilosophie, welche den Tendenzen u. Treiben einer weitverzweigten Restaurationspartei in Staat u. Kirche wesentlichen Vorschub leistete. Diese reactionäre Wendung fand noch in dem Naturphilosophen Steffens, sowie in F. X. Baader, dem eigentlichen Mystiker des Schellingianismus, u. G. H. Schubert, dem Philosophen der Nachtseiten der Natur, namhafte Vertreter; der hervorragendste Jünger des neueren Schellingschen Systems aber wurde F. J. Stahl. In minder directen Gegensatz zu Hegel stellten sich K. Th. Fischer (in Erlangen), Braniß, der jüngere Fichte, Weiße in Leipzig, Troxler, ferner die Katholiken Sengler, Staudenmayer u. Günther in Wien mit ihren systematisirenden Versuchen. Letzter ist nebst Joh. Heinr. Pabst der bedeutendste Repräsentant des speculativen Katholicismus, sowie der Chorführer der österreichischen Philosophie. Einen jüngsten Versuch einer positiven Philosophie, der jedoch erst in seinen Anfängen vorliegt, machten Reiff, Noack u. Bayrhoffer. Neben diesem Hauptstrome des philosophischen Fortschritts während der letzten Jahrzehnte laufen noch die Arme früherer Systeme, sowie vereinzelter Richtungen her.

Mit dem Fortschreiten der Wissenschaft u. dem Vorherrschen der philosophischen Kritik ging der Verfall der Dichtkunst Hand in Hand. Der Einfluß der Junghegelschen Schule auf die Literatur trat deutlicher hervor, als sich die Philosophie mehr dem realen Leben zuwandte u. die bestehenden Verhältnisse in Staat u. Kirche Gegenstand einer vorherrschend negiren den Kritik wurden. Zugleich wurde damit das große Publicum in das Interesse gezogen, die Wissenschaft wurde popularisirt u. ihre Stichwörter bequeme Phrasen für einen immer mehr um sich greifenden philosophischen u. künstlerischen Dilettantismus. In der Absicht, den reformirenden Bestrebungen einen größeren Nachdruck, durch Übersetzung derselben das Volksthümliche zu geben, wirkte verzugsweise Arnold Ruge in den von ihm 1839 in Halle mit Echtermeyer begründeten Deutschen Jahrbüchern. Der Mangel eines klar ausgesprochenen u. streng festgehaltenen Princips, das unruhige Suchen nach einer neuen Basis der Weltanschauung, welche diesen Zeitraum charakterisirt, offenbarte sich am schlagendsten in den Deutschen Jahrbüchern. Eine Negirung folgte der anderen, u. von der Vertheidigung des absoluten Staates bis zum politischen Radicalismus u. zur Behauptung, daß die Freiheit nur durch Verläugnung der Nationalität zu erringen sei, war schnell der Übergang gefunden. Je mehr sich auf diese Weise die Jahrbücher von dem in der Wirklichkeit Erreichbaren entfernten u. mit den bestehenden Verhältnissen in unversöhnlichen Widerspruch geriethen, um so mehr verloren sich[914] ihre ersten Freunde u. Anhänger, bis die Zeitschrift 1843 von der Regierung unterdrückt wurde. Ein Versuch, dieselbe in der Schweiz wiederzubeleben, wohin sich Ruge nebst anderen verfolgten politischen Schriftstellern u. Dichtern begab, mißlang.

