Lyon [1]

[650] Lyon (spr. Liong), 1) Arrondissement im französischen Departement Rhône, 24,16 QM., 12 Cantone u. 410,000 Ew.; 2) (lat. Lugdunum, im Mittelalter Leona), Hauptstadt desselben u. des Departements, an der Saône u. Rhône; die zweite Stadt Frankreichs, besteht aus der Rhône- u. Saônestadt, hat zur Verbindung mehrere Brücken, vier über die Rhône (die steinere Brücke de la Guillotière, zur Vorstadt gleiches Namens führend, aus 20 Bogen bestehend, u. die kühne, hölzerne Morandbrücke) u. zehn über die Saône. Früher Festung, hat L. jetzt nur durch mehrere einzelne Forts Vertheidigung, 28 Quartiere, prächtige Quais an den Flußufern (bes. der Rhône), welche mit Trottoirs versehen u. mit Alleen bepflanzt sind; mehre össentliche Plätze (Terreaux mit dem Präfecturhause, der Abtei St. Pierre u. viel Verkehr; Bellecour, mit Reiterbildsäule Ludwigs XIV.; der Platz von Sathonay, mit der Statue Jacquards; der Platz der Cölestiner etc.; der Freiheitsplatz u. der Champ de Mars); viele Promenaden (die Quais, die Allee von Brotteaux [Schauplatz der Mordscenen aus der Revolution]); Cours de Midi, wo sich vor 1776 die Saône u. Rhône vereinten, u. wo der Baumeister Perrache dadurch, daß er der Saône ein anderes Flußbett anwies u. so die Insel Mogniat mit dem Festlande verband, das Quartier schuf, welches nach ihm benannt wird. Vorstädte: Serin u. Vaise auf der Saôneseite (dabei steile Felsen mit dem Schloß Pierre en Cise, einst Sitz des Erzbischofs von L., wo Cinq-Mars u. de Thou hingerichtet wurden), la Croix rousse (gilt auch als eigne Stadt), la Quarantaine, St. Claire u. auf[650] der Ostseite der Rhône la Gullotière u. Brotteaux. L. ist Sitz der Departementalbehörden des 4. Militärobercommando's, der 8. Militärdivision, eines königlichen Gerichtshofs für die Departements Rhône, l'Ain u. Loire, eines Tribunals, Handelsgerichts u. einer Handelskammer, von 6 Friedensgerichten, eines Erzbischofs (Primas von Gallien); Kirchen u. Kapellen gibt es über 50, darunter die Kathedrale St. Jean (mit 4 Thürmen, größter Glocke Frankreichs von 35,000 Pfd., astronomischer Uhr), die Kirche St. Nizier, eine der schönsten Frankreichs, die Karthäuserkirche, die Kirche St. Paul, Notre Dame (auf dem Hügel Fourviers [dem Forum vetus der Römer]); außerdem die Chapelle expiatoire, wo die Gebeine der in den Revolutionsstürmen Umgebrachten verwahrt sind, u. jüdische Synagoge. Öffentliche Gebäude: Stadthaus, jetzt Präfecturhotel, mit Statuen der Rhône u. Saône in Bronze u. des Hercules u. der Pallas in Marmor, der Palast des Erzbischofs, das Gebäude der Geistlichkeit (Manecanterie), die Abtei St. Pierre (ein Palast für Handel u. Künste, sonst Benedictinernonnenkloster, im 17. Jahrh. gebaut, mit Börse [zugleich Concertsaal], Conservatorium der Künste, Museum mit merkwürdigen Alterthümern, Bibliothek, Naturhistorisches Museum, Gemäldegallerie), der Palast de la Trinité (Lyceum u. Stadtbibliothek), Theater, Justizpalast, 2 Gefängnisse etc. Wohlthätigkeitsaustalten: großes Hospital (worin u. von dem aus 9000 Hülssbedüstige unterstützt werden), das Hotel de Dieu (am Rhônequai mit 1080 eisernen Bettstellen für Kranke u. Schwangere, verpflegt jährlich 12,000 Kranke; bereits im 6. Jahrh. von Childebert gegründet), Hospital de l'Antiquaille, außerhalb der Stadt, von 