Maritime wissenschaftliche Expeditionen

[314] Maritime wissenschaftliche Expeditionen. Unternehmungen zur Förderung der Hydrographie, der Ozeanographie und der Tiefseeforschung; die von solchen maritimen Expeditionen ausgeführten Untersuchungen erstrecken sich also, von den geographischen Forschungen, der Aufnahme und Positionsbestimmung von Küsten und Inseln abgesehen, auch auf die Bestimmung der Tiefen der Meere, der Bodenformation und Beschaffenheit des Grundes, der chemischen und physikalischen Eigenschaften des Wassers, des spezifischen Gewichts, der Temperatur, Farbe und Durchsichtigkeit, der Bewegung des Wassers in den Strömungen und Gezeiten (Ebbe und Flut) sowie auf das Tier- und Pflanzenleben der Ozeane. Über die bei diesen Expeditionen angewandten Arbeitsmethoden vgl. besonders Artikel »Tiefseeforschung«. Der amerikanische Seeoffizier Maury (s. d.) kann als der geistige Vater solcher Unternehmungen gelten, da er zuerst, zusammen mit Brooke, 1854–57 die Grundlagen für wirkliche Tiefenmessungen und für Tiefenkarten des Atlantischen Ozeans beschaffte. Nach der biologischen Seite hin ist Wyville Thomson (s. d.) der Urheber der modernen maritimen Forschung geworden (seit 1868). Die Vermessungsfahrzeuge, zumal die englischen, wie z. B. »Penguin«, sowie die ebenfalls meist englischen Kabeldampfer bringen eine von Jahr zu Jahr steigende Zahl von Tiefseelotungen, Meeresgrundproben nach Hause und fördern dadurch auch die wissenschaftlichen Kenntnisse vom Meer ungemein (vgl. die jährlich herausgegebenen »Lists of oceanic depths«, Lond.). Neuerdings treten auch die Deutschen hierin auf, so die zwei den Norddeutschen Seekabelwerken in Nordenham gehörenden Kabelleger »von Podbielski« und »von Stephan«. Zu erwähnen sind noch zahlreiche wissenschaftliche Tiefsee-Expeditionen (von meist kurzer Dauer) des Fürsten Albert von Monaco im Mittelmeer, im östlichen Nordatlantischen Ozean bis Spitzbergen. Wichtig werden sicherlich auch die seit 1902 im Gang befindlichen, auf fünf Jahre berechneten internationalen hydrographischen synoptischen Untersuchungen der Ostsee, Nordsee und des Atlantischen Ozeans zwischen Island, Spitzbergen und Norwegen; an ihnen sind Deutschland, England, Belgien, Holland, Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland, Rußland beteiligt, meist mit besondern, zu dem Zweck erbauten Forschungsfahrzeugen; Poseidon ist das deutsche, vom Seefischereiverein mit Beihilfe des Reichsamtes des Innern erbaute Schiff. Diese Arbeiten gelten vorzugsweise der Aufklärung der Lebensbedingungen der Nutzfische. – In der letzten Zeit mehren sich, besonders infolge der zahlreichen Verlegungen von Tiefseekabeln, die maritimen Expeditionen so ungemein, daß wir im folgenden eine Übersicht nur der hervorragendsten maritimen Expeditionen in chronologischer Folge und nach den Namen der Schiffe, auf denen dieselben unternommen wurden, anführen, unter Hinzufügung der hauptsächlichsten Literatur für dieselben, soweit sie nicht in den Biographien der betreffenden Reisenden angegeben ist. (Über ältere m. w E. vgl. Erdumsegelung.)


Resolution und Adventure, englisch, 1772–75, unter dem Oberbefehl von James Cook (s.d.); wissenschaftliche Begleiter Reinhold und Georg Forster (s.d.). Erdumsegelung von Westen nach Osten, ums Kap der Guten Hoffnung in das Südliche Eismeer bis 71°10' südl. Br.; Sandwichinseln entdeckt.

Newa, russisch, 1803–06, unter Kapitän A.J.v. Krusenstern (s.d.); Begleiter Horner und O.v. Kotzebue. Erdumsegelung; Orlowinseln entdeckt; japanische Inseln und Kurilen durchforscht und aufgenommen.

Rurik, russisch, 1815–18, unter Kapitan Kotzebue (s.d. 2); Begleiter Chamisso (s.d.) und Eschscholtz (s.d.). Erdumsegelung, um die Entdeckungen der Holländer im Stillen Ozean näher zu erforschen und eine nordwestliche Durchfahrt in der Nähe der Beringstraße zu suchen.

L'Astrolabe, französisch, 1826–29 und 1839–40, unter Kapitän Dumont d'Urville (s.d.); die letzte Expedition zusammen mit dem Schiff Zélée unter Jacquinots Führung. Weltumsegelung und Antarktisches Meer; Neuseeland und Neuguinea aufgenommen; zahlreiche Inseln entdeckt, Torres= und Cookstraße durchforscht.

Prinzeß Luise, Schiff der preußischen Seehandlung, 1830 bis 1832, Kapitän Wendt; Begleiter Meyen. Erdumsegelung. Meyen, Reise um die Erde (Berl. 1834).

Erebus und Terror, englisch, 1839–43, unter Kapitän Sir James Roß (s.d.). Erdumsegelung; Antarktisches Meer bis 78°4' südl. Br. »A voyage of discovery and research in the Southern and Antarctic regions« (Lond. 1847, 2 Bde.).

Erebus und Terror, englisch, 1845–48, unter dem Kommando von John Franklin. Expedition nach dem Nordpolarmeer zur Auffindung einer nordwestlichen Durchfahrt (s. Franklin 2). Mc. Clintock, Die Franklin-Expedition und ihr Ausgang (Leipz. 1861); Brandes, Sir John Franklin (Berl. 1854).

Novara, österreichisch, 1857–60, unter Admiral v. Wüllerstorf-Urbair; Begleiter K.v. Scherzer (s.d.) und F.v. Hochstetter (s.d.). Weltumsegelung. Die wissenschaftlichen Ergebnisse sind in einem vielbändigen Werk veröffentlicht.

Cyclops, englisch, 1857, unter Kapitän Pullen und Leutnant Dayman; Nordatlantischer Ozean. Auf Grund der Ergebnisse des Cyclops und Arctic wurde das erste transatlantische Kabel von Irland nach Neufundland gelegt. »Deep sea soundings in the North Atlantic Ocean, made in H.M.S. Cyclops« (Lond. 1858).

Lightning, englisch, 1868. Erste englische wissenschaftliche Tiefsee-Expedition von seiten der Royal Society in London, hauptsächlich zur Erforschung des Tierlebens zwischen den Hebriden, Shetland- und Färöerinseln. Wissenschaftliche Leiter Wyville Thomson (s.d.) und B. Carpenter.

Germania (Dampfer) und Hansa, 5. Juni 1869 bis 11. Sept. 1870, Germania unter Kapitän Koldewey (s.d. 1), Hansa unter Kapitän Hegemann, zweite deutsche Nordpol-Expedition (s. Nordpolar-Expeditionen).

Porcupine, englisch, 1869 und 1870. Wissenschaftlicher Leiter Wyville Thomson (s.d.). Vier Expeditionen, drei daven in der Nähe nnd weitern Umgebung von England, eine bis in das Mittelmeer ausgedehnt.

Pommerania, deutsch, 1871 und 1872, unter Korvettenkapitän Hoffmann; zwei Expeditionen unter Leitung der Kommission zur wissenschaftlichen Erforschung der deutschen Meere in Kiel. Ostsee nnd Nordsee. »Berichte der Kommission zur wissenschaftlichen Untersuchung der deutschen Meere«, 1873, 1875 u. 1878.

Challenger, englische Korvette, 7. Dez. 1872 bis 27. Mai 1876; Kommandant Kapitän Sir G. Nares, seit 1875 Kapitän Frank Thomson. Wissenschaftlicher Leiter Wyville Thomson (s.d.). Weltreise, mit besonderer Berücksichtigung des Atlantischen und des Stillen Ozeans. Größte aller bisherigen wissenschaftlichen Tieffee-Expeditionen. Resultate veröffentlicht in dem 1892 abgeschlossenen, wesentlich von J. Murray herausgegebenen Riesenwerk »Reports ot the scientific results of the voyage of H.M.S. Challenger«. (47 Bände).

Bache und Blake, amerikanisch, 1872–82 und 1888, im Golfstrom und im Karibischen Meer, im Nordatlantischen Ozean zwischen den Antillen und der Küste von Nordamerika. Verdient haben sich besonders die Marineoffiziere Sigsbee, Bartlett und Pillsbury gemacht.

Tuscarora, amerikanisch, verschiedene Expeditionen im Stillen Ozean, 1873–78. Unter Commander Belknap wurden die wichtigsten Arbeiten ausgeführt. Belknap, Deep sea soundings, in the North Pacific Ocean, obtained in the U.S.S. Tuscarora (Washingt. 1874).

