Münchhausen [2]

[531] Münchhausen, alte niedersächsische Familie; Heino, ein Begleiter des Kaisers Friedrich II. ins Gelobte Land, wurde 1212 mit dem Hause Sparenberg beliehen. Heinos I. Söhne stifteten die Schwarze u. Weiße Linie (im Wappen unterschieden durch das weiße u. schwarze Mönchsbild). Die jüngere Branche der Schwarzen Linie erhielt 1433 die Erbmarschallswürde im Stift München, starb aber schon 1598 aus; die ältere Branche der Schwarzen Linie von Dietrich, Sohn Heinos II., gegründet, blüht noch heute. Dietrichs Enkel Hilmar, welcher die deutsche Infanterie bei Gravelingen führte, kaufte Schloß u. Amt Leitzkau in Brandenburg, welche noch jetzt im Besitz der Familie M. sind. Die Weiße Linie von Statius, Heinos II. Sohn, gegründet, besteht ebenfalls noch, hatte auch seit 1360 das Stammhaus M. in Besitz u. ist bes. in Preußen u. Kurland reich begütert. 1) Freiherr Gerlach Adolf, geb. 14. Oct. 1688 in Berlin; studirte in Jena, Halle u. Utrecht, wurde 1714 Appellationsrath in Dresden, 1715 Oberappellationsrath in Celle, 1726 hannöverischer Comitialgesandter in Regensburg, 1728 Mitglied des Geheimen Rathscollegiums u. dann Curator der 1734 (größtentheils auf seinen Betrieb) gestifteten Universität Göttingen, wo er die Bibliothek, die Societät der Wissenschaften u.a. Institute begründete; 1765 wurde er hannöverscher erster Minister u. st. 26. Nov. 1770. 2) Otto von M., ebenfalls von der Schwarzen Linie, geb. 1716 in Schwöbbern bei [531] Hameln; war erst Amtmann in Steyerberg, dann Landdrost in Haarburg, wurde im Siebenjährigen Kriege von den Franzosen als Geißel weggeführt u. st. 1774 als Landdrost des Fürstenthums Kalenberg; er schr.: Der Hausvater, Hannov. 1765–73, 6 Bde.; Monatliche Beschäftigung für einen Baum- u. Plantagegärtner, ebd. 1772. 3) Hieronymus Karl Friedrich von M., von der Weißen Linie, geb. 1720 auf dem väterlichen Gute Bodenwerder, jüngerer Sohn des Herrn von M. auf Rinteln u. Bodenwerder; trat früh in russische Kriegsdienste, wurde Rittmeister, machte 1737–39 mehre Campagnen gegen die Türken mit u. übernahm das Gut Bodenwerder. M. war ein leidenschaftlicher Reiter u. Jäger u. pflegte häufig grotesk-komische Aufschneidereien, Jagdgeschichten, Abenteuer von Pferden u. Hunden, welche er einst gehabt haben wollte, so wie seltene Erlebnisse aus dem Türkenkriege (insgesammt Münchhausiaden genannt) zu erzählen. Zufällig lernte er den Dichter G. A. Bürger in Pyrmont kennen u. fand an dem jovialen Manne Gefallen, so daß er ihn mehrmals zu sich einlud. Bürger hörte hier die Geschichten M-s u. gab sie später (ein Theil derselben steht schon im 3. Bde. der Mendacia ridicula), nach einer von dem nach London geflüchteten ehemaligen kasselschen Professor u. Bibliothekar Raspe (geb. 1737, gest. 1794), in englischer Sprache erschienenen Zusammenstellung (Baron M's narrati ve of hismarvellous travels and campaigns in Russia, Lond. 1785) als: Wunderbare Abenteuer u. Reisen des Herrn von M., aus dem Englischen, Lond. (Gött.), 1787, heraus. Dies Büchelchen machte durch Witz u. Laune Aufsehen, wurde in fremde Sprachen übersetzt, verletzte aber M. u. zog Bürger viele Unannehmlichkeiten zu; die späteren 3 Bde. wurden von Schnorr, Bodenwerder (Gött.) 1794–1800, herausgegeben. M. st. 1797; Immermann wählte ihn zum Helden seines Romans M. (Düsseld. 2. Aufl. 1841, 4 Bde.). Vgl. Ellisen, Des Freiherrn von M. wunderbare Reisen u. Abenteuer, Gött. u. Berl. 1849. 4) Freiherr Karl Ludwig August Heino, geb. 1759 im Schaumburgischen, trat 1780 in hessische Dienste, ging freiwillig als Offizier mit nach Amerika, u. lernte Seume unter seiner Compagnie kennen, welcher durch ihn Unteroffizier wurde u. stets mit ihm im engeren Freundschaftsbunde blieb; er wurde nach seiner Rückkehr 1788 zum Feldjägercorps versetzt u. Capitän, focht in den Revolutionskriegen, wurde 1806 bei der französischen Invasion anstellungslos, erhielt aber insgeheim vom Kurfürsten von Hessen 2/3 seines Soldes ausgezahlt u. eine Anstellung als westfälischer Oberförster. nachdem er mehre Anerbieten in westfälische Kriegsdienste zu treten ausgeschlagen hatte; er wurde später von den Franzosen verhaftet, vertheidigte sich aber klug u. gewandt u. wurde freigesprochen; 1814 nahm er nicht wieder Dienste; lebte zuletzt in Schwedesdorp am Steinhuder See u. st. dort 1836. Er gab (mit Seume) Rückerinnerungen, Frankf. 1797; (allein) Versuche, Neustrelitz 1801 u. (mit Gräter) Bardenalmanach, ebd. 1802 heraus. 5) Marie Luise Eleonore von M., geb. v. Münchhausen, geb. 1782 in Kassel, seit 1797 Gattin des Vorigen, dichtete Mehres unter dem Namen Heimchen in Raßmans Almanach u. ähnlichen Schriften u. st. 1802. 6) Freiherr Philipp Otto, geb. 1811 in Göttingen, studirte hier u. lebte dann in Hamburg; er schr.: Liebesnovellen, Kassel 1841, 2. A. 1846; Graf St. Germain, Gött. 1842; Heinrich von Sachsen (historischer Roman), Hannov. 1845, 3 Bde. 7) Alexander von M., geb. 1813 auf dem väterlichen Gute Apelern in der Grafschaft Schaumburg, ein Sohn des vormaligen hessischen Geheimen Raths von M., studirte die Rechte. trat 1836 in hannöversche Staatsdienste, arbeitete längere Zeit in dem Cabinete des Ministers des Innern von Falcke, wurde 1837 Cabinetsrath, publicirte 17. März die königliche Entschließung betreffs der Volkswünsche, trat am 28. Oct. 1850 als Minister des königlichen Hauses u. des Auswärtigen an die Spitze des neu gebildeten Cabinets, wich als solcher nicht wesentlich von dem System des zurückgetretenen Ministeriums ab u. beharrte namentlich auf einer Umgestaltung der provinzialständischen Verfassung, so wie der Ausführung der Justiz- u. Verwaltungsorganisation, s.u. Hannover (Gesch.) V. Nach dem Tode des Königs Ernst August (18. Nov. 1851) wurde das Ministerium M., da König Georg V. mit dem von demselben befolgten System nichtdurchgehends übereinstimmte, am 22. Nov. entlassen u. M. zog sich vom öffentlichen Leben zurück.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 11. Altenburg 1860, S. 531-532.
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