Wolff [1]

[326] Wolff, 1) Christian Freiherr von W., als Sohn eines Gerbers geb. in Breslau 24. Jan. 1674, besuchte das Gymnasium seiner Vaterstadt, wo ihn schon frühzeitig die dogmatischen Streitfragen zwischen den Katholiken u. Protestanten lebhaft interessirten, studirte seit 1699 in Jena neben der Theologie vorzugsweise Mathematik, Physk u. Philosophie u. habilitirte sich 1703 zu Leipzig in der philosophischen Facultät mit der Abhandlung De philosophia practica universalis. Er hatte seine Studien frühzeitig über die damalige theologische, philosophische, physikalische u. mathematische Literatur ausgebreitet; von besonderem Einflusse war auf ihn Tschirnhausens (s.d. ) Medicina mentis; bei Gelegenheit seiner Habilitationsschrift kam er durch Burch. Mencke (s.d.) auch mit Leibnitz in Berührung. Bei dem Einfalle der Schweden unter Karl XII. ging er 1706 nach Gießen u. erhielt 1707 einen Ruf als Professor der Mathematik nach Halle. Die einflußreiche Wirksamkeit, welche er durch seine zahlreichen Schriften, so wie durch seine Vorlesungen ausübte, verstärkte bei den Theologen, namentlich bei Herm. Aug. Francke, dem Haupte der Pietisten, u. bei Joach. Lange, dem Haupte der Orthodoxen, die ohnedies vorhandene Abneigung gegen den Einfluß der Philosophie auf die Theologie; mannigfaltige Reibungen, Anfechtungen u. Streitigkeiten führten endlich bei Gelegenheit von W-s Rectoratsrede De Sinarum philosophia practica 1721 zu einem leidenschaftlichen Kampfe; die Theologen klagten W. auf der Kanzel u. in Schriften mannigfaltiger Irrlehren an, u. da W. seinerseits es nicht verschmähte den Einfluß des Hofes u. die akademische Polizei gegen seine Gegner zu Hülfe zu rufen, so griffen auch diese zu ähnlichen Mitteln; sie benutzten wirkliche od. angebliche Consequenzen seiner Lehre von der Freiheit des menschlichen Willens, um seine philosophischen Lehren dem König Friedrich Wilhelm I. als gefährlich erscheinen zu lassen, u. eine königliche Cabinetsordre vom 8. November 1723, in welcher W. aufgegeben wurde binnen 48 Stunden nach Empfang dieser Ordre die Stadt Halle u. die übrigen königlichen Lande bei Strafe des Stranges zu räumen, war der schließliche, selbst seinen Gegnern unerwartete u. unerwünschte Erfolg dieser Einflüsterungen u. Machinationen. W. fand sofort in Kassel freundliche Aufnahme u. eine Anstellung in Marburg. Seit 1730 aber veränderten sich die Verhältnisse in einer Weise, welche W. den dortigen Aufenthalt verleideten; in Berlin dagegen verloren W-s Gegner allmälig an Einfluß, u. so konnte W. im J. 1739 seine Philosophia practica universalis dem Könige Friedrich Wilhelm[326] I. dediciren. Nach dessen Ableben u. dem Regierungsantritt Friedrichs II. führten die schon früher wegen W-s Rückkehr nach Preußen angeknüpften Unterhandlungen sehr rasch dahin, daß. er den 6. December 1739 als Geheimer Rath, Vicekanzler der Universität u. Professor des Natur- u. Völkerrechts nach Halle zurückkehrte. 