600 Betten für ekelhafte Kranke, das Hospital der Charité für Alte über 70 Jahre u. verlassene Kinder unter 10 Jahren u. m. Unterrichtsanstalten: Akademie (Académie universitare, im ehemaligen Jesuitencollegium), hat nur Facultäten der Literatur, Wissenschaften, Theologie u. Medicin; bestimmt für die Departements Rhône, l'Ain u. Loire, 2 öffentliche Bibliotheken, Missionsschule, Athenäum, 2 Gewerbeschulen, Ackerbau- u. Medicinische Gesellschaft, Veterinärschule, älteste in Frankreich; Botanischen Garten, Sternwarte u. dgl. Reiterstatue des Kaisers Napoleon I. (1852) u. Denkmal des Marschalls Suchet, des Generals Martin, Joh. Kleebergers u. I. M. Jacquards. L. ist die bedeutendste Fabrikstadt Frankreichs u. hat namentlich ausgebreitete Fabriken in Seidenwaaren, Messerschmiedewaaren, Bijouterien, Quincaillerien, Posamentirwaaren, künstliche Blumen, Gold- u. Silberdraht (Leonischen Treffen), Leder, Glas, Hüten, Kattun, Papiertapeten, Pinseln, chemischen Waaren, Salpeter etc. Die Stickerei von L. war sonst sehr berühmt. Der Handel (Producten- u. Speditionshandel u. Geldwechsel), welcher mehr als für 160 Mill. Francs Umsatz hat, erstreckt sich über die Nachbarländer, wird durch die Rhône u. Saône, durch treffliche Straßen u. durch Eisenbahnen nach Paris, Marseille, Strasburg, Genf, Turin u. St. Etienne, sehr befördert. Einwohner, ohne Vaise, Guillotière u. Brotteaux, 190,000, mit diesen 293,000. Um L. stehen eine Menge der schönsten Landhäuser u. ergiebigsten Weinberge, so wie viele römische Alterthümer (Aquäduct), zum Theil noch in der Stadt. L. ist Geburtsort der Kaiser Claudius u. Caracalla, des Sidonius Apollinaris, des Botanikers Jussieu, des Marschalls Suchet, des Generals Martin u. I. M. Jacquard's.

L. hieß im Alterthum Lugdunum u. lag im Gebiete der Secusianer im Lugdunensischen Gallien. Es war von Flüchtlingen aus Vienna erbaut. 43 v. Chr. führte L. Munatius Plancus eine römische Colonie dahin, u. diese hieß Copia Claudia Augusta; Augustus erhob sie zur Hauptstadt des Lugdunensischen Gallien. Unter Nero, dann im Jahre 197 u. zum dritten Male durch Attila brannte L. ab. Zu L. wurde auch die erste christliche Kirche in Gallien errichtet. Die Römer blieben bis zu den Zeiten des Kaisers Honorius im Besitze L-s; Stilico überließ es nach Überwindung der Gothen den Burgundern für geleistete Kriegsdienste, welche es zur Hauptstadt ihres Reiches erhoben. Unter Chlotar eroberten es 532 die Franken. Durch den Vertrag von Verdun 843 kam L. an Lothar u. von diesem an dessen Söhne Karl u. Lothar, nach deren Tode es von Karl dem Kahlen in Besitz genommen wurde. Nach Ludwigs des Stammlers Tode machte sich König Boso von Arelat zum Herrn von L. u. gerieth darüber mit den Nachkommen Ludwigs des Stammlers in langwierige Kriege, bis endlich König Lothar, ein Sohn Ludwigs III., um 855 dasselbe seiner Schwester Mathilde, Gemahlin des Königs Konrad I. von Arelat, zur Aussteuer gab. Nachdem Rudolf III., der Sohn Konrads, 1034 kinderlos gestorben war, nahm es Kaiser Konrad II. wegen seiner Gemahlin Gisela, einer Prinzessin von Arelat u. verband es mit dem Deutschen Reich. Kaiser Friedrich I. überließ 1167 dem Erzbischof Heraclius, unter Vorbehalt der kaiserlichen Oberhoheit, die Stadt, u. 1173 erwarb Erzbischof Guichard die Landschaft Lyonnois