Gleich der Philosophie wandte sich auch der Hauptstrom der Poesie in das Bett des politischen Lebens, welches seit der Julirevolution den größten Theil der geistigen Interessen absorbirte. Es erfolgte als Rückschlag des einseitigen Idealismus der Romantiker eine realistische Bewegung in der poetischen Literatur, deren ursprüngliche Vertreter man unter dem Namen das Junge Deutschland zusammenzufassen pflegt. Ihr voraus ging der souveräne Humor, welcher den überwundenen Romanticismus lächerlich machte u. den Glauben u. die Ideale, an welchen man seither festgehalten hatte, mit Spott u. Ironie überschüttete, nicht um ein neues sittliches Princip einzuführen, sondern aus subjectiver Laune u. Behagen, aus einer heftigen Neigung, die eigene Persönlichkeit glänzend hervortreten zu lassen. Der eigentliche Repräsentant dieser Richtung war Heinrich Heine, zugleich der am reichsten begabte Dichter der jüngsten Periode der D-n L. Er fand zahlreiche Nachahmer sowohl auf dem lyrischen Gebiete, wie in seiner eigenthümlichen Prosa. Den Lyrikern, welche Heine's Manier folgten, fehlte es indeß sowohl an der Tiefe der Empfindung, welche bei Heine oft in zarten Weisen durchbricht, als auch an Witz, um das cynische u. frivole Element ästhetisch genießbar zu machen. Glücklicher waren die Nachahmer seiner humoristischen Prosa, welche zwanglos von einem Gegenstande zu dem anderen übergeht, um an jedem das Talent, die Belesenheit, die Bildung u. den Witz glänzend hervortreten zu lassen. Zu diesem Kreise von Schriftstellern gehören der Fürst Pückler (Semilasso), Sternberg, Laube, Gutzkow, Th. Mundt. Die drei letzten waren die Hauptvertreter des Jungen Deutschland, doch pflegte man unter diesem Collectivnamen auch alle übrigen Schriftsteller u. Dichter zu begreifen, welche sich den Regierungen durch Angriffe auf Staat u. Kirche mißliebig machten u. in Folge der gegen sie gerichteten Kritik Menzels 1835 politischen Verfolgungen ausgesetzt waren. Das Bemühen geistreich zu erscheinen, das Vordrängen der Subjectivität, das auffällige Trachten die Gunst der großen Masse des lesenden Publicums durch Herbeiziehen der neuen, namentlich von Frankreich aus verbreiteten socialen u. politischen Ideen in die Dichtkunst zu erringen, die krampfhaften Anstrengungen, um die Welt mit etwas Neuem, noch nicht Dagewesenen in Erstaunen zu setzen, ist ein allgemeiner Charakterzug der Zeit des Jungen Deutschlands, so sehr auch die Richtungen der einzelnen Schriftsteller, welche demselben angehören, auseinander gingen u. sich mehr od. weniger der wahren Aufgabe des Dichters zu nähern suchten. So nahm die Dichtkunst, welcher die Rückkehr zu den romantischen Idealen abgeschnitten war, halb unbewußt ihren Weg zur Darstellung der Wirklichkeit, wie sie die Zeit darbot.

Der beliebteste Gegenstand des Romans wurden die socialen Zustände, von denen man gern die häßlichste Seite herauskehrte, das französische Raffinement in der Schilderung des Lasters u. Verdrehung sittlicher Grundsätze nachahmend. Je stärker das Bedürfniß nach feuilletonistischer Unterhaltung wurde, um so mehr suchten die Schriftsteller demselben nachzukommen u. die Masse der Production entsprach im Allgemeinen der Oberflächlichkeit des poetischen Gehaltes, der Nachlässigkeit in der Composition u. der Charakterschilderung. Unter die große Menge der Romanschriftsteller, von denen außer den schon erwähnten hauptsächlich H. König, W. Alexis, Th. Mügge, L. Schücking, G. Kühne, Bernd von Guseck, Hackländer, Rob. Heller, A. Stahr zu nennen sind, mischten sich auch viele