Parallelismus, psychophysischer

[72] Parallelismus, psychophysischer, ist dasjenige Verhältnis von Seele (s. d.) und Leib, das nicht in einer Wechselwirkung (s. d.), sondern in einem bloßen einander »Parallelgehen« beider Arten von Processen, der psychischen und der physischen, besteht. Jedem psychischen Vorgang im Organismus (bezw. in allen Dingen) entspricht, ist zugeordnet (coordiniert) bezw. ist begrifflich zuzuordnen ein physisches Correlat, und umgekehrt (scil. überall da, wo die Coordination einen Sinn hat). Diese Coordination ist empirische Tatsache. Erklärt man die Theorie des psychophysischen Parallelismus als bloßen Ausdruck dieser Tatsache, ohne metaphysisch damit das letzte Wort zu sagen, so ist das ein empirischer (phänomenaler) oder ein bloß regulativer »Parallelismus« (P. als »Arbeitsprincip«). Gefordert wird er: 1) durch das »Postulat der Geschlossenheit der Causalität,« insbesondere der Naturcausalität, wonach der Zusammenhang in einer Reihenordnung des Geschehens constant, ohne Durchbrechung der Reihe, aufzusuchen, zu postulieren ist, um dem Identitätsprincip und der consequenten Anwendung des Satzes vom Grunde auf den bestimmten Inhalt der Erfahrung (der äußeren: physikalische, der inneren: psychische Causalität) treu zu bleiben und Einheit, Gesetzmäßigkeit der Erkenntnisinhalte zu gewinnen. 2) durch den Umstand, daß das »Physische« (s. d.), der Inbegriff des »Objectiven« (s. d.) als solchen nicht eine absolut selbständige, sondern nur eine relative Realität hat, nämlich die der Beziehung des »An-sich« der Wirklichkeit auf das erkennende Subject. Das Physische als eine Form und ein [72] Product der denkenden Verarbeitung der Realität, ist durch das Psychische, durch das, Bewußtsein schon bedingt und kann daher nicht auf dasselbe »wirken«. Es kann nur je einem Teilinhalte der einen (psychologischen) ein Teilinhalt der anderen (physikalischen) Betrachtungsweise »coordiniert« werden, um die Einheit und Ganzheit der Gesamterfahrung zu bewahren, bezw. herzustellen. Das »An-sich« der Objecte, die »transcendenten Factoren« (s. d.) wirken auf das Ich, dieses auf jene, aber zwischen dem Psychischen und dem Physischen kann nur ein »Parallelismus« bestehen. – Vom empirischen (phänomenalen) ist der metaphysische Parallelismus zu unterscheiden. Dieser ist entweder dualistisch (s. d.) oder monistisch. im ersten Fall nimmt er zwei selbständige Wesenheiten an, deren Bestimmtheiten einander parallel gehen, im zweiten aber nur eine Wesenheit mit zwei Attributen oder Erscheinungsweisen, die einander wechselseitig entsprechen, weil sie Darstellungen, Daseinsweisen einer Wirklichkeit sind. Endlich gibt es einen partialen und einen universalen Parallelismus. letzterer nimmt zu jedem psychischen Vorgang einen physischen Parallelvorgang an und umgekehrt (Panpsychismus, s. d.). Semiparallelismus kann jener Pseudoparallelismus (eigentl. psychophysischer Materialismus, s. d.) genannt werden, nach welchem das Psychische keine Causalität hat, sondern nur dem (es bewirkenden) physischen Geschehen parallel geht (als Begleiterscheinung).

