Indischer Ozean

[804] Indischer Ozean (hierzu die Karte »Indischer Ozean«), das große Meeresbecken, das im W. von der Ostküste Afrikas, im N. von Asien, im O. von den Großen Sundainseln und Australien und im S. nach einigen Geographen durch eine von der Südspitze Afrikas zur Südwestecke Australiens gezogene Linie begrenzt wird, während andre den südlichen Polarkreis als die Südgrenze annehmen, so daß man sich die West- und Ostgrenze durch die Meridiane von Kap Agulhas, resp. von dem Südkap Tasmanias dargestellt denken müßte. Das Areal des Indischen Ozeans ist auf 73,325,872 qkm (1,331,675 QM.) berechnet worden, ist also fast 2,5 mal so groß wie Afrika. Die Tiefenverhältnisse sind besonders durch die Lotungen der drei deutschen Expeditionen auf der Gazelle 1875, auf der Valdivia 1898/99 und auf dem Gauß 1901–03 (s. Maritime wissenschaftliche Expeditionen) sowie durch mehrere Kabeldampfer ziemlich gut bekannt geworden. Der Osten des Ozeans ist durch ein ausgedehntes tiefes Becken mit Tiefen von 5–6000 m und darüber ausgezeichnet, das zwischen 5 und 40° südl. Br. sich vom 85.° östl. L. nach O. bis dicht an die Küste Australiens und bis in die Ecke zwischen diesem Kontinent und den Sundainseln erstreckt und im S. den größten Teil der Einbuchtung an der Südküste Australiens ausfüllt. Die bisher bekannte tiefste Einsenkung liegt rund 1000 km im SO. von den Kokosinseln, wo der Dampfer Sherard Osborn 1900 in 18°6´ südl. Br. u. 101°54´ östl. L.6459 m fand.

An das tiefe australische Becken schließt sich nach S. ein Plateau mit Tiefen von 3–4000 m an, das im W. durch die einsamen Inseln St. Paul und Neu-Amsterdam sowie Kerguelen begrenzt ist und bis in das Eismeer zu reichen scheint. Der größte übrige Teil des Indischen Ozeans, d. h. die ganze Westhälfte, weist meistens Tiefen von 4–5000 m auf; doch befindet sich im S. von den Prinz Edward- und Crozet-Inseln ein sehr tiefes, ebenfalls von der deutschen Valdivia entdecktes Becken, das in etwa 60° südl. Br. 6000 m erreichen dürfte. An der Ostküste Afrikas fällt der Meeresboden ziemlich steil in große Tiefen ab, nur zwischen derselben und Madagaskar bleibt ein Plateau. Das Arabische Meer hat ein sehr gleichmäßiges Niveau von etwa 3500 m Tiefe. Der Meerbusen von Bengalen weist zwischen Ceylon und den Andamanen ein ähnliches ebenes Becken auf wie das Arabische Meer, steigt dann aber nach den Küsten zu stufenweise auf. Die größten Tiefen des Roten Meeres (s. d.) liegen überall in der Mitte zwischen beiden Ufern; das Rote Meer gleicht einem V-förmigen Graben, seine absolut größte Tiefe beträgt 2190 m. Der Persische Golf ist dagegen sehr seicht, da er durchschnittlich nur 100 m tief ist. Die Oberflächentemperaturen des Indischen Ozeans sind, verglichen mit denen des Südatlantischen Ozeans, sehr hoch; gewaltige Flächen zu beiden Seiten des Äquators sind im Indischen Ozean über 27°, ja 28° warm. Einzelne kleine Unregelmäßigkeiten sind größtenteils den Wind- und Strömungsverhältnissen zuzuschreiben; so ist die Temperaturerniedrigung an dem nördlichen Teil der afrikanischen Küste eine Folge des Südwestmonsuns und des durch denselben veranlaßten Aufsteigens von kaltem Wasser aus der Tiefe. Die Abnahme der Temperatur mit der Tiefe erfolgt, analog den andern Ozeanen, auf den niedrigen Breiten schneller als auf den höhern; doch sind auch hier die obersten 100 m außerordentlich viel wärmer als die obersten 100 m im Atlantischen Ozean. Die Tabelle gestattet einen Vergleich der Tiefenwärme unter dem Äquator in diesen beiden Meeren.

Tabelle

Die durchschnittliche Grenze des Treibeises überschreitet nordwärts überall den 60.°, im S. Afrikas den 50.°, und schwimmenden Eisbergen begegnet man häufig noch bis 45° südl. Br. Aus den kalten Bodentemperaturen, die auch im nördlichen Teil in großen Tiefen etwa 1,4° betragen, läßt sich folgern, daß das kalte polare Wasser am Boden freien Zugang auch in das Arabische Meer findet. Nichts deutet auf die Reste eines frühern Kontinents im Indischen Ozean, Lemuria, hin, als dessen Überbleibsel Madagaskar, die Seschellen und Maskarenen auf der einen Seite, Ceylon und die Großen Sundainseln auf der andern ihrer Fauna und Flora noch eine Zeitlang angesehen wurden, und der zuweilen als Ursitz des Menschengeschlechts angenommen worden ist. An Strömungen (s. Karte »Meeresströmungen«) weist der südliche Teil des Indischen Ozeans einen ähnlichen Kreislauf auf wie der Atlantische Ozean; im nördlichen Teil wechseln die Richtungen mit den dort herrschenden Monsunen (s. unten die Windverhältnisse). Im Gebiet des Südostpassats bewegt sich eine Äquatorialströmung von O. nach W. zwischen den Grenzen 3° und 23° südl. Br. In der Nähe der Insel Rodriguez teilt sich dieser Strom in zwei Zweige, von denen der eine nach SW. im O. von Madagaskar vorbeigeht und weiter nach SO. in die höhern Breiten zieht. Der nordwestliche Zweig passiert nördlich von Madagaskar und teilt sich sodann auch in zwei Arme; der eine fließt südwärts an der Ostküste von Afrika entlang unter dem Namen Mosambikstrom durch die gleichnamige Straße und erreicht als Agulhas- oder Kapstrom, mit einer stündlichen Geschwindigkeit von 1–4 Seemeilen an der Küste entlang strömend, fast das Kap der Guten Hoffnung, er ist hier am Kapland ein ausgesprochen warmer Strom. Der andre Arm des obenerwähnten nordwestlichen Zweiges des Äquatorialstroms setzt von etwa 10° südl. Br. ab nordwärts, reicht während der Zeit des Südwestmonsuns (April bis Oktober) längs der afrikanischen Küste bis zum Kap Guardafui und folgt dann weiter in östlicher Bewegung den Küsten des Arabischen Meeres und des Meerbusens von Bengalen. Während des Nordostmonsuns dagegen läuft in diesen beiden großen Meeresbuchten eine Strömung in umgekehrter Richtung von O. nach W. Zwischen Äquator und rund 8° südl. Br. findet der Seefahrer auf der hinterindischen Seite meistens eine rückläufige Bewegung nach O., so daß hier ein Äquatorialgegenstrom besteht, der das Abbild und Gegenstück zu dem atlantischen Guineastrom[804] darstellt. Die Windverhältnisse werden durch die ausgedehnten Ländermassen, die den Indischen Ozean im N. abschließen, wesentlich beeinflußt. Nur südlich von 10° südl. Br. findet sich das ganze Jahr hindurch ein regelmäßiger Südostpassat; nördlich vom Äquator wechseln die Winde mit den Jahreszeiten. Im Sommer weht ein Südwestmonsun in den tropischen Breiten auf den erhitzten asiatischen Kontinent zu, ein Wind, dessen Richtung sich im Winter umkehrt und der dann als Nordostmonsun nach der nun höher erwärmten Südhemisphäre hinweht. In analoger Weise entsteht im östlichen Teil zwischen dem Äquator und Australien während des südlichen Sommers ein von letztgenanntem Kontinent hervorgerufener Nordwestmonsun. Im allgemeinen sind die Winde des äquatorialen Indischen Ozeans schwach und z. T. durch längere Perioden von Windstillen unterbrochen. Doch sind verheerende Orkane im Indischen Ozean keineswegs selten; besonders gefürchtet sind in dieser Beziehung zur Zeit des nordhemisphärischen Winters die Gewässer von Mauritius. Südlich von 35° südl. Br beginnt die breite Zone der beständigen (»braven«) Westwinde, die rund um die südliche Hemisphäre sich ununterbrochen fortsetzt.

