Argonautenzug

[697] Argonautenzug, Zug, welchen um 1350 v. Chr. zu Schiff (Argo) mehrere griechische Helden (Argonauten, Minyä) nach Kolchis unternahmen, um das goldene Vließ zurückzuholen. I. Die Veranlassung zu diesem Zuge war folgende: Athamas, König in Thessalien, hatte von Nephele 2 Kinder, Phrixos u. Helle, welche deren Stiefmutter Ino auf alle Weise verfolgte (s. Athamas), bis die, von Athamas verstoßene Nephele sie entführte. Sie gab ihnen einen Widder mit goldenem Vließ (Chrysomallos), welcher reden u. fliegen konnte. Auf den Rücken dieses Widders setzten sie über die westliche Meerenge zwischen Europa u. Asien; Helle fiel herab u. ertrank, Phrixos aber zog durch Asien bis an das östliche Ende des Schwarzen Meeres zu Äetes, König von Kolchis, der ihn gastlich aufnahm u. ihm seine Tochter Chalkiope (Jophassa) in die Ehe gab, mit welcher Phrixos den Argos, Melas, Phrontis u. Kytoros zeugte. Dagegen schenkte Phrixos dem Äetes das goldene Vließ des geopferten Widders, welches dieser in einem heiligen Haine des Ares an einer Buche (Eiche) aufhängte u. es durch zwei Drachen bewachen ließ. Dies Vließ, von großem Werthe u. vielfach von den Griechen begehrt, zu holen, zog Jason aus. Nämlich Pelias, welcher die Regierung seines Bruders Äson über Jolkos an sich gerissen hatte, war durch ein Orakel vor dem gewarnt worden, welcher an Einem Fuße unbeschuht zu ihm käme. Jason, sein Neffe u. der eigentliche Erbe von Jolkos, ging einst zu Pelias zu einem Opferfeste u. verlor beim Durchgang durch einen Bergstrom einen Schuh. Als er so vor Pelias kam, erschrak dieser, da er in Jason den vom Orakel Bezeichneten fand, u. schickte ihn nach Kolchis, um das goldene Vließ zu holen, in der Hoffnung, daß er von diesem Zug nicht zurückkehren würde. II. Vorbereitungen zu dem Zuge. Zuvörderst wurde das Schiff gebaut, das nach dem Verfertiger Argos Argo geheißen wurde; es geschah zu Demetrias in Magnesia od. am Pelion; Athene selbst leitete den Bau auf Here's Befehl u. setzte einen Kiel von dodonäischem Eichenholze ein, welches daher die Kraft hatte, Orakel zu ertheilen. Auf Jasons Aufruf versammelten sich die Helden Griechenlands zur Theilnahme an diesem Zug zu Jolkos. Dichter u. Mythographen ziehen alle altgriechischen Heroen in diesen Kreis, selbst solche, welche zu dieser Zeit nicht mehr lebten, od. für solche Abenteuer zu jung waren. Daher ist auch die Anzahl der Argonauten sehr verschieden; Ein zählen 49, And. 50,52,54, noch And. 70, And. sogar 100 etc. Darunter: Admetos, Äthalides, Amphidamas, Ankäos, Areïos, Augias, Asterion, Asterios, Butes, Echion, Erginos, Euphemos, Eurydamas, Eurytion, Eurytos, Herakles, Idmon, Iphikles, Iphis, Iphitos, Käneus, Kalais, Kanthos, Kastor, Kepheus, Koronos, Loadokos, Lynkeus, Meleager, Menötios, Nauplios, Neleus, Oileus, Orpheus, Palämon, Palämonios, Peleus, Phaleros, Phlias, Phylakos, Pirithoos, Polyphemos, Pollux, Talaos, Telamon, Theseus, Tiphys, Zetes. Der Fühker des Zugs war Jason, Steuermann war Tiphys u. nach dessen Tode Ankäos, Zetes u. Kalais beaufsichtigten die Ruderer. III. Der Zug selbst. Nachdem zu Jolkos den Göttern ein feierliches Opfer gebracht worden war, wurde abgefahren. Zuerst wurde am Pelion ausgestiegen u. Chiron besucht; dann ging die Fahrt um Chalkidike nach Samothrake, wo sich die Argonauten auf den Rath des Orpheus in die Samothrakischen Mysterien einweihen ließen. Als sie von da weiter reisen wollten, wurden sie an die Küste von Ilion verschlagen (wo Herakles die Hesione gerettet haben soll) u. kamen auch nach Lemnos (s. Hypsipyle), von wo Herakles die