Ein dualistischer Parallelismus findet sich zuerst bei den Occasionalisten (s. d.). So bemerkt MALEBRANCHE: »Toute l'alliance de l'esprit et du corps, qui nous est connue, consiste dans une correspondance naturelle et mutuelle des pensées de l'âme avec les traces du cerveau, et des émotions de l'âme avec les mouvements des esprits animaux« (Rech. II, 5). Ähnlich später BONNET (Ess. de Psychol., Préf.), HARTLEY (s. Association), CHR. WOLF (Vern. Ged. I, § 812), SCHILLER: »Die Tätigkeiten des Körpers entsprechen den Tätigkeiten des Geistes« (Üb. d. Zusammenh. d. tier. Nat. d. Mensch. mit sein. geist. §12) u. a. LEIBNIZ lehrt in seiner Hypothese von der prästabilierten Harmonie (s. d.) einen Parallelismus zwischen Seele und Leib, die ihm als zwei Wesenheiten gelten. – SPINOZA hingegen begründet den Standpunkt der Identitätsphilosophie (s. d.), einen (halb-)monistischen Parallelismus, wonach ein und dasselbe Wesen zwei Attribute hat, die einander coordiniert sind, ohne aufeinander einzuwirken. jede Reihe ist in sich geschlossen. »Cuiuscunque attributi modi Deum quatenus tantum sub illo attributo, cuius mundi sunt, et non quatenus sub ullo alio consideratus, pro causa habent« (Eth. II, prop. VI). »Sic etiam modus extensionis et idea illius modi una eademque est res sed duobus modis expressa« (l. c. schol.). »Nec corpus mentem ad cogitandum, nec mens corpus ad motum, neque ad quietem, nec ad aliquid (si quis est) aliud determinare potest.« – »Omnes cogitandi modi Deum, quatenus res est cogitans et non quatenus alio attributo explicatur, pro causa habent. Id ergo, quod mentem ad cogitandum determinat, modus cogitandi est et non extensionis, hoc est non est corpus: quod erat primum. Corporis deinde motus et quies ab alio oriri debet corpore, quod etiam ad motum vel quietem determinatum fuit ab alio, et absolute, quicquid in corpore oritur, id a Deo oriri debuit, quatenus aliquo extensionis modo et non quatenus aliquo cogitandi modo affectus consideratur, hoc est, a mente, quae modus cogitandi est, oriri non potest« (Eth. III, prop. II u. dem.). Seele und Leib sind Daseinsweisen eines Wesens. »Unde fit, ut ordo sive rerum concatenatio una sit, sive natura sub hoc sive sub illo attributo concipiatur, consequenter ut ordo actionum[73] et passionum corporis nostri simul sit natura cum ordine actionum et passionum mentis« (l. c. schol.) – DESTUTT DE TRACY erklärt: »Ces phénomènes intellectuels ne sont qu'une série de faits ou d'apparences, correspondante et pour ainsi dire parallèle à la série des actes mécaniques« (Elem. d'idéol. V, p. 527). Ähnlich lehrt M. DE BIRAN (Oeuvr. I, p. 33, 39. III, p. 403).

Durch KANTS Idealismus (s. Identitätsphilosophie) beeinflußt, nähert sich der Parallelismus vielfach der monistisch-idealistischen Form, indem die zwei »Attribute« Spinozas zu phänomenalen Daseinsweisen, Erscheinungsformen u. dgl. werden. SCHELLING betont: »Ein Causalverhältnis zwischen einer freien Tätigkeit der Intelligenz und einer Bewegung ihres Organismus ist so wenig denkbar als das umgekehrte Verhältnis, da beide gar nicht wirklich, sondern nur ideell entgegengesetzt sind. Es bleibt also nichts übrig, als zwischen der Intelligenz, insofern sie frei tätig und insofern sie bewußtlos anschauend ist, eine Harmonie zu setzen« (Syst. d. tr. Ideal. S. 268, s. Identitätsphilosophie). ESCHENMAYER bemerkt: »Es ist des Versuches wert, zwischen der geistigen und leiblichen Reihe der Functionen einen Parallelismus zu ziehen und die Proportionen des einen wieder im andern aufzusuchen« (Psychol. S. 6). STEFFENS verlangt die consequente Durchführung des Parallelismus. »Eben der Parallelismus, streng aufgefaßt, schließt eine jede faselnde Verwechselung des Physischen mit dem Psychischen aus.« Es muß »eine jede psychische Erscheinung aus der Totalität des psychischen Zustandes erklärt werden« (Üb. d. wiss. Behandl. d. Psychol. S. 211. Vg1. CARUS, Vorl. üb. Psychol.). Von einem »Parallelismus« zwischen Seele und Leib spricht HILLEBRAND (Philos. d. Geist. I, 11). – SCHOPENHAUER erklärt: »Der Willensact und die Action des Leibes sind nicht zwei objectiv erkannte, verschiedene Zustände, die das Band der Causalität verknüpft, stehen nicht im Verhältnis von Ursache und Wirkung, sondern sie sind eines und dasselbe, nur auf zwei gänzlich verschiedene Weisen gegeben« (W. a. W. u. V. I. Bd., § 18).

