Zichy zu Zich und Vásonykeö

[913] Zichy zu Zich und Vásonykeö (spr. sittschi und wáhschonjköi), eine der bedeutendsten ungar. Familien, die schon seit 1260 vielfach in der Landesgeschichte vorkommt, sich anfänglich nach dem ersten beglaubigten Ahnherrn, (Gallus) Zayk, und erst seit dem 15. Jahrh. nach dem Besitz Zich: Zichy benannte, aber erst seit dem 17. und 18. Jahrh. eine hervorragendere Rolle spielt. (Eine wichtige Urkundensammlung ist das u. d. T.: »Zichy-Kodex« veröffentlichte Werk, 9 Bände.) Im 18. Jahrh. teilte sich das 1679 in der Person des Generals Stefan I. Z. (gest. 1693) in den Grafenstand erhobene Haus in den zwei Söhnen des Grafen Johann III. in zwei Linien. Von Johann IV. stammt die Linie Palota, von Stefan IV. die zu Karlburg ab. Die erste Linie Palota besteht aus drei Zweigen: dem zu Nagy-Lang, dessen Haupt Graf Ferdinand von Z., geb. 16. Nov. 1829, ist, Begründer und Führer der Katholischen Volkspartei (s. d.); dem zu Adony und Szent-Miklós, gegenwärtig repräsentiert durch den Grafen Siegmund von Z., geb. 6. Jan. 1846, und dem Zweig zu Palota, im Mannesstamm mit dem Grafen Nikolaus von Z. 20. Aug. 1874 erloschen. – Die zweite Linie Karlburg, die seit 1811 den Namen Zichy-Ferraris führt, teilte sich in vier Zweige, in den Vedröder, Vázsonyer, den schon ausgestorbenen Daruvárer und Csicsóer Zweig. Haupt des ersten ist Graf Ladislaus von Z., geb. 11. Sept. 1830, des zweiten Graf Ludwig Zichy-Ferraris, geb. 11. Aug. 1844; der dritte Zweig erlosch im Mannesstamm mit dem Grafen Stephan Z. 8. Juni 1853. Bemerkenswert sind:

1) Karl, Graf von, geb. 4. März 1753 in Preßburg, gest. 28. Sept. 1826 in Wien, erhielt als Günstling Josephs II. die Stelle eines Obergespans im Komitat Békés, dann Raab und wurde 1788 zum Judex curiae ernannt. 1802 erhielt er das Präsidium der allgemeinen Hofkammer, wurde 1808 Staats- und Konferenzminister, 1809 Kriegsminister und leitete[913] im Einverständnis mit Metternich von 1813–14 die innern Angelegenheiten.

2) Ferdinand, Graf von, geb. 13. Mai 1783, gest. 7. Okt. 1862 in Preßburg, Sohn des vorigen, war Feldmarschalleutnant und Festungskommandant von Venedig und kapitulierte als solcher 22. März 1848 vor den Insurgenten. Deshalb ward er 1849 zur Kassation und zu zehnjähriger Festungshaft verurteilt, aber 1851 vom Kaiser begnadigt.

3) Edmund (Ödön), Graf von, geb. 25. Sept. 1809, gest. 30. Sept. 1848, Administrator des Weißenburger Komitats, ward, als er sich im Auftrage des Banus Jellachich in das Lager des kaiserlichen Generals Roth begeben wollte, des Einverständnisses mit den Österreichern-beschuldigt, von den Insurgenten gefangen genommen, auf der Insel Csepel von einem Standgericht, dem Görgei präsidierte, verurteilt und durch den Strang hingerichtet.

4) Franz, Graf von, Tavernikus und Botschafter, geb. 24. Jan. 1811 in Preßburg, gest. 17. Juli 1900 in Káloz, trat als Sekretär der ungarischen Hofkanzlei in den Staatsdienst, ward dann Vizegouverneur in Fiume und 1841 Präsident des Wechselgerichts in Preßburg. 1848 wurde er Staatssekretär im Handelsministerium unter Széchényi, trat jedoch bei dem Ausbruch der revolutionären Bewegung zurück und wurde »Russenführer« und kaiserlicher Kommissar, zog sich aber 1851 vom politischen Leben zurück. 1854 wurde er Obersthofmeister des Erzherzogs Maximilian, 1861 Obergespan von Neograd. Von 1874–80 war er österreichisch-ungarischer Botschafter in Konstantinopel, 1888 erhielt er die Tavernikuswürde, lebte aber seitdem zurückgezogen auf seinem Gute Vedröd. – Sein Sohn Joseph, Graf von Z., geb. 13. Nov. 1841 in Preßburg, war 1869 ungarischer Handelsminister und später eine Zeitlang Gouverneur von Fiume. Er hat wiederholt in Europa, Asien und Amerika große Reisen gemacht, unter andern mit seinem Bruder August (geb. 1852, war 1883–1892 Gouverneur von Fiume) durch die Wüste Gobi.

