Bern

[230] Bern, einer der drei Vororte und der zweite, größte und hinsichtlich seiner Gebirge, Naturschönheiten und Alpenwirthschaft der merkwürdigste Canton im westl. Theile der Schweiz, wird nordwestl. von Frankreich, nördl. und nordöstl. von den Cantonen Solothurn und Aargau, östl. von Luzern, Unterwalden, Uri, südl. von Wallis, südwestl. und westl. von Waadt, Freiburg und Neufchatel begrenzt und zählt auf 171 ! M. über 367,000, meist reformirte Einw., darunter 47,000 Katholiken und 400 Wiedertäufer. Der Hauptstamm der Bevölkerung ist deutsch, die 50,000 Einw. der leberbergischen Ämter ausgenommen, welche franz. Abkunft sind und auch Französisch sprechen. Der Boden ist so verschieden wie das Klima, welches besonders rauh im S. oder dem Oberlande ist, wo sich die berner Alpen erheben, die, auf engem Raume zusammengedrängt, die höchsten Berge der Schweiz, das noch unerstiegene Finsteraarhorn, die Jungfrau, den Mönch, das Schreckhorn, den Eiger, die Viescherhörner und andere mit unzähligen Gletschern enthalten. Zwischen denselben ziehen sich bis zur Grenze des ewigen Schnees hinauf tiefe und enge Thäler mit herrlichen Triften und Alpenweiden. Weniger gebirgig und theilweise eben sind die mittlern und nördl., wo es der Boden erlaubt, herrlich angebauten Gegenden. Die bedeutendsten Landseen sind der Brienzer-, Thuner- und der Bielersee, in dessen Mitte die Petersinsel liegt, welche J. J. Rousseau zu seinem Lieblingsaufenthaltsorte erwählt hatte, und als Hauptflüsse sind zu erwähnen die Aar, welche aus den drei großen Aargletschern am Fuße des Finsteraarhorn entspringt, den Brienzer- und Thunersee durchströmt und dann schiffbar wird; die Emme, Saane, Birs, Zihl und Doubs. Im Oberlande ist Viehzucht die vornehmste Erwerbsquelle, in den mittlern und nördl. Theilen gedeihen besonders Getreide, Wein und Obst, auch wird Pferdezucht mit Vortheil betrieben und im Allgemeinen herrscht Wohlstand unter den Bewohnern.

Der Canton B. hat den Namen von seiner gleichnamigen Hauptstadt, welche zu Ende des 12. Jahrh. anfing, aus der frühern Bedeutungslosigkeit hervorzutreten. Nachdem Kaiser Friedrich II. 1218 B. zur freien Reichsstadt erklärt hatte, nahm es schnell an Macht und Ansehen zu, wurde der Zufluchtsort der vom mächtigen Adel der Umgegend Bedrückten und Verfolgten und weckte bald dessen Eifersucht. Mehre Versuche, B. mit Waffengewalt zu demüthigen, scheiterten jedoch an der Tapferkeit der Bürger, die am 21. Jun. 1339 bei Laupen mit dreimal geringerer Macht über ein Heer von 18,000 M., welches Adel und Städte der Nachbarschaft gegen sie aufgebracht hatten, einen der glänzendsten Siege erfochten. Im J. 1353 trat B. in den Bund der Eidgenossen und erweiterte sein bisher kleines Gebiet im Laufe des 14. und 15. Jahrh. durch Kauf und Eroberung außerordentlich. Allgemein ward im Canton 1528 die Kirchenverbesserung durchgeführt und seitdem war der Wohlstand desselben beständig im Fortschreiten begriffen, bis beim Ausbruche der franz. Revolution die Unzufriedenheit mit der [230] veralteten Verfassung wiederholt laut ward und einzelne Theile sich vom Canton zu trennen suchten. Dies befördernd, zogen 1798 gegen B. 30,000 Franzosen, überwanden am 5. März die ihnen entgegengerückten Berner, welche fliehend, in blinder Wuth ihren Anführer, den General Erlach, ermordeten, worauf die Stadt B. zum ersten Mal in Feindeshände fiel. Bei der erfolgenden neuen Organisation der Schweiz verlor B. fast die Hälfte seines Gebiets, indem im N. der jetzige Canton Aargau (s.d.) und südwestl. der Canton Waadt (s.d.) davon abgerissen wurden. Durch den wiener Congreß erhielt jedoch B. wieder einen Zuwachs in dem größern Theile des ehemaligen Bisthums Basel.