In die neuere Psychologie führt den Parallelismus-Standpunkt FECHNER ein. Es besteht ein »Parallelismus des Geistigen und Körperlichen« (Zend.-Av. II, 141). Physisches und Psychisches entsprechen einander ab das Außen- und Innensein eines und desselben Wesens, das sich selbst in verschiedener Weise erscheint (l. c. S. 141 ff.. Üb. d. Seelenfr. S. 210). Es besteht ein universaler Parallelismus (s. Identitätsphilosophie). Einen real-monistischen Parallelismus lehren in verschiedener Weise A. LANGE, PAULSEN (Einl. in d. Philos.2, S. 59 ff., 87 ff., 95 f., 115. Zeitschr. f. Philos. Bd. 115), HERING, HAECKEL, TAINE, TRESCHOW, SIBBERN u. a. Ferner H. SPENCER (Psychol. § 179), A. BAIN (Geist u. Körp. C. 7, S. 241. Log. II, p. 276 f.. Mind VIII, 402 ff.), HUXLEY (Man's Place in Nature 1864), P. CARUS (The Soul of Man 1891), LEWES (Probl. III, 19 ff.), CLIFFORD (Seeing and Think. 1879. Von d. Nat. d. Dinge an sich S. 36 ff., 40), GROT (Arch. f. syst. Philos. IV, 1898), HÖFFDING (Psychol.2, C. 2. Philos. Probl. S. 26 ff., 29 f.: Parallelismus als »empirische Formel«, »Arbeitshypothese«), nach welchem zur Parallelismuslehre das Gesetz der Erhaltung der Energie mit dem Gesetze der Beharrung führt, RIEHL. Nach ihm fordert das Gesetz der Erhaltung der Energie die Lückenlosigkeit des physischen Geschehens (Philos. Krit. II2, 178). Jeder Bewußtseinsmodification entspricht ein bestimmter materieller Vorgang, aber nicht immer umgekehrt (l. c. S. 196). »Wenn wir... sagen, daß den Empfindungen Bewegungen entsprechen, so ist dies so zu verstehen, daß ihnen Vorgänge entsprechen, welche[74] den äußeren Sinnen, Tastsinn und Gesicht, als Bewegungen erscheinen und in der Vorstellungsweise dieser Sinne als Bewegungen gedacht werden müssen. Auch die Bewegung fällt noch in die Erscheinungswelt hinein« (l. c. S. 37). »Aus dem Energieprincipe folgt, daß der Verlauf der Vorgänge in der äußeren Natur ein in sich geschlossener ist. Jede physische Wirkung ist nach diesem Principe durch ihre physische Ursache völlig bestimmt, jede physische Ursache erschöpft sich durch ihre physische Wirkung... In diesen geschlossenen Naturverlauf nun kann eine nicht-physische Ursache nicht eingreifen, denn sie hätte nichts mehr zu bewirken... Psychische Functionen also können in diesen Proceß weder als Ursachen noch als Wirkungen