Gazelle, deutsch, 21. Juni 1874 bis 27. April 1876, unter Kapitän zur See v. Schleinitz. Erdumsegelung, Beobachtung des Venusdurchgangs auf Kerguelen. Sehr verdienstliche Tiefseeforschungen auch in dem vom Challenger (s. oben) fast gar nicht berührten Indischen Ozean. »Die Forschungsreise S.M.S. Gazelle in den Jahren 1874–1876«, 5 Teile, herausgegeben vom hydrographischen Amt des Reichsmarineamts (Berl. 1889 u. 1890).

Vöringen, norwegisch, 1876–78, unter Kapitän Wille; drei Sommerfahrten im norwegischen Nordmeer. Wissenschaftlicher Leiter Professor Mohn. »Den norske Nordhavs-Expedition 1876–1878« (Christ. 1882 ff.), ein viele Bände umfassendes bedeutsames Werk.

Ingolf, dänisch, 1879, unter Kapitän Mourier, westlich und nördlich von Island, sowie 1895 und 1896 unter Kapitän Wandel, südlich und östlich von Island.

Vega, schwedisch, 22. Juni 1878 bis 3 Juli 1879, unter Leutnant Palander; wissenschaftlicher Leiter v. Nordenskiöld (s.d.). Nördliche Umschiffung von Asien, längs der Nordküste von Sibirien bis zur Beringstraße; nordöstliche Durchfahrt gefunden.

Travailleur, französisch, 1880–82. Wissenschaftlicher Leiter Professor A. Milne-Edwards. Mittelmeer und östlicher Teil des Nordatlantischen Ozeans.

Drache, deutsch, Sommer 1881, 1882, 1884, Korvettenkapitän Holzhauer, in der Nordsee. Amtlicher Bericht (Berl. 1886).

Talisman, französisch, Sommer 1883; wissenschaftlicher Leiter Milne-Edwards (s.d.); im Nordatlantischen Ozean.

Albatroß, amerikanisch, unter Lieutenant-Commander Tanner, 1883–86. Atlantischer Ozean, speziell westindische Gewässer. 1886–90 Südatlantischer und Stiller Ozean an der Westküste Amerikas, 1899–1900 im Stillen und Indischen Ozean, seit 1904 wieder im Stillen Ozean unter der wissenschaftlichen Leitung von A. Agassiz.

Holsatia, deutscher Dampfer, 1885 und 1887; zur Untersuchung der in diesen Meeren treibenden Organismen. Ost- und Nordsee. Leiter Möbius.

National, deutscher Dampfer, Plankton-Expedition (s. Plankton) im Atlantischen Ozean im Sommer 1889 zur Erforschung der Masse der im Meer treibenden Organismen (Plankton). Leiter Hensen. »Ergebnisse der Plankton=Expedition« (Kiel u. Leipz., seit 1892).

Tschernomorez, russisch, 1890, ozeanographische Forschungen im Schwarzen Meer. Leiter der Expedition Kapitänleutnant Spindler.

Pola, österreichisch, 1890–97, ozeanographische und biologische Forschungen im östlichen Mittelmeer, Ägäischen Meer und Roten Meer. (»Denkschriften der Wiener Akademie.«)

Fram, norwegisch, 1893–96 unter Kapitän Sverdrup. Nordpolar-Expedition. Wissenschaftlicher Leiter F. Nansen. Wichtige ozeanographische Arbeiten im Nördlichen Eismeer. »Scientific results of the Norwegian North Polar Expedition« (Christiania).

Belgica, belgisch, 1897–99, unter Kapitän de Gerlache. Südpolar-Expedition mit ozeanographischen Arbeiten südlich vom Kap Horn.

Valdivia, deutsch, 1898–99, unter Kapitän Krech; bisher wichtigste deutsche Tiefsee-Expedition. Wissenschaftlicher Leiter C. Chun. Atlantischer Ozean, Indischer Ozean und Südliches Eismeer. »Wissenschaftliche Ergebnisse der deutschen Tiefsee-Expedition« (Jena, seit 1902).

Siboga, niederländisch, 1899–1900, unter Kapitän Tydeman. Wissenschaftlicher Leiter M. Weber. Hinterindisch-malaiische Gewässer.[314]

Gauß, deutsch, 1901–03, unter Kapitän Ruser; Südpolar-Expedition. Wissenschaftlicher Leiter E.v. Drygalski. Ozeanographische Arbeiten im Atlantischen Ozean, Indischen Ozean und Südlichen Eismeer.

Discovery, englisch, 1901–04, unter Kapitän R. Scott, der zugleich wissenschaftlicher Leiter war. Südpolar-Expedition. Ozeanographische Arbeiten im südlichen Stillen Ozean und Südlichen Eismeer.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 13. Leipzig 1908, S. 314-315.
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