Scipio

[142] Scipio ist der Name einer hochberühmten röm. Familie Am ausgezeichnetsten ist Publius Cornelius S. mit dem Beinamen Africanus, und zum Unterschiede von den nachher zu erwähnenden der Erste oder Ältere genannt, als Besieger des Hannibal. Schon sein Vater hatte sich im Kampfe gegen die Karthager ausgezeichnet, obschon er nicht vom Glücke begleitet war. Unter diesem vollbrachte der junge S. seine ersten Waffenthaten. Nach der Schlacht bei Cannä, 216 v. Chr., sammelte sich die versprengte röm. Reiterei zu Canusium und ernannte den kaum 18jährigen Jüngling zu ihrem Anführer. Wenige Jahre später wurde er Ädilis Curulis, obgleich er noch nicht das gesetzliche Alter erreicht hatte, und darauf Proconsul in Spanien, wo er mit Glück gegen die Karthager und die mit ihnen verbundenen span. Völkerschaften kämpfte. Wie durch Tapferkeit und Feldherrnklugheit zeichnete er sich auch durch Edelmuth und Seelengröße aus. Es wird erzählt, daß ihm die Braut eines span. Fürsten Allucius als Gefangene gebracht worden sei, welche durch ihre Schönheit den Wunsch, sie zu besitzen, [142] in ihm erregt hätte. Als er jedoch in Erfahrung brachte, daß sie bereits mit einem Andern verlobt sei, ließ er sie nicht allein frei, sondern gab ihr überdies das ansehnliche Lösegeld, welches ihm als Geschenk übergeben wurde, zur Mitgift. Durch solche Beweise der Großmuth führte er die Spanier auf die Seite der Römer, und auch die Numidier wurden durch seinen Edelmuth zu einem günstigen Bündnisse mit den Römern bewogen. Als ihm die Spanier den Titel eines Königs antrugen, schlug er denselben aus. Er besiegte den Hasdrubal, den Bruder des Hannibal, dann den Mago und Hanno, zwei andere pun. Feldherren. Als er nachher in eine heftige Krankheit verfiel, gingen die Angelegenheiten der Römer in Spanien schnell rückwärts, doch wußte S. nach wiedererlangter Gesundheit binnen Kurzem die Obermacht derselben wiederherzustellen. Nachdem er die Karthager gänzlich aus Spanien verdrängt und dieses Land zum größten Theile den Römern unterworfen hatte, triumphirte S. zu Rom. Er schlug nun vor, die Karthager in ihrem eignen Lande aufzusuchen und dadurch sie wenigstens zu zwingen, Italien zu verlassen, wo nicht sie ganz den Römern zu unterwerfen. Der Senat übergab ihm ein ansehnliches Heer und eine Flotte, und S. ging zunächst nach Sicilien und ließ von hier aus zuerst durch einen seiner Unterfeldherren einen Streifzug nach Afrika unternehmen. Nachdem dieser geglückt war, ging S. selbst mit dem ganzen Heere nach Afrika. Hier schloß sich ihm Masinissa, der König von Numidien, an, während Syphax, König von Masäsylien, den Karthagern, welche weder ein Heer noch einen Feldherrn, wie sie beide, besaßen, mit 60,000 M. zu Hülfe kam. Anfangs waren die Karthager glücklich, drängten die Römer zurück und verschmähten des S. Friedensvorschläge. Im nächsten Frühjahre aber brachte S. dem Syphax und ebenso dem Karthager Hasdrubal eine entschiedene Niederlage bei. Ein neues Heer der Feinde hatte dasselbe Schicksal und die Karthager mußten zunächst einen Waffenstillstand eingehen. Indessen war Hannibal mit dem Reste seines Heeres aus Italien nach Afrika zurückgekehrt, um der bedrohten Vaterstadt beizustehen. Er foderte den S. zu einer Unterredung auf und im Angesicht ihrer beiden Heere trafen sich die beiden größten Feldherren jener Zeit bei Zama, 202 v. Chr. Die Unterhandlungen waren vergebens, obschon Hannibal sich im Namen Karthagos zur Abtretung aller auswärtigen Besitzungen erbot. S. verlangte mehr, die Schlacht bei Zama wurde geliefert, der unbesiegte Hannibal aufs Haupt geschlagen, und Karthago unter den härtesten Bedingungen der Friede vorgeschrieben. S. kehrte nach Italien zurück, hielt den glänzendsten Triumphzug, den Rom jemals gesehen hatte, und erhielt den Beinamen Africanus. Später kämpfte er noch in dem Heere seines Bruders gegen Antiochus, König von Syrien, mußte aber wegen Krankheit das Heer verlassen. Er sollte noch die Wankelmüthigkeit der Volksgunst erfahren. Cato, mit dem Beinamen Censorius, der eifrige Feind aller Scipionen, bewirkte, daß S. vor Gericht gefodert wurde, um öffentlich Rechenschaft über gewisse ihm anvertraute Gelder abzulegen. S. erschien, zeigte die Rechnungsbücher, zerriß sie aber und rief: »An diesem Tage habe ich Karthago besiegt. Auf in das Capitol, um den Göttern zu danken!« Alles folgte ihm und Niemand dachte daran, einen solchen Mann wegen einer Geldsumme zur Rechenschaft zu ziehen. Aus Verdruß über die Undankbarkeit Roms zog sich aber der immer wieder beunruhigte S. endlich auf sein Landgut bei Linternum zurück, und erlangte hier endlich nach einer glänzenden Vertheidigung durch den Tribun Tiberius Gracchus Ruhe. Er starb bald nachher in einem Jahre mit Hannibal, 183 v. Chr., auf seinem Landgute und befahl seiner Gemahlin, ihn hier zu beerdigen, damit das undankbare Rom nicht einmal seine Gebeine mehr haben solle. Die Achtung und Verehrung, welche ihm bei Lebzeiten und nach seinem Tode von dem Volke, trotz den erwähnten Äußerungen einer kleinlichen Gesinnung, gezollt wurde, ersieht man daraus, daß ihn bald die Sage über alle gewöhnlichen Menschen erhob, ihm einen heimlichen Umgang mit den Göttern nachsagte und ihn sogar für einen Sproß des Jupiter selbst ausgab, ja eine Menge wunderbarer Zeichen anführte, welche diese erhabene Abkunft schon an dem Kinde in der Wiege und später im Leben des großen Feldherrn bezeugt haben sollten.

Ein gleichfalls durch alle Tugenden des Menschen und Bürgers, sowie durch Tapferkeit und Feldherrntalent ausgezeichneter Mann war Publius Ämilianus Scipio Africanus II. oder der Jüngere. Derselbe war ein Sohn des Paulus Ämilius, eines röm. Feldherrn, welcher den Perseus, König von Macedonien, besiegte, und wurde von dem Sohne des vorerwähnten S. adoptirt. Wie dieser vollbrachte er seine ersten Waffenthaten in Spanien, wohin er sich 152 v. Chr. mit dem Consul Lucius Licinius Lucullus als Volkstribun begeben hatte. Ein riesiger Spanier foderte höhnend die Römer zum Kampfe heraus, S. bestand den Kampf und besiegte ihn. Durch diese und andere Thaten erwarb er sich hohen Ruhm und überdies durch seinen Edelmuth und seine Leutseligkeit allgemeine Liebe. Dies erweckte die Eifersucht des Lucullus und dieser schickte ihn mit dem Auftrage, Elefanten von Masinissa aus Afrika zu holen, fort. Er entledigte sich seines Auftrags mit dem besten Erfolge. Der Ausbruch des dritten punischen Krieges führte ihn 149 v. Chr. nach Afrika zurück. Er begleitete das Heer des Consuls M. Manlius Nepos und zeichnete sich bei mehren Gelegenheiten durch Besonnenheit und Tapferkeit auf das vortheilhafteste aus. Die Folge war, daß er selbst im nächstfolgenden Jahre zum Consul erwählt und ihm die Kriegsführung in Afrika übergeben wurde. Er belagerte nun Karthago, fand aber den muthigsten Widerstand, sodaß er seinen Zweck in diesem Jahre nicht erreichte. Nachdem er aber im nächsten Jahre das Heer der Karthager in einem glänzenden Siege vernichtet hatte, griff er die Stadt abermals an und eroberte sie endlich, 146 v. Chr., mit Sturm. Auf ausdrücklichen Befehl des Senats wurde die alte Nebenbuhlerin Roms, nach diesem die mächtigste Stadt der Welt in damaliger Zeit, zerstört. S. selbst brach beim Anblick so tief gefallener Größe in Thränen aus. Triumphirend kehrte S. nach Rom zurück und erhielt den Beinamen des zweiten Africanus. Er ging nachher als röm. Gesandter nach Ägypten und wurde, zurückgekehrt 142 v. Chr., Censor, als welcher er eifrig bemüht war, zum Wohle der Republik, der einreißenden Sittenverderbniß sich entgegenzustellen und altväterliche Einfachheit wiederherzustellen. Nachdem er 134 v. Chr. abermals Consul geworden war, ging er nach Spanien, um den Krieg gegen Numantia, das lange Widerstand geleistet hatte, wo möglich zu beenden. Er stellte die Mannszucht [143] in dem entarteten Heere her, belagerte die Stadt und eroberte sie im folgenden Jahre. Ein abermaliger Triumph und der Beiname Numantinus war der Lohn dieses Sieges. Wie sein glorreicher Vorgänger Sc. Africanus I. mußte auch er gegen das Ende seines Lebens die Wankelmüthigkeit der Volksgunst erfahren. Er setzte sich dem von den Gracchen (s.d.) eifrig vertheidigten Ackergesetze muthvoll entgegen und zog sich endlich aus Verdruß auf ein Landgut in der Nähe von Neapel zurück. Nachdem er später nach Rom zurückgekehrt war, hatte man ihn in Verdacht, daß er nach der Dictatur strebe, und 129 v. Chr. fand man ihn eines Morgens todt in seinem Bette. Der Leichnam zeigte die Spuren der Erdrosselung, und auf seine eigne Gemahlin Sempronia, eine Schwester der Gracchen, fiel der schmachvolle Verdacht, Antheil an dem Unternehmen gegen sein Leben genommen zu haben.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 4. Leipzig 1841., S. 142-144.
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