schriftstellernde Frauen, bei denen der Einfluß der von G. Sand vertretenen Ideen mehr od. minder deutlich erkennbar ist, so die Gräfin Hahn-Hahn, Fanny Lewald, Therese v. Bacharacht, Luise Mühlbach, Luise Gall, Frau von Paalzow, Ida von Düringsfeld, Julie Burow etc. Noch massenhafter erscheint die lyrische Production dieses Zeitraums, in welcher der sogenannte Weltschmerz, das Gefühl der inneren Leere u. die Mißstimmung vermeintlich verkannter Talente einen Ausdruck fand. Frischer u. lebendiger offenbarte sich die poetische Kraft in der Politischen Poesie, welche als ein neues mit dem Drange der Zeit nach socialen u. politischen Reformen gesättigtes Element einen überaus empfänglichen Boden fand. Zuerst betrat dies Feld Anastasius Grün, an den sich im Verlaufe der Zeit eine Anzahl anderer österreichischer Dichter anschloß, O. Lenau, M. Hartmann, A. Meißner, K. Beck. Bestimmter als bei ihnen trat die damals von der großen liberalen Partei geforderte Erweiterung der politischen Rechte, der ungestüme Drang nach Thaten u. nach einer Neubelebung des Nationalbewußtseins in den Gedichten Herweghs, Freiligraths, Hoffmanns (aus Fallersleben), Kinkels, Prutz, Sallets u. A. hervor. Auch die dramatische Poesie dieser Zeit krankte an denselben Übeln wie der Roman, nur daß der Mangel einer festgegründeten sittlichen Lebensanschauung in dem Trauerspiel, gegenüber der subjectiven Willkühr, noch auffälliger erscheinen mußte, u. die Tendenz, durch Anspielungen auf die kirchlichen u. politischen Bewegungen Esseet hervorzurufen, greller in den Vordergrund trat. Auf der Bühne gewann die realistische Richtung, die Darstellung des Lebens in möglichst naturgetreuer Copie, immer mehr Oberhand. Vor der naturalistischen Ausmalung der Situation, vor der grellen Färbung des Ausbruchs von Leidenschaften trat die Wahrheit u. die Bedeutung der Charakterschilderung weiter u. weiter zurück u. der Geschmack des Publicums an den sogenannten Volksdramen verdrängte das historische Drama mehr u. mehr vom Theater, obgleich es nicht an Dichtern fehlte, welche bemüht waren, ihrem poetischen Gewissen eher als dem Modegeschmack gerecht zu werden. Diesem Verfall der Bühne leisteten hauptsächlich die dramatisirten Novellen der Ch. Birchpfeifer großen Vorschub. Noch schärfer, freilich auch mit größerer Berechtigung als beim ernsten Drama, welches hauptsächlich von Gutzkow, Laube, Otto Ludwig, Friedr. Hebbel, Griepenkerl, Graf Münch-Bellinghausen (Friedrich Halm), G. Freytag, Rob. Prutz, in neuester Zeit von Brachvogel cultivirt wurde, machte sich das realistische Bestreben im Lustspiel geltend, in welchem Rod. Venedir u. Hackländer großen Erfolg hatten. Einen ungleich höheren poetischen Werth haben die Lustspiele von Bauernfeld, [915] Gutzkow, Geibel u. G Freytag. Während diese letzte Literaturperiode für das eigentliche Epos völlig unfruchtbar war, wandten dagegen viele ihrer vorzüglichsten Lyriker sich mit Vorliebe einer Zwischengattung zwischen Epos u. Lyrik zu, indem sie die Form der lyrischen Poesie auf epische Roman- u. Novellen- u. Mährchenstoffe anwandten. Den Anstoß dazu gaben die um Anastasius Grün gruppirten Österreichischen Dichter, vor Allen Lenau (Albigenser, Savonarola). Die Gewandtheit in der Handhabung der Sprache, die technische Fertigkeit im Versbau, die Leichtigkeit, Gedanken in elegante Versformen zu kleiden od. den dürftigen Gedankeninhalt unter dem Rhythmus u. volltönenden Reimen zu verstecken, wuchs mit der Vergrößerung der öffentlichen Theilnahme an der poetischen Literatur, welche sich in dem Entsteheneiner