Argonauten mit Gewalt treiben mußte, da sie in dem Umgang mit den dortigen Weibern den Zug zu vergessen schienen. Nun ging die Fahrt durch den Hellespont. In der Propontis landeten sie bei dem Dolionenkönig Kyzikos; dieser nahm sie gastlich auf u. entließ sie mit Geschenken. Aber in der Nacht trieb ein Sturm das Schiff wieder an den alten Landungsplatz, u. Kyzikos, welcher in der Dunkelheit die Ankommenden nicht erkannte u. für Räuber hielt, griff sie an, wurde aber von Jason erschlagen. Als Jason am Morgen den Getödteten erkannte, erbaute er zur Sühne der Rhea einen Tempel auf dem Berge Dindymos. Dennoch zürnte Rhea, u. der Sturm hielt die Argonauten 12 Tage hier auf. Dann weiter segelnd, kamen sie an den Rhyndakos. Hier stieg Herakles aus, um sich in dem nahen Walde ein Ruder zu holen, dabei aber verirrte sich sein Liebling Hylas, u. da er selbst mit Polyphemos ausging. um jenen zu suchen, aber zu lange ausblieb, so fuhren die Argonauten ohne sie weiter. Am folgenden Tage landeten sie in Bebrykia bei Amykos (s.d.); dieser forderte, nach seiner Gewohnheit, Einen der Argonauten, zum Faustkampfe heraus, wurde aber von Pollux getödtet. Von da wurde das Schiff nach Salmydessos verschlagen, wo Kalais u. Zetes den Phineus (s.d.) von den Harpyien befreiten. Dafür zeigte ihnen dieser Greis den Weg durch die gefährlichen, am Eingang in das Schwarze Meer stehenden Symplejaden od. Kyaneischen Felsen (s.d.), welche beweglich alles Durchpassirende zermalmten. Die Argonauten ließen erst eine Taube durchfliegen, u. da dieselbe mit einer leichten Verletzung an den äußersten Schwanzfedern durchkam, so versuchten sie guch die Durchfahrt, u. das Schiff kam glücklich durch, nur der äußerste Theil des Schiffbildes wurde abgeschlagen. Seit dieser Zeit bewegten sich diese Felsen nicht mehr, sondern standen fest. Innerhalb des Schwarzen Meeres segelnd, kamen die Argonauten zu den Mariandynern, deren König Lykos sie freundlich aufnahm, da sie seinen Feind Amykos getödtet hatten. Bei dem Aufenthalte allhier verloren sie den Idmon, den ein Eber tödtete, u. den Steuermann Tiphys, an dessen Statt Ankäos das Steuer fortan führte. Nachdem sie nun das Vorgebirg Karambis umfahren hatten, kamen sie zur Insel Dia (Aretias), wo sie von den Stymphaliden (s.d.) beunruhigt wurden, die ihre Federn wie Pfeile auf sie herabschossen; doch schützten sich die Helden vor ihnen durch ihre Helme. Auch trafen sie hier die Kinder des Phrixos an, welche von ihrem Großvater Äetes nach Griechenland nach ihrem Erbe geschickt u. von einem Sturme hierher verschlagen waren. Jason nahm sie mit sich. Endlich erreichten sie das Ziel der Reise, Kolchis, am Ausfluß ces Phasis. Jason begab sich in Begleitung des Augeas, des Telamon u. der Kinder des Phrixos zu Äetes (s.d.), um von ihm das Vließ zu erbitten. Der versprach[697] es auch, wenn sich Jason dazu verstände, 2 feuerschnaubende Stiere zu jochen, mit ihnen ein dem Ares geheiligtes Feld zu pflügen, darein Drachenzähne zu säen u. die daraus hervorwachsenden gepanzerten Männer zu erlegen. Jason verzweifelte an der Ausführung dieser Aufgabe; doch Medea, Tochter des Äetes, von Liebe zu Jason entbrannt, ging des Nachts zu dem Schiffe u. brachte dem Jason ein Mittel, durch dessen Anwendung er den Kampf ohne Gefahr bestehen würde. So ging auch Alles gut; er jochte die Stiere, pflügte das Land, säete die Zähne, die erdgeborenen Männer aber reizte er durch einen unter sie geworfenen Stein, daß sie sich selbst bekämpften u. tödteten. Nun verlangte Jason von Äetes, daß er ihm das Vließ ausliefere. Aber dieser weigerte sich, gedachte