5) Edmund, Graf von, geb. 19. Juni 1811, gest. 27. Jan. 1894 in Wien, war Offizier, entsagte jedoch bald der militärischen Laufbahn wie dem öffentlichen Leben, förderte aber um so eifriger künstlerische und industrielle Bestrebungen in Österreich. Er gründete das Orientalische Museum in Wien, wo er ständig lebte. Seine reichen Sammlungen und Bildergalerie erbte sein Sohn Eugen (s. unten 7).

6) Ferdinand, Graf von, ungar. Politiker, geb. 26. Nov. 1829 in Preßburg, blieb anfangs, wiederholter Aufforderung des absoluten Regimes ungeachtet, der Politik fern. 1861 wurde er Vizegespan des Stuhlweißenburger Komitats, unter dem Mailáth-Sennyeyschen Provisorium Vizepräsident der Statthalterei. 1863 wurde er infolge eines politischen Preßprozesses zu Gefängnis, Verlust der Kämmererwürde und des Grafentitels verurteilt. Nach Herstellung der ungarischen Verfassung wurde er in den 1867er Reichstag gewählt und schloß sich der Deák-Partei an. Seit der Fusion der Regierungspartei mit den Anhängern Tiszas war Z. eine Hauptstütze der konservativen Sennyey-Partei. 1884 organisierte er die Opposition gegen den Gesetzentwurf, betreffend die Heiraten zwischen Christen und Juden. In den großen kirchenpolitischen Kämpfen und beim Bemühen um Revision der kirchenpolitischen Gesetze trat er als einer der Begründer und Führer der katholischen Volkspartei ganz besonders in den Vordergrund. Unter dem Ministerium Bánffy sah er sich bei den Wahlen wiederholt vieler Unbill ausgesetzt, hielt aber unerschütterlich an seinen Prinzipien fest. Nach dem Sturze Bánffys gewann er und seine Partei mehr Aktionsfreiheit. Gegen das absolutistische Kabinett Fejérváry kämpfte er lebhaft an; das jetzige Koalitionskabinett unterstützt auch Z., da die Volkspartei einen Teil der Regierungspartei bildet.

7) Engen, Graf von, geb. 5. Juli 1837 in Mihaly, seit 1862 Mitglied des Reichstags, seit 1884 Wirklicher Geheimer Rat, war besonders in volkswirtschaftlicher Richtung tätig und ist Präses des Landesindustrievereins. Zur Erforschung der Urheimat der Magyaren unternahm er, begleitet von mehreren Gelehrten, drei Reisen nach dem Kaukasus und Zentralasien, 1892, 1895–96 und 1897–98, und veröffentlichte darüber: »Voyages an Caucase et en Asie Centrale« (Pest 1897, 2 Bde.) und mit mehreren Teilnehmern: »Dritte asiatische Forschungsreise des Grafen Z.« (Pest u. Leipz. 1900–05, 6 Bde., in ungarischer und deutscher Sprache).

8) Géza, Graf von, geb. 22. Juli 1849 in Sztára, Sohn des durch seine Beteiligung an der ungarischen Revolution bekannten Generals Grafen Leopold Z. (gest. 1869, Bruders des Grafen Franz, s. oben 4), verlor als 15jähriger Knabe durch ein Jagdunglück den rechten Arm und bildete sich daher zu einem Klaviervirtuosen der linken Hand, hauptsächlich unter Anleitung Liszts, aus. Er ist Mitglied des ungarischen Oberhauses und Präsident des Konservatoriums in Budapest, veröffentlichte auch eigne Kompositionen (die Opern »Abak«, 1896, und »Meister Roland«, 1899, das Tanzpoem »Geneva«, 1903, Chorwerk »Dolores«, 1889, Lieder, Etüden und Solostücke für die linke Hand etc.) sowie einige poetische Arbeiten. 1891 wurde er Intendant des ungarischen Opernhauses und Nationaltheaters.

9) Aladár, Graf von, geb. 4. Sept. 1864 in Nagy-Läng, zweiter Sohn des Grafen Ferdinand Z. (s. oben 6), studierte die Rechte, wurde 1896 mit dem Programm der katholischen Volkspartei zum Deputierten gewählt, war Mitglied des dirigierenden Ausschusses der vereinigten Opposition gegen das Kabinett Fejérváry und wurde 8. April 1906 zum Minister am königlichen Hoflager (im Kabinett Wekerle) ernannt.

10) Johann, Graf, ungar. Politiker, geb. 30. Mai 1868 in Nagy-Lang, studierte in Kalksburg, Stuhlweißenburg und Berlin, trat 1893 in den Komitatsdienst und ist seit 1896 Mitglied des Abgeordnetenhauses. Bis 1906 gehörte er zur katholischen Volkspartei, die ihn zu ihrem Präsidenten wählte; seit 1906 ist er Mitglied der Verfassungspartei (Andrássy). Er gilt als Vertrauensmann des jetzigen Thronfolgers.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 20. Leipzig 1909, S. 913-914.
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