Ozeanographie

[285] Ozeanographie (Ozeanologie, griech.), die wissenschaftliche »Meereskunde«, befaßt sich mit den physikalischen, chemischen und biologischen Verhältnissen des Meeres. Verwandt hiermit ist die Hydrographie (s. d.), die dem Worte nach umfassender als O. ist, insofern sie allgemein »Gewässerkunde« bedeutet. In wissenschaftlichen Kreisen bezeichnet man aber mit Hydrographie die Lehre von den Gewässern (Flüssen, Seen etc.) des festen Landes, mit O. oder auch Ozeanologie die Lehre speziell von den Weltmeeren und ihren Erscheinungen. Die Vorstellungen des Altertums über das Meer und seine Erscheinungen waren das Produkt rein geistiger Spekulation. Auch fast das ganze Mittelalter brachte keine nennenswerten, auf Beobachtungen beruhende Aufschlüsse und Fortschritte. Erst im Zeitalter der großen Erfindungen und Entdeckungen wandte man sich, zum Teil durch die mit letztern verbundenen Seefahrten dazu gedrängt, mit erhöhtem Interesse der Meeresforschung zu. Es wurden die ersten Versuche gemacht (Magalhães, Cavendish), die Tiefe des Meeres in hoher See zu messen, was jedoch mit den damaligen 200–100 m langen Lotleinen nicht gelang. Die Meeresströmungen hat Kolumbus wiederholt beobachtet, beschrieben und zu erklären versucht; Cabral machte in bestimmter Form auf den Äquatorialstrom aufmerksam. Kepler, Leonardo da Vinci, Kant beschäftigten sich mit der Erklärung der Strömungen. In der Mitte des 16. Jahrh. sing man an, die gemessenen Tiefen auf den Seekarten einzutragen; holländische Karten waren die ersten dieser Art. Die ersten ernstlichen Versuche, die großen Tiefen der Ozeane aufzuschließen, verdanken wir Reinhold Forster, dem Begleiter von James Cook auf seiner zweiten Entdeckungsreise 1772–75 nach dem Südlichen Polarmeer. Wassertemperaturen in großen Tiefen wurden zuerst von Marsigli beobachtet; die Ergebnisse waren allerdings wegen der dazu ungeeigneten Thermometer noch wertlos. 1778 konstruierte Six sein Maximum- und Minimumthermometer, das gegen den Druck der großen Meerestiefen einigermaßen geschützt war und das Krusenstern und Horner in ausgedehnterm Maße während ihrer Weltumsegelung (1803–06) benutzten; nach ihnen Kotzebue, dessen Begleiter 1815–18 A. v. Chamisso war, Sir John Roß, Sir Ed. Sabine und Lenz. Alle diese berühmten Forschungsreisenden, zu denen noch Fitzroy zu zählen ist, mit dem Darwin (1831–36) seine große Weltreise machte, sammelten vorzugsweise Beobachtungstatsachen, die sich auf die Meeresoberfläche und auf das Luftmeer über den Meeren beziehen, also z. B. Angaben über Winde, Strömungen, Temperaturen. Eine wirkliche Organisation dieser Beobachtungstätigkeit zur See und die ersten systematischen Bearbeitungen der gesammelten ozeanographischen Tatsachen verdankt man dem Direktor des Washingtoner Nationalobservatoriums, M. F. Maury (s. d.); er entwarf zuerst Karten und Schemata, die den Schiffen mitgegeben und auf ihren Reisen durch Eintragungen von Beobachtungen vervollständigt wurden, und nach denen er seine berühmten »Wind- und Strömungskarten der Ozeane« 1848 verfaßt und herausgegeben hat. Auf seine Veranlassung trat 1853 in Brüssel eine Konferenz der seefahrenden Nationen zusammen, durch die ein einheitliches ozeanographisches und maritim-meteorologisches Beobachtungssystem zur Einführung gelangte; auf dieser Grundlage werden noch heute die die Meeresoberfläche betreffenden Beobachtungen an Bord der die Ozeane kreuzenden großen Segler und Dampfer angestellt und an verschiedenen Zentralstellen, z. B. Hamburg, London, Utrecht und Washington, gesammelt und verarbeitet. Daneben hat sich seit der Mitte des 19. Jahrh. auch der besondere Zweig der O., die Tiefseeforschung (s. d.), entwickelt und