von dem Grafen Guido II. Als aber unter Friedrich II. die deutschen Kaiser die Herrschaft über Arelat verloren, hatten, begaben sich die Erzbischöfe von L., bes. wegen ihrer Händel mit den dasigen Bürgern, 1274 in den Schutz des Königs von Frankreich, u. Philipp der Schöne erhob die Baronie L. zu einer Grafschaft, deren Gerichtsbarkeit er dem Erzbischof u. dessen Capitel überließ; doch wurde letztere 1363 mit der Krone Frankreich vereinigt. Kirchenversammlungen hielt zu L Innocenz IV. 1245 (von der Römischen Kirche trotz des Widerspruchs der Gallischen Kirche für eine ökumenische erklärt), auf welcher der Kaiser Friedrich II. in den Bann gethan u. die Unterstützung der Griechischen Kaiser gegen die Tataren beschlossen wurde. Die vom Papst Gregor X 1274 (die 14. ökumenische), welche sich mit der Vereinigung der Römischen u. Griechischen Kirche (welche jedoch nicht zu Stande kam), mit der den morgenländischen Christen zu leistenden Hülfe u. mit der Reform der Kirchenzucht u. des Lebens der Geistlichen beschäftigte. Franz I. ließ L. mit Wällen umgeben.1601 wurde hier Friede zwischen Karl Emanuel I. von Savoyen u. Heinrich IV. von Frankreich geschlossen. Zur Zeit der Revolution waren viele königlich Gesinnte zu L., u. obgleich das Volk 1789 das feste Schloß Pierre en Cise zerstörte, bewies sich doch die Stadt für die Revolution sehr lau, wofür sie zur Strafe vom Convent mit einer ungeheuern Contribution belegt wurde. Im Mai 1793 wurde die jakobinische Municipalität von der Stadt abgesetzt, u. belagert u. ausgehungert, mußte sich L. am 10. Oct. auf Gnade u. Ungnade ergeben, u. die für schuldig Geachteten wurden in Haufen zu Hunderten mit Kartätschen[651] niedergeschossen. Die Mauer u. viele Häuser wurden niedergerissen u. die Stadt erhielt den Namen Commune affranchie. Auch der 9. Thermidor war hier nicht ohne blutige Reaction. Sehr langsam erholte sich L. von diesen Schlägen, wobei bes. viele fleißige Arbeiter umgekommen waren. Am 21. März 1814 wurde L. von den Österreichern genommen, eben so am 11. Juli 1815 durch Capitulation. Vom 21.–23. Nov. 1831 fanden hier ernstliche Unruhen der Fabrikarbeiter Statt, welche höhern Lohn ertrotzen wollten u. nur durch 20,000 Mann unter dem Herzog von Orleans u. Marschall Soult bezwungen wurden. Im April 1834 brachen wieder ähnliche Unruhen, von den Neutralisten einer Fabrikantenassociation veranlaßt, aus; fünf Tage wurde in den Straßen gefochten, bis endlich die bewaffnete Macht die Oberhand erhielt. Am 24. Februar 1848 Tumult bei der Ankunft der Nachricht der Revolution in Paris. Am 15. Juni 1849 Volksaufstand, welcher in Verbindung mit dem Pariser Tumult stand; der Aufstand wurde durch die Truppen unter General Magnan niedergeworsen. Vgl. Spon, Recherches sur les antiquités de la ville de Lyon, Lyon 1676; P. de Colonia, Antiquités de la ville de Lyon, ebd. 1738, 2 Bde.; Bochard, Description historique de Lyon, Lyon 1817; dessen Guide de voyageur à Lyon, ebd. 1826; Clerjon, Hist. de Lyon, ebd. 1829–35, 4 Bde.; Chapny, Voyage pittoresque dans Lyon et ses faubourgs, ebd. 1824; Beaulieu, Histoire du commerce, de l'industrie et des fabriques de L., ebd. 1838.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 10. Altenburg 1860, S. 650-652.
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