B. war der erste Canton, welcher 1814 die vor 1798 gültige Verfassung wiederherzustellen suchte, und Schultheiß, kleine und große Räthe der Stadt und Republik B., bestehend aus 200 von der Stadt B. und 99 von Städten und Landschaften gewählten Mitgliedern, übten die souveraine und höchste Gewalt aus, bis im Dec. 1830 der große Rath in Folge der ausgebrochenen demokratischen Bewegungen eine Standescommission zur Erwägung der Wünsche des Volkes ernannte, die bei Auflösung der berner Regierung am 13. Jan. 1831 auch Vollmacht erhielt, die Wahl eines Verfassungsrathes durch das Volk zu leiten. Dieser bestand aus 111 Mitgliedern und legte am 6. Jul. 1831 einen Verfassungsentwurf dem Volke vor, der im Canton mit großer, in der Stadt aber nur mit geringer Mehrheit angenommen wurde, weil er der Herrschaft der berner Familienaristokratie ein Ende machte. Zufolge desselben gehört die Souverainetät der Gesammtheit des Volkes und wird einzig und allein durch einen großen Rath von 240 Mitgliedern, als Vertretern desselben verfassungsmäßig ausgeübt, dessen Präsident ein jährlich vom großen Rathe neugewählter Landamman ist. Die Mitglieder des Raths werden von Wahlmännern gewählt, die wieder, auf je 100 Seelen Einer, von den Urversammlungen der Gemeinden ernannt werden und in jedem Amtsbezirke eine Wahlversammlung ausmachen. Die oberste Vollziehungsbehörde bildet ein vom großen Rathe aus seiner Mitte gewählter Regierungsrath von 16 Gliedern unter dem Vorsitze eines Schultheißen. Das höchste Gericht besteht aus 10 vom großen Rathe gewählten Oberrichtern mit 15jähriger, und einem Präsidenten mit 5jähriger Amtsthätigkeit. Im Apr. 1832 vereinigte sich B. mit den Cantonen Luzern, Zürich, Solothurn, St.-Gallen, Aargau und Thurgau, um eine Revision des Bundesvertrags der Eidgenossen zu veranlassen und zeichnete sich in den neuesten Verhältnissen der Schweiz (s.d.) stets durch sein entschieden demokratisches Benehmen aus.

Der Canton B. ist in 27 Amtsbezirke eingetheilt und ziemlich in der Mitte des Landes liegt auf einer an drei Seiten von der Aar umfluteten, 1708 F. über die Meeresfläche erhabenen Halbinsel die Hauptstadt Bern mit 20,000 Einw., umgeben mit Mauern und ausgemauerten Gräben, in denen zwei Bären, als Wahrzeichen der Stadt, aufbewahrt werden. Ihre jetzige Gestalt erhielt die Stadt seit 1405, wo sie fast ganz abbrannte, und besteht eigentlich aus zwei langen, an den hohen Ufern der Aar hinlaufenden Hauptstraßen und einer Menge krummer und winkliger Gassen. Die Bogengänge mit Kaufmannsläden, welche sich an den Seiten mehrer Straßen befinden, gewähren zugleich einen geschützten Weg für Fußgänger. Zu den ausgezeichneten Gebäuden gehören das prächtige Münster aus dem 14. Jahrh., mit vielen Glasmalereien, Schnitzwerk und Bildhauerarbeiten, die aus Quadern aufgeführte neuere Heiligegeistkirche, die Münze, das Zeughaus, Bürgerspital, das Krankenhaus, die Insel genannt, das Waisenhaus, Theater und der Erlach'sche Palast. B. hat seit dem Nov. 1834 eine Universität; außerdem sind als öffentliche Bildungsanstalten zu erwähnen ein Gymnasium, mehre andere Lehranstalten, eine Taubstummenanstalt, verschiedene gelehrte Gesellschaften, zwei botanische Gärten, die an historischen Handschriften reiche Stadtbibliothek, Münz-und naturhistorische Sammlungen. Die Fabriken liefern wollene, seidene und leinene Stoffe; berühmt ist das in B. bereitete Schießpulver. Zwei im Frühjahr und Herbst gehaltene Messen befördern den nicht unbedeutenden Handelsverkehr, da Bern der Stapelplatz aller Bedürfnisse und Producte des Cantons ist. Wegen seiner hohen Lage ist B. einer der gesundesten Orte der Schweiz, hinsichtlich des Lebensunterhalts aber nächst Genf auch einer der theuersten. Zwei Stunden nördl. von B. liegt der durch Fellenberg's (s.d.) landwirthschaftliche und Erziehungsanstalten berühmt gewordene Ort Hofwyl. Andere wichtige Orte sind Langenthal mit 2800 Einw. und bedeutenden Märkten; Nidau an der schiffbaren Zihl mit 400, Neuveville am Fuße des Chasseral mit 1200 Einw.; die vordem reichsfreie Stadt Biel am Bielersee mit 2800 Einw.; Bruntrut oder Porentruy mit 1900 Einw., einer Gewehrfabrik und dem Residenzschlosse der ehemaligen Bischöfe von Basel. In der Nähe befindet sich das schon zur Römerzeit bekannte Felsenthor Pierrepertuis, ein 50 F. hoher Paß durch eine 15 Fuß dicke Felsenwand des Jura, der ehemals für die natürliche Grenze der Schweiz galt und durch den die Straße von B. nach Basel führt. Ferner sind zu erwähnen Delmont mit 1280 Einw., wichtigen Eisengruben und Hammerwerken, und Münster an der Birs mit 6000 Einw. und vielen Töpfereien. In dem 10 Stunden langen Emmenthale, der reichsten Alpenlandschaft der Schweiz und bekannt wegen der dort bereiteten Käse, ist das Städtchen Burgdorf mit 1800 Einw. der Hauptort, bei dem das Schloß liegt, in welchem Pestalozzi (s.d.) seine Erziehungsanstalt gründete. Am Ausflusse der Aar aus dem Thunersee liegt das alte Thun mit 4000 Einw., der eidgenössischen Militairschule und einer großen Seidenbandfabrik; die Aussicht vom dortigen Kirchhofe, zu welchem man auf vielen Stufen hinaufsteigt, gehört zu den berühmtesten der Schweiz. Zwischen dem Thuner- und Brienzersee liegen Unterseen mit 1100 Einw., und das als Molkencurort bekannte Interlaken. Bei Thun beginnt das berner Oberland, das aus mehren Thälern besteht, welche südl. zu den höchsten Gebirgen hinaufsteigen; besonders merkwürdig ist das 12 Stunden lange, von der Aar durchströmte Haslithal, bevölkert vom schönsten Stamme aller Alpenbewohner, der seine Abkunft von den Schweden herleitet und wo Meiringen der Hauptort ist, bei dem sich der prachtvolle Wasserfall des Reichenbach befindet. Im Hintergrunde des Thales führt über den Grimsel ein Alpenpaß nach Oberwallis und 1/2 Stunde unterhalb des höchsten Punktes liegt das Grimselspital, 5600 F. über dem Meere, wo vom März bis Nov. Arme unentgeltliche Aufnahme finden. Außerdem sind vorzüglich zu erwähnen das Grindelwaldthal, von Reisenden besonders häufig besucht, weil man nirgend die größten Gletscher [231] bequemer und gefahrloser sehen kann; das Lauterbrunnenthal, 5 Stunden lang und kaum 1/4 Stunde breit, mit dem 925 F. hoch vom Pletschberge herabfallenden Staubbach und gegen 20 andern Wasserfällen; das Frutigenthal, das Kanderthal, wo Kandersteg mit 700 Einw. das einzige Dorf ist, von dem ein Paß über den Gemmi nach Leuk in Wallis führt; das Simmenthal und Sanenthal. Unter mehren Heilquellen des Cantons sind die der Badeorte Aarzihle, Engistein, Blumenstein und Gurnigel die berühmtesten.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 1. Leipzig 1837., S. 230-232.
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