Sachsen [1]

[652] Sachsen (lat. u. gr. Saxŏnes, bedeutet weder die Sassen d.i. die Ansässigen, im Gegensatz zu Sueven od. Franken, den angeblich Umherschweifenden, noch, von dem lat. saxum abgeleitet, die Steinernen, Felsenfesten, wegen ihrer Festigkeit im Kampfe, sondern kommt von dem altdeutschen sahs, d.i. ein Messer, Dolch, mit welcher Waffe bewehrt sie immer erschienen), ein germanischer Volksstamm in Niederdeutschland, werden zuerst von dem griech. Geographen Ptolemäos im 2. Jahrh. n. Chr. in dem westlichen Theile der Cimbrischen Halbinsel jenseit der Elbe (Trans- od. Nordalbingen) neben mehren andern Völkerschaften erwähnt u. besaßen damals schon die Insulae Saxonum, 3 kleine Inseln, zu denen die j. Dycksand u. Bietschovel, nach Anderen auch Helgoland gehörten. Nach der Sage wanderten sie im 3. od. 4. Jahrh. über die Elbe u. besetzten das Land zwischen Elbe u. Weser, wahrscheinlicher aber saßen dort schon vorher S. u. ihr Name wurde hier erst seit dem 3. Jahrh. bekannt, wo sich die Cherusker, Angrivarier u. der größte Theil der Chauken mit ihnen vereinigt hatten. Als sich nachmals die fränkischen Stämme vom Niederrhein nach Gallien wendeten, rückten S. nach dem Rheine zu vor, ja einzelne Abtheilungen gingen mit den Franken über den Rhein od. segelten als Seeräuber von der Nordsee her nach Gallien. Zuerst in der Geschichte erscheinen sie 286 n. Chr., wo sie auf einem solchen Zuge die Küste Galliens plünderten. Der Kaiser Maxentius schickte den Carausius gegen sie, dieser aber brauchte sie zur Eroberung Britanniens für sich. Den Römern wurden die S. im 4. Jahrh. nebst den Franken die gefürchtetste germanische Völkerschaft; unter Kaiser Julian machten sie Einfälle in das Römische Reich, wurden aber zurückgeworfen, u. als sie unter Valentinian wiederkehrten, wurden sie 373 bei Deutz von Severus geschlagen. Seitdem erscheinen auch S. in den römischen Heeren, wie denn S. 453 in den römischen Legionen bei Chalons gegen die Hunnen unter Attila fochten. Zu Anfang des 5. Jahrh. setzten sie sich in Armorica u. der gegenüberliegenden Küste Britanniens fest, welcher Strich daher Saxonĭcus limes (Saxonicum litus) hieß; die römischen Kaiser hatten dort fortwährende Kämpfe mit ihnen, bis die römische Herrschaft im Norden gebrochen wurde. Als die Römer Britannien verließen, gingen in der Mitte des 5. Jahrh. S. aus Transalbingen dahin, wo sie als Angelsachsen das Land behielten (s. Angelsachsen). Im Gegensatz zu ihnen heißen die festländischen S. in ihren früheren Sitzen auch Altsachsen (s.d.); mit der Zeit hatten sie ihr Gebiet ausgedehnt u. hatten zu Grenzen im Westen, wo sich die Brukterer u. Chamaven ihnen angeschlossen hatten, die Yssel u. den Rhein, im Süden die Sieg, Weser, Werra u. den Harz, im Osten die Elbe u. die untere Saale, im Norden die Nordsee u. das Friesenland, so daß sie zwischen Franken, Thüringern, Longobarden, Angeln, Slawen u. Friesen innesaßen. In ihren Sitten wichen sie von den übrigen Deutschen wenig ab; als ihr Nationalheros galt Saxnot, Sohn des Wodan, welchen sie nächst Wodan u. Thunar göttlich verehrt haben sollen; eines ihrer Idole war die Irmensäule (s.d.). Nach ihren Opfergebräuchen tödteten sie bei der Heimkehr den bei ihrem Auszug gelobten Theil der Kriegsgefangenen. Sie hatten Deutung des Vogelflugs u. andere Arten der Erforschung der Zukunft. Die Leichen wurden bei ihnen verbrannt. Das Sachsenland war in Gaue getheilt; das Volk zerfiel in Edelinge, Frilinge u. Liti (Lasse, Hörige); an der Spitze jedes Gaues stand ein Fürst; einen gemeinschaftlichen König hatten sie nicht, nur für den Krieg wurde aus den Edelingen ein gemeinschaftlicher Herzog gewählt. Alljährlich wurden aus jedem Gaue 12 freie Männer erkoren u. als Abgeordnete zu dem Landtage in Marklo, einem jetzt unbekannten Orte an der Weser, gesandt, um über Angelegenheiten des ganzen Volkes zu berathen u. nach der Vorschrift des Gesetzes Beschlüsse zu fassen (die jetzt bekannte Saxŏnum lex); auch für Kriegsfälle kamen sie zusammen u. feierten mit einander errungene Friedensschlüsse.

