Komödie

[677] Komödie (v. gr.), die dramatische Darstellung des Komischen; Lustspiel haben es die Deutschen genannt, weil die reine Lust (die ungetrübte Freude des Lebens), die vorherrschende Stimmung bei dieser Handlung sein soll. Soll eine solche Darstellung ein poetisches Kunstwerk sein, so muß sie dieser Luft eine geistvolle Unterlage in einer zusammenhängenden, die Kehrseite menschlicher Bestrebungen bezeichnenden mit überraschenden Spielen des Zufalls verbundenen Handlung geben. Es lassen sich verschiedene Arten denken; z.B. das reine Lustspiel, das nur die Belustigung an sich, u. das satyrische Lustspiel, das zugleich in seinem bestimmten Gegenstande einen Zweck hat, nämlich den, das Thörichte u. Verkehrte von Personen u. Handlungen dem Lachen Preis zu geben. Je nachdem ferner das Komische mehr in den Lagen (Situationen) u. in der Verwickelung der Handlung, od. in den Charakteren der handelnden Personen liegt, unterscheidet man komische Intriguenstücke u. Charakterstücke, in beiden ist das Komische noch nicht in jener Fülle vorhanden, welche das Komische der Situationen u. Charaktere vereinigen. Hettner unterscheidet zwischen phantastischer K., welche, wie die romantische Mährchenkomödie, in einer selbstgeschaffenen Welt spielt, u. realistischer K., das neuere Lustspiel, welche die wirkliche Welt darstellt u. überall den Schein der unbezweifelten Wahrheit beansprucht. Nach weiterer Unterscheidung ist das Lustspiel entweder hochkomisch od. niedrigkomisch, s.u. Komisch. Zu der letztern Art gehört die Posse (s.d.), die den Schein völliger Ungebundenheit annimmt.

