Byzantinisches Reich

[738] Byzantinisches Reich, oström. Reich, griech. Reich, entstand 395 nach Chr., als Kaiser Theodosius das röm. Reich unter seine 2 Söhne theilte und dem jüngeren, Arcadius, Kleinasien, Syrien, Pontus, Aegypten, Thracien, Mösien, Macedonien, Griechenland und Kreta gab mit der Hauptstadt Konstantinopel. Die Geschichte desselben beginnt aber eigentlich mit Kaiser Constantin d. Gr.; denn er gab demselben die Einrichtung, welche sich bis zum Untergange desselben erhielt u. durch welche der Untergang so lange abgewehrt wurde. Diese Einrichtung bestand in der einheitlichen monarchischen Gewalt. die unumschränkt über das ganze Reich gebot; ihren Damm fand diese Autokratie nur in den Palast- und Militärrevolutionen. Der kaiserl. Thron war von religiöser Weihe umflossen, der Kaiser eine wirklich geheiligte Person, und dieses hl. Gepräge wurde auch jeder Regierungshandlung ertheilt. Eben deßwegen nahmen die Revolutionen gegen den Kaiser regelmäßig einen religiösen Grund zum Vorwande und wurden die theolog. Streitigkeiten zu polit. und umgekehrt. Die kaiserliche Allgewalt stützte sich sodann auf das Uebergewicht der Militärmacht im Staate, welches dieselbe schon durch die röm. Cäsaren erlangt hatte und das in Konstantinopel um so tiefer wurzelte, als in der neuen Stadt kein Senat und keine alte Aristokratie mit ihrem althergebrachten Ansehen entgegentreten konnte. Dem Militär stand ein Beamtenheer zur Seite, ebenso disciplinirt und abgestuft wie jenes, sich gegenseitig controlirend, aber unbeschränkt das ganze Land verwaltend, in welchem die Autonomie der Provinzen, Gaue, Städte, Corporationen u. dergl. in langwierigen äußeren und inneren Kriegen untergegangen war. Als röm. Erbtheil besaß das byzant. Reich alle Künste der vielerprobten alten herkömmlichen Politik, die Organisation des Militärwesens, welche allen Barbaren durch Tactik, Bewaffnung, Kriegsmaschinen, Verpflegung etc. unendlich überlegen war. Die polit. Einheit des Reiches war von einer kirchlichen begleitet, beide vielmehr in der Person des Kaisers die eine und dieselbe; außerdem waren die Byzantiner die Erben der röm. Civilisation in Kunst, Wissenschaft, Gewerbe, Handel, was ihnen im Verein mit den oben angeführten Elementen eine solche Ueberlegenheit verschaffte, daß sie noch in später Zeit im Stande waren eingedrungene und niedergelassene Slavenstämme zu gräcisiren. Nur der Fanatismus der Jünger Mohammeds vermochte den byzantin. Bau zu überwältigen, und dies [738] nicht durch den arab. Sturm, sondern erst und stückweise durch die türk. Disciplin und Beharrlichkeit, nachdem zuvor das Abendland die Grundfesten des Reichs erschüttert hatte. Aus der Familie des großen Theodosius regierten: Arcadius (395–408), Theodosius II. (408–50) oder dessen Schwester Pulcheria, die nach Theodosius Tod den Marcianus heirathete, der (450–57) die Gränzen zu sichern verstand. Auf diesen folgte Leo I. oder Gr. (457–74), Leo II. nur wenige Monate, Zeno (474 bis 491). Anastasius I. (491–518), unter welchen Religionsstreitigkeiten den innern Frieden störten, während die Slaven in Europa, die Perser in Asien die Gränzländer wiederholt angriffen. Unter der 3. Dynastie (Justinus I. 518 bis 527) erlangte das Reich durch Justinian I. (527–65) neuen Glanz; der große Belisar schlug die Perser zurück, eroberte Afrika wieder und begann den Kampf gegen die Ostgothen in Italien, welchen sein Nachfolger Narses durch deren Vertreibung beendigte. Justinian sammelte und ordnete ferner das alte röm. Recht, das im Mittelalter so großen Einfluß auf Gesetze der abendländ. Völker üben sollte. Sein Sohn Justinus II. (565–78) verlor jedoch Italien an die Longobarden, sein Mitregent und Nachfolger Tiberius (578–82) sowie Mauritius (582–602) wiesen wenigstens die Perser zurück, während ihre Kriege gegen die Avaren weniger glücklich waren. Auf den untüchtigen grausamen Phokas (602–10) folgte Heraklius I. (610–41), welcher Avaren und Perser besiegte, aber den mohammedanischen Arabern Aegypten, Syrien und die Länder am Euphrat überlassen mußte. Ihm folgte Constantin III. mit ganz kurzer Regierung, ebenso Herakleonas, Constans II. (642–68), Constantin IV. Pogonatus (668–85), unter dem die Araber Konstantinopel zur See angriffen, aber durch das griech. Feuer zurückgetrieben wurden. 