unübersehbaren Menge belletristischer Unterhaltungsblätter u. in der Ausdehnung, welche das Feuilleton politischer Blätter annahm, deutlich zu erkennen gab. Mit der lyrischen Form überwand man selbst die am meistengeh gegen dieselbe sträubenden Stoffe, so daß dieselbe für Roman, Novellen, Mährchen immer größere Anwendung finden konnte. Die vorzüglichsten Schöpfungen dieser episch-lyrischen Dichtung lieferten A. Meißner, M. Hartmann, Scherenberg, Kinkel, O. Roquette, Wolfg. Müller, Max Waldau, Bodenstedt, Paul Heyse, A. Böttger, auch die der ultramontanen Richtung huldigende Dichtung Amaranth von O. v. Redwitz gehört hierher. Unter den Lieder- u. Balladendichtern, welche theils der Schwäbischen Schule folgten, theils einen selbständigen Weg einschlugen, fanden am meisten Anklang Nic. Lenau, G. Schwab, K. Simrock, G. Pfarrius, Kinkel, Wolfg. Müller, Wilh. Müller, Ferrand, Fr. Kugler, Em. Geibel, Anast. Grün, G. Keller, P. Heyse, Prutz, H. Lingg, L. Schefer, Gottschall, Jul. Hammer, Ferd. Freiligrath, namentlich waren des Letztern originelle Schilderungen tropischer Landschaften u. anderer dem lyrischen Gesichtskreise sonst ferner liegende Gegenstände unter Anwendung fremdartiger Reimklänge u. phantastischer Bilder von großem Erfolg begleitet, Auch als Übersetzer hat Freiligrath in Bezug auf die treue u. ungezwungene Wiedergabe fremder, namentlich englischer Dichter, seine Sprachgewandtheit vortheilhaft zu nutzen gewußt. Die Übersetzungsliteratur stand übrigens bes. auf dem Gebiete des Romans u. der Novelle kaum der inländischen Production in ihrer Massenhaftigkeit nach u. die Einwirkung der vielgelesenen englischen u. französischen Romanschriftsteller auf die D. L. der neuesten Zeit ist nicht gering ätzuschlagen. Mit poetischen Übersetzungen ausländischer alter u. moderner Dichtungen befaßten sich ferner Bodenstedt, Karl u. Adolf Böttger, Niendorf, Eichendorff, Streckfuß, Däumer, P. Heyse, Donner, Hertzberg, Minckwitz, G. Ludwig u. A.

Eine Reaction gegen den verweichlichten Geschmack, der auf der Bühne u. in der prosaischen Erzählung an den Hautgout gewöhnt war u. oft zu barocken u. wunderlichen Ausgeburten der Phantasie verleitete, trat um die Mitte des 5. Jahrzehnts ein u. gewann an Bedeutung, als der Ausgang der Revolution von 1848 eine allgemeine Ernüchterung der Geister zür Folge hatte. Zwar folgte die harmlose Lyrik noch großentheils dem Hange zur Gefühlsschwelgerei, u. auch die im Interesse der kämpfenden Parteien geschriebenen Romane u. Dichtungen waren nur geeignet, die Poesie in eine untergeordnete Stellung zu drängen, aber die Erkenntniß von der Unwahrheit der Voraussetzungen, auf welche die politische Wiedergeburt der Nation basirt war, führte zugleich zu ernstem Nachdenken über die in Wirklichkeit vorhandenen Bildungselemente u. die wahre Aufgabe der Dichtkunst, das Reale unter idealem Gesichtspunkte zur Erscheinung zu bringen. Die Pflege der historischen Studien, welche schon vor der Revolution an Umfang gewonnen hatten, gewann noch größeren Boden u. bereicherte die Literatur mit gründlichen Forschungen auf dem Gebiete der Geschichte (Schlosser, Ranke, Weber, Gervinus, Dahlmann, Raumer, Sybel, Häußer, Curtius, Mommsen, Droysen, Prutz, Duncker u., der reactionären Richtung angehörend, Hurter, Leo, Stahl, Gfrörer), der Literaturgeschichte (Gervinus, Vilmar, Wackernagel, Julian Schmidt), der Kunstgeschichte (Kugler, Schnaase, Lübke, Springer, Stahr), der biographischen Darstellung großer Männer (Pertz, Droysen, Strauß, Haym), der Archäologie (Otfr. Müller, Becker, Herrmann), der