Als mit Valentinians Tode das noch übrige Ansehen des Römischen Reiches im Occident untergegangen war, bedienten sich die Aremoriker des Beistandes der S., um ihre wieder ergriffene Freiheit gegen die Römer zu behaupten; doch konnten sie sich gegen Avitus nicht behaupten, u. die S. mußten ihre Einfälle in Gallien eine Zeit lang einstellen.[652] In dem darauf erfolgenden Kampfe zwischen den S. u. den Römern erlitten die erstern eine große Niederlage. Dem Frankenkönig Theoderich I. u. seinen Söhnen u. Nachfolgern Theoderich II. u. Theodebald entrichtete der den Austrasiern benachbarte südwestliche Theil der S. einen jährlichen Tribut. Gegen Chlotar I. erlitten sie 553 an der Weser eine große Niederlage u. mußten jährlich 500 Kühe Tribut zahlen, verweigerten aber 566 die Abgaben, siegten in einer großen Schlacht u. plünderten 557 das Frankenreich bis Deutz. Auch mit Siegbert I. kämpften die S. vor dem Jahre 566, aber unglücklich, namentlich an der Borda in Friesland. Von dem Longobardenkönig Alboin um Hülfe ersucht, zogen die S. an der Bode u. unteren Saale mit ihm 568 zur Eroberung Italiens aus, u. in ihr Land schickten die Franken Colonien von Nordschwaben Aber die S. blieben nicht lange in Italien, da sie nicht nach longobardischem Rechte leben wollten, 20,000 derselben wendeten sich 572 nach Gallien, wurden aber von Mummulus zurückgewiesen u. kamen bei ihrer Rückkehr in ihre alte Heimath durch die neuen Colonisten um. Weiter nördlich an der Elbe siedelten sich im Sachsenlande auch Thüringer an. 625 (626) verweigerten sie dem König Dagobert I. von Austrasien den Tribut zu zahlen, waren in dem deshalb ausgebrochenen Kriege Anfan gs glücklich, wurden aber durch Chlo tar von Burgund in einer Schlacht an der Weser gefschlagen. Dennoch wurde der Tribut von 500 Kühen den S. von diesem König 631 gegen das Versprechen erlassen die fränische Grenze gegen die Einfälle der Slawen zu vertheidigen. Als die Macht der fränkischen Könige immer schwächer wurde, wurden die S. immer mächtiger u. gelangten wieder zum Besitz ihrer alten Unabhängigkeit; erst Karl Martell begann die siegreichen Kriege der Franken 719 wieder gegen sie u. machte sie zum Theil zinsbar. Als sich nach Karl Martells Tode 741 der Herzog Odilo von Baiern gegen seinen Sohn Pipin erhob, waren die S. seine Bundesgenossen, doch wurden sie besiegt u. mehre ließen sich taufen. Als Grippo, der Halbbruder Pipins, zu den S. floh, um Hülfe gegen diesen zu erhalten, bot Pipin 748 die Friesen u. Wenden gegen sie auf, drang bis an die Ocker u. 753 bis an die Weser vor u. nöthigte sie zu einem Tribut von 300 Pferden, mußte aber bereits 758 wieder gegen sie zu Felde ziehen. Im 8. Jahrh. erscheinen die S. in 3 Stämme getheilt: Westfalen gegen den Rhein, Ostfalen (Osterleute) gegen zwischen beiden Vorigen an den Ufern der Weser; eine vierte Abtheilung bildeten die Trans Ő od. Nordalbinger (Nordleute) in Holstein, welche in Diethmarsen, Holsaten u. Stormaren zerfielen. Der große Bekehrungskrieg Karls des Großen gegen die S. nahm, nachdem der britische Missionär Lebuin ihre Edlen vergebens