eingeschaltet sein« (Zur Einf. in d. Philos. S. 156 ff.). »Nicht irgend einer einzelnen Energieform also entspricht das Bewußtsein. sein objectives Gegenstück ist eine Structur, der Bau des Nervensystemes, genauer die durch diese Structur ermöglichte, durch sie geleitete Zusammenordnung von Energien« (l. c. S. 159). Der Ausdruck »psychophysischer Parallelismus« soll »nur als methodische Regel verstanden werden, die uns anweist, die psychologische Analyse der Bewußtseinserscheinungen als solcher mit der physiologischen ihrer körperlichen Begleiterscheinungen zu verbinden und so zu einer beiderseitigen Betrachtung derselben zu gelangen« (l. c. S. 159 f.). Der Parallelismus ist kein universaler (l. c. S. 161). JODL bemerkt: »Was... in der inneren Wahrnehmung als Vorstellung, Gefühl, Gedanke von bestimmtem Gehalt und bestimmter Färbung auftritt, das würde uns, wenn wir uns in demselben Moment zugleich als organischen Körper und in unserer physischen Structur vollkommen durchsichtig vor Augen haben könnten, als eine Coordination molarer und molecularer Bewegungen der Centralteile in Nervenzellen und Nervenfasern entgegentreten und umgekehrt« (Lehrb. d. Psychol. C. 2, § 24). ADICKES betont: »Psychisches läßt sich nie aus Physischem ableiten« (Kant contra Haeckel S. 66 ff.). Für den Parallelismus sind auch KREIBIG (Die Aufmerks. S. 70 ff.), SPAULDING (Beitr. zur Krit. d. psychophys. Parallel. 1902). ferner E. KÖNIG (Zeitschr. f. Philos. Bd. 115, S. 119, 138, 167, 169 ff.. ähnlich wie Wundt), EBBINGHAUS (Gr. d. Psychol. S. 31 ff.), HEYMANS, nach welchem zwischen der uns verborgenen Causalität des Wirklichen und der uns gegebenen Naturgesetzmäßigkeit, als welche sich jene ins Bewußtsein projectiert, eine durchgehende Correspondenz stattfinden muß (Zeitschr. f. Psychol. 17. Bd., 62 ff., 70 ff.). Der »primären« Reihe der bewußten, psychischen Vorgänge ist coordiniert die secundäre, physische, die Reihe möglicher Wahrnehmungen (l. c. S. 75 ff.), wobei Interpolationen notwendig sind (l. c. S. 79 ff.). Beide Reihen folgen verschiedenen Gesetzen (l. c. S. 76 f.). Die secundäre ist von der primären Reihe abhängig (l. c. S. 90). – Einen Parallelismus »nur innerhalb der Erscheinungswelt«, da alles nur als Empfindung gegeben ist, nimmt SCHUBERT-SOLDERN an (Zeitschr. f. imman. Philos. I, 21).

Die Argumente für den (real-idealistisch gefärbten, regulativen, nicht universalen) Parallelismus finden sich bei WUNDT vereinigt. Für den Parallelismus sprechen die Unvergleichbarkeit des Psychischen und des Physischen, vor allem aber das Princip der geschlossenen Naturcausalität. Dieses sagt aus, daß »Naturvorgänge immer nur in anderen Naturvorgängen, nicht aber in irgend welchen außerhalb des Zusammenhangs der Naturcausalität gelegenen Bedingungen ihre Ursachen haben können«, und fordert auf, »jeden Naturzusammenhang auf Causalgleichungen zurückzuführen, in die lediglich genau analysierbare und auf die allgemeinen Naturgesetze zurückführbare Naturvorgänge als ihre[75] Glieder eingehen«. Dieses Gesetz beruht auf der denknotwendigen Voraussetzung, daß »die Eigenschaften, die wir der Materie zuschreiben müssen, um eine vollständige Naturerklärung im Princip zustande zu bringen, nur von den beharrenden Elementen der Materie, nicht aber von den mehr oder minder verwickelteren Verbindungen abhängig sind, in denen sie vorkommen.« Ein in sich geschlossener, lückenloser Causalzusammenhang ist für die Naturwissenschaft eine Forderung, welche die Umwandlung physischer in psychische Energie ausschließt (Log. II2 1, 332. Syst. d. Philos.2, B. 599. Philos. Stud. X, 41, 89, 91 f.). Ferner muß Gleichartiges aus Gleichartigem causal abgeleitet werden (Log. II2 2, 258. Ess. 4, S. 115. Syst. d. Philos.2, S. 380). Psychisches läßt sich nur psychologisch interpretieren (Log. II2 2, 259). Also keine Wechselwirkung, sondern ein »Parallelismus« besteht zwischen Physischem und Psychischem. Und zwar als empirisches Princip, das »lediglich der Verschiedenheit der durch die Gebietsteilung unmittelbarer und mittelbarer Erfahrung entstandenen wissenschaftlichen Gesichtspunkte einen Ausdruck gibt« (Syst. d. Philos.2, S. 602). »Den Satz, daß alle diejenigen Erfahrungsinhalte, die gleichzeitig der mittelbaren, naturwissenschaftlichen und der unmittelbaren, psychologischen Betrachtungsweise angehören, zueinander in Beziehungen stehen, indem innerhalb jenes Gebietes jedem elementaren Vorgang auf psychischer Seite ein solcher auf physischer entspricht, bezeichnet man als das Princip des psychophysischen Parallelismus.« Es geht davon aus, »daß es an und für sich nur eine Erfahrung gibt, die jedoch, sobald sie zum Inhalt wissenschaftlicher Analyse wird, in bestimmten ihrer Bestandteile eine doppelte Form wissenschaftlicher Betrachtung zuläßt: eine mittelbare, die die Gegenstände unseres Vorstellens in ihren objectiven Beziehungen zueinander, und eine unmittelbare, die sie in ihrer anschaulichen Beschaffenheit inmitten aller übrigen Erfahrungsinhalte des erkennenden Subjects untersucht. Soweit es nun Objecte gibt, die dieser doppelten Betrachtung unterworfen sind, fordert das psychologische Parallelprincip eine durchgängige Beziehung der beiderseitigen Vorgänge zueinander«. Der Parallelismus gilt nicht für das, was speciell psychologischer Art ist, wie die Verbindungs- und Beziehungsformen der psychischen Elemente und Gebilde. »Ihnen werden zwar Verbindungen physischer Processe insofern parallel gehen, als Überall, wo ein psychischer Zusammenhang auf eine regelmäßige Coexistenz oder Succession physischer Vorgänge zurückweist, diese direct oder indirect ebenfalls in einer causalen Verknüpfung stehen müssen. von dem eigentümlichen Inhalte der psychischen Verbindung kann aber die letztere Verknüpfung nichts enthalten,« »weil eben von allem dem bei der naturwissenschaftlichen Betrachtung geflissentlich abstrahiert worden ist. Hieraus folgt dann weiterhin, daß auch die Wert– und Zweckbegriffe... gänzlich außerhalb des Gesichtskreises der dem Parallelprincip subsumierbaren Erfahrungsinhalte liegen« (Gr. d. Psychol.5, S. 389 ff.. Vorles.2, S. 485 ff.. Essays 4, S. 118 f.. Syst d. Philos.2, S. 602 f.. Philos. Stud. X, 42 ff., XII, 14 ff.). Wegen der praktischen Schwierigkeiten, einen in sich geschlossenen psychischen Causalzusammenhang herzustellen, ist die Substitution psychischer durch physische Zwischenglieder gestattet, aber mit dem Vorbehalte, »daß die heterogenen Elemente als Stellvertreter der vorläufig und in vielen Fällen wahrscheinlich immer verborgen bleibenden homogenen zu betrachten seien« (Philos. Stud. X, 36 f., XII, 34. Ess. 4, S. 116 f.. Eth.2, S. 470 ff.. Log. II2 2, 255 f.).