1745 wurde er zum Kanzler der Universität ernannt u. in demselben Jahre, von dem Kurfürsten von Baiern als Reichsvicarius, in den Reichsfreiherrnstand erhoben. Andere Ehrenbezeigungen waren ihm schon früher durch die Aufnahme in mehre Akademien u. gelehrte Gesellschaften zu Theil geworden; mehre Berufungen, welche er während. seines früheren Aufenthaltes in Halle erhalten hatte, hatte er ausgeschlagen. Die Erwartungen jedoch, welche er nach seiner Rückkehr nach Halle von seiner akademischen Wirksamkeit gehegt hatte, wurden nicht erfüllt; bei zunehmendem Alter machten ihn auch die mancherlei Anfeindungen, welchen seine Philosophie ausgesetzt war, mißmuthig u. zu Klagen geneigt, u. so starb er, nachdem er den Höhepunkt seines persönlichen Ruhmes überschritten hatte, im 73. Jahre den 9. April 1754. W-s Verdienste um die Philosophie sind in der Periode nach Kant häufig zu gering angeschlagen worden. Obwohl er keine neuen Bahnen brach u. sich bei den tieferen philosophischen Problemen fast ohne Ausnahme damit begnügt, sie durch bloße Nominaldefinitionen vielmehr zu umgehen als einen ernsthaften Versuch ihrer Lösung zu machen, so hat er doch den philosophischen Gedankenkreis seiner Zeit, wie er sich seit Aristoteles durch die Scholastik hindurch fortgepflanzt u. durch die Erweiterung der Mathematik, der Naturwissenschaften, die Ausbildung der Moral, des Natur- u. Völkerrechts modificirt hatte, in einem Umfange u. mit einer Vollständigkeit formulirt, wie neben ihm fast Niemand. Wenn man seine Philosophie häufig die Leibnitz-Wolfsische nennt, eine Bezeichnung, welche er selbst ablehnte, so ist dies insofern nicht ganz richtig, als er gerade die Lehren, welche der Philosophie Leibnitz's ihren eigenthümlichen Charakter geben, wie die von den Monaden u. der prästabilirten Harmonie, sich keineswegs unbedingt angeeignet hat, wie er denn selbst einmal sagt, des Herrn von Leibnitz Philosophie fange da an, wo die seinige aufhöre. Ohne in die Tiefe dringenden Untersuchungsgeist strebte er nach Ordnung u. Strenge der Methode, für welche er sich die Mathematik zum Vorbild nahm, das er mit pedantischer Sorgfalt befolgte, u. nach systematischer Sonderung u. vollständiger Darstellung der einzelnen philosophischen Disciplinen. So hat er die gesammten philosophischen Wissenschaften in einer langen Reihe theils kürzerer deutscher Lehrbücher, theils ausführlicher lateinischer Werke behandelt u. namentlich durch die ersteren nicht nur um die allgemeinere Verbreitung philosophischer Bildung gesorgt, sondern auch durch die Ausbildung der Muttersprache zur wissenschaftlichen Darstellung sich verdient gemacht. Die Anordnung seines Lehrgebäudes liegt gewissermaßen schon. in den Titeln seiner größeren lateinischen Werke: Philosophia rationalis s. logica, Frankf. u. Lpz. 1728; Philosophia prima s. Ontologia, ebd. 1730; Cosmologia generalis, ebd. 1731; Psychologia empirica, ebd. 1732; Psychologia rationalis, ebd. 1734; Theologia naturalis, ebd. 1736–37, 2 Bde. (die Ontologie, Kosmologie, Psychologie u. natürliche Theologie bilden zusammen die Metaphysik); Philosophia practica universalis, ebd. 1738–39, 2 Bde.; Philosophia moralis s. ethica, Halle 1750, 4 Bde; Jus naturae, ebd. 1740, 8 Bde.; Philosophia civilis s. politica, ebd. 1746, 4 Bde.; Jus gentium, ebd. 1750. Die deutschen Lehrbücher fallen meist in die Zeit seines ersten Aufenthaltes in Halle. Außerdem hat er fast die ganze reine u. angewandte Mathematik in Lehrbüchern behandelt, welche durch Klarheit u. Vollständigkeit für ihre Zeit sehr brauchbar waren, u. eine Masse kleinerer, zum Theil populärer Abhandlungen über Gegenstände