Flemming [1]

[348] Flemming, eine alte, wahrscheinlich aus Niedersachsen stammende, jetzt in der Provinz Sachsen u. Pommern begüterte, der Lutherischen Confession folgende, 1700 u. 1721 in den Grafenstand erhobene Famille, deren ältester bekannter Ahnherr 1) Tham (Thammo) ist; er lebte zu Ende des 13. Jahrh. in Pommern; König Bogislaw III. übertrug ihm u. seinen Nachkommen die erbliche Würde eines Landmarschalls; seine zwei Söhne stifteten zwei Linien, von denen die jüngere Marteutinische, 1315 gestiftet von 2) Erdmann, jüngerem Sohne Thams, berühmt geworden ist; seine beiden Söhne waren Hans u. Claus. 3) Hans, ältester Sohn des Vor., wurde durch seine zwei Urenkel der Stammvater der zwei Linien in Deutschland: I. Gräfliche Linie zu Buckow, gestiftet von 4) Joachim, jüngerer Urenkel des Vor., hinterließ einen Sohn Jakob (geb. 1588, gest. 1655), welcher zwei Söhne hatte, Georg Kaspar u. Heino Heinrich. 5) Georg Kaspar, geb. 1630, war kurbrandenburgischer Geheimrath u. Präsident des Hinterpommerschen Hofgerichts, wurde 1700 in den Reichsgrafenstand erhoben u. starb 1703. 6) Joachim Friedrich, ältester Sohn des Vor., geb. 1665, war königlich polnischer u. kursächsischer General en chef u. Gouverneur von Leipzig u. st. 1728. 7) Jakob Heinrich, Bruder des Vor. geb. 31. März 1667, trat 1689 in brandenburgische Dienste, focht 1690 in der Schlacht von Fleurus mit u. wurde darauf Adjutant; nach seiner Rückkehr von dem Feldzug nach Italien, wo er namentlich der Schlacht von Marsaglia (1693) beigewohnt hatte, ging er in kursächsische Dienste u. wurde Oberst u. Generaladjutant; der Kurfürst Friedrich August benutzte ihn zu einer Sendung an den Kaiser Leopold in den Angelegenheiten der polnischen Königswahl, u. bes. durch seine Vermittlung wurde darauf der Kurfürst zum König von Polen erwählt. F. wurde deshalb von dem neuen Könige zum Generalmajor, geheimen Kriegsrath u. Erbgeneralpostmeister in Sachsen ernannt, dann auch zum Großstallmeister von Lithauen. Im Schwedischen Kriege gegen Karl XII. zeichnete er sich sehr aus, daher Karl XII. in dem Altranstädter Frieden die Auslieferung F-s verlangte. Doch entkam derselbe, davon unterrichtet, nach Brandenburg. Nach Sachsen zurückgekehrt, wurde er 1707 General der Cavallerie u. Gouverneur von Dresden, Königstein u. Sonnenstein; 1710 polnischer Generalfeldzeugmeister u. Generalcommandant der sächsischen Garden; dann, als der Krieg mit Schweden von Neuem ausbrach, Generalfeldmarschall, Kriegsrathspräsident u. dirigirender Staatsminister; er kämpfte so glücklich, daß sich ein Theil der schwedischen Armee unter General Steinbock ergeben, der andere unter König Karl XII. sich 1715 zurückziehen[348] mußte, u. Stralsund u. Wismar erobert wurden; auch in Polen, wo ein Aufstand ausgebrochen war, war F. siegreich, schlug die Conföderirten u. stellte auf den Congressen zu Lublin u. Warschau durch einen Vergleich mit den Conföderirten die Ruhe in Polen wieder her. Der König August II. ernannte ihn hierauf zum Generalcommandant über die deutschen Truppen in Polen u. zum Obersten der polnischen Krongarde u. eines Dragonerregiments, welche Chargen aber F. 1724 freiwillig wieder niederlegte, da sich die polnischen Großen auf dem Reichstage 1722 gegen seine Ernennung erklärt hatten. F. war vermählt seit 1702 mit Prinzessin Franziska, Tochter des Fürsten von Sapieha, u. nach deren Tode 1725 mit Prinzessin Thekla, Tochter des Fürsten Karl Stanislaus von Radzivil; er st. 30. April 1728 in Wien, wo er sich als Gesandter an Kaiser Karls VI. Hofe aufhielt. 