Potocki

[437] Potocki (spr. Potozki), altes polnisches Grafengeschlecht; stammte aus dem Schloß Potock in der Wojwodschaft Krakau u. besaß vornämlich Güter in Podolien u. Lithauen, jetzt noch in Galizien u. der Ukraine. Merkwürdig: 1) Stanislaw, geb. 1579, war Großhetman der Krone Polen, diente im Kriege gegen Schweden u. gegen Rakoczy u. st. 1667. 2) Waclaw, polnischer Dichter, st. 1693; er übersetzte Barclay's Argenis ins Polnische. 3) Graf Stanislaw Felix, geb. 1750; schloß sich früh an die sächsische Partei an, weshalb seine Güter confiscirt u. er in effigie gehenkt wurde, worauf er nach Tulczyn in Galizien floh; 1795 zurückgerufen, erhielt er seine Güter zurück u. hohe Würden, schloß sich nun der russischen Partei an u. focht selbst in den Reihen der Russen für die Targowiczer Conföderation, deren Mitstifter er war, gegen sein Vaterland. Nach der zweiten Theilung Polens verließ er die russischen Dienste u. st. 1803. 4) Wladimir, Sohn des Vorigen, machte 1809 den Feldzug gegen Österreich mit u. st. 1811 als [437] Oberst; seine Bildsäule steht im Dom zu Krakau. 5) Graf Ignacz, geb. 1751; wurde Mitglied der Commission für den öffentlichen Unterricht u. nahm sich dessen mit Eifer an. Er glühte für die Idee der Unabhängigkeit Polens, strebte die Constitution von 1776 zu stürzen u. trug als Großmarschall von Lithauen wesentlich dazu bei, daß Stanislaw August die Constitution vom 3. Mai 1791 billigte. Er ging 1792 als Gesandter nach Berlin, um den König von Preußen zur Anerkennung dieser Constitution zu vermögen, aber da seine Bemühungen scheiterten u. die zweite Theilung stattfand, ging er nun nach Sachsen u. seine Güter wurden confiscirt. Nach dem neuen Aufschwung Polens 1794 begab er sich zu Kosciuszko, wurde Mitglied der provisorischen Regierung zu Warschau u. Minister des Auswärtigen, aber nach der Einnahme von Warschau verhaftet u. nach Schlüsselburg gesendet. 1796 vom Kaiser Paul I. freigelassen, lebte er in Galizien, wurde aber 1806, als die französische Armee sich Warschau näherte u. die Befreiung Polens verkündete, verhaftet u. nach Krakau gebracht. Freigegeben ging er nach dem Herzogthum Warschau, zu dessen Wohl er durch Hebung des Bürgerstandes u. Abschaffung der Leibeigenschaft, so wie durch Besserung des Schulunterrichts möglichst beizutragen suchte. Er st. 30. Aug. 1809 in Wien, als er sich an der Spitze der Abgeordneten des Großherzogthums Warschau zu Napoleon dahin begab. Er übersetzte die Logik von Condillac ins Polnische, welche er als Lehrbuch in den Schulen einführte. 6) Graf Stanislaw Kastka, Bruder des Vorigen, geb. 1760, machte sich auf den Reichstagen 1788 u. 92 bemerklich, zog mit Joseph Poniatowski, als der König Stanislaw der Targowiczer Conföderation beitrat, nach Österreich zurück u. kehrte erst 1807 in sein Vaterland zurück, als das Großherzogthum Warschau errichtet wurde, wo er Mitglied u. Präsident der Oberschuldirection wurde. 1815 ernannte ihn der Kaiser Alexander zum Minister des Cultus u. des öffentlichen Unterrichts; er st. 14. Sept. 1821; vermählt war er mit der Prinzessin Lubomirska. Seine Rednertalente erwarben ihm den Namen Princeps eloquentiae; er schr.: Über Beredtsamkeit u. Styl, Warschau 1815, 4 Bde.; Bearbeitung von Winckelmanns Schrift über die Kunst der Alten, ebd. 1815; Gedächtnißrede auf Joseph Poniatowski. 7) Graf Jan, geb. 1761, Historiker, welcher 1784 Reisen nach der Türkei u. Ägypten u. dann in alle Länder machte, in denen slawische Stämme wohnen u. wohnten, er lebte bis 1812 in Petersburg, dann in Podolien u. Volhynien u. st. 1816 zu Oladówka in Volhynien. Er schr.: Voyage en Turquie et en Egypte, Warschau 1788; Essai sur l'histoire universelle et recherches sur la Sarmatie, ebd 1789, 4 Bde.; Chroniques, mém. et recherches pour servir à l'histoire de tous les peuples slaves, Warsch. 1793; Voyage de Basse-Saxe, Hamb. 1705; Fragments hist. et géogr. sur la Scythie, la Sarmatie et les Slaves, Braunschw. 1796, 4 Bde.; Histoire primitive des peuples dela Russie, Petersb. 1802. Klapproth war P-s Begleiter auf mehren Reisen, nannte nach ihm einen Archipelagus im Gelben Meer u. gab 1823 seine Tagebücher aus dem Kaukasus heraus. 8) Claudine Gräfin Potocka, geb. Gräfin Dzialynska, geb. 1808 in Konarzew bei Posen u. seit 1824 vermählt mit dem Grafen Bernhard P., ging 1830, trotz des preußischen Verbots, nach Warschau u. pflegte dort die Kranken in den Spitälern mit großer Aufopferung; nach Warschaus Fall trat sie an die Spitze der Hilfsvereine in Dresden. 9) Graf Adam, geb. 1822 zu Lamhut in Galizien, betheiligte sich 1848 an der Verschwörung des Adels in Galizien gegen die österreichische Regierung, wurde im Sept. 1851 in Krakau verhaftet, im Decbr. nach Wien abgeführt u. 21. Oct. 1852 kriegsgerichtlich zu sechsjähriger Freiheitsstrafe verurtheilt, aber vom Kaiser sofort begnadigt.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 13. Altenburg 1861, S. 437-438.
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