der Philosophie, Physik, Ökonomie etc. geschrieben. Trotz der mancherlei Streitigkeiten, zu denen seine Philosophie Veranlassung gab, war der zuversichtliche Dogmatismus, welchen sie vertrat, bis auf Kant namentlich in Deutschland die durchschnittlich herrschende Denkweise; zu ihren Anhängern (Wolffianern) gehörten Alex. G. Baumgarten, Ludw. Phil. Thümmig, J. G. Reinbeck, Isr. G. Canz, J. P. Reusch, G. Heinr. Ribbro, J. G. Heineccius, J. A. von Ickstadt, J. Ulr. von Cramer, Dan. Nettelbladt, J. Heinr. Winckler, Gottsched u.a.m. Vgl. Fr. Chr. Baumeister, Vita, fata et scripta Chr. W. philosophi, Lpz. u. Bresl. 1739; Chr. W-s eigene Lebensbeschreibung herausgegeben von H. Wuttke, Lpz. 1841; Fr. W. Kluge, Chr. W., ein biographisches Denkmal, Bresl. 1831; Ludovici, Sammlung u. Auszüge der sämmtlichen Streitschriften wegen der Wolffischen Philosophie, Lpz. 1737, 2 Bde.; Derselbe, Entwurf einer vollständigen Historie der Wolffischen Philosophie, Lpz. 1737, 3 Bde.; G. Volkm. Hartmann, Anleitung zur Historie der Leibnitz-Wolffischen Philosophie, ebd. 1737: 2) Elisabeth, s. Becker 2). 3) Friedrich, geb. 1766 in Lissa, wurde 1788 Professor der Mathematik u. Physik am Joachimsthalschen Gymnasium in Berlin, 1820 Professor der Logik u. Mathematik an der Militärakademie u. am Medicinisch-chirurgischen Friedrich-Wilhelmsinstitut, auch Director des schulwissenschaftlichen Unterrichts am letzteren; er schr. mit M.H. Klaproth: Chemisches Wörterbuch, Berl 1807–19, 9 Bde.; Lehrbuch der Chemie, ebd. 1820_–21, 3 Bde.; u. gab heraus: Annalen der chemischen Literatur 1802. 4) Amalie, geb. Malcolmi, geb. 1780 in Leipzig, Tochter eines Schauspielers, betrat 1791 in Weimar die Bühne u. verheirathete sich an Becker, nach dessen Tode aber an den Folgenden. Sie verdankte Goethe u. Schiller ihre Ausbildung u. war eine der ausgezeichnetsten Schauspielerinnen des deutschen Schauspiels, bes. der sanften, naiven, idealen Heldinnen. Später spielte sie manche schärfere Frauenrollen mit hoher Meisterschaft. Auch im Scherzhaften zeigte sie sich mit Glück. Sie ging mit ihrem Gatten 1816 an das Hoftheater nach Berlin u. starb, nachdem sie 1844 in Ruhestand versetzt worden war, daselbst 19. Aug. 1851. 5) Pius Alexander, geb. 1782 in Augsburg, studirte anfänglich, wurde aber dann aus innerer Neigung Schauspieler; er war seit 1804 in Weimar u. spielte bes. die Rollen jugendlicher Helden od. ernster, tiefer u. erhabener Charaktere. 1816 kam er an das königliche Theater in Berlin u. st. 1828 in Weimar. Er schr. das Lustspiel Cäsario, das Drama Pflicht um Pflicht, das mit K. M. von Webers Musik ausgestattete Schauspiel Preciosa u.a. Seine Stücke erschienen gesammelt: Dramatische Spiele, Berl. 1823, 1. Bd.; ferner noch im Jahrbuch[327] deutscher Nachspiele: Der Hund des Aubri (Lustspiel), Berl. 1822; Treue sie, it in Liebesnetzen (Drama), ebd. 1828; Steckenpferde (Lustsp.), ebd. 1829; Der Mann von 50 Jahren (Lustsp.), ebd. 1830; Der Kammerdiener (Lustsp.), ebd. 1832; auch gab er mit Levezow das Dramaturgische Wochenblatt heraus. 6) Oskar Ludwig Bernhard, geb. 26. Juli 1799 in Altona, von israelitischer Abkunft, studirte in Berlin u. Kiel Medicin, dann aber die Schönen Wissenschaften, hielt sich darnach in Hamburg auf, wo er zuerst als Improvisator auftrat u. machte nachher als solcher mehre Kunstreisen; 1826 wurde er Professor der neuern Sprachen am Gymnasium in Weimar u. 1830 an der Universität Jena, wo er 16./17. September 1851 starb. Er schr. außer mehren Hülfsbüchern für Sprachen u. Übersetzungen: Beiträge für die Bühne, Hamb. 1825; Erzählungen eines deutschen Improvisators, Gera 1827 f., 2 Bde.; Egeria, Sammlung italienischer Volkslieder (angefangen von W. Müller), Lpz. 1829; Sammlung historischer Volkslieder u. Gedichte der Deutschen, Tüb. 1830; Denkwürdigkeiten aus dem Tagebuche eines Hoflakaien, Münch. 1830; Altfranzösische Volkslieder, Lpz. 1831; Herbstzeitlosen, ebd. 1831; Die Irrwische des Tags, ebd. 1831; Johann Friedrich VI. von Sachsen-Weimar, ebd. 1831; Die schöne Literatur Europas in der neuesten Zeit, Lpz. 1832; Mirabeau u. Sophie (historischer Roman), Lpz. 1834, 2 Bde., 2. Aufl. ebd. 1836; Gedichte u. poetische Übersetzungen, ebd. 1834; Briefe, geschrieben auf einer Reise längs dem Niederrhein etc., ebd. 1836; Novellen, fremd u. eigen, Frankf. 1836; Abälard u. Heloise (ein Cyklus epischer Dichtungen), Bielef. 1838; Portraits u. Genrebilder, Kassel 1839, 3 Thle.; als Plinius der Jüngste: Naturgeschichte des deutschen Studenten, Lpz. 1842, 2. A. 1843; Die kleinen Leiden des menschlichen Lebens, ebd. 1842, 2. A. 1846; Die Reise ins Blaue, 1846; Eine andere Welt, 1847; Schriften, Gesammtausgabe, Jena 1841_–43, 14 Bändchen; Einhundert Bilder u. Lieder, ebd. 1840; Die Donau, ihre Anwohner etc., Lpz. 1843–44; Der Kampf der Franzosen in Algerien, ebd. 1845; Allgemeine Geschichte des Romans, Jena 1850; Geschichte der deutschen Poesie, Lpz. 1851; gab heraus Proben altholländischer Volkslieder, Greiz 1832; die Pfennig-Encyklopädie, Lpz. 1834–37, 4 Bde.; Encyklopädie der deutschen Nationalliteratur, ebd. 1834–40, 6 Bde.; Poetischer Hausschatz des deutschen Volkes, ebd. 1839, 21. Aufl. ebd. 1863; La France poetique od. Poetischer Hausschatz der Franzosen, 1843; Hausschatz deutscher Prosa, ebd. 1845, 7. A. 1853; Hausschatz englischer Poesie, ebd. 1846, 3. A. 1852; Märchenschatz, ebd. 1845–46, 2 Bde.; Handbuch deutscher Beredtsamkeit, ebd. 1846, 2 Thle.; Il Tesoretto, Hausschatz italienischer Poesie, Wien 1846; Hausschatz der Volkspoesie, Lpz. 1847, 3. A. ebd. 1850; Die deutschen Dichter der Gegenwart, ebd. 1847; Klassischer Hausschatz der Poesie des römischen u. griechischen Alterthums. Grimma 1851 f., 2 Bde; Eleutheria, Sammlung der Freiheitslieder aller Nationen, ebd. 1861; er war auch Mitherausgeber der Schnellpost für Moden, Lpz. 1832–1842, welche dann mit dem Hellermagazin vereinigt wurde. 7) Emil, geb. 1802 in Berlin, bildete sich auf der dortigen Akademie unter Schadow zum Bildhauer u. ging 1823 als königlicher Pensionär nach Italien u. lebt in Rom, geschätzt als ausgezeichneter Künstler; er fertigte mehre Statuen u. Gruppen, theils für Berlin, theils für England, eine Amazonengruppe, eine Victoria, welche einen Jüngling in den Waffen unterweist (für die Königsbrücke in Berlin), Statue des Prinzen Albert von Koburg-Gotha, Thetis mit den Waffen des Achilles, Amor als Überwinder der Niobe, eine Nereide, den Dreizack schwingend u.a.m.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 19. Altenburg 1865, S. 326-328.
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