Saint-Pierre

[20] Saint-Pierre (Jacq. Henri Bernardin de), einer der besten und beliebtesten Schriftsteller Frankreichs, wurde 1737 zu Havre aus einer alten Familie geboren. Schon früh waren Reisebeschreibungen die Lieblingslecture des Knaben. Die Ältern sahen seine Neigung zum Seeleben und gaben ihn deshalb schon im zwölften Jahre auf das Schiff eines Oheims nach Martinique mit. Doch nach zwei Jahren trieb ihn das Heimweh nach dem Vaterlande zurück. Nun wollte S. Missionar, wo möglich Märtyrer werden und besuchte deshalb das Jesuitenseminar zu Caen. Die classischen Studien beendete er 1757 auf dem Collège zu Rouen und wurde darauf, um Ingenieur zu werden, nach Düsseldorf geschickt. Hier zeichnete er sich zwar durch Muth und Talent aus, zerfiel und verfeindete sich jedoch auch hier mit seinen Vorgesetzten durch subordinationswidrigen Sinn. Er nahm nun, nach Frankreich zurückgekehrt, eine Anstellung als Ingenieur der Malteserritter an, mußte aber, da er ohne Bestallung abgereist war, unverrichteter Sache wieder zurückkehren. Jetzt gab er in Paris Privatunterricht in der Mathematik, ging nach einiger Zeit nach Amsterdam, wo er an einem Journale arbeitete, von da nach Petersburg, wo ihm Katharina den Capitainsrang und eine Pension ertheilte und als Ingenieur nach Finnland sandte. Im Begriff sich mit einer poln. Gräfin zu vermählen, ging er plötzlich nach Warschau, um für die Polen zu fechten. Darauf Wien, Dresden, Berlin besuchend, kehrte er 1766 so arm, als er weggegangen war, nach Paris zurück. Hier gab man ihm eine Ingenieurstelle auf Isle de France, von wo ihn jedoch in Kurzem wieder sein Insubordinationsgeist vertrieb. Nun beschloß er, seit 1771 wieder in Paris, sich allein und als Schriftsteller zu leben und trat mit I. I. Rousseau (s.d.) in freundschaftlichen Verkehr, der bis zu dessen Tode währte. S.'s bisheriges unruhiges Leben hatte ihm Erfahrungen und Anschauungen verschafft, wie sie wenig Schriftstellern zu Theil werden. Nächst der Darstellung seiner Reise nach Isle de France, Isle de Bourbon u.s.w. gründete zuerst die Herausgabe seiner »Studien der Natur« (deutsch von Tschoppe, 2 Bde., Görl. 1795–96) und besonders der im vierten Bande derselben enthaltene kleine Roman »Paul und Virginie«, welcher von 1788–1828 unendlich oft aufgelegt und in die meisten neuern Sprachen übersetzt wurde, den bedeutenden Ruf, den S. seitdem nicht nur in Frankreich, sondern in der ganzen civilisirten Welt als Schriftsteller genoß. S. stellte darin die Natur weniger als Naturforscher, denn als geistreicher und feinsinniger Beobachter derselben dar; »Paul und Virginie« besonders aber erwarb ihm durch den lieblichen Inhalt die Zuneigung aller zartfühlenden Herzen. Ebenso wurde sein zweiter kleiner Roman: »Die indische Hütte«, mit Begeisterung aufgenommen. Die Revolution, der er in zwei Schriften huldigte, ließ ihn unangefochten, trotzdem daß er gegen den zu jener Zeit sanctionirten religiösen Unglauben auftrat und öffentlich und mit großem Nachdruck seinen Glauben an Gott bekannte. Ludwig XVI. hatte ihn beim botanischen Garten zum Nachfolger Buffon's ernannt; als diese Stelle einging, wurde er 1794 Professor der Moral an der Normalschule und 1795 Mitglied des Instituts. Später schloß sich S. der Familie Bonaparte an. Er starb am 21. Jan. 1814 auf seinem Landgute bei Paris. Für Deutschland von besonderm Interesse ist noch seine »Reise in Schlesien«. Der literarische Charakter dieses feinsinnigen Auslegers der Natur besteht in Adel, Reinheit und Naivetät des Gefühls und in dem durch seine Einfachheit rührenden Ausdrucke in Sprache und Darstellung. Die beste Ausgabe seiner sämmtlichen Werke besorgte S. Aimé-Martin (12 Bde., Par. 1821).

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 4. Leipzig 1841., S. 20.
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