8) Bogislaw Bodo, Bruder des Vor., geb. 1671, war königlich polnischer u. kursächsischer Generallieutenant u. vermählt mit Louise Joachime von Wreech; er st. 1732; mit ihm starb Georg Kaspars Linie im Mannesstamme aus. 9) Heino Heinrich, Enkel F-s 4) u. Bruder F-s 5), geb. 8. Mai 1632; er hatte sich auf Universitäten u. Reisen ausgebildet, trat in kurbrandenburgische Dienste u. machte den Feldzug in Polen mit: nach dessen Beendigung ging er in kaiserliche Dienste u. wurde Generaladjutant; 1660 ging er wieder nach Kurbrandenburg, von dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm dahin berufen, u. wurde 1672 Oberst der brandenburgschen Hülfstruppen, welche unter König Michael von Polen gegen die Türken fochten; nach einem kurzen Aufenthalte in den Niederlanden bei dem Prinzen von Oranien kehrte er in die Dienste des Kurfürsten Friedrich Wilhelm zurück, verließ diese aber 1681 wieder u. begab sich als Generalfeldmarschall nach Kursachsen; er zog als solcher mit dem Kurfürsten Johann Georg 1683 zur Entsetzung Wiens, machte 1688 den Feldzug am Rhein gegen die Franzosen mit, ging 1690 wieder zu Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg u. wurde Geh. Staats- u. Kriegsrath u. Gouverneur von Berlin, später Statthalter des Herzogthums Hinterpommern u. des Fürstenthums Kamin; er st. 28. Februar 1706 auf seinem Schlosse Buckow; er war vermählt seit 1663 mit Barbara Gottliebe von Klitzing (st. 1664), seit 1667 mit Agnes Dorothea von Schwerin a. d. H. Zacher (st. 1673) u. seit 1674 mit Dorothea Elisabeth von Pfuhl (st. 1740); er hatte zwei Söhne: 10) Georg Joachim, älterer Sohn des Vor., war königlich polnischer u. kursächsischer Generalfeldzeugmeister u. Gouverneur von Lithauen u. st. 1746. 11) Johann Georg, Bruder des Vor., geb. 1679, war königlich polnischer u. kursächsischer Generallieutenant u. Oberst u. st. 1747. 12) Friedrich, Sohn des Vor., geb. 1707, war Hauptmann in preußischen Dienstenn. st. 1777, u. mit ihm starb Joachims Nachkommenschaftim Mannesstamme aus.

II. Ivensche Linie, seit 1721 in den Grafenstand erhoben, gestiftet durch 13) Hans Heinrich, Urenkel von F. 3) u. Bruder von F. 4), war Erblandmarschall, Landvoigt zu Stolpe, Schlawe u. Greifenberg, Burghauptmann u. Richter zu Belgard, Oberhauptmann zu Wolgast, Geh. Rath u. Domdechant zu Kamin, wurde Wegen seiner hohen Geistesanlagen das Licht von Pommern genannt. 14) Hans Heinrich, Enkel des Vor. u. ältester Sohn des Grafen Johann Friedrich (st. 1667), geb. 1630, studirte auf deutschen u. ausländischen Universitäten Theologie, Jurisprudenz u. Staatswissenschaften, begleitete dann den Prinzen Friedrich Kasimir von Kurlgud auf seinen Reisen u. wurde königlich preußischer Geh. Rath u. Präsident des Consistoriums; er galt als einer der gelehrtesten Männer seiner Zeit u. st. unvermählt 1708. 15) Eustachius, jüngerer Bruder des Vor., geb. 1634, wohnte dem polnischen Feldzuge von 1655 bei, trat dann in schwedische Dienste, wurde 1662 Kammerjunker des Grafen von Baireuth u. zog 1663 mit in den Ungarischen Krieg; nach seiner Rückkehr wurde er Amtshauptmann u. Commandant der Garde, trat später in die Dienste des Kurfürsten von Baiern u. wurde Oberstlieutenant u. Commandant von München; 1677 wurde er Commandant der Truppen des Markgrafen von Ansbach u. ging 1681 nach Kursachsen, wo er als Oberst 1687 der Entsetzung von Wien beiwohnte; später wurde er Commandant von Königstein u. st. 1702 als Generalmajor. 16) Graf Friedrich, Enkel des Vor., Sohn des Grafen Felix Paris, geb. 1658, war königlich preußischer Geh. Rath, wurde 1721 in den Reichsgrafenstand erhoben u. st. 1738. 