ungemein schnell vervollkommt. Den wichtigsten Anstoß hierzu bildete das Bedürfnis der unterseeischen Kabellegungen, die eine gründliche Kenntnis von den Tiefen, der Beschaffenheit und Temperatur des Meeresbodens etc. voraussetzten. Nachdem ein Kamerad des schon genannten Maury, der amerikanische Seeoffizier Brooke, 1854 das erste brauchbare Tiefseelot (s. Tiefenmessung) konstruiert hatte, ging die Entschleierung der Meerestiefen vorwärts, durch Vermessungsfahrzeuge der verschiedenen Marinen, durch die Kabeldampfer der großen Gesellschaften für transozeanische Telegraphie gefördert. Wichtig wurden dabei auch die von hervorragenden Vertretern der Zoologie und Geographie in das Leben gerufenen, rein wissenschaftlichen Tiefseeforschungen; die wichtigsten Expeditionen in dieser Hinsicht (vorzugsweise seit 1868) sind unter Maritime wissenschaftliche Expeditionen (s. d.) ausgeführt. Teils infolge der allgemeinen Zunahme geographischer Forschungstätigkeit, teils infolge der Zunahme der Seeschiffahrt wird gerade in neuerer Zeit für die O., die man auch als »Geographie der Meere« bezeichnen kann, von nahezu allen Kulturstaaten Erhebliches geleistet. In Deutschland steht die Deutsche Seewarte (s. Seewarte) in Hamburg voran, die zur Kaiserlichen Marine gehört; auf der Seewarte werden die ozeanographischen Beobachtungen hauptsächlich im Interesse praktischer Endzwecke, also zur Verbesserung und Sicherung der Segler- und Dampferwege verarbeitet; der Gründer und erste Direktor der Seewarte, Georg v. Neumayer, hat ähnlich wie Maury sich auch in dieser Beziehung durch grundlegende Arbeiten bleibende Verdienste erworben. Dem Marineobservatorium in Wilhelmshaven fällt in ozeanographischer Hinsicht im besondern die Bearbeitung der Ebbe- und Fluterscheinungen und die Herausgabe der deutschen Gezeitentafeln zu. Nur wissenschaftliche Zwecke verfolgt das an der Berliner Universität neugegründete preußische Institut für Meereskunde, mit dem eine umfassende ozeanographische Sammlung verbunden ist. Eine ältere preußische Einrichtung ist die Ministerialkommission zur Untersuchung der deutschen Meere, mit dem Sitz in Kiel. Hierher gehören auch die biologische Ziele verfolgende Biologische Anstalt auf Helgoland und die Deutsche Zoologische Station in Neapel. In den andern europäischen Staaten wird die O. gepflegt entweder von Unterabteilungen gelehrter, meist geographischer Gesellschaften (z. B. in Bordeaux) oder von den hydrographischen Ämtern der betreffenden Marinen. Sehr verdienstlich wirkt die internationale Kommission für Meeresforschung, an der Deutschland, England, Schottland, Belgien, Holland, Dänemark, Norwegen, [285] Schweden, Finnland und Rußland beteiligt sind, und die seit 1902 die systematische ozeanographische Erforschung der heimischen Meere, zumal der Nordsee und Ostsee, behufs Klärung der vielen Fischereifragen betreibt; manche der genannten Staaten haben eigne Forschungsdampfer dafür gebaut, ein Zentrallaboratorium ist in Christiania eingerichtet, der Geschäftssitz befindet sich in Kopenhagen. Bedeutsam in seiner Art ist endlich das Ozeanographische Museum des Fürsten Albert von Monaco in Monaco. Soweit es sich um Beobachtungen der Erscheinungen der Meeresoberfläche handelt, genügen meist einfache Instrumente ohne besondere Vorkehrungen, also die üblichen Thermometer, Aräometer etc. Für die bei der Erforschung der Meerestiefen angewandten Instrumente vgl. die Artikel »Tiefenmessung« und »Tiefseeforschung«. Über die Ergebnisse der O. vgl. Artikel »Meer« sowie die einzelnen Ozeane und Ozeanteile.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 15. Leipzig 1908, S. 285-286.
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