Savoyen [1]

[21] Savoyen (franz. Savoie, ital. Savoja), 1) ein vormals zur Sardinischen Monarchie gehöriges Herzogthum, welches von Sardinien durch Vertrag vom 24. März 1860 an Frankreich abgetreten wurde u. seitdem die beiden französischen Departements Savoie u. Haute-Savoie bildet, 201,45 QM., mit 617,000 Ew.; grenzt im Westen an den Schweizercanton Genf u. die Departements Ain u. Isère, im Süden an das Departement Hautes-Alpes u. Piemont, im Osten an Piemont u. den Schweizercanton Wallis u. im Norden an den Genfersee. Es ist das höchste Gebirgsland Europas u. wird in seinem nordöstlichen höchsten Theile von den Penninischen Alpen bedeckt, in denen hier der Montblanc mit seinen Nebengipfeln, nördlichen u. westlichen Nachbarn (M. Dotent, M. Buet, M. Joli) u. Ausläufern steht, im Osten von den Grajischen Alpen mit dem Kleinen St. Bernhard, Col d'Orme, Aig. Sassière, M. Iseran, Roche Chevriere, M. Cenis, Roche Melon, M. d' Ambin u.a. erfüllt u. im Süden von den Cottischen Alpen mit den Aiguilles de l'Arve u. M. Tabor berührt. Die Gebirge sind Urgebirge, am Fuße u. in der Mitte mit Glimmer, Schiefer, Kalk, Quarz u. Serpentin überdeckt, sie bilden scharfe u. zackige Linien u. schroffe Wände. Pässe führen über sie über den Col de Balme nach Wallis, über den Kleinen St. Bernhard u. den M. Cenis nach Piemont, der Paß von les Echelles nach dem Departement Isère. Sämmtliche Flüsse gehören mit Ausnahme der in den Genfersee fließenden Dorance (Dranse) dem Gebiet der auf 9 Meilen die westliche Grenze bildenden Rhône an, nämlich die Arve mit Giffre, der Fier mit Cheran, die Isère mit dem Dorn u. Arc. Die Gebirgsbäche heißen hier Nants; die Gebirgssümpfe sind nicht unbedeutend; das romantischste, jährlich von zahlreichen Fremden besuchte Thal ist das Chamounythal. Seen sind der Genfersee, von welchem 31/2 QM. zu S. gehören, der Lac du Bourget u. L. d'Annecy. Producte: Rindvieh, Schafe, Ziegen, Maulthiere u. Esel, Wild (bes. Murmelthiere, Gemsen, Steinböcke), Vögel (Ortolane, Wachteln), Fische, bes. Forellen, Getreide (nicht ausreichend), Hülsenfrüchte, Hanf, Flachs, Kartoffeln, Wein (reichlich u. in guten Sorten, der von Montmelian, Frangy, Seistello, Lucci, S. Giovanni, della Porta, Montmerino, St. Julien), Nüsse, Kirschen, Kastanien; Wald; Silber, Kupfer, Blei, Eisen, Steinkohlen, Mühlsteine, Marmor, Serpentin, Salz Mineralquellen (Aix, Amphion, Cachat bei Evian, Chambery, Echallens, S. Gervaise, Montiers, la Perrière, Sallanches). Das Klima ist sehr verschieden u. unbeständig, nicht gesund, heftige Stürme nicht selten. Der Boden ist meist steinig u. wenig fruchtbar, ein Theil des Landes liegt unter ewigem [21] Schnee, ein anderer ist bewaldet, ein dritter hat Wiesen (die Anlegung künstlicher Wiesen verbreitet sich außerordentlich) u. ist nur zur Viehzucht geeignet; daher herrscht wenig Ackerbau, die Viehzucht wird nach Schweizerart betrieben u. liefert einen beträchtlichen Gewinn an Butter u. Käse (bes. der Käse Vaccherini im Thal von Abondance u. der grüne Käse von Maurienne). Außerdem beschäftigt man sich mit Bergbau, Bereitung von Salz, Anfertigung von Glas-, Porzellan-, Eisen- u. Holzwaaren, Leder, Spitzen, Geweben in Seide u. Baumwolle, Zeugdruckerei; Fabriken gibt es im Ganzen wenige. Ber Handel führt Vieh u. andere Landesproducte aus, Getreide, Colonialwaaren etc. ein; eine herrliche Straße, ein Werk Napoleons I., führt über den Mont Cenis; die Victor-Emanuelbahn, welche bei Culoz in die Rhônethalbahn einmündet u. mittelst eines durch den Mont Cenis zu führenden Tunnels mit den italienischen Eisenbahnen verbunden wird, durchschneidet das Land. Die Akademie von S. befindet sich in Chambery, eine Bergschule in Montiers. Die Einwohner (Savoyarden) sind fast ausschließlich Katholiken, reden ein französisches Patois mit einigem Italienischen gemischt, sind ehrlich, treuherzig, sehr thätig, sparsam, fröhlich u. von einfachen Sitten, aber sehr arm, viele mit Kröpfen behaftet od. Cretins, sie lieben ihr Vaterland, müssen aber oft dasselbe aus Armuth verlassen, verdienen ihr Brod, bes. in Frankreich, indem sie Murmelthiere od. Affen zeigen, Schuhe putzen, Essen kehren, Erdarbeiten verrichten helfen, u. kehren mit wenigem erworbenen Vermögen fast alle nach S. zurück. 2) Ober-S. (Haute Savoie), ein aus dem nördlichen Theil des früher zu Sardinien gehörigen Herzogthums S. gebildetes, durch Decret vom 11. Juni 1860 mit Frankreich vereinigtes Departement, 83,17 QM.; grenzt im Norden an den Schweizercanton Genf u. den Genfersee, im Osten an den Schweizercanton Wallis u. Piemont, im Süden an das Departement Unter-S., im Westen an das Departement Ain; sehr gebirgig durch die Cottischen, Grajischen u. Penninischen Alpen; über Bewässerung, Boden, Klima, Producte etc. s. oben S. 1); die Eisenbahn von Genf nach Culoz (Bahn nach Lyon) begleitet die Westgrenze des Departements; die im Bau begriffene Bahn von Genf über Annecy noch Chamousset wird das Departement durchschneiden; 286,000 Ew., ausschließlisch römisch-katholisch; Hauptstadt: Annecy; das Departement gehört zur 22. Militärdivision u. zum 4. Militärobercommando (Lyon). 3) S. (Unter-S., Basse Savoie), ein aus dem südlichen Theil des Herzogthums S. gebildetes französisches Departement, 118,28 QM.; grenzt im Norden an das Departement Ober-S., im Osten an Piemont, im Süden an das Departement Hautes-Alpes, im Westen an das Departement Isère; sehr gebirgig; über Bewässerung, Boden, Klima, Producte etc. s. oben S. 1); die Eisenbahn von Turin über Susa u. Chambery nach Culoz (Bahn nach Lyon) durchschneidet das Departement u. zweigt auch hier von Chamousset nördlich nach Genf ab; 314,400 Ew., ausschließlich römisch-katholisch; Hauptstadt: Chambery; das Departement gehört zur 22. Militärdivision u. zum 4. Militärobercommando (Lyon).

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 15. Altenburg 1862, S. 21-22.
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