17) Graf Georg Detlev, Sohn des Vorigen, geb. 20. März 1699, trat 1740 zur Katholischen Kirche über, war königlich polnischer u. kursächsischer General der Infanterie, wurde dann Großschatzmeister von Lithauen u. st. 2. Decbr. 1771 in Warschau. 18) Graf Karl Georg Friedrich, Bruder des Vor., geb. 17. Novbr. 1705, war kursächsischer General der Infanterie, Generallieutenant der polnischen Kronarmee u. Starost zu Meve in Preußen; König August schickte ihn als Gesandten an die Höfe von Turin, London u. Wien u. ernannte ihn darauf zum Cabinetsminister, wirklichen Geh. Rathe u. Staatssecretär der auswärtigen Angelegenheiten; er war seit 1745 vermählt mit Henriette Charlotte geb. Prinzessin von Lubomirski u. st. 19. Aug. 1767. 19) Graf Johann Heinrich, Sohn des Vor., geb. 9. März 1752, war vormals königlich polnischer Krongroßschwertträger, vermählte sich 1782 mit Christiane Marie Charlotte geb. Gräfin von Hardenberg u. st. 7. Juni 1830 in Wien. 20) Joh. Friedrich August, Sohn des Vor., geb. 9. Jan. 1783, war königlich preußischer Geh. Rath u. als außerordentlicher Gesandter u. bevollmächtigter Minister bei dem Kaiser von Brasilien in Rio de Janeiro, zuletzt in gleicher Eigenschaft am königlich neapolitanischen Hofe u. st. 8. Octbr. 1827; jetziger Chef ist: 12) Graf Karl Ludwig, Bruder des Vor., geb. 18. Decbr. 1783, war Chefpräsident der Regierung in Erfurt u. trat 1844 aus dem Staatsdienst; er ist seit 1812 vermählt mit Wilhelmine geb. Gräfin von Hardenberg; sein ältester Sohn, Albert, ist 1813 geboren.

Durch 22) Claus, Sohn von F. 2), welcher um 1393 mit Herzog Erich von Pommern, nachmaligem König Erich XIII. von Skandinavien, nach Schweden gekommen war, kam ein Zweig der F. nach Schweden; einer seiner Nachkommen, 23) Erik, dessen Vater Schloßhauptmann in Åbo war, kämpfte als Admiral der schwedischen Flotte glücklich gegen die Dänen; Gustav Wasa ernannte ihn 1523 zum Reichsrath u. dann zum Lagmann im südlichen Finnland; 1526 wurde er der Erneuerung des Friedensvertrages von 1510 halben[349] nach Rußland gesandt, worauf der Vertrag vom 2. Septbr. geschlossen wurde; bei der Krönung zu Upsala 12. Jan. 1528 wurde er nebst 12 Edlen vom König zum Ritter geschlagen u. wurde 1561, nachdem Esthland unterworfen war, Gouverneur in Reval; er starb im August desselben Jahres. 24) Lars, Neffe des Vor., Sohn des Iwar F., war schwedischer Reichsrath, ging 1555 als Gesandter nach Kopenhagen, wurde 1561 von Erik XIV. in den Freiherrenstand erhoben u. in demselben Jahre Statthalter in Reval; ein Verwandter von ihm, 25) Clas, wurde von Erik XIV. zum Ritter geschlagen u. erhielt vom König Johann III. 1569 die Freiherrnwürde, wurde dann Reichsrath u. Reichsadmiral, besiegte 1570 die Dänen in einer Seeschlacht an der Küste von Schonen u. führte auch 1581 den Fall von Narwa herbei; später wurde er Reichsmarschall u. unter König Sigismund Statthalter von Finnland; er hatte viel gegen den Haß, welchen Herzog Karl auf ihn geworfen hatte, zu kämpfen; Letzter stiftete einen Aufruhr an gegen das Leben F-s, welchen dieser aber mit Waffengewalt niederdrückte; er st. 13. Mai 1597. 26) Axel, wurde von König Karl XI. in den Grafenstand erhoben. 27) Freiherr Gustav Adolf, geb. 31. Juli 1781 auf dem Gute Arsta in Stockholms-Län, begann seine militärische Laufbahn 1798 als Unterlieutenant im Svea-Artillerieregiment, wohnte den Feldzügen in Pommern, Finnland u. Deutschland bei, trat 1840 als Chef des Götha-Artillerieregiments aus dem Dienste u. st. den 17. Januar 1848.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 6. Altenburg 1858, S. 348-350.
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