auf ihrem Landtage zu Marklo für das Christenthum zu gewinnen gesucht hatte, durch den Beschluß auf der Kirchenversammlung zu Worms 772 seinen Anfang u. begann mit Eroberung der Eresburg an der Diemel u. Zerstörung der Irmensäule (s.d.); darauf stellten die S. Geißeln u. versprachen Christen zu werden. Während aber Karl in Italien war, fielen die S. unter Wittekind u. Albio wieder ab, eroberten die Eresburg wieder u. zogen verheerend bis Fritzlar. Nach seiner Rückkehr aus Italien drang Karl 775 nach Eroberung der Siegburg u. dem Siege bei Brunsberg über die Weser bis an die Ocker, worauf die S. nach einander, erst die Ostfalen unter Hassio, dann die Engern unter Bruno im Gau Bucki (bei Bückeburg) u. endlich die Westfalen, welche vorher bei Lübbeke den Franken eine Niederlage beigebracht hatten, ihm entgegengingen u. Geißeln gaben. 776 zerstörten die S. die Eresburg nochmals u. berennten die Siegburg. Karl eilte mit einem Heere herbei, u. die S. gelobten bei Lippspring Annahme des Christenthums u. Unterwerfung unter das Fränkische Reich. Auf dem Reichstage zu Paderborn 777 unterwarfen sich viele Edelinge u. ließen sich taufen, doch fielen 778, bei Karls Abwesenheit in Spanien, Viele auf Anreizung Wittekinds, welcher nach Dänemark geflohen u. nun von dem Dänenkönig mit Reitern unterstützt zurückgekehrt war, wieder ab u. verheerten die Rheingegend von Deutz bis an die Moselmündung, erlitten aber auf der Rückkehr beim Übersetzen über die Eder, in der Nähe von Battenberg, von den Franken u. Alemannen eine Niederlage. Karl zog 779 wieder ins Sachsenland, besiegte die Westfalen bei Bocholt u. empfing dann in seinem Lager zu Midusulti (Medosull) an der Weser den Eid der Treue von Ostfalen u. Engern, ließ auch 780 da, wo die Ohre in die Elbe mündet (beim j. Rogätz) viele, namentlich alle Bardengauer u. viele Nordleute taufen. Die S. galten nun für unterworfen, aber sie haßten das fränkische Wesen u. ergriffen jede Gelegenheit zur neuen Freiheit. Als 782 ein fränkisches Heer unter Geilo u. Adalgis gegen die in Thüringen eingefallenen Sorben zog, vernichtete Wittekind dasselbe an dem Süntelberge an der Weser, aber Karl erschien persönlich mit einem Heere in den Gauen Sturmi u. Wigmodien, rief die S. zusammen, ließ die Schuldigsten ausliefern u. 4500 bei Verden an der Aller enthaupten. Dies hatte den Abfall aller S. zu Folge, 783 bei Detmold (im Osning) behaupteten sie das Schlachtfeld, aber an der Hase unweit Bramsche erlagen sie, u. Karl drang über die Weser bis an die Aller u. 784 zugleich in Westfalen u. Ostfalen ein; endlich knüpfte Karl, welchem sich die Überzeugung aufgedrängt hatte, daß er mit seinen Gewaltmitteln nicht zum Ziele kommen würde, 785 vom Bardegau im Lüneburgischen aus, bis wohin er vorgedrungen war, mit Wittekind u. Albio, welche zu den Transalbingschen S. geflohen waren, Unterhandlungen an u. sicherte ihnen vor Allen den vollständigen Besitz ihrer Güter zu; sie kamen darauf nach Attigny, wo sie u. ihre Gefährten sich taufen ließen. Nun ward 788 das Sachsenland nach fränkischer Weise organisirt, indem den Gauen Grafen vorgesetzt wurden, u. christianisirt; zu den schon 780 in Paderborn u. 783 in Osnabrück gestifteten Bisthümern kamen noch die in Verden 786, Bremen 788, Münster 802 u. Minden 803; durch ein 788 aufgerichtetes Capitulare wurden Aufstand gegen den König u. die Grafen, Mord gegen Priester u. Gutsherrschaft, Mädchenraub, Beschädigung an heiligen Gebäuden, Verweigerung der Taufe, Menschenopfer, Bündniß mit Heiden gegen Christen, Begräbniß durch Verbrennen der Leichen, Fleischessen während der Fasten sämmtlich mit dem Tode bedroht, dagegen wurden in den Kirchen Asyle eröffnet u. Verfolgte waren hier bis zum nächsten Gerichtstag sicher. Diese Strenge brachte Furcht unter die S., aber an ihre Treue gegen die Franken war auch jetzt nicht zu denken. Obgleich sie als Hülfstruppen gegen die Baiern, Avaren, Wilzen u. Sorben in[653] dem fränkischen Heere fochten, machten sie 793 doch einen neuen Aufstand; als ein fränkisches Heer gegen die Friesen ziehen wollte, überfielen sie dasselbe im Gau Hriustri (Rustringen) an der Unterweser u. vernichteten dasselbe, worauf Zerstörung der Kirchen, Vertreibung der Geistlichen, Zurückkehr zu dem Heidenthum, Verbindung mit heidnischen Völkern ringsum erfolgte, doch unterwarfen sie sich 794, als der König mit einem Heere vom Osten her u. sein Sohn mit einem andern vom Rhein her in ihr Land eindrang, auf dem Sendfelde, nördlich von der Eresburg, von Neuem. Aber schon 795–799 mußten die Franken noch jährlich Züge gegen sie unternehmen, um namentlich Kriege der S. gegen ihre Freunde, die Obotriten, zu unterdrücken. Bei allen diesen Kriegszügen wurden viele S. mit Weib u. Kind fortgeführt, in die fränkischen Ländervertheilt u. ihr Land an fränkische Große verschenkt. Ein neues Capitulare von 797 vertauschte dazwischen die blutigen Strafbestimmungen mit Geldbußen u. setzte die S. den Franken fast gleich. Noch 805 führte Karl Transalbingische S. ins Frankenland, u. so endigte der langwierige Krieg mit Einverleibung der zum Christenthum gezwungenen S. unter die Franken. Nur der spätere Poeta Saxo (wahrscheinlich aus einem Mißverständniß) meldet dessen Beendigung 803 durch einen Vergleich zu Selz, einem Schlosse an der Fränkischen Saale, nach welchem die S. die Christliche Religion annehmen, keinen Tribut an die fränkischen Könige, nur den Zehnten an die Kirchen u. die Geistlichkeit entrichten, übrigens frei sein, nach ihren Gesetzen unter den Grafen u. königlichen Abgeordneten leben u. mit den Franken ein Volk ausmachen sollten. Unter Karl dem Großen geschah auch die Aufzeichnung der sächsischen Volksrechte in der Lex Saxonum. Unter Ludwig dem Frommen kehrten viele S. in ihre Heimath zurück u. erhielten ihre Güter wieder. Seit 830 gehörte das Sachsenland zu dem Gebiet, welches Ludwig der Deutsche erhielt. Als Lothar I. sich 841 gegen seinen Bruder Ludwig den Deutschen erhob, suchte er auch die S. in sein Interesse zu ziehen, u. auf das erhaltene Versprechen der Rückkehr zum Heidenthum standen viele, die Stellinge genannt, für ihn auf, wurden aber dann von ihm verlassen u. von Ludwig unterworfen.

Die S. hatten im 8., 9. u. 10. Jahrh. sehr viel von den Einfällen der Normannen, den Raubzügen der Slawen zu leiden. Da diese Einfälle mehr Einheit der Landesregierung nöthig machten, setzte König Ludwig um 850 den Grafen Ludolf, Gemahl der Oda, Tochter des fränkischen Fürsten Billung, zum Herzog ein, u. so wurde das alte nationale Herzogthum Sachsen gegründet. Nach Ludolfs Tode 866 erhielt sein ältester Sohn, Bruno, die Herzogsfahne; er soll Braunschweig gegründet haben u. fiel mit einem Theile des Heeres in der großen Schlacht gegen die Normannen den 2. Februar 880, muthmaßlich in der Gegend von Hamburg (nach der Sage bei Ebsdorf). Nach ihm wurde sein jüngerer Bruder, Otto der Erlauchte, vom König Ludwig dem Jüngern mit dem Herzogthum beliehen. Er kämpfte gegen die Slawen, bes. die Daleminzen, erhielt 908 nach dem Tode des Herzogs Burkard von Thüringen auch dieses Herzogthum, führte mit dem Erzbischof Hatto von Mainz die Regentschaft für Ludwig das Kind u. st. 912. Sein Sohn Heinrich I. der Vogler folgte ihm. Dieser mußte Anfangs die Kräfte S-s im Bürgerkriege gegen die Franken unter König Konrad I., welcher ihn weder in Thüringen, noch in S. bestätigen wollte, erschöpfen; 919 wurde er selbst zum Deutschen König gewählt u. behielt das Herzogthum S. bei; er gründete die Pfalzgrafschaft S. (s.d.), traf gute Vertheidigungsanstalten, indem er viele Orte befestigte, die Slawen bändigte u. die Einfälle der Normannen hemmte. Er st. 936. Sein Sohn Otto I. der Große, welcher ihm auch als Deutscher König folgte, gab dem tapfern, weisen u. gerechten Hermann Billung das Herzogthum S. nebst den östlichen Markgrafschaften gegen die Slawen, wie Meißen, Ostsachsen in den Lausitzen, Nordsachsenin der Altmark, dem Anhaltschen u. dem Havellande, auch Schleswig gegen die Dänen. Einen hartnäckigen Feind hatte er an den Slawen, welche sein Neffe Wichmann, der von ihm vertriebene Empörer, 955 in das Sachsenland führte; er überwand 967 den Wagrierfürsten Selibur, Wichmanns Bundesgenossen, 972 die Redarier u. st. 973. Sein Sohn u. Nachfolger Bernhard I. (Benno) hatte bes. die Dänen zu bekämpfen u. zog 984 gegen Heinrich den Zänker, Herzog von Baiern, welcher sich zum Gegenkönig aufgeworfen hatte; bei der Anwesenheit des Kaisers Otto III. in Quedlinburg 985 übte er schon das Erzmarschallamt; er st. 988. Sein Sohn Bernhard II., verlor 994 das Schiffstreffen bei Stade gegen die Normannen; überwand jedoch die empörten Slawen u. st. 1011. Da sein Sohn Bernhard III. die Slawen mit hohem Zins belastete, erhoben sie sich u. kehrten zum Heidenthum zurück. 1018 empörte er sich gegen Kaiser Heinrich II., unterwarf sich aber u. wurde begnadigt; er st. 1059 u. hatte seinen Sohn Ordulf zum Nachfolger; dieser führte einen glücklichen Krieg mit dem Erzbischof Adelbert von Bremen, weil er dessen wachsende Macht fürchtete, u. gewann einen Theil seiner Güter, kämpfte gegen die Slawen u. st. 1071. Sein Sohn Magnus erhielt vom Kaiser Heinrich IV. die Belehnung nicht, weil er schon früher ein Anhänger Ottos von Baiern gegen Heinrich IV. gewesen war u. jenen auch in der Acht geschützt hatte. Heinrich IV. hatte Versuche gemacht, die von ihm gehaßten Sachsen zu knechten; schon 1067 hatten sie sich gegen ihn erhoben, noch gefährlicher aber wurde der Aufstand 1073, wo Graf Otto von Nordheim u. Magnus an ihrer Spitze standen; doch wurden die Führer 1075 bei Spira gefangen u. erst 1076 freigegeben. 1078 begann der Krieg des Kaisers gegen die S. von Neuem, da dieselben seinem Gegenkaiser Rudolf von Schwaben anhingen, u. dauerte bis 1080, worauf Magnus sich mit Heinrich aussöhnte; er st. 1106, u. mit ihm endigte der Billungsche Mannsstamm.

Nach den Billungen folgte Lothar Graf von Supplinburgim Herzogthum S. Er wirkte wohlthätig für S-s Sicherheit 1110 durch Bezwingung der Slawen. Da er dem von ihm gefangen gehaltenen Grafen Friedrich von Stade die Freiheit nicht gab, erklärte ihn ein vom Kaiser Heinrich V. berufenes Fürstengericht zu Goßlar 1112 seines Herzogthums für verlustig, welches nun Otto von Ballenstädt erhielt, indeß wurde Lothar bald wieder eingesetzt. 1113 erwarb er durch die Vermählung mit Richenza, der Enkelin Ottos von Nordheim, die nordheimschen u. braunschweigschen Güter (letztere, von Otto's d. Gr. Neffen Bruno herstammend, hatte [654] Otto von Nordheim mit Gertrud erheirathet). Seine Theilnahme an dem Weimarischen Erbfolgekrieg, wo er auf die Seite des Pfalzgrafen Siegfried trat, zog 1115 S. Krieg mit dem Kaiser zu. Nach Heinrichs V. Tode wurde Lothar 1125 zum Kaiser gewählt u. trat 1127 das Herzogthum S. seinem Schwiegersohn, dem Herzog Heinrich dem Stolzen von Baiern, ab, dessen Vater Heinrich der Stolze mit Wulfhild, Tochter des Billun ger Magnus, die Billungschen Güter in S. (im Lüneburgschen) erheirathet hatte, welche nun Heinrich der Stolze mit geerbt hatte. Unter Heinrich wurde in der Grafschaft Holstein die Linie Schauenburg gegründet u. in Meißen erhielten die Wettiner die Markgrafschaft, ebenso wurde 1130 Thüringen eine besondere Landgrafschaft u. 1134 kam die Nordmark an die Askanier. Nach Lothars Tode (1137) wurde Heinrich der Stolze 1138 vom Kaiser Konrad III. geächtet u. der Herzogthümer S. u. Baiern entsetzt u. S. dem Markgrafen Albrechtd em Bären von der Altmark (Brandenburg) gegeben, welcher die Billungsche Erbschaft beansprucht hatte, da seine Mutter ebenfalls aus dem Stamme der Billungen war. Heinrich, seinem Bruder Welf die Vertheidigung Baierns überlassend, wandte sich nach S. u. vertrieb den Markgrafen Albrecht, aber Kaiser Konrad III. zog dem Markgrafen zu Hülfe u. der Herzog ihm in Thüringen bis Kreuzburg 1139 en tgegen, ward jedoch durch einen Waffenstillstand hingehalten u. st. 1139 zu Quedlinburg. Die Kaiserin Richenza, Wittwe Lothars, u. nachmals ihre Tochter Gertrud, Wittwe Heinrichs des Stolzen, welche bei den sächsischen Ständen in großem Ansehen standen, brachten es dahin, daß der einzige Sohn Heinrichs des Stolzen, der damals zehnjährige Heinrich der Löwe (s.d. 157), die Billungschen Erbgüter u. 1142 für seine Einwilligung in die Abtretung Baierns vom Kaiser das Herzogthum S. erhielt. Um auch Albrecht den Bären zu entschädigen, wurde derselbe mit der Altmark u. einem Theil der Ostmark, vormals von dem Herzog von S. abhängig, als selbständiger Markgrafschaft Brandenburg vom Reich belehnt. Heinrich vergrößerte seine Macht, unterwarf 1142 die Grafschaft Stade u. züchtigte 1147 die Wenden. Das mehrmals wieder beanspruchte Herzogthum Baiern erhielt er 1156 vom Kaiser Friedrich I. zurück (s.u. Baiern, S. 192). Ganz S. u. Westfalen nebst Engern u. das Herzogthum Baiern