Länder- u. Völkerkunde (Ritter, Barth, Wagner, Scherzer, Löher, Fröbel). Im engen Zusammenhange mit der Richtung der Zeit auf dem Grunde positiven Wissens die Cultur zu fördern u. an die Stelle der Schwärmerei für sociale u. politische Ideale die klare Erkenntniß des wirklichen Lebens zu setzen, steht das lebhafte Interesse, mit welchem sich die gelehrte Forschung der Volkswirthschaft u. der Statistik zuwandte (List, Rau, Hübner u. A.), während Andere ihr Augenmerk auf den geistigen Inhalt des Volkslebens, auf Sitten, Gebräuche, Umgangsformen etc. richteten u. die mannigfachen Erscheinungen des socialen Lebens in den verschiedenen Klassen des Volkes zu einem wissenschaftlichen Systeme zu vereinigen suchten. Bahnbrechend inletzter Hinsicht war das Werk Riehls, die Naturgeschichte der Gesellschaft. Später gab Th. Mundt eine Geschichte der Gesellschaft heraus. Die poetische Verwerthung der aus fleißiger Beobachtung des Volkslebens gewonnenen Resultate fand zunächst in den sogenannten Dorfgeschichten statt, eine Gattung der prosaischen Erzählung, welche Berthold Auerbach in der Literatur einführte. Der große Anklang, welchen die gemüthliche Schilderung einfacher, halbidyllischer Lebensverhältnisseinder Lesewelt fand, erklärt sich auch andererseits aus der Überreizung des Geschmackes mit pikanten Leckerbissen. Derselben Richtung gehört der Schweizer Bitzius (Jer. Gotthelf) an, nur daß er noch naiver schildert u. den praktischen Zweck der Belehrung des Volkes im Auge hat. Zu derselben Kategorie sind die novellistischen Arbeiten Stifters u. Komperts zu rechnen, während in der Lyrik das volksthümliche Element am reinsten in den plattdeutschen Dichtungen des Holsteiners Klaus Groth hervortrat. In der Sphäre der bürgerlichen Gesellschaft bewegte sich der ebenfalls mit großem Erfolg gekrönte Volksroman Gustav Freytags, Soll u. Haben.

Aus dem Bedürfniß nach Bereicherung des Geistes mit neuen Anschauungen u. Ideen durch das Studium der Wirklichkeit, welches, seitdem die von dem Boden derselben losgerissenen Ideen in das Reich der Träume u. Phantasiegebilde verwiesen werden[916] mußten, deutlicher hervortrat, entsprang die ungemeine Regsamkeit auf dem Gebiete der Naturforschung u. die lebhafte Theilnahme, mit welcher sich die gebildeten Volksklassen die Resultate der Naturwissenschaften in neuester Zeit zu eigen zu machen suchten. Zugleich wiesen die Anforderungen des praktischen Lebens auf dies Gebiet hin, seitdem die Erkenntniß der Wirkungen einzelner Naturkräfte die Industrie u. das Verkehrsleben in ganz neue Bahnen geführt hat. Das Bemühen, auch auf diesem Felde die Wissenschaft den Laien zugänglich zu machen, schreibt sich vorzugsweise von der Herausgabe des Kosmos von Alex. von Humboldt her. Burmeister (Geschichte der Schöpfung), Ule, K. Müller, Carus, Roßmäßler, Dove, Giebel, Masius, Moleschott, Schleiden u.a. folgten dieser Richtung. Das Bedenkliche derselben, in Bezug auf die idealen Interessen der Menschheit, liegt in der dadurch von Einigen geforderten materialistischen Betrachtung des Lebens. Die einseitige Ansicht, daß nur in den mit den Sinnen erkennbaren Erscheinungen Wahrheit u. das seelische Leben ein Ergebniß der Wirkung materieller Kräfte sei, trat in immer schärferen Gegensatz zu der christlich religiösen Ansicht u. der idealen Auffassung des Lebens u. hat einen Kampf hervorgerufen, von welchem die Gegenwart noch tief ergriffen ist. Aber dieser Kampf für das religiöse u. ideale Princip ist nur geeignet, dasselbe zu kräftigen u. dem Reiche des Geistes seine Integrität