Typhus

[848] Typhus (griech. typhos, »Rauch, Dunst, Stumpfsinn«, bei Hippokrates wahrscheinlich »Blödsinn«), Bezeichnung verschiedener unter heftigem Fieber verlaufender Krankheitszustände, bei denen das Nervensystem in der schwersten Weise ergriffen zu sein und der Kranke in einem anhaltenden Zustand von Betäubung sich zu befinden pflegt (daher früher allgemein: Nervenfieber).

1) Der exanthematische (d. h. eigentlich blühende, weil mit Fleckenausschlag verbundene) T. (Petechialtyphus, Fleckfieber) ist eine ansteckende Krankheit, deren Ansteckungsstoff in der Luft enthalten. ist und sich in schlecht gelüfteten Zimmern längere Zeit halten kann, ohne seine Wirksamkeit zu verlieren. Der Ausbruch der Krankheit findet meist 10–12 Tage nach erfolgter Ansteckung statt. Sie tritt namentlich an Orten auf, an denen viele Menschen auf einen engen Raum zusammengedrängt sind, wie z. B. in Kriegslagern, belagerten Städten, auf Schiffen, in Gefängnissen, in Lazaretten etc. (daher Kriegs-, Lager-, Schiffstyphus, Kerker-, Lazarettfieber). In Gegenden, wo ein großer Teil der Bevölkerung in Armut und Elend lebt, kommt der exanthematische T. (Hungertyphus) endemisch vor; nach Mißernten und Teurungen treten oft verheerende Epidemien auf. Das früheste Kindesalter und das Greisenalter bleiben gewöhnlich verschont, alle übrigen Lebensalter sind dafür gleich empfänglich. Hat jemand den exanthematischen T. einmal überstanden, so ist er in der Regel für sein ganzes Leben immun, doch kommen Ausnahmen vor. Der exanthematische T. war von Anfang des 16. bis zum Ende des 18. Jahrh. über alle Länder Europas verbreitet und erreichte durch die Napoleonischen Kriege seine größte Ausbreitung, besonders aber wurde Deutschland durchseucht, als 1812 die Trümmer der französischen Armee aus Rußland heimkehrten. Nach überstehen dieses epidemischen Auftretens des T. schien er auf dem Kontinent verschwunden zu sein, erst in den 1840er Jahren trat er wieder epidemisch in Oberschlesien auf, wo von ca. 1 Mill. Menschen in 6 Monaten 70,000 erkrankten und 16,000 starben. Gegenwärtig zeigt sich auf den britischen Inseln und in einzelnen Gegenden Mitteleuropas (Polen, russische Ostseeprovinzen) die endemische Form des T., Epidemien sind neuerdings namentlich im innern und östlichen Rußland ausgetreten. Die Krankheit beginnt mit einem Schüttelfrost und sehr heftigen Fiebersymptomen. Sofort fühlen sich die Kranken äußerst matt, klagen über Kopf- und Gliederschmerzen, dazu gesellen sich Schwindel, Flimmern vor den Augen, Ohrensausen, Schnupfen, Bindehautentzündung und Rachenentzündung. Die Kranken liegen meist sehr apathisch im Bett und haben leichte Delirien, andre sind aufgeregt und kaum im Bett zu erhalten. Am 3.–5. Tage der Krankheit erscheinen am ganzen Körper mit Ausnahme von Handteller und Gesicht linsengroße rote, mit dem [848] Finger leicht wegdrückbare Flecke, die der Krankheit den Namen gegeben haben. In der Mitte der Flecken erfolgen manchmal kleine Blutaustritte. In der zweiten Krankheitswoche erreichen die schweren nervösen Störungen (Benommenheit, Delirien mit Angstvorstellungen) den Höhepunkt, um gegen das Ende der Woche unter gleichzeitigem Abblassen der Flecken abzunehmen. Die Krankheit endet trotz anfänglich bedrohlicher Symptome oft in Genesung, andernfalls erliegen die Kranken (in 15–20 Proz. der Fälle) dem hohen Fieber oder einer hinzutretenden Lungenentzündung. Bei der Sektion findet man nur die allen Infektionskrankheiten gemeinsamen Schwellungen von Milz, Leber und Nieren.

2) Der Unterleibs- oder Darmtyphus (T. abdominalis) ist ebenfalls eine Infektionskrankheit. Der Träger des Krankheitsgiftes ist ein an Kot und Harn der Kranken haftender Bazillus, der in feuchten Nährböden und besonders im Grundwasser die willkommenste Brutstätte findet. Das häufige Vorkommen des T. in dichtbevölkerten Städten, in denen die Krankheit niemals vollständig erlischt, wohl aber von Zeit zu Zeit eine epidemische Ausbreitung erfährt, scheint in Verbindung zu stehen mit den trotz Wasserleitung und Kanalisation immer noch nicht genügend paralysierten Fäulnis- und Verwesungsprozessen, die im Boden großer Städte infolge massenhafter Aufnahme von Auswurfstoffen verlaufen. Indes hat in allen Städten, die kanalisiert sind, eine außerordentliche Abnahme des Unterleibstyphus stattgefunden. Der von Eberth und Koch 1880 fast gleichzeitig entdeckte Bazillus ist klein, stäbchenförmig, 2–3mal so lang wie breit, mit zahlreichen Geißelfäden und besitzt daher lebhafte Eigenbewegung. Neuerdings hat man Unterarten des Typhusbazillus gefunden, die bei großer Ähnlichkeit doch gewisse, bei Züchtung wahrnehmbare Unterschiede von dem Eberthschen Bazillus aufweisen; auch die von diesen Bazillen erzeugten Krankheitsfälle sind häufig, nicht immer, durch besondere Merkmale, auch durch leicht ern Verlauf gekennzeichnet. Man nennt diese Unterart der Krankheit Paratyphus. – Typhusepidemien pflegen vorzugsweise in feuchten Jahren während des Spätsommers, im Herbst und zu Anfang des Winters zu herrschen. Das Auftreten des T. soll nach Pettenkofers vielfach bestrittener Lehre in Wechselbeziehung zu den Schwankungen des Grundwasserstandes stehen. Sinkt das Grundwasser, nachdem es einen höhern als den gewöhnlichen Stand erreicht hatte, so werden nach dieser Lehre größere und dickere Schichten des mit organischen, in Zersetzung begriffenen Substanzen durchtränkten Erdreichs trocken gelegt. Infolgedessen tritt eine vermehrte Fäulnis dieser Stoffe ein; gelangt in die letztern der Typhusbazillus, so wuchert er, die Bazillen verbreiten sich, gelangen in das Trinkwasser und in den menschlichen Organismus. Es ist jedoch niemals eine Auskeimung und Vermehrung der Typhusbazillen im Boden nachgewiesen worden und daher die Pettenkofersche Lehre unwahrscheinlich. Meistens erfolgt die Übertragung wohl durch direkte Übertragung der Typhusbazillen aus dem Stuhlgang Kranker, bez. aus undichten Abortanlagen, in denen sich die Bazillen sehr lange lebensfähig erhalten, in undichte Brunnen, in Wasserläufe und Wasserleitungen. Auch durch den Milchhandel kann der T. leicht verbreitet werden, zumal die Milch häufig mit Wasser vermischt wird und einen sehr guten Nährboden für die Bazillen darstellt. Säuglinge und Greise erkranken selten an T., das mittlere Lebensalter ist am meisten dazu disponiert, Männer erkranken etwas häufiger als Frauen; unter den ärmern Klassen der Bevölkerung ist die Krankheit wegen des dichtern Zusammenwohnens häufiger als unter den wohlhabenden. Schwangere und stillende Frauen erkranken seltener an T. Nach dem einmaligen Überstehen der Krankheit erlischt in der Regel die Disposition zu neuer Erkrankung. Der eigentliche Sitz des Typhusprozesses ist der Darmkanal, besonders die untere Hälfte des Dünndarms. Die vom T. ergriffene Schleimhaut des Dünndarms befindet sich zuerst in einem katarrhalischen Zustand. Die Drüsenapparate schwellen alsdann durch eine reichliche Zellenwucherung in der ersten Krankheitswoche zu markig weichen, flachen Knoten an, in gleicher Weise beteiligen sich die Gekrösdrüsen. Die Milz ist in allen Fällen stark vergrößert, ihr Gewebe ist in eine äußerst blutreiche, weiche, dabei sehr brüchige Substanz verwandelt. Die Drüsenhaufen des untern Dünndarms, die sogen. Peyerschen Plaques, wandeln sich im Laufe der zweiten Woche an ihrer Oberfläche in eine bräunliche oder gallig durchtränkte, schorfartige Masse um, die von der dritten Krankheitswoche an abgestoßen wird. Auf der Schleimhaut zeigt sich dann ein typhöses Geschwür, das gewöhnlich ohne Zurücklassung einer flachen Narbe mit der vierten Woche zu heilen beginnt. In ungünstigen Fällen geht das Geschwür in der Schleimhaut auf die darunterliegende Muskelhaut über und kann sogar zur Durchbohrung der Darmwand, damit zu allgemeiner Bauchfellentzündung und zum Tode führen, ein besonders auch noch im Beginn der Rekonvaleszenz mögliches Vorkommnis, indem durch Aufnahme ungeeigneter, unverdaulicher Nahrung tief greifende Geschwüre zum Zerreißen gebracht werden. Außer dem untern Dünndarm (Ileotyphus) wird häufig auch der Anfangsteil des Dickdarms (Kolotyphus), selten die Schleimhaut des Dünndarms Sitz der typhösen Geschwüre. Manchmal treten typhöse Geschwüre auch auf der Kehlkopfschleimhaut (Laryngotyphus) auf. Stets trifft man bei T. einen hochgradigen Katarrh der Schleimhaut der Luftwege an, dem sich Lungenentzündung, Pleuritis etc. anschließen können. Der T. beginnt gewöhnlich mit allgemeinem Krankheitsgefühl, Verstimmung, Mattigkeit, Appetitlosigkeit, unruhigem Schlaf, Kopfschmerzen, Schwindel, Schmerzen in den Gliedern und wiederholtem Nasenbluten. Bald setzt dann mit leichtem Frösteln ein staffelförmig ansteigendes Fieber ein, das schon im Laufe der ersten Woche 40° zu erreichen pflegt und starke Reizerscheinungen seitens des Nervensystems (Unruhe, Delirien) mit sich bringt. Der Unterleib ist gewöhnlich schon in den ersten Tagen etwas ausgetrieben, gespannt und auf tiefen Druck, namentlich in der rechten Unterbauchgegend, schmerzhaft. An dieser Stelle nimmt man bei Druck oft ein eigentümliches gurrendes Geräusch (Ileocötalgeräusch) wahr. Auf der Haut des Bauches und der Brust findet man vom 7. bis 9. Krankheitstag an vereinzelte rote, linsengroße Flecke (roseolae), die auf Fingerdruck verschwinden, alsbald aber wieder zurückkehren. Die Körpertemperatur bleibt dauernd hoch und ist am Abend immer etwas höher als am nächstfolgenden Morgen. Die Pulsfrequenz beträgt 90–100 Schläge in der Minute. Der Harn enthält oft Eiweiß. Inder zweiten Woche des T. besteht meist starke Benommenheit, der Gesichtsausdruck des Kranken wird stupider, seine Teilnahmlosigkeit immer größer, das Bewußtsein verdunkelt sich, und die Kranken verfallen allmählich in einen Zustand von Schlafsucht, in dem sie, fast regungslos[849] in Rückenlage liegend, Stuhl und Urin häufig unter sich gehen lassen. Nur zeitweise murmeln sie einzelne unverständliche Worte oder greifen mit der Bewegung des »Flockenlesens« in die Luft. Andre Kranke sind sehr unruhig, werfen sich fortwährend im Bett hin und her, versuchen das Bett zu verlassen, sich zu entblößen; auch tobsuchtähnliche Aufregungszustände kommen vor. Fast immer erfolgen in der zweiten Woche täglich mehrere (meist 3–4) wässerige, meist erbsengelbe Stühle, während noch in der ersten Woche häufig Verstopfung bestanden hat. Die Atmung ist beschleunigt und oberflächlich. Die Wangen sind bläulichrot, die Augenlider halb geschlossen, Zahnfleisch, Zähne und Zunge sind mit einem schwärzlichen, oft rissigen Belag versehen, der Atem ist stinkend. Der Unterleib ist durch größern Luftgehalt der Därme trommelartig ausgetrieben, häufig druckempfindlich. Die Milzanschwellung hat zugenommen, die Roseolae auf dem Körper sind zahlreicher geworden, bisweilen ist auch die Haut mit zahllosen kleinen Schwitzbläschen bedeckt. Die Körpertemperatur steigt abends auf 40–41,5°, morgens tritt nur ein schwacher Nachlaß derselben ein. Der Puls macht 110–120 Schläge in der Minute. In der dritten Woche des T. erreicht die Schwäche des Kranken ihren höchsten Grad, an Stelle der lauten Delirien tritt eine stets zunehmende Unempfindlichkeit für äußere Eindrücke. Die Erscheinungen am Unterleib und an der Brust nehmen noch zu, auch die Körpertemperatur und die Pulsfrequenz sind eher gesteigert als vermindert. Die meisten Fälle eines tödlichen Ausganges fallen in die dritte Woche, in der die Gefahren der Bauchfellentzündung infolge durchbrechender Geschwüre und der schweren Darmblutungen aus solchen besonders groß sind. In günstigen Fällen stellt sich etwa mit Ende der dritten Woche eine Abnahme der Krankheitserscheinungen ein. Die Körpertemperatur erreicht zwar am Abend noch 40–41°, pflegt aber des Morgens um 2° niedriger zu sein. Dann gehen auch die Abendtemperaturen ganz allmählich herab. Diese allgemeine, allmählich eintretende Besserung geht entweder direkt in langsame Genesung über, oder es schließen sich Nachkrankheiten verschiedener Art oder die Entwickelung neuer Geschwüre im Darm an (Typhusrezidiv), und der Kranke geht darüber bald zugrunde, bald vergehen wenigstens noch Wochen bis zum Beginn der definitiven Genesung. Der bisher geschilderte Verlauf des T. zeigt mannigfache Modifikationen. Unter Abortivtyphus (Febricula, Febris typhoides) versteht man besonders leicht und schnell, fast nach Art eines akuten Magenkatarrhs verlaufende Fälle von T. Der T. ambulatorius begreift Typhusfälle, bei denen unter verhältnismäßig leichten anatomischen und klinischen Erscheinungen die Kranken sich zwar unwohl fühlen, aber doch umhergehen und, wenn auch mangelhaft und unter großer Selbstüberwindung, ihre gewöhnlichen Geschäfte zu besorgen imstande sind. In andern Fällen zeigt der T. einen höchst tumultuarischen Verlauf, die Krankheitserscheinungen folgen schneller als gewöhnlich auseinander, die Kranken gehen dann oft schon am Ende der ersten oder Anfang der zweiten Woche zugrunde. Unter den Zwischenfällen, die den normalen Verlauf des T. in den ersten Krankheitswochen unterbrechen, sind die wesentlichsten die Verschwärungen von Darmarterien, durch die starke und nicht selten tödliche Blutungen des Darmes hervorgerufen werden. Unter den zahlreichen Nachkrankheiten sind zu nennen: Lungenentzündung, Pleuritis, Parotitis, Nierenentzündung etc., die oft den Tod herbeiführen. Der ohne besondere Komplikationen verlaufende T. geht am häufigsten in Genesung über. Während früher eine Sterblichkeit von etwa 25 Proz. bestand, ist dieselbe heute auf durchschnittlich 10 Proz. herabgemindert, und man bezeichnet eine Typhusepidemie mit höherer Durchschnittssterblichkeit als »schwere«, mit niedrigerer als »leichte«.

Die Erkennung des T. kann leicht, unter Umständen aber, namentlich im Anfang, sehr schwierig sein. Man sucht dann das Vorhandensein von Typhusbazillen im Stuhlgang, Harn oder Kot, nachzuweisen, was wegen ihrer Ähnlichkeit mit andern harnlosen Bakterien (im Kot) und wegen umständlicher Methoden schwierig sein kann. Dagegen ist die Gruber-Widalsche Serumreaktion leicht ausführbar. Sie beruht darauf, daß Blutflüssigkeit von Typhuskranken, mit Typhusbazillen zusammengebracht, diese eigentümlich verändert. Die vorher lebhaft beweglichen Typhusbazillen werden unbeweglich, kleben zusammen (Agglutination), bilden Flocken und fallen als Niederschlag auf den Boden des Kulturglases nieder oder sammeln sich, unter dem Mikroskop beobachtet, zu dichten Häuschen. Diese Eigenschaft des Blutes der Typhuskranken beruht auf den während der Krankheit im Organismus gebildeten sogen. Agglutininen (vgl. Immunität, S. 775). Andere Bakterien als Typhusbazillen zeigen das geschilderte Verhalten nicht. Das Blutserum von nicht an T. Erkrankten kann zwar auch Agglutination erzeugen, aber nicht annähernd bei so starken Verdünnungen wie das der Typhuskranken.

Was die Behandlung des T. anbetrifft, so ist zuvörderst der Kranke zu isolieren. Das Krankenzimmer muß groß sein und gut gelüstet werden. Der Körper des Kranken muß ängstlich reinlich gehalten und vor dem Aufliegen geschützt werden. Der Mund muß mit angefeuchteten Leinwandläppchen regelmäßig gereinigt werden. Getränk (Wasser) muß häufig angeboten werden. Vielfach wird, besonders im Anfang der Krankheit, Kalomel mit gutem Erfolg verabreicht, unter Umständen kann man Antipyretika, wie Chinin, Antipyrin etc., anwenden. Viel wichtiger ist eine richtige Diät, die im Hinblick auf den langwierigen und abzehrenden Verlauf des T. kräftigend und leichtverdaulich sein muß. Deshalb wird Milch in reichlichen Quantitäten, Kakao mit Milch, Bouillon mit Ei und, um die Herzkraft zu stärken, Wein oder Kognak gereicht. Das Fieber bekämpft man nach E. Brand in Stettin durch Vollbäder, die man, während der Kranke im Bad ist, durch Hinzugießen von kaltem Wasser am Fußende der Wanne von 24 auf 20° abkühlt und, solange die Körperwärme 39 oder 39,5° übersteigt, von Anfang bis Ende der Krankheit, bei Tag und bei Nacht, bis etwa sechsmal binnen 24 Stunden, anwendet. Neben der Herabsetzung des Fiebers erreicht man durch diese Bäder Reinigung des Körpers und beugt am besten (schon allein durch die damit verbundene häufige Ordnung des Lagers) dem so gefürchteten Durchliegen vor. Vor allem aber sind die Bäder nützlich durch Anregung des Kreislaufs und durch die allgemeine Erfrischung und Ermunterung, die besonders bei den unbesinnlichen und delirierenden Kranken sehr wesentlich ist. Unmittelbar nach dem Bade wird der Kranke durch Wein oder Kognak gestärkt. Die Bäderbehandlung kann auch in andern Modifikationen durchgeführt werden; die sehr kalten Bäder, die früher gebräuchlich waren, sind außer Gebrauch gekommen. Der Verlauf des T. wird[850] durch die Bäderbehandlung erleichtert, die Sterblichkeit wesentlich vermindert. Die Genesenden pflegen außerordentlichen Appetit zu entwickeln, müssen aber, solange man die Darmgeschwüre als noch in der Heilung begriffen sich zu denken hat, vor reichlichen Mahlzeiten und noch lange Zeit vor schwerverdaulichen, groben Speisen sorgfältig gehütet werden. Man gibt deshalb häufiger kleine Portionen und zunächst nur flüssige oder halbflüssige Nahrung (Milch, weiche Eier), allmählich geht man zur Fleischdiät und zur Pflanzenkost über. Jeder Diätfehler kann Gefahr bringen, jede scheinbar geringfügige Verdauungsstörung erfordert sorgfältigste Berücksichtigung. Zur Verhütung des T. ist Einrichtung einer guten Kanalisation und Wasserleitung von ausschlaggebender Bedeutung. Wo das Wasser nicht von sicher einwandfreier Beschaffenheit ist, vermeide man dessen Genuß. Typhuskranke sollen isoliert, ihre Wäsche und Auswurfstoffe sachgemäß desinfiziert werden, was im allgemeinen nur in Krankenhäusern möglich ist. Das Pflegepersonal kann sich nur durch sorgfältige Desinfektion nach Berührung der Kranken vor Ansteckung schützen. Eine Schutzimpfung gegen T. hat man auf verschiedene Weise auszuarbeiten versucht. Es gelingt, durch Einspritzung abgetöteter Typhusbazillen beim Menschen eine längere Zeit anhaltende relative Immunität gegen T. hervorzurufen. Allerdings erfolgt dabei eine kurzdauernde fieberhafte Reaktion und entzündliche Reizung der Impfstelle. Das Verfahren ist besonders bei europäischen Truppen in warmen, von T. verseuchten Ländern erprobt worden.

3) Auch der Rückfalltyphus (das rekurrierende Fieber, T. recurrens) ist ansteckend und tritt epidemisch auf, namentlich wo eine dichte arme Bevölkerung in unreinlichen Wohnungen und von kärglicher Nahrung lebt, so daß als Hunger- oder Kriegstyphus bald die exanthematische, bald die rekurrierende Krankheitsform im Vordergrund steht. Beim Rückfalltyphus setzt nach mehrtägigem, heftigem Fieber, das 40° und darüber erreicht, plötzlich unter reichlichem Schweiß ein Abfall bis zu 37 oder 36,5° ein, an den sich eine mehrtägige, völlig fieberfreie Pause anschließt. Ebenso plötzlich kommt nun der Rückfall, er währt 3,4 oder 5 Tage, und wieder sinkt er ebenso schnell wie das erstemal. Drei bis vier solcher Fieberperioden folgen einander, dann tritt langsame Genesung ein. Tödlicher Ausgang ist bei nicht komplizierten Fällen selten. Zur Fieberzeit enthält das Blut der Kranken zahllose Mikroorganismen (Spirillen, Spirochaeta, s. d.) von geschlängelter Gestalt, die in der fieberfreien Periode fehlen; nur das spirillenhaltige Blut vermag bei Impfungen das Krankheitsgift zu übertragen. Die Behandlung besteht in Darreichung kräftiger Diät. Der Rückfalltyphus kam schon im 18. Jahrh. in einzelnen Ländern vor; 1842–48 überzog eine Epidemie Schottland und Irland, 1864–65 herrschte die Seuche in St. Petersburg in großer Ausbreitung. Seit dem Jahr 1871 ist sie auch in einzelnen Gegenden Deutschlands in epidemischer Verbreitung beobachtet worden. S. Typhoid. Über die Verbreitung des T. in Deutschland s. die Karte bei Artikel »Krankheit« (im 11. Band). Vgl. Brand, Die Hydrotherapie des T. (Stett. 1861); Girgensohn, Die Rekurrensepidemie in Riga 1865–1875; Virchow, Über den Hungertyphus und einige verwandte Krankheitsformen (Berl. 1868); v. Pastau, Die Petechialtyphus-Epidemie in Breslau 1868/69 (Bresl. 1871); Ziemssen, Die Behandlung des Abdominattyphus (Leipz. 1887); Liebermeister, Typhus abdominalis (in Ziemssens »Handbuch der speziellen Pathologie und Therapie«, 2. Bd., 3. Aufl., das. 1886); Curschmann, Der Unterleibstyphus (in Nothnagels »Spezieller Pathologie und Therapie«, Wien 1898); Eggebrecht. Febris recurrens (ebenda, 1902); R. Koch, Die Bekämpfung des T. (Berl. 1903); »Typhusmerkblatt« und »Anweisung zur Bekämpfung des Fleckfiebers« (bearbeitet im kaiserlichen Gesundheitsamt, das. 1903 u. 1907).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 19. Leipzig 1909, S. 848-851.
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