Russische Literatur

[575] Russische Literatur. Mit Einführung des Christentums kamen nach Rußland die in Bulgarien verfaßten kirchenslaw. (altbulgar.) Bücher, und diese Sprache wurde die Kirchen- und Schriftsprache bei den Russen, in die aber nach und nach russ. Elemente eindrangen. Sie waren am stärksten in den Annalen (Nestor u.a.), in der Gesetzgebung, [575] dem »Liede vom Heereszug Igors« u.a. Während der Mongolenherrschaft ging das Zentrum der Entwicklung von Kiew nach Moskau über. Die Literatur vegetierte in den Klöstern. Es entstanden die nordruss. Chroniken, histor. Erzählungen; Volksbücher drangen über Polen ein. Im 16. Jahrh. entstand der »Domostroj«; als Schriftsteller traten auf Zar Iwan IV., Fürst Kurbskij, Kotoschichin, Krishanitsch. Ende des 17. Jahrh. entstand die Geistliche Akademie in Moskau. Ausländer kamen ins Land. Es entstand die »Nikonsche Chronik«, das »Zarenbuch«, eine Kunstpoesie (Simeon von Polozk), originale Erzählungen; Dramen und Mysterien wurden aufgeführt.

Die Reformen Peters I. brachten auch eine neue Ära der R. L. Ihn unterstützten literarisch Possoschkow, Theophan Prokopowitsch, später Tatischtschew, Kantemir. Theaterstücke verherrlichten Peters Siege. Zahlreich waren Memoiren, Selbstbiographien, Reisebeschreibungen. In der Poesie ward der Pseudoklassizismus herrschend (Tredjakowskij). Lomonossow schuf eine russ. Literatursprache, unter Beschränkung des Kirchenslawischen. Dramatiker: Sumarokow. Es entstand eine wissenschaftliche Erforschung der russ. Geschichte (Bayer, G. F. Müller, Schlözer), Expeditionen zur Erforschung Rußlands wurden veranstaltet. Katharina II. schrieb selbst Lustspiele u.a.; der bedeutendste Dichter ihrer Zeit: Dershawin, Satiriker Von-Wisin; für die Volksbildung wirkte Nowikow und Radischtschew. Eine sich inzwischen entwickelnde sentimentale Richtung fand ihre Hauptvertretung in Karamsin (»Die arme Lisa« u.a.). Das Interesse für nationales Leben und heimatliche Vergangenheit erwachte.

Anfang des 19. Jahrh. wurde Karamsins »Geschichte des Russ. Reichs« mustergültig für die Prosa. Dieselbe Bedeutung erlangte Dmitrijew für die Poesie. Die Anhänger des Alten scharten sich um Schischkow. Schriftsteller: Mersljakow (Ode), Narjeshnyj (Roman), Benizkij, Ryljejew (Dichter), Oserow (Drama), Fürst Schachowskoj (Lustspiel); die Fabel erlangt in Krylow ihre höchste Vollendung. Einen neuen Inhalt brachte die Romantik, eingeführt von Shukowskij, dem folgten Batjuschkow, Koslow, Gnjeditsch. Der Slawist Wostokow begann seine Tätigkeit, es erschien die erste Sammlung russ. Heldenlieder. In Puschkin erreichte die russ. Poesie ihren nationalsten und formvollendetsten Ausdruck. Neben ihm wirkten: Wenewitinow, Poleshajew, Jasykow, Baratynskij, Delwig; Gribojedows satir. Schauspiel »Wehe dem Gescheidten«. Stark war der Einfluß Byrons, bes. auf Lermontow, den größten russ. Dichter nach Puschkin. Der Lyriker Kolzow gab dem Volkslied künstlerische Ausbildung. – Anfänge des Realismus in den dreißiger Jahren erhielten eine feste Richtung durch Gogol, dessen Bedeutung zuerst der Kritiker Bjelinskij erkannte, und in den vierziger Jahren bildete sich die neue realistische Schule, die dem russ. Roman eine hervorragende Stellung in der Weltliteratur verschaffte: Herzen, Turgenjew, Gontscharow, Dostojewskij, später Lew Tolstoj, ferner S. Aksakow, Grigorowitsch, Pissemskij, Sologub, Drushinin u.a. Zu derselben Zeit bildeten sich die getrennten Lager der Slawophilen (s.d.) und Westler (Zapadniki). Hervorragende Publizisten und Kritiker nach dem Krimkriege waren Herzen (»Glocke«), Tschernyschewskij und Dobroljubow. Ihnen folgte der radikale, fast nihilistische Kritiker Pissarew.

Die nachgogolsche schöne Literatur beschäftigt sich immer eingehender mit dem Volksleben: G. Danilewskij, Melnikow, Gljeb Uspenskij u.a. Bedeutend als Satiriker ist Saltikow (Schtschedrin); seine »Provinzialskizzen« begründeten die sog. Anklageliteratur; ihm folgten Pomjalowskij, A. Scheller (Michajlow). Eine gemäßigt liberale Tendenz vertraten: Boborykin, E. Markow, Nemirowitsch-Dantschenko, Salow. Die jüngste Novellistenschule, zum Teil pessimistisch, bilden: Garschin, Jassinskij (M. Bjelinskij), Albow, Korolenko, Potapenko, Mamin Sibirjak, Tschechow, Maxim Gorkij u.a. Histor. Romane schrieben: Kostomarow, Alex. Tolstoj, Lew TolstojKrieg und Frieden«), Karnowitsch, Graf Salias u.a. Schöpfer des modernen russ. Dramas ist Ostrowskij; ihm reihen sich an: Pissemskij, A. und L. Tolstoj, A. Palm, Potjechin, Tschechow, Nik. Solowjew, Awerkijew. Lyriker: Nekrassow (der bedeutendste), Nikitin (im Charakter Kolzows), Pleschtschejew, Nadson, Frug, Mereschkowskij u.a.; der reinen Kunstrichtung gehören an: A. Majkow, Alex. Tolstoj, A. Schenschin (Fet), Tjutschew, Polonskij, Mej, Apuchtin, Golenischtschew-Kutusow etc. In der Geschichte tritt das kulturhistor. Element immer mehr hervor (Solowjew, Pogodin, Kostomarow, Bestushew-Rjumin u.a.); reich entfaltet sich die Memoirenliteratur und die literarhistor. Tätigkeit (Pypin, A. Wesselowskij u.a.); Volkslieder sammelten Kirjejewskij, Rybnikow, Hilferding, Scheïn u.a.; Märchen: Afanasjew; Sprichwörter: Buslajew, Dahl. (S. auch Kleinrussische Literatur.) – Vgl. Pypin (russ., 4 Bde., 1898-99), Reinholdt (1886), Waliszewski (franz., 1900), Brückner (1905).

Quelle:
Brockhaus' Kleines Konversations-Lexikon, fünfte Auflage, Band 2. Leipzig 1911., S. 575-576.
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