zu wahren. Die Kunst u. die höchste Blüthe derselben, die Poesie, können der wahrhaften Begeisterung für das Ideal nicht entbehren; das Spielen mit demselben, um die eigene Persönlichkeit in einem glänzenden Lichte erscheinen zu lassen, um der großen Menge eine flüchtige Unterhaltung zu gewähren, führte zu jenem rohen Realismus, der den Geschmack verwirrte u. das Auseinanderfallen des geistigen Lebens der Nation in isolirten Bestrebungen einzelner Personen u. Coterien zur Folge hatte. Schon ist der Rückschlag gegen diese Zeitrichtung mächtig geworden u. mit Vorliebe wendet sich die Nation wieder den klassischen Schöpfungen ihrer großen Dichter u. Denker zu. Beweis dafür sind die zahlreichen Studien über das Leben u. Wirken derselben, die Publication ihrer Briefwechsel u. hinterlassenen Manuscripte, die kritische Sichtung ihrer Werke in neuen Ausgaben. Wäre es möglich auch eine Reform des Theaters herbeizuführen, wie sie von vielen Seiten eifrig angestrebt wird, so würde dadurch der Zurückführung des Geschmackes von seinen Verirrungen die kräftigste Unterstützung geboten. Die Rückkehr des Geschmacks auf den idealen Boden bekundet sich außerdem in dem wachsenden Interesse, welches die edelsten Schöpfungen der Dichtkunst fremder Literaturen hervorgerufen haben. So sind in neuerer Zeit namentlich die Klassiker der Griechen u. Römer durch treffliche Übersetzungen auch einem größeren Leserkreise zugänglich geworden. Richt zu verkennen ist ferner, daß das aufrichtige u. uneigennützige Interesse an der Poesie der persönlichen Eitelkeit leicht verletzbarer Dichtergrößen gegenüber an Raum gewinnt. Ob gegenseitige Anregung u. ein gemeinsames Streben der Geister nach dem Schönen in dem Maße, wie es zu Schillers Zeit in Weimar der Fall war, in der Gegenwart wieder erreicht werde, mag fraglich sein, jedenfalls aber ist es ein erfreuliches Zeichen, daß wie in München u. Weimar unter der Protection kunstliebender Fürsten eine Gruppirung von Dichtern u. Schriftstellern stattgefunden hat, so wie auch Gesellschaften u. Vereine das Andenken unserer großen Dichter festzuhalten u. wohlthätige Stiftungen für Schriftsteller (Schillerstiftung, Tiedgestiftung) zur Förderung der Literatur die Hand bieten.

Koch, Compendium der deutschen Literaturgesch., Berl. 1795 bis 1798, 2. Aufl., 2 Bde.; Wachler, Vorlesungen über die Geschichte der D. L., Frkf. 1834, 2. Aufl., 2 Bde.; Koberstein, Grundriß der D. L., Lpz. 1845–56, 4. Aufl. in 2 Abtheil.; Gervinus, Geschichte der poetischen Nationalliteratur der Deutschen, ebd. 1835–42, 5 Bde., 5. Aufl. 1852; Vilmar, Geschichte der deutschen Nationalliteratur, Marb. 1847, 7. Aufl. 1857, 2 Bde; Eichendorff, Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands, Paderb. 1856, 2 Bde.; Wackernagel, Geschichte der D. L., Bas. 1851 ff.; Huhn, Geschichte der D. L., Stuttg. 1851; Barthel, Die deutsche Nationalliteratur der Neuzeit, Braunschw. 1855, 4. Aufl.; Derselbe, Die klassische Periode der D. L. im Mittelalter, ebd. 1857; Loebell, Die Entwickelung der deutschen Poesie von Klopstocks erstem Auftreten bis zu Goethes Tode, ebd. 1856 f.; Hillebrand, Die deutsche Nationalliteratur des 18. Jahrh., Gotha 1845–47, 3 Bde.; Jul. Schmidt, Geschichte der deutschen Nationalliteratur im 19. Jahrh., Lpz. 1853, 2 Bde., 3. Aufl. 1856, 3 Bde.; Gottschall, Geschichte der deutschen Nationalliteratur in der ersten Hälfte des 19. Jahrh., Bresl. 1855, 2 Bde.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 4. Altenburg 1858, S. 885-917.
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