Deutsche Literatur

[416] Deutsche Literatur. Das älteste auf uns gekommene Schriftdenkmal ist die got. Bibelübersetzung des Bischofs Ulfilas aus der Mitte des 4. Jahrh. Von der mündlich fortgepflanzten Heldendichtung bildet das Ende des 8. Jahrh. aufgezeichnete »Hildebrandslied« den einzigen Rest. Althochdeutsche Periode (750-1050). In dieser Zeit hatte das deutsche Schrifttum meist christl.-kirchlichen Inhalt; die poet. Stoffe wurden der Bibel entlehnt. Im 8. und 9. Jahrh. entstanden das »Wessobrunner Gebet«, »Muspilli«, in Niederdeutschland der »Heliand« (um 830), diese alle noch alliterierend), zu Weißenburg im Elsaß Otfrieds »Evangelienbuch« (um 870), das erste deutsche Reimgedicht, ferner das Ludwigslied. Im 10. Jahrh. wurden Stoffe der Helden- und Tiersage in lat. Sprache behandelt (»Waltharius« von Eckehardt, »Ruodlieb«, »Isengrimus«).

Mittelhochdeutsche Periode (1050-1350). Zunächst herrscht noch die geistl. Dichtung vor, dann aber entfaltete sich unter dem Einfluß der von den Hohenstaufenkaisern geführten Kriege in Italien, der Kreuzzüge nach dem Morgenlande, die das Eindringen fremder Sitten und Sagenstoffe begünstigten, die klassische Poesie des deutschen Mittelalters, die, weil hauptsächlich von der Ritterschaft gepflegt, auch ritterliche und höfische Poesie genannt, ihre Blütezeit in den J. 1190-1220 erreichte. Volkstümlichen Geist atmen noch die gewaltigen nationalen Heldengedichte: das »Nibelungenlied« und die »Gudrun«. Eine Bearbeitung der Tiersage ist der »Reinhart Fuchs« von dem Elsässer Heinrich dem Glichesäre. Das »Annolied«, der »Alexander« des Pfaffen Lamprecht, die »Kaiserchronik« und das »Rolandslied« des Pfaffen Konrad bilden den Übergang zum eigentlichen Ritterepos. Dieses behandelt teils antike Stoffe, wie den Trojanischen Krieg, teils die Karlssage, teils die Sagen von König Artus und seiner Tafelrunde und vom Heiligen Gral. Begründet durch Heinrich von Veldeke mit der »Eneide« (um 1180), erreicht es seinen Höhepunkt in Hartmann von Aue (»Iwein«, »Erec«), Wolfram von EschenbachParzival«, »Titurel«, »Willehalm«), Gottfried von StraßburgTristan und Isolde«). Der hervorragendste der Epigonen ist Konrad von Würzburg (der »Trojanische Krieg«, der »Engelhard«). Auch geschichtliche, chronikartige Stoffe und Legenden wurden zu Epen verarbeitet: die »Weltchronik« des Rudolf von Ems; Ottokars »Reimchronik«; »Frauendienst« von Ulrich von Liechtenstein. Daneben her gingen poet. Erzählungen und Schwänke, wie »Der arme Heinrich« von Hartmann von Aue, »Der Pfaffe Amis« von dem Stricker; »Meier Helmbrecht« von Wernher dem Gärtner; »Otto mit dem Bart« von Konrad von Würzburg. Gleichzeitig mit der Epik trieb die ritterliche Lyrik oder der Minnesang kunstvolle Blüten. Einfacher und volksmäßiger sind noch die Lieder des Kürnberger und Dietmars von Aist. Den höchsten Rang nimmt unter den Minnesängern Walter von der Vogelweide ein. Ihm zunächst stehen Heinrich von Moringen, Reinmar der Alte, Neidhart. Daneben entwickelte sich die lehrhafte Dichtweise: so die Spruchsammlung »Freidanks Bescheidenheit«, der »Winsbeke«, der »Wälsche Gast« von Thomasin von Zerklaere, der »Renner« von Hugo von Trimberg, Boners Fabelbuch »Edelstein«. Denkmäler deutscher Prosa sind die im 13. Jahrh. entstandenen Gesetzsammlungen »Sachsenspiegel« und »Schwabenspiegel« sowie Predigtsammlungen (bes. die Predigten Bertholds von Regensburg, die Traktate Meister Eckardts).