dagegen die Fremden zu überfallen u. zu erschlagen. Medea verrieth dem Jason den Plan ihres Vaters u. half ihm heimlich das Vließ entführen. Dieses hing in einem, von 7facher Mauer umschlossenen, von der Hekate bewachten Haine, unter dem Baume selbst lag ein Drache. Jason besiegte durch Medeas Zauberei alle Hindernisse u. nahm das Vließ; auch die Medea nahm er nach ihrem Wunsche mit u. eilte zum Schiffe. IV. Die Rückkehr der Argonauten ist sehr verschieden erzählt worden. Nach der gewöhnlichen Sage verfolgte Äetes die Argonauten, nachdem ihm ihre That gemeldet worden war; Medea aber tödtete ihren mitgenommenen Bruder Absyrtos u. streuete dessen Glieder überall umher, um durch die Zusammenlesung derselben zur Bestattung den nachsetzenden Vater auf- u. von der Verfolgung abzuhalten; dies sollte bei Tomi (s.d.) in Thracien geschehen sein. Wegen dieses Verbrechens irrten nun die Argonauten so lange umher, ehe sie heimkehrten. So sollen sie nach Einigen den Phasis aufwärts gefahren sein, die Ostländer umfahren haben, dann das Schiff über das Land zwischen dem Rothen Meere u. dem Nil tragend in das Mittelmeer u. nach verschiedenen Irrsalen nach Hause gekommen sein; Andere (Pseudo-Orpheus) lassen sie den entgegengesetzten Weg machen, durch den Tanais nach Norden fahren, in das Eismeer kommen, dann den Atlantischen Ocean durchschiffen, im Mittelmeer umherirren, daselbst alle Abenteuer bestehen, welche hier Ulysses bestand, u. endlich die Heimath erreichen. Nach Apollonios Rhodios fuhren die Argonauten, nachdem Jason den Absyrtos, der sie auf Befehl seines Vaters verfolgte, getödtet hatte, aus dem Schwarzen Meere durch den Ister in das Adriatische Meer, hielten aber aus Furcht vor den sie verfolgenden Kolchern sich nach der Eridanosmündung, kamen dann in das Tyrrhenische Meer zur Insel der Kirke, welche sie wegen des Mordes des Absyrtos entsühnte, u. durch die Sicilische Meerenge nach Korkyra. Hier wurden sie von den Kolchern eingeholt, u. Arete, Gemahlin des Königs Alkinoos, that den Ausspruch, daß Medea mit ihnen zu Äetes zurückkehren sollte, wenn sie noch Jungfrau wäre, wäre sie aber von Jason berührt, so müsse sie als dessen Gattin bei ihm bleiben. Darauf bereitete sie sogleich ein hochzeitliches Bett, gab so Veranlassung zur Ehelichung Beider u. bewirkte, daß Medea nicht zu ihrem Vater zurückkehrte. Von da fahrend wurden die Argonauten nach Afrika verschlagen, mußten dort ihr Schiff tragen u. kamen endlich, nachdem noch Anaphe (s.d.) zu ihrem Schutz von Apollo aus dem Meere hervorgerufen worden war, über Kreta, wo Medea den Riesen Talaos (s.d.) tödtete, u. Ägina nach Jolkos zurück. V. Die Geschichte des A. war schon im Alterthum vielfach Gegenstand poetischer Darstellung, sowohl als Epos (Argonautĭka), als auch theilweise als Tragödie, z.B. von Kleon, Dionysios von Milet, Epimenides, Pisander, Herodoros, Eumelos, Äschylos (in der Hypsipyle), Sophokles, Euripides u. A. Noch besitzen wir den A. als Epos behandelt, griechisch von Apollonios Rhodios u. (dem falschen) Orpheus, lat. von Valerius Flaccus (s.d. a.), auch in der 4. pythischen Ode des Pindar. Vgl. G. Carli, Della spedizione degli Argonauti in Colco, Vened. 1745. Auch Künstler nahmen den A. zum Gegenstand der Darstellung; so Lykios in einer Reihe einzelner Statuen, Gemälde von Kydias (zuletzt in Rom in der Porticus Neptuni, daher auch Porticus Argonautarum genannt), u. von Mikon im Tempel der Dioskuren zu Athen.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 1. Altenburg 1857, S. 697-698.
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