[Verkehrsverhältnisse.] Im Indischen Ozean ist namentlich zwischen dem 40. und 50.° südl. Br. die große Heerstraße der nach Indien und Australien bestimmten Segelschiffe, die dort noch der Dampfschifffahrt Konkurrenz zu machen vermögen (Näheres s. Seglerwege). Seit der Durchstechung der Landenge von Suez ist aber der nördliche Teil des Indischen Ozeans der belebteste, ihn durchziehen alle nach Indien, Ostafrika, Ostasien und Australien bestimmten Dampferlinien, während der südliche nur von Australien aufsuchenden Dampfern durchschnitten wird. Die wichtigsten Dampferwege laufen durch das Rote Meer nach Colombo (Ceylon), von da durch die Malakkastraße über Singapur nach Hongkong und nach den nordchineiischen und japanischen Häfen; vom Roten Meer nach den vorderindischen Häfen; vom Roten Meer nach der Ostküste von Afrika bis Kapstadt und nach Madagaskar; Zweiglinien von Colombo nach australischen Häfen und Mauritius; von Singapur nach den Sundainseln, Neuguinea und Queensland. Hauptlinien vom Roten Meer über Seschellen nach Madagaskar; von England über Kapstadt nach Neuseeland. Entfernungen zwischen Hamburg etc. und Häfen des Indischen Ozeans s. Textbeilage II zum Art. »Dampfschiffahrt« mit der »Weltverkehrskarte«.

Die wichtigsten Seehäfen des Indischen Ozeans sind: Aden (Kohlenplatz), Karatschi, Bombay, Colombo (Kohlenplatz), Madras, Kalkutta, Rangun, Moulmein, Pulo Weih (Kohlenplatz), Penang, Singapur, Padang (Königin-Emmahafen), Fremantle (Australien), Albany, Adelaide, Melbourne, Port Louis (Mauritius, Kohlenplatz), Tamatave, Port Elizabeth, East London, Port Natal, Lourenço Marquez, Beira, Dar es Salam, Sansibar, Tanga, Dschibuti.

Zwei Kabel laufen von Suez nach Aden, zwei von Suez nach Suakim (mit Anschluß nach Djedda) und Obok; drei von Aden nach Bombay; eins von Karatschi nach Abuschehr mit Anschluß nach Maskat. An der ostafrikanischen Küste laufen zwei Kabel von Aden über Bagamoyo nach Dar es Salam und über Mosambik und Lourenço Marquez nach Natal; ein Kabel von Bagamoyo über Mahé nach Mauritius. Ein Kabel von Natat über Mauritius, Rodriguez und Kokosinsel durch die Sundastraße nach Singapur; eins von der Kokosinsel über Perth (Australien) nach Adelaide. Ein Kabel geht von Singapur über Banjuwangi nach Broome (Australien) und zwei von Banjuwangi nach Port Darwin (Australien). Geplant ist die Legung eines großen französischen Kabels im Anschluß an die geplante Landtelegraphenlinie Boma-Mosambik, auslaufend von letzterm Hafen nach Majunga (Madagaskar), von da über Land nach Tamatave, von da Seekabel über Réunion durch die Sundastraße nach Saigon. Vgl. »Segelhandbuch und Atlas des Indischen Ozeans«, hrsg. von der Deutschen Seewarte (Hamb. 1891 u. 1892); v. Boguslawski u. Krümmel, Handbuch der Ozeanographie (Stuttg. 1884–1887, 2 Bde.); Schott, Ozeanographie und maritime Meteorologie, in den »Wissenschaftlichen Ergebnissen der deutschen Tiefsee-Expedition« (Jena 1902, 2 Bde.); Findlay, The Indian Ocean (4. Aufl, Lond. 1882); Niederländisches Meteorologisches Institut: Waarnemingen in den Indischen Oceaan (Utrecht 1882, 1889, 1893).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 9. Leipzig 1907, S. 804-805.
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