Als regulatives Princip faßt den Parallelismus auf KÜLPE (Gr. d. Psychol.[76] S. 4), HELLPACH (Grenzwiss. S. 17), JAMES (Princ. of Psychol. I, 182), GOLDSCHEIDER (Eth. d. Gesamtwill. I, 38), E. KÖNIG (s. oben), MÜNSTERBERG (als Postulat, Grdz. d. Psychol. I, 435, 492, s. Materialismus), ZIEHEN (Leitfad. d. physiol. Psychol.2, S. 210 f.), FLOURNOY (Métaph. et Psychol. 1890). Auch E. MACH: Man muß zu allen psychologisch beobachtbaren Erscheinungen die zugehörigen physikalischen aufsuchen (Anal. d. Empfind.4, S. 49). Das unmittelbar Gegebene ist von der physikalischen Gruppe der »Elemente« (s. d.) »abhängig« (l. c. S. 50 f.). R. AVENARIUS bestreitet den dualistischen Parallelismus (Vierteljahrschr. f. wissensch. Philos. 19. Bd., S. 13 f.), statuiert aber einen »empirischen« Parallelismus zwischen den mechanischen und »amechanischen« Bedeutungen der Vorgänge im Organismus (l. c. S. 14 f.). Ein Parallelismus besteht ferner »zwischen der einen Erfahrung: bestimmte Änderungen des Systems C (s. d.) als logische Bedingungen und den andern Erfahrungen, welche Farben und Töne, Lust und Unlust, mit einem Wort: Elemente und Charaktere als logische Abhängige dieser bestimmten Änderungen des Systems C darstellen« (l. c. S. 15). Ähnlich J. PETZOLD (Einf. in d. Philos. d. rein. Erfahr. I, 1900), R. WILLY, W. HEINRICH (Mod. physiol. Psychol. S. 216 ff.). H. CORNELIUS erklärt: »Unsere Empfindungen müssen bestimmten physischen Vorgängen parallel gehen, weil die physischen Vorgänge ihrem Begriffe nach nichts anderes sind, als die gesetzmäßigen Zusammenhänge, denen wir unsere Empfindungen einordnen« (Einl. in d. Philos. S. 310 f.).

Als Product der Wechselwirkung des Geistes und des Physischen betrachtet den Parallelismus J. H. FICHTE (Psychol. I, 263, 274, s. Identitätsphilosophie). E. V. HARTMANN erklärt: »Der Parallelismus im Sinne einer homologen (aber weder durchweg äquivalenten noch proportionalen) Correspondenz beider Erscheinungssphären ist zwar keine unmittelbare Tatsache, wohl aber eine inductiv wohl begründete Hypothese, und zwar entspricht jeder mechanischen materiellen Bewegung eine Bewußtseinserscheinung in irgend welchem Individuum irgend welcher Ordnung. Diese homologe Correspondenz ist aber weder ein letztes Weltgesetz, noch unmittelbarer Ausfluß der Wesensidentität, sondern Product der interindividuellen Wechselwirkung der unbewußten ideellen Teiltätigkeiten miteinander und der Wechselwirkung beider Erscheinungsseiten untereinander innerhalb desselben Individuums« (Mod. Psychol. S. 338, 421. Philos. d. Unb. II10, 35 ff.. Kategor. S. 407 ff.. Arch. f. system. Philos. V, 1 ff.). – L. DILLES bemerkt: »Unser eigener Körper, Nerven und Nervenreize in ihm kann nicht dasjenige sein, was die Empfindungen in unserem Ich hervorruft, was unsere Empfindungen bewirkt.« Denn der Körper als solcher ist nichts Selbständiges, ist Phänomen (Weg zur Met. I, 155). Die Empfindungen können nicht abhängig sein von etwas, das keine absolute Realität hat (ib.). Abhängig ist das Ich nur von den an sich bestehenden Realitäten, welche das Ich beeinflussen (l. c. S. 156). Die Empfindung hat ihr Analogon in Nervenprocessen. dieses ist aber nur »Begleiterscheinung des wahren Zustandekommens der Empfindungen, d. i. der Einflußnahme der Dinge an sich auf das Ich« (ib.).