Frühneuhochdeutsche Periode (1350-1600). An die Stelle der ritterlichen Poesie tritt die bürgerliche Dichtung, die zwar volkstümlicher, aber handwerksmäßig und von hausbackener Nüchternheit ist. Den Übergang bezeichnen Heinrich von Meißen, genannt Frauenlob (gest. 1318), der gelehrte Begründer des Meistergesangs, ferner Regenbogen, Muscatblüt, die Fastnachtspieldichter Hans Rosenblüt und Hans Folz. Der fruchtbarste und bedeutendste Meistersänger, zugleich ein echter Dichter, ist Hans Sachs in Nürnberg. Einen verunglückten Versuch zur Erneuerung des ritterlichen Epos machte Kaiser Maximilian I. in dem nach seinen Angaben verfaßten »Teuerdank«. Das Lehrhafte, gewöhnlich mit Humor und Satire verknüpft, herrscht in der Dichtung vor: »Reineke Vos« aus dem Niederländischen übersetzt, »Das Narrenschiff« von Sebastian Brant, »Die Narrenbeschwörung« von Thomas Murner, »Der Froschmeuseler« von Georg Rollenhagen, die Fabeln von Burkhard Waldis. Eine neue Blüte treibt die Lyrik in dem weltlichen Volkslied und dem prot. Kirchenlied, geschaffen von Luther. Die deutsche Prosa fand Pflege in zahlreichen Chroniken, in den Predigten von Tauler, von Geiler von Kaisersberg u.a. Ihre kräftigste Förderung und Entwicklung verdankt sie Luther. Ihm zur Seite standen Ulrich von Hutten und Joh. Agricola (Sprichwörtersammlung). Als schöpferisches Sprachgenie wirkte bedeutsam Joh. Fischart; der Begründer des eigentlichen Prosaromans war Wickram. Besonders gelesen waren die sog. Volksbücher; prosaische Bearbeitungen alter Sagen- und Novellenstoffe, sowie eine Anzahl von Schwanksammlungen (Paulis »Schimpf und Ernst«, Wickrams »Rollwagenbüchlein«, Kirchhofs »Wendunmuth«). [416] In diese Zeit fallen die Anfänge der dramat. Literatur. (S. Deutsches Theater.)

Periode der gelehrten Dichtung (1600-1748). Eine sehr nachteilige, aber den Horizont erweiternde Wirkung auf das geistige Leben der Nation übte der Dreißigjähr. Krieg. Die Poesie fand ihre Hauptpflege in den Gelehrtenkreisen und geriet in Abhängigkeit von dem Geschmack des Auslandes. Ein einziges volkstümlich deutsches Werk entstand um die Mitte des 17. Jahrh.: Grimmelshausens Roman »Der abenteuerliche Simplizissimus«, an den sich später eine Reihe von Abenteuerromanen und Robinsonaden anschlossen. In der Lyrik bewahrte nur das Kirchenlied seinen deutschen Charakter; die Kirchenlieder von Gerhard sind denen Luthers ebenbürtig. Auf die gelehrte oder Kunstpoesie hatte der Schlesier Opitz den weittragendsten Einfluß, namentlich als Reformator des Versbaues nach dem Muster der Antike und des Auslandes. Um ihn gruppierte sich die Erste schles. Dichterschule: Fleming (Lyriker), Gryphius (bes. Dramatiker), von Logau; ferner Simon Dach, Georg Neumark, Philipp von Zesen, Lauremberg, Joh. Rist. Unvorteilhaft unterscheidet sich von ihr durch Schwulst die Zweite schles. Dichterschule, an ihrer Spitze Hofmann von Hofmannswaldau und Kaspar von Lohenstein. Deren langdauernder Einfluß zeigte sich auch in der umfangreichen Romanliteratur (»Asiat. Baníse« von Ziegler und Klipphausen). Süßliche Tändeleien sind die Dichtungen der Nürnberger Pegnitzschäfer (Harsdörffer, Klai u.a.). Solchem Ungeschmack suchten Moscherosch (Philander von Sittewald) und Schuppius, später (um 1700) Christian Weise und Wernicke entgegenzuwirken, während Canitz, Brockes und bes. der hochbegabte Günther schon als Vorboten einer bessern Richtung erscheinen.