Die griechische K. war gleichen Ursprungs mit der Tragödie, hervorgegangen aus der Feier der Bakchosfeste, nur daß sie den directen Gegensatz zu jener bildete, denn wie in der Tragödie die ernste Seite dieser Feste dargestellt wurde, so in der K. die heitere. Letztere bestand in dem Gesang scherzhafter u. lasciver Lieder der ländlichen Weinleser, wobei allerhand Kurzweil getrieben u. die Vorübergehenden geneckt u. verspottet wurden. Namentlich soll in dem dorischen Megara dieses Singen, Scherzen u. Spotten zu einer Art Drama gebildet worden sein. Kunstmäßige Ausbildung erhielten diese Scherzspiele einestheils im 5. Jahrh. v. Chr. durch Epicharmos (s.d.) in Sicilien, welcher die Sujets zu den Darstellungen dieser Spiele aus der Mythologie nahm; anderntheils über ein Jahrhundert früher durch Susarion (s.d.) in Attika, welcher gewöhnlich für den Begründer der attischen K. angenommen wird, die sich jedoch auch noch über ein Jahrhundert lang in roherer Form[677] u. in extemporirten Scherzen u. Späßen bewegte, ehe sie zur kunstmäßigen Ausbildung gelangte, in welcher man denn die alte, mittlere u. neue K. unterscheidet. Die alte K. reicht bis zu Ende des Peloponnesischen Kriegs u. wird repräsentirt durch Eupolis, Krates, Kratinos, Pherekrates, Phrynichos (s.d. a.), hauptsächlich aber durch Aristophanes (s.d.), von welchem allein noch mehrere K-n erhalten sind. In ihr wurden alle Verhältnisse des öffentlichen u. Privatlebens, jedes sittliche Gebrechen, jede wissenschaftliche Verkehrtheit, jede dem Staatswohl verderbliche politische Richtung an hervorragenden Personen des Staates u. der Gelehrsamkeit auf die Bühne gebracht, daher ungeschickte Feldherren, ränkesüchtige Demagogen, Philosophaster, Dichterlinge, Sophisten u. dgl., selbst Heroen u. Götter rücksichtslos dem Spott u. Gelächter Preis gegeben. Dabei versagten es sich die Dichter nicht ihre Schilderungen bis zur Caricatur herabzuziehen, zotenhafte Scherze, gemeine Bilder u. Gleichnisse, niedrige Ausdrücke zu gebrauchen. Die verspotteten Personen wurden unter ihren Namen aufgeführt, wenigstens unter den, denselben ganz ähnlich gemachten Masken, in denen die Schauspieler, zuweilen die Dichter selbst, auftraten. Die alte K. hat auch, wie die Tragödie, noch einen Chor (s.d.), der aus 24 Personen bestand, aber keine Gesänge zwischen den einzelnen Acten (Stasima), dagegen gehörte in der K. zur Action des Chors die Parabasis (s.d.), eine Art Programm des Stückes, welches der Chor im Namen des Dichters sprach; der Tanz des Chores war der lächerliche u. lascive Kordax (s.d.); die Anlage der Stücke war schwach, ohne bestimmten Plan u. ohne Einheit; die Sprache sowohl des Dialogs als des Chors war die rein attische. Nachdem die Haltung der K. u. ihrer politischen Richtung schon um die Mitte des Peloponnesischen Krieges durch Lamachos eine wesentliche Einschränkung erfahren hatte, wurde sie durch das Regiment der dreißig Tyrannen gänzlich unterdrückt. Die mittlere K. war blos ein Übergang von der alten zur neuen, Aristophanes selbst (im Plutos) gehörte ihr noch an, außerdem Antiphanes u. Alexis (s. b.). Ihre wesentlichen Eigenthümlichkeiten sind das Verschwinden vornehmer u. hochgestellter Personen vom Theater u. der gänzliche Mangel des Chors; ungestraft durften dagegen noch Philosophen u. Dichter, namentlich die Tragiker, außerdem Soldaten, Bauern, Schmarotzer, Hetären etc. zum Gegenstand der Verspottung vorgeführt werden. Jetzt aber erhielten Plan u. Handlung mehr kunstmäßige Berücksichtigung, die Personen traten in größerer Mannigfaltigkeit auf, die Sprache näherte sich mehr der Umgangssprache, war aber immer noch rein attisch. Mit der neuen K. traten an die Stelle der Darstellungen aus dem politischen u. öffentlichen Leben die Charakterstücke; in ihnen erschienen ordentlich erfundene Fabeln, deren Handlungen nach einem zusammenhängenden Plane mit Schürzung u. Lösung eines Knotens fortgeführt, ein Charakter richtig nach dem Leben geschildert u. streng durchgeführt wird. Die gewöhnlichen Charaktere u. Personen der K. sind: ein feuriger Liebhaber u. eine kokette Freundin nebst einem verschmitzten Diener, einem hülfsbereiten Freunde, betrügerischen Kuppler u. gefräßigen Schmarotzer, dagegen ein zähes Elternpaar u. daneben ein ruhmrediger Soldat u. feile Dirnen. Der Chor blieb auch in der neuen K. ausgeschlossen. Ihre Blüthe fällt in die Zeit Alexanders d. Gr.; Hauptdichter derselben sind: Diphilos (s.d.), der seine Sujets aus der Mythologie wählte u. in einfacher, natürlicher Sprache ausführte; Menander (s.d.), ausgezeichnet durch die Schärfe der Beobachtung, Fülle der Erfindung, Sicherheit in der Charakteristik u. durch sententiöse Sprache, u. Philemon (s.d.), welcher durch ein größeres Interesse der Handlung, welches er derselben durch das Spiel der Intriguen zu geben verstand, die Zuhörer fesselte.

