Kindergärten

[10] Kindergärten, Anstalten (Vorschulen) für kleine Kinder im vorschulfähigen Alter (von 3–6 Jahren), eine Schöpfung des Pädagogen Friedrich Fröbel (s. d. 1). Fröbel wurde zur Gründung der K. nicht nur durch Rücksicht auf Familien geleitet, die aus irgend welchen Ursachen (Armut, geselliger Verkehr etc.) gehindert sind, ihren unmündigen Gliedern gehörige Beachtung und Anregung zu gewähren, er wollte vielmehr das ganze Unterrichts- und Erziehungswesen von Grund aus umgestalten, und dazu sollte durch die K. der Grund gelegt werden. Als Grundsatz seiner pädagogischen Reformpläne stellte er wiederholt auf, daß der Mensch als »Gliedganzes« in Analogie mit dem Leben der organischen Natur harmonisch entwickelt werden müsse. Der Mensch soll sich von Haus aus als Ganzes und doch zugleich als Glied einer größern Gemeinschaft fühlen lernen. Daher genügt auch schon im vorschulfähigen, zarten Alter die häusliche Erziehung nicht. Fröbel vereinigte deshalb die Kinder wenigstens einige Stunden des Vormittags in seinem Kindergarten zu gemeinsamem Spiel und gemeinsamer Beschäftigung. Den Namen wählte er, weil ein Garten zur Beobachtung des organischen Lebens der Natur, zur Erfrischung etc. wesentlicher Bestandteil der Anstalt ist, und weil in dieser die Kinder als Pflanzen Gottes gepflegt und entwickelt werden sollen. Er sagt: »Der Kindergarten soll die Kinder des vorschulfähigen Alters nicht nur in Aussicht nehmen, sondern ihnen auch eine ihrem ganzen Wesen entsprechende Beschäftigung geben, ihren Körper kräftigen, ihre Sinne üben und den erwachenden Geist beschäftigen, sie sinnig mit der Natur und Menschenwelt bekannt machen, besonders auch Herz und Gemüt richtig leiten und zur Einigkeit mit sich führen«. Zu diesem Zweck läßt er die Kinder besonders Tiere und Pflanzen, auch sonst schöne und bedeutsame Körperformen beobachten und diese Beobachtungen aussprechen und besingen. Daneben leitet er sie zu allerhand Spielen an. Diese sind Bewegungsspiele (Freiübungen, s. d.) und Geistesspiele. Die erstern beginnen mit dem Ball und schreiten dann zur (harten) Kugel, zum Würfel, zur Walze, zum Bauen mit verschiedenen Körpern fort. Durch die Bauspiele sowie durch das Flechten, Falten, Ausschneiden, Zeichnen etc. wird der Übergang vom Spiel zu ernsterer Beschäftigung angebahnt. Auch diesen Spielen gehen Sprech- und Singübungen zur Seite, für die Fröbel selbst Sprüche und Lieder herausgegeben hat. Die Leitung der K. sollte eigens dazu ausgebildeten Kindergärtnerinnen übertragen werden. In der Ausführung seiner Pläne findet sich bei Fröbel manches Seltsame und Schiefe. Dennoch hat das Unternehmen einen gesunden Kern und verdiente nicht die Feindseligkeit der Regierungen noch die Abneigung der Lehrer und Erzieher, der es vielfach begegnete. Mit der wachsenden Verbreitung (besonders durch die eifrige Propaganda der Frau v. Marenholtz-Bülow auch im Auslande, die Anerkennung Diesterwegs und das Eintreten von K. Schmidt und A. Köhler in Gotha, W. Lange in Hamburg u. a.)[10] ist manches Fehlerhafte abgestreift. Vom pädagogischen wie volkswirtschaftlichen Standpunkt aus ist den K. ferneres Wachstum zu wünschen. Nur müssen sie den bestehenden Schulen nicht feindlich gegenübertreten oder deren Lehrplänen in falschem Ehrgeiz vorgreifen, sondern der Schulerziehung verständig und bescheiden vorarbeiten. In Österreich wurde durch Erlaß des Ministers v. Stremayr vom 22. Juni 1872 die Gründung von K. und die Heranbildung von Kindergärtnerinnen amtlich empfohlen und geregelt. Dagegen ist in Preußen zwar das Verbot des Jahres 1851 schon 1861 aufgehoben, aber die Bevorzugung der K. vor ähnlichen Veranstaltungen für die vorschulpflichtige Jugend stets abgelehnt worden, namentlich durch Erlaß des Ministers Falk vom 31. März 1876. Vielfach berühren die K. in der Praxis sich mit den nahe verwandten Kleinkinderschulen (s. d.), Bewahr- oder Pflegeanstalten. Vgl. die Schriften von Friedrich Fröbel, namentlich dessen »Pädagogik des Kindergartens« (hrsg. von W. Lange, 2. Aufl., Berl. 1874); Goldammer, Der Kindergarten, Handbuch der Fröbelschen Erziehungsmethode (das. 1869–74, 4 Bde.); Köhler, Die Praxis des Kindergartens (Bd. 1 in 4. Aufl., Weim. 1892; Bd. 2 in 3. Aufl. 1887; Bd. 3 in 3. Aufl. 1900); v. Marenholtz-Bülow, Der Kindergarten (2. Aufl., Dresd. 1878) und Theoretisches und praktisches Handbuch der Fröbelschen Erziehungslehre (Kassel 1886–87, 2 Bde.); Heerwart, Einführung in die Theorie und Praxis des Kindergartens (als 4. Aufl. von Seidels »Katechismus der Kindergärtnerei«, Leipz. 1901); Fischer, Der Kindergarten (5. Aufl., Wien 1900); Wendt, Psychologische Kindergartenpädagogik (2. Aufl., Leipz. 1904); Cassau, Fr. Fröbel und die Pädagogik des Kindergartens (Wien 1882); de Portugall, Exposé succinct du système Froebel (Brüssel 1880); Pappenheim, Grundriß der Kleinkinder- und Kindergartenpädagogik Fröbels (Berl. 1895); Fellner, Der Kindergarten (mit andern, 2. Aufl., Wien 1901); Kopp, Geschichte der Kleinkinderschulen und des Kindergartens (in Schmids »Geschichte der Erziehung«, Bd. 5, 3. Abteil., Stuttg. 1902); Zeitschrift: »Kindergarten, Bewahranstalt und Elementarklasse« (begründet von Köhler, Schmidt und Seidel, Weimar 1860 ff., jetzt Berlin).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 11. Leipzig 1907, S. 10-11.
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