Den Boden für eine neue poet. Blüte schufen im zweiten Viertel des 18. Jahrh. durch ihre kritische und reformierende Wirksamkeit Gottsched in Leipzig, der in äußerer Glätte und Korrektheit nach dem Vorbild der Franzosen, und Bodmer und Breitinger in Zürich, die in der Befreiung der Phantasie und der Anschauung nach engl. Mustern das Wesentliche der Poesie suchten. Der anmutige Friedrich von Hagedorn und der tief denkende Albrecht von Haller eröffneten die Reihe der Dichter, welche zur innern Wahrheit zurückleiteten. Ihnen folgen, von Gottsched ausgehend, die Sächs. Schule: Gellert, der Dramatiker Elias Schlegel, die Satiriker Rabener und Kästner; den Schweizern zuneigend die Hallische Schule (Anakreontiker): Pyra, Gleim, Uz, ferner Weiße und die preuß. Dichter Ewald von Kleist, Ramler, die Karschin.

Klassische Periode (1748-1832). Mehr als alle bisher Genannten trugen zur Neubegründung unserer Literatur drei Männer von wesentlich verschiedener Richtung bei: Klopstock, Wieland und Lessing. Klopstock brachte in wuchtiger Sprache durch sein großes Epos »Messias« (seit 1748), seine kunstvollen Oden und vaterländischen Schauspiele (Bardiete) den Sinn für das Große und Erhabene, bes. auch die Begeisterung für die deutsche Urzeit zu erneuter Geltung. Wieland teilte der Sprache und Poesie eine bis dahin in Deutschland nicht gekannte Anmut und Leichtigkeit der Darstellung mit; er begründete durch den »Agathon« den psychol. Roman, entfaltete im »Oberon« den reichsten Farbenglanz des romantischen Epos und lieferte die erste deutsche Übersetzung Shakespeares. Lessing aber befreite durch seine reformatorische Kritik den deutschen Geist von der Herrschaft des toten Wissens und der theol. Orthodoxie, machte der Nachahmung des franz. Dramas ein Ende, erforschte und berichtigte die Gesetze der redenden und bildenden Künste im Sinne der Antike und steht unerreicht da an Klarheit, Kraft und Schärfe des Stils. Von Lessings mitstrebenden Zeitgenossen sind zu nennen: die vom Geiste der Aufklärung erfüllten Popularphilosophen Moses Mendelssohn, Sulzer, Abbt, Engel, Garve, Sonnenfels; auf dramat. Gebiete Cronegk, Leisewitz und Christian Felix Weiße; als Fabeldichter Lichtwer und Pfeffel. Ein Vorläufer des »Sturms und Dranges« war Heinrich Wilhelm von Gerstenberg.

Ein Kreis jüngerer, für Klopstock begeisterter Dichter bildete seit 1770 den Göttinger Dichterbund oder Hainbund: Boie, der Balladendichter Gottfr. Aug. Bürger, der Lyriker Hölty, Miller, Joh. Heinr. Voß, die Grafen Christian und Friedr. Leop. Stolberg. Geistig diesem Kreise verwandt war der Liederdichter Matthias Claudius. Herder regte, von dem tiefsinnigen Hamann beeinflußt, in literarhistor. und ästhetischen Schriften durch Erschließung der Natur- und Volkspoesie sowie durch tiefe Blicke in die geschichtliche Entwicklung der Menschheit eine Fülle neuer Ideen an. Ein gläubiges Gemüt offenbart sich in den Schriften Jung-Stillings, Fr. Heinr. Jacobis und Lavaters.

Auf dem so befruchteten Boden erhoben sich die beiden größten deutschen Dichter: Goethe und Schiller. 1773 erschien Goethes »Götz von Berlichingen«, 1774 seine »Leiden des jungen Werther«; beide gehören der sog. Sturm- und Drangperiode an, einer leidenschaftlichen Gärung der Geister, deren hauptsächlichste Vertreter Klinger, Lenz, Schubart und der Maler Friedr. Müller sind. Auch Schiller war noch von dieser Zeitströmung ergriffen, als er seine Jugenddramen »Die Räuber« (1781), »Fiesco« und »Kabale und Liebe« verfaßte. Seit 1794 bis zu Schillers Tode (1805) verknüpfte beide Dichter ein inniger Freundschaftsbund; in edelm Wetteifer schufen sie ihre herrlichsten Meisterwerke, durch die sie die deutsche Nationalliteratur auf die höchste Höhe der Weltliteratur erhoben. Von Zeitgenossen, die an die Klassiker sich anlehnten, sind noch zu nennen: Wilh. von Humboldt, Hölderlin, Heinse, Matthisson, Salis-Seewis, Tiedge, Kosegarten, Moritz, Seume, die Dramatiker Iffland und Kotzebue. Auch die zahlreiche Literatur der Ritterschauspiele und Räuberromane (Vulpius' »Rinaldo Rinaldini«) geht auf Anregungen von Goethe und Schiller zurück.