Die Römer datiren den Ursprung der K. bei sich von den Ludi scenici, welche sie zur Besänftigung des Zornes der Götter im Jahre 364 v. Chr. durch etruskische Histrionen aufführen ließen. Diese Spiele bestanden in blosen mimischen Actionen, welche darnach von Römern nachgeahmt wurden. Ein planmäßiges Stück dichtete erst 241 v. Chr. Livius Andronicus (s.d.), ein griechischer Freigelassener, nach griechischem Muster, bei dessen Vortrag ihn ein Flötenspieler begleitete. Das komische Element wurde bes. vertreten durch die Atellanen, Scherze u. Späße, welche junge Römer während des Vortrags solcher K-n aufführten, die jedoch später als störend nach dem Vortrag der K., am Ende derselben, aufgeführt wurden (vgl. Exodium). Die kunstmäßige K. auf dem römischen Theater war eine Nachbildung der neuern attischen, denn einen Versuch, vornehme Römer in der Weise der alten K. anzugreifen u. lächerlich zu machen, mußte Nävius (s.d.) mit Freiheitsstrafe büßen. Daher wurden fortan von ihm, so wie von Plautus u. Terentius (s. b.), die Stoffe zu ihren K. aus dem bürgerlichen u. häuslichen Leben genommen. Die Charaktere sind ziemlich stehende, dieselben wie in der neuen griechischen K. (s. oben); das Interesse der Zuschauer wird durch die Verwicklung u. Lösung der Handlung gefesselt, letztere ist gewöhnlich eine Heirath oder Wiedererkennung. Die römischen K-u waren entweder Fabulae palliatae, wenn griechisches Leben u. Sitten, od. Fabulae togatae, wenn römisches Leben u. Sitten darin zur Darstellung kamen, u. letztere waren wieder F. praetextae od. praetextatae (F. trabeatae), wenn sie in den höhern, od. F. tabernariae, wenn sie in den niedern Schichten der Gesellschaft spielten. Sie hatten übrigens sämmtlich eine constante Form: den Anfang machte ein Prologus, eine Art Vorwort od. Einleitung, worin die Fabel des Stücks angegeben u. dasselbe dem Publicum empfohlen wurde; nun folgte das Diverbium od. der Dialog, das Stück selbst; das Canticum war eine Art Monolog unter Begleitung der Flöte mit viel Mimik declamirt od. gesangartig vorgetragen. Da das Canticum viel körperliche Anstrengung erforderte, so agirte der Schauspieler auch oft blos u. überließ die Recitation einem Andern. Die K. sowohl bei Griechen als auch bei Römern war in Versen geschrieben u. zwar wurde dazu das Jambische Metrum gebraucht, welches jedoch in dieser Gattung der Poesie mit ziemlicher Freiheit gebraucht wurde s.u. Jambus 2). Die Acteurs waren bei den Griechen, Hypokritai, angesehene Leute, bei den Römern, Histriones, haftete ein Makel auf ihnen; Frauenrollen wurden bei beiden Völkern von Männern, bei den Römern erst in der Kaiserzeit von Frauen gegeben (s.u. Schauspieler). Die Anfänge u. Ausbildung der modernen K. s.u. den einzelnen Nationalliteraturen Vgl. O. Ribbek, Die mittlere u. neuere Attische Komödie, Lpz. 1857.[678]

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 9. Altenburg 1860, S. 677-679.
Lizenz:
Faksimiles:
677 | 678 | 679
Kategorien:

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Zwei Schwestern

Zwei Schwestern

Camilla und Maria, zwei Schwestern, die unteschiedlicher kaum sein könnten; eine begnadete Violinistin und eine hemdsärmelige Gärtnerin. Als Alfred sich in Maria verliebt, weist diese ihn ab weil sie weiß, dass Camilla ihn liebt. Die Kunst und das bürgerliche Leben. Ein Gegensatz, der Stifter zeit seines Schaffens begleitet, künstlerisch wie lebensweltlich, und in dieser Allegorie erneuten Ausdruck findet.

114 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon