Magenkatarrh

[67] Magenkatarrh (Status gastricus, Gastrizismus), Störung der Magensekretion mit Steigerung der Schleimabsonderung. Der M. tritt in den verschiedensten Graden und Formen, mit sehr wechselnden Symptomen auf, und zwar richten sich die genannten Momente wesentlich nach der Dauer und den Ursachen der Krankheit sowie nach dem Alter und den sonstigen Verhältnissen des Patienten. Der M. ist bald akut, bald chronisch; beide Formen sind häufige Krankheiten, noch häufiger aber werden Störungen der Magentätigkeit von rein funktioneller Natur (s. Magenneurosen) irrtümlich als M. bezeichnet.

Die Disposition für den akuten M. ist bei verschiedenen Menschen sehr verschieden. Es scheint, als ob eine mangelhafte Absonderung von Magensaft die Disposition für den M. erhöhe, weil dadurch die Bildung abnormer Zersetzungsprodukte im Magen begünstigt wird. So tritt z. B. fast bei allen Fieberkranken M. auf, weil die Absonderung von Magensaft gestört ist, und kaum jemals bei Fieberkranken die Nahrungszufuhr entsprechend der Verminderung des Magensaftes herabgesetzt werden kann.

Auch bei heruntergekommenen und schlecht genährten Individuen, z. B. bei Rekonvaleszenten, scheint die Neigung zu derartigen Erkrankungen in mangelhafter Absonderung jenes Verdauungssaftes ihren Grund zu haben. Hat jemand wiederholt an M. gelitten, so wird er nur noch mehr zu ähnlichen Affektionen disponiert. Der akute M. wird hervorgerufen durch eine Aufnahme ungewöhnlich großer Quantitäten selbst leichtverdaulicher Speisen. Der Magensaft reicht dann zur Verdauung nicht aus, vor allem aber entsteht durch mechanische Überlastung des Magens Stauung des Inhalts, der dann leicht in Zersetzung übergeht. Wird ein Teil des Mageninhalts erbrochen und reicht der Magensaft hin, den Rest zu verdauen, so kommt es nicht zum Katarrh. M. kann auch durch mäßigen Genuß schwerverdaulicher Speisen oder durch Einfuhr grober, wenig zerkleinerter Nahrung bei ungenügendem Kauen, zumal wenn das Gebiß mangelhaft ist, hervorgerufen werden, er entsteht häufig auch infolge von Reizung der Magenschleimhaut durch sehr heiße oder sehr kalte Speisen und Getränke, durch manche Arzneien, vor allem durch zu starke oder zu viele spirituöse Getränke, durch scharfe Gewürze, wenn sie in größerer Menge genossen werden, und durch Diätfehler jeder Art (daher der Ausdruck verdorbener Magen); auch Erkältungen können M. hervorrufen. Zu gewissen Zeiten treten endlich Magenkatarrhe ohne bekannte Veranlassungen epidemisch auf, meist als Begleiterscheinung von Darmkatarrh, so besonders bei dem fieberhaften Magendarmkatarrh, der sogen. Sommercholera oder Cholerine (Cholera nostras).

Tritt der M. nur in geringem Grad ohne oder nur mit mäßigem Fieber auf, so geht er meist schnell[67] vorüber. Die Kranken fühlen sich matt, klagen über Frösteln und fliegende Hitze, drückenden Stirnkopfschmerz, Flimmern vor den Augen. Auch bei leerem Magen kann Druck und Schmerz in der Magengegend vorhanden sein; der Appetit fehlt, es besteht Übelkeit und Widerwille gegen Speisen. Häufig werden übelriechende oder geruchlose Gase durch Aufstoßen entleert, oft gelangen dabei sauer oder ranzig schmeckende Flüssigkeiten in den Mund. Die Zunge ist schleimig belegt, der Geschmack fade und pappig; es pflegt ein übler Geruch aus dem Munde vorhanden zu sein. Wenn, wie es häufig der Fall ist, der Darm mit beteiligt ist, kann sich Kolik und Durchfall hinzugesellen. Ist der akute M. die Folge einer stärker einwirkenden Schädlichkeit, so tritt stärkere Übelkeit mit Würgen und Erbrechen ein. Mitbeteiligung des Darms führt auch hier zu heftigem Durchfall. Erbrechen und Durchfall stellen hierbei Abwehrmaßregeln der Natur dar, durch die Beseitigung der schädlichen Stoffe erzielt und die Heilung beschleunigt wird. Häufig ist der dem Magen zunächst liegende Darmteil, der Zwölffingerdarm, mit erkrankt (Gastroduodenalkatarrh).

Ist der akute M. mit stärkerm, einige Tage anhaltendem Fieber verbunden, so kann er eine schwerere Erkrankung vortäuschen, einen beginnenden Typhus. Diese Fälle bezeichnet man als Gastrizismus oder auch bisweilen als gastrisches Fieber (Febris gastrica. mucosa, biliosa). Dasselbe tritt seltener mit einem einmaligen, stärkern Frostanfall, häufiger mit wiederholtem, leichtem Frösteln auf. Die Pulsfrequenz ist dem Fieber entsprechend erhöht, das Allgemeinbefinden ist in noch höherm Grade gestört als bei den oben beschriebenen Zuständen. Es kann dabei große Mattigkeit mit Gliederschmerzen, Schlaflosigkeit und schwerem Krankheitsgefühl bestehen. Diese Erscheinungen pflegen Ende der ersten oder Anfang der zweiten Woche nachzulassen, allmählich stellt sich Appetit ein, und es beginnt die Genesung. Die Kranken erholen sich aber nur langsam, bleiben lange Zeit sehr reizbar und bekommen leicht Rückfälle. Daß die katarrhalischen Erkrankungen des Darms, zumal der zunächstgelegenen Teile des Dünndarms, häufig zusammen mit M. vorkommen, ist bekannt; so kompliziert sich der akute M. besonders leicht mit katarrhalischer Gelbsucht. Auch die Cholerine (s. Cholera) ist stets mit akutem M. verbunden. Der Ausdruck gastrisches Fieber wird übrigens häufig (unberechtigterweise) für leichtere Fälle von Unterleibstyphus angewendet.

Was die Behandlung des akuten Magenkatarrhs anbetrifft, so ist die wichtigste Aufgabe die, den M. zu verhüten. Besonders bei Fieberkranken und Genesenden, bei Neugebornen und Säuglingen muß die Diät überwacht werden. Wenn sich schädliche Dinge, z. B. in Zersetzung begriffene Nahrungsmittel, im Magen befinden, so ist deren Entfernung, gründliche Reinigung des Magens durch Spülung mittels der Magensonde das beste Mittel. Auch kann durch Trinken größerer Mengen warmen Salzwassers Erbrechen erzielt werden. Weniger geeignet ist die Darreichung von Brechmitteln. Sind Kolikschmerzen, Blähungen etc. vorhanden, so sind Abführmittel am Platze. Bei abnormer Säurebildung ist gebrannte Magnesia, in Wasser eingerührt, ganz zweckmäßig, ebenso das doppeltkohlensaure Natron. Bei kleinen Kindern tut ein Pulver von Magnesia mit Rhabarber sehr gute Dienste. Während eines akuten Magenkatarrhs muß der Kranke gänzlich fasten oder doch nur milde Nahrungsmittel, am besten einfache Wassersuppe, zu sich nehmen. Bei der schwerern Form (s. oben) muß man, um die Kräfte des Kranken zu schonen, etwas gehaltvollere Kost (konzentrierte Fleischbrühen, Ei) geben. Um das übermäßige Erbrechen und den Durchfall zu stillen, läßt man den Kranken kleine Eisstückchen verschlucken und gibt ihm Opiumpräparate.

Der chronische M. entwickelt sich bald aus dem akuten M., wenn dieser sich in die Länge zieht oder häufig von neuem erscheint, bald tritt er von Anfang an als chronische Erkrankung auf. Alle Schädlichkeiten, die einen akuten M. hervorrufen, können, wenn sie lange anhalten oder sich häufig wiederholen, auch Ursachen des chronischen Magenkatarrhs werden. Am häufigsten führt zu chronischem M. dauernder mißbräuchlicher Genuß spirituöser Getränke (s. Trunksucht). Außerdem hängt der chronische M. häufig von Stauungen des Blutes in den Gefäßen des Magens ab, wie dies bei Krankheiten der Leber, des Herzens und der Lungen der Fall ist. Lungentuberkulose sowie andre chronische Krankheiten sind sehr häufig, Magenkrebs, Magenerweiterung und andre Entartungen des Magens stets mit chronischem M. verbunden, da bei diesen Leiden die natürliche Magenbewegung in hohem Grade daniederliegt, so daß die Nahrung zu lange im Magen verweilt und sich allerlei Gärungsprozesse, insbes. die Milchsäurebildung, im Magen entwickeln (s. Magenkrebs). Die Magenschleimhaut ist nach langer Dauer der Erkrankung häufig verdickt und mit warzenförmigen Schleimhautwucherungen besetzt. Bei sehr langer Dauer kann es zu Atrophie der Schleimhaut mit teilweisem oder gänzlichem Schwund der Drüsen kommen. Bei dem chronischen M. klagen die Kranken meist über ein Gefühl von Druck und Vollsein in der Magengegend, das nach dem Essen vermehrt wird, sich aber selten zum eigentlichen Schmerz steigert. Die Magengrube ist dabei vorgewölbt, weil der Magen mit Gasen und mit den lange Zeit in ihm verweilenden Speisen erfüllt und erweitert ist. Die Gase werden von Zeit zu Zeit durch Aufstoßen entleert, wobei auch etwas Mageninhalt von saurem oder ranzigem Geschmack in den Mund gelangt. Häufig entsteht durch diese sauren Massen ein garstiges Gefühl im Schlund und Schlundkopf (Sodbrennen). Seltener tritt Erbrechen auf. Das Erbrochene ist gewöhnlich nur zäher Schleim, der nach langem Würgen entleert wird. Dieses Erbrechen begleitet ganz gewöhnlich den chronischen M. der Säufer und stellt den berüchtigten Wasserkolk (vomitus matutinus) dar. Bei vielen Kranken ist das Hungergefühl, auch wenn sie schon abgemagert sind und der Körper dringend Ersatz bedarf, fast erloschen. In einzelnen Fällen, namentlich bei starker Säurebildung, entsteht zeitweise großes Hungergefühl, von schmerzhaften Empfindungen im Magen und Schlund begleitet, der sogen. Heißhunger. Die Zunge ist beim chronischen M. dick belegt, zeigt an den Rändern die Eindrücke der Zähne; der Geschmack ist fade und pappig, der Geruch aus dem Munde mehr oder weniger widerwärtig und stinkend (foetor ex ore). Gewöhnlich gesellen sich zu den Symptomen des chronischen Magenkatarrhs auch noch die des chronischen Darmkatarrhs: hartnäckige Verstopfung abwechselnd mit dünnen Stuhlgängen, Blähungen, Ausgetriebenheit des Leibes. Die Symptome des chronischen Magenkatarrhs können mehr oder weniger heftig und mit häufigen Schwankungen in ihrer Intensität monate-, selbst jahrelang fortbestehen. Dabei entwickeln sich häufig psychische Alterationen depressiver Art, die man gewöhnlich als Hypochondrie bezeichnet. Lassen sich[68] die Ursachen des chronischen Magenkatarrhs beseitigen, so endet die Krankheit bei zweckmäßiger Behandlung gewöhnlich mit Genesung. Die Heilungsaussichten sind um so besser, je kürzer das Leiden besteht, und unter je günstigern äußern Verhältnissen der Kranke lebt.

Die Behandlung des chronischen Magenkatarrhs erfordert vor allen Dingen die Beseitigung seiner Ursachen, worüber schon beim akuten M. gesprochen wurde. Notwendig ist das Verbot spirituöser Getränke, wenn der anhaltende Mißbrauch derselben die Krankheit hervorgerufen hat und unterhält. Die Speisen müssen mit der größten Sorgfalt ausgewählt werden, und der Kranke darf nichts andres, als was der Arzt bestimmt hat, genießen. Allgemein gültige Speisezettel können nicht angeführt werden, da die verschiedenen Formen der Erkrankung und die individuellen Verhältnisse berücksichtigt werden müssen. Die Speisen müssen in flüssiger oder breiiger reizloser Form dargeboten werden (Suppen, Reisbrei, Kartoffelbrei, weiche Eier). Später sind leichtverdauliche nicht fette Fleisch- und Fischsorten, junge Gemüse, Zwieback, Weißbrot u. a. erlaubt. Die Speisen müssen sehr gut gekaut und stets nur in kleinen Mengen auf einmal genossen werden. Eine Milchkur bekommt manchen Kranken vortrefflich, andern aber gar nicht. Besser als frische Milch bekommt vielen Kranken die Buttermilch. Fleischextrakte und Peptonpräparate sind nur in kleinen Mengen ratsam und stellen Arznei- und Reizmittel, nicht Nahrungsmittel dar. Bei schwereren Fällen von chronischem M. ist die tägliche Ausspülung des Magens mittels des Magenschlauches das beste Mittel, zumal wenn Gärungen bestehen. Häufig sind Mineralwassertrinkkuren von günstigem Erfolg. Bei M. mit starker Schleimabsonderung und Säurebildung empfehlen sich Trinkkuren mit alkalisch-muriatischen Wässern (Neuenahr, Vichy, Ems), bei gleichzeitiger Verdauungsträgheit solche mit alkalisch-salinischen Quellen (Karlsbad, Marienbad), bei schwer daniederliegender Magensaftbildung sind Kochsalzwässer (Kissingen, Homburg) besonders angezeigt. Von Arzneimitteln sind die Bitterstoffe und das salpetersaure Silber besonders bewährt. Literatur bei Artikel »Magen« (Krankheiten).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 13. Leipzig 1908, S. 67-69.
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