Früher galt als ihnen ebenbürtig der geistreiche und gefühlsmächtige Humorist Jean Paul, dessen Schriften aber durch ihren überflüssigen Ballast und Mangel an Formvollendung den Genuß beeinträchtigen. Doch wirkte er stark auf eine, zugleich von den philos. Ideen Fichtes beeinflußte Gruppe von Schriftstellern, die Romantische Schule genannt: Friedr. und Aug. Wilh. von Schlegel, Friedr. von Hardenberg (Novalis), Tieck. Ein jüngerer Kreis verwandter Richtung wandte sich im Gegensatz zu Goethes und Schillers antikhellen. Bildung zur Romantik und Mystik des Mittelalters zurück: Achim von Arnim, Klem. Brentano, die Brüder Grimm, de la Motte-Fouqué, Eichendorff, Ernst Schulze, der geniale Dramatiker Heinrich von Kleist und Zacharias Werner. Letzterer hatte als Begründer der Schicksalstragödie in Müllner und Houwald Nachfolger. Nach ihnen treten Raupach und der Wiener Ferd. Raimund als Bühnendichter hervor, vor allen aber der Wiener Franz Grillparzer, dessen vornehme, edle Kunst abgeklärter Poesie der unserer Klassiker vielleicht am nächsten steht.

Die Erhebung des deutschen Volks gegen Napoleons Fremdherrschaft im J. 1813 rief die patriotische Lyrik hervor, deren bedeutendste Vertreter Arndt, Körner, Schenkendorf, Rückert und Uhland sind. Letztere beiden Dichter haben auch auf andern Gebieten der Lyrik Treffliches geschaffen: Uhland, das Haupt der Schwäb. Dichterschule (Schwab, Kerner, Mörike, Pfizer), im Lied und der Ballade, Rückert, der gewandteste Beherrscher der Sprache, im Liebesgedicht, in der didaktischen Poesie und in Nachdichtungen orient. Muster. Als Meister der poet. Formen erwies sich Graf Aug. von Platen, durch sangbare Lieder zeichnete sich Wilh. Müller aus, durch düstere, herbe, aber auch innige Dichtungen Chamisso, während in der Erzählungsliteratur triviale Mittelmäßigkeit überwiegt, nur der pädagogische und histor. Roman (Hauff, Wilib. Alexis) erlangen größere Bedeutung.

Periode der Neuzeit (1832 bis zur Gegenwart). Einen neuen frischen Ton der Lyrik schlugen Heines Gedichte an, seine satir. »Reisebilder« gaben dem deutschen Prosastil leichtere Beweglichkeit; gleiche Wirkung übten Börnes »Briefe aus Paris«. Unter Führung von Gutzkow und Laube kämpfte das sog. Junge Deutschland für Emanzipation in Staat, Kirche und Gesellschaft. Eigenartige und erfolgreiche Lyriker waren die österr. Dichter Graf Auersperg (Anastasius Grün), Niembsch von Strehlenau (Nikolaus Lenau), Graf Strachwitz. 1840-48 stand das polit. Lied im Vordergrunde, eingeführt durch Herwegh, weiter gepflegt von Prutz, Hoffmann von Fallersleben, Sallet, Dingelstedt, Gilm, Karl Beck, Mor. Hartmann, Freiligrath, der auch mit andern Stoffen Treffliches leistete. Auf den verschiedensten Gebieten der Poesie versuchten [417] sich mit Auszeichnung: Karl Immermann, der Begründer der Dorfgeschichte, später Graf Schack, Gottschall, Alfr. Meißner, Jul. Grosse. Bes. als Lyriker ragten hervor: Schefer, Hammer, Annette von Droste-Hülshoff, Geibel, Bodenstedt, Leuthold, Mart. Greif, Ernst Scherenberg, Lorm, Rud. Baumbach und die religiösen Dichter Knapp, Gerok, Sturm Spitta; als Epiker: Christ. Friedr. Scherenberg, Kinkel, Redwitz, Roquette, Lingg, Hamerling, Scheffel, Fr. Wilh. Weber, W. Hertz, Jordan, Jul. Wolff; als Dramatiker: die kraftgenialischen Grabbe, Hebbel, Otto Ludwig, ferner Gutzkow, Laube, Holtei, Halm (Münch-Bellinghausen), Mosen, Freytag, Charlotte Birch-Pfeiffer, Brachvogel, Mosenthal, Kruse, Lindner, Wildbrandt, Paul Lindau, Wildenbruch, Anzengruber, Fitger, Rich. Voß, Fulda, Philippi; auf dem Gebiete des Lustspiels: Bauernfeld, Töpfer, Blum, Benedix, Wehl, Putlitz, Moser, Rosen, L'Arronge, Lubliner (Hugo Bürger), Schönthau, Kadelburg, Blumenthal; der Posse: Angely, Nestroy, Räder. Bes. umfangreich ist die Roman- und Novellenliteratur. Gutzkow begründete den umfassenden Kultur- und Gesellschaftsroman, der nach ihm in Freytag, Schücking, Spielhagen, Auerbach (durch seine »Dorfgeschichten« berühmt), Fanny Lewald, Frenzel, Gottschall, Alfr. Meißner, Riehl, Ganghofer (auch Verfasser von Bauernkomödien), Hopfen, Fontane, Ossip Schubin, Wilh. Jensen, Marie von Ebner-Eschenbach, Hermine Villinger die erfolgreichsten Bearbeiter fand. Dem histor. Roman gesellte sich zeitweilig in dem auf antiquarische Studien begründeten ein neues Genre bei, indem Scheffel, Freytag, Ebers, Felix Dahn, Eckstein, Georg Taylor (Hausrath) Erfolge errangen. Den humoristischen Roman pflegten: Raabe, Hackländer, Winterfeld; den amerikanischen: Sealsfield (Postel), Gerstäcker. In der Novellendichtung sind zu nennen: Heyse, Schefer, Storm, Edm. Höfer, Melch. Meyr, Gottfr. Keller, Konr. Ferd. Meyer, Rosegger, Hans Hoffmann, Seidel. Hervorragende Dialektdichter sind in der frühern Periode Hebel, später Reuter und Klaus Groth.