folgten nun seinem Heerbann; er bezwang alle slawischen Völker von der Eider bis an die Peene, nebst einem Theile von Rügen, er rottete die Slawen theils aus u. brachte andere Einwohner aus den Niederlanden an ihre Stelle, theils gab er die Lande den Rittern, welche ihm im Kriege gedient hatten; verlegte das Bisthum Mecklenburg nach Schwerin, wo er den ersten Grafen einsetzte; erzwang 1158 Lübeck von dem Grafen Adolf von Holstein, machte es zur Handels stadt u. verlegte 1163 das Bisthum von Oldenburg hierher; er besiegte 1161 den Wendenfürsten Niklot u. dessen Söhne Primislaw u. Werlislaw wiederholt bis 1160. Er erweiterte dadurch sein Reich an der Ostsee bis an die Oder. Während dieser Kämpfe mit den Slawen suchte Heinrich auch Obermacht über die Geistlichen in seinen Herzogthümern, namentlich das Investiturrecht, zu erhalten; in Folge davon verbanden sich 1164 die Erzbischöfe zu Köln, Magdeburg u. Bremen, so wie die Bischöfe zu Hildesheim u. Halberstadt, gegen ihn, welchem Bunde 1166 auch mehre weltliche Fürsten, wie die von Brandenburg, Thüringen u. Oldenburg, beitraten. Heinrich wendete sich gleich von den Slawen gegen diesen Bund, eroberte Bremen, stürmte Oldenburg u. erhielt auf dem Reichstag zu Bamberg 1168 einen für ihn günstigen Ausspruch des Kaisers, welcher den Krieg endigte. Von Heinrichs Kindern von Clementina von Zähringen war nur die an den Hohenstaufen Friedrich von Rothenburg verheirathete Tochter Gertrud übrig, durch welche Heinrichs Güter an die Hohenstaufen gekommen wären, aber er trennte sich später wegen angeblicher Gewissensscrupel von dieser u. heirathete Mathilde von England, welche ihm 1173 einen Sohn, Heinrich, gebar. Schon dadurch wurde Kaiser Friedrich I. als ein Hohenstaufe verstimmt gegen Heinrich, noch mehr als Heinrich wegen verweigerten Lehns von Goslar den Kaiser auf seinem Zuge nach Italien 1175 verließ, wodurch er Schuld an der Niederlage des Kaisers bei Legnano wurde. Er ward nach des Kaisers Rückkehr nach Deutschland zur Verantwortung auf mehre Reichstage geladen, u. als er nicht erschien, 1180 in die Reichsacht u. aller seiner Lehen verlustig erklärt u. das Herzogthum S. aufgelöst; Bernhard von Askanien erhielt den Namen u. die Würde als Herzog von S. (s. Sachsen Gesch. unten), der Erzbischof von Köln erhielt Engern u. Westfalen als Herzogthum Westfalen, der Landgraf von Thüringen die sächsische Pfalzgrafschaft u. die übrigen geistlichen u. weltlichen Fürsten einzelne Parzellen, die Fürsten von Pommern wurden 1181 zu Herzögen erhoben u. dadurch in unmittelbare Verbindung mit dem Reich gebracht; die Handelsstadt Lübeck wurde 1182 zur Reichsstadt erklärt; wogegen Heinrich nur seine sächsischen Erbgüter (Ostfalen u. einen Theil von Engern) behielt, woraus 1235 das Herzogthum Braunschweig (s.d.) gebildet wurde.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 14. Altenburg 1862, S. 652-655.
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