Gegen die Parallelismus-Theorie, für die Wechselwirkung (s. d.) erklären sich mehr oder weniger entschieden! SIGWART (Log. II2, § 97b, S. 518). nach ihm ist die Theorie »weder durch den Begriff der Causalität oder das Princip der Erhaltung der Energie gefordert, noch läßt sie sich ihrer Consequenzen wegen durchführen«, LOTZE (Met. S. 492, 494), ERHARDT (Wechselwirk. zw. Leib u. Seele S. 31 ff., 111 ff.), WENTSCHER (Üb. phys. u. psych. Causal. S. 38 ff..[77] Eth. I, 296 f.. Zeitschr. f. Philos. 116. Bd., 103 ff), KÜLPE (Einl. in d. Philos. S. 148 f., 155), JERUSALEM (Einl. in d. Philos. S. 99), GUTBERLET (Kampf un d. Seele S. 176), BERGMANN (Unt. üb. Hptpkte. d. Philos. S. 360), LADD (Philos. of Mind p. 240 ff., 285 ff., 324, 353), JAMES (Princ. of Psychol. I, 136 ff.), der die Automatentheorie (s. d.) bekämpft, REHMKE (Allgem. Psychol. S. 87 ff.), KROMAN, STUMPF (Leib u. Seele S. 21 ff.), M. WARTENBERG (Probl. d. Wirk. S. 302 ff.), REINKE (Einleit. in d. theoret. Biol. S. 42), HÖFLER (Met. Theor. 1897. Psychol. S. 60 f.), M. PALÁGYI (Log. auf d. Scheidewege S. 11 f., 106 ff., 190) u. a. L. BUSSE (Zeitschr. f. Philos. Bd. 114, 116. Philos. Abh., Sigwart gewidm., S. 91 ff.) ist entschiedener Gegner des Parallelismus. Der Standpunkt des empirischen, partiellen und materialistischen Parallelismus ist überhaupt unhaltbar. Aber auch die echte Form, der metaphysische, universelle Parallelismus ist zu verwerfen (Geist. u. Körp. S. 111 ff.). Denn »die realistisch-monistische Identitätslehre leidet an inneren Widersprüchen, die idealistisch-monistische Theorie hebt den Parallelismus, der sich auf sie stützen will, im Grunde auf« (l. c. S. 379). »Die parallelistische Theorie nötigt uns ferner, einen künstlichen, die Welt in zwei beziehungslos nebeneinander stehende Hälften teilenden Causalitätsbegriff auszubilden. Sie ist unfähig, der Forderung, welche zu stellen die Consequenz des eigenen Standpunktes sie nötigt, zu jedem Zug, den das geistige Leben aufweist, ein physisches Analogen anzugeben, wirklich zu genügen, und ebenso erweist sich die Forderung, die gleichfalls als eine unausweichliche Consequenz des parallelistischen Standpunktes erscheint, alle Handlungen und Verrichtungen der lebendigen Wesen, der Tiere und Menschen, rein physisch- mechanistisch, ohne jede Inanspruchnahme psychischer Factoren zu erklären, als undurchführbar« (l. c. S. 379). Weder das Causalitätsgesetz noch die Erhaltung der Energie verhindern eine psychophysische Wechselwirkung (s. d.). Vgl. SULLY, Hum. Mind I, 3. BALDWIN, Handb. of Psychol. II, 3, C. 1 f. Vgl. Identitätsphilosophie, Causalität, Wechselwirkung, Harmonie, Leib, Psychisch, Energie.

Quelle:
Eisler, Rudolf: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Band 2. Berlin 1904, S. 72-78.
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