In den achtziger Jahren trat, durch Zola und Ibsen stark beeinflußt, eine Gärung ein, die in kraftgenialischer Rücksichtslosigkeit der Wahrheit in der Dichtung das Wort redete, aber allmählich aus einem übertriebenen Naturalismus zu einem geläuterten Realismus überging, dem in neuester Zeit ein mystischer Symbolismus und die sog. Décadenceliteratur gegenübertritt. Als Hauptvertreter des Realismus sind zu nennen: Jul. und Heinr. Hart, M. G. Conrad, Bleibtreu, Holz, Schlaf, Kretzer, die Lyriker Liliencron, Henckell, Mackay, Busse, die Novellisten Tovote, Bierbaum, Helene Böhlau, Bertha von Suttner, Maria Janitschek, Klara Viebig, Gabriele Reuter, G. von Ompteda, W. von Polenz, Hartleben, Sudermann, Ricarda Huch, G. Frenssen, Beyerlein. Ihre stärksten Erfolge errang die moderne Kunst im Drama durch Gerh. Hauptmann, wohl das bedeutendste Talent der Zeit, durch den bühnensichern Sudermann, durch Halbe, Schnitzler, Hirschfeld, Dreyer u.a. Dem Symbolismus und der Décadence huldigen, vielfach an Nietzsches Philosophie sich anlehnend, bes. Dehmel, Evers, Falke, H. Bahr, Schaukal, Stefan George, Hugo von Hofmannsthal u.a.

Vgl. die Literaturgeschichten von Gervinus (5. Aufl., 5 Bde., 1871-74), Koberstein (5. Aufl., 5 Bde., 1872-74), Wackernagel (2. Aufl., 2 Bde., 1879-94), Goedeke (1857-82; 2. Aufl. 1884 fg.), Vilmar (26. Aufl. 1905), Kurz (7. Aufl. 1876), Scherer (10. Aufl. 1905), Vogt und Koch (2. Aufl. 1904 fg.), Bartels (1902); ferner Hillebrand (18. und 19. Jahrh.; 3. Aufl. 1875), Hettner (18. Jahrh.; 4. Aufl. 1879-98), Julian Schmidt (seit Leibniz; 5 Bde., 1886-96), Gottschall (19. Jahrh.; 7. Aufl. 1902), Stern (seit Goethes Tod; 5. Aufl. 1905), Heinze und Götte (ebenso; 2. Aufl. 1903), Bartels (Gegenwart; 6. Aufl. 1904), R. M. Meyer (19. Jahrh.; 3. Aufl. 1905).

Quelle:
Brockhaus' Kleines Konversations-Lexikon, fünfte Auflage, Band 1. Leipzig 1911., S. 416-418.
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