711 erlosch die Dynastie des Heraklius mit Justinian II., nachdem zu den andern Feinden die gefährlichen Bulgaren gekommen waren. Philippicus, früher Feldherr. wurde 713 abgesetzt, Anastasius II. ging 716 in das Kloster, Theodosius III. legte 617 die Krone nieder u. Leo III. der Isaurier (712 bis 741) schlug die Araber kräftig zurück, erschütterte aber das Reich durch den Bildersturm (s. d. A.) und verlor dadurch Mittelitalien. Sein Sohn Constantin V. Kopronymus, trat in des Vaters Fußstapfen, als glücklicher Feldherr wie als Ikonoklast; auf Leo IV. (775–80) folgte Constantin VI., den seine Mutter Irene 797 verdrängte, selbst aber dem Nicephorus 802 Platz machen mußte, der 811 gegen die Bulgaren fiel. Stauratius, Michael J. wichen Leo V. (813–20), dem Armenier, einem siegreichen Feldherrn, dem sein Mörder Michael II. bis 829 folgte, der Dalmatien, Kreta und Sicilien verlor. Theophilus (829–42) regierte gerecht, Michael II. 4842–67) machte dem Bildersturme ein Ende; aber die Verbindung des byzant. Reichs mit dem Abendlande war schon sehr gelockert worden. Mit Basilius J. (867–86) beginnt die Dynastie der macedon. Kaiser, die bis 1056 den Thron behaupteten, unter Leo VI. (886–912), Constantin VII. Porphyrogeneta (912–59) mit seinem Mitregenten Romanus I. (920–49), Romanus II. (959–63), Nicephorus Phocas (963–69). Johannes Tzimisces (969–76), Basilius II. (976–1025), Constantin VIII. (1025–28), Romanus III. (1028–34). Diesen mordete seine Gemahlin Zoë, die nach einander Michael IV., Michael V. und Constantin IX. auf den Thron erhob (1034 bis 1054); während dieser Zeit dauerten die Kämpfe gegen den Feind in Asien und Europa mit abwechselndem Glücke fort und 1054 wurde der Zusammenhang mit der abendländ. Kirche vollends aufgelöst. Nach der kurzen Regierung Theodoras, der Schwester Zoës, Michaels VI. (1054–57), kam mit Isaak I. (1057–59) das Haus der Komnenen auf den Thron. das aber nicht ununterbrochen regierte. Ihm folgten nämlich aus fremder Familie Constantin X. Ducas (1059–67), Romanus IV. Diogenes (1067–71), Michael VII. (1071–78), Nicephorus III. (1078–81), den der Komnene Alexius I. (1081–1118) stürzte. Unter diesem begannen die [739] Kreuzzüge, welche dem Reiche wenigstens gegen die Türken Hilfe brachten, obwohl schon unter Alexius I. ein feindseliges Verhältniß gegen einzelne Fürsten der ersten Kreuzfahrer eintrat (s. Bohemund). Von den folgenden Komnenen waren Kalo-Johannes (1118–43), Manuel I. (1143–80) des Alexius würdige Nachfolger; aber Alexius II. (1180–83) wurde minderjährig von Andronicus ermordet, dieser 1185 in einem Aufruhre getödtet. Isaak II. Angelus 1195 von seinem Bruder Alexius III. gestürzt, dieser 1203 mit seinem Sohne Alexius IV. von den Kreuzfahrern unter dem Venetianer Dandolo wieder eingesetzt. Aber die Griechen duldeten keinen Herrscher, welcher den verhaßten Lateinern dienstpflichtig war, Alexius IV. wurde mit seinem Vater ermordet; nun erstürmten aber den 12. April 1204 die Kreuzfahrer die Stadt, plünderten sie aus und gründeten ein lateinisches Kaiserthum, das von 1204–61 ein sieches Leben fristete. Dieser lat. Sturm brach eigentlich die Macht des byzant. Reichs; die Venetianer rissen Inseln und Küstenstädte an sich, der Haß der Griechen gegen die Lateiner wurde grimmiger als gegen die Türken, mit der feudalistischen Einrichtung des neuen Reichs wurde die bisherige Staatseinrichtung, die eigentliche Stärke desselben zertrümmert, und zudem behaupteten sich griech. Fürstenthümer in Trapezunt und Nicäa in Asien, in Epirus und Aetolien in Europa. Die Geschichte der lat. Herrschaft ist eine unglückliche; seine Kaiser (Balduin von Flandern (1204–1206). Heinrich von Flandern (1206–16). Peter von Auxerre (1216–17), nach vierjährigem Interregnum Robert (1221 bis 1228), und Johann von Brienne (1228–37), Balduin II. 1237–61), werden entweder gefangen oder bitten im Abendland um Hilfe oder halten sich mit Mühe in Konstantinopel. Am 25. Juli 1261 endlich eroberte Michael VIII. Paläologus Konstantinopel ohne Schwertstreich; die mit ihm beginnende Dynastie der Paläologen verlor aber Stück für Stück an die Türken. Andronicus II. (1282–1323), Andronicus III. Mitregent seit 1322, gest. 1341 wurden von den Türken und den zu Hilfe gerufenen, dann treulos behandelten Cataloniern bedrängt, Johannes V. (1341 bis 1391) sah die Türken in Europa festen Fuß fassen und Adrianopel als Sultansstadt (1361) Murads I. Unter Manuel II. (1391–1425) belagerten Bajazet und Murad II. bereits Konstantinopel; Johannes V. (1425–48) verlor alles bis auf Konstantinopel und einige Städte und bezahlte Tribut, Constantin XI. aber (1448–53), dessen Bruder, verlor im Sturm auf Konstantinopel den 29. Mai 1453 an Sultan Mohammed II. Thron und Leben.

Quelle:
Herders Conversations-Lexikon. Freiburg im Breisgau 1854, Band 1, S. 738-740.
Lizenz:
Faksimiles:
738 | 739 | 740
Kategorien:

Buchempfehlung

Gellert, Christian Fürchtegott

Die Betschwester. Lustspiel

Die Betschwester. Lustspiel

Simon lernt Lorchen kennen als er um ihre Freundin Christianchen wirbt, deren Mutter - eine heuchlerische Frömmlerin - sie zu einem weltfremden Einfaltspinsel erzogen hat. Simon schwankt zwischen den Freundinnen bis schließlich alles doch ganz anders kommt.

52 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon