Washington [3]

[398] Washington (spr. ŭóschingt'n), Name vieler Orte in der nordamerikan. Union, namentlich: 1) die Bundeshauptstadt, Sitz der Bundesregierung und des Kongresses, im Distrikt Columbia, unter 38°53' nördl. Br. und 77°1' westl. L., am linken Ufer des Potomac, an dessen Vereinigung mit dem Anacostia oder Osterin, durch Eisenbahnen mit allen Teilen der Union, durch Dampfschiffahrt mit Baltimore, Philadelphia, New York, Boston u. a., durch Dampffähren mit Alexandria verbunden, hat (1900) 278,718 Einw., darunter 86,702 Farbige und 20,119 im Ausland (5857 in Deutschland) Geborne; 1905 ist die Zahl auf 323,346 (darunter 95,534 Farbige) gestiegen. In der Anlage der Stadt verbindet sich die rechteckige Anordnung der Straßen mit einem System strahlenförmig auslaufender Avenues, die, nach den Unionsstaaten benannt, an deren Enden, wo sie mit den Straßen spitze Winkel bilden würden, Plätze freilassen. Die von N. nach S. laufenden Straßen sind numeriert, die von O. nach Westen laufenden in der innern Stadt mit den Buchstaben des Alphabets, in der äußern mit Namen berühmter Männer bezeichnet. Die öffentlichen Gebäude sind im großartigsten Stil ausgeführt, architektonisch bedeutend aber nur die in antikem Stil errichteten. Das imposanteste darunter ist das Kapitol, das den Mittelpunkt der Stadt bilden sollte. Das schöne Gebäude auf den Trümmern des von den Engländern 1814 verbrannten alten Kapitols aus Sandsteinquadern und weißem Marmor erbaut, bedeckt eine Grundfläche von 1,4 Hektar, ist 229 m lang und 37–99 m breit. Das Mittelgebäude wird von einem 1862 vollendeten Dom überwölbt, gekrönt mit einer Statue der Freiheit, deren Scheitel 93,5 m über der Grundfläche des Gebäudes liegt. Drei korinthische Portiken zieren die östliche Hauptfront. Die zu ihnen hinanführenden Freitreppen sind mit den Statuen des Friedens, des Krieges, der Zivilisation und des Kolumbus geziert. Vor dem Gebäude selbst steht eine Reitersäule Washingtons (von Greenough). Eine erzene Tür (von Rudolph Rogers modelliert, von Miller in München gegossen) führt in die vom Dom überwölbte Rotunde, die 29,2 m im Durchmesser, 54,9 m in der Höhe mißt und mit historischen Fresken, Reliefs und Wandgemälden geziert ist. Die Tür dem Haupteingang gegenüber führt in die rechtswissenschaftliche Bibliothek des Kongresses. Südlich von der Rotunde liegen die Nationalgalerie (früher Repräsentantenhaus), mit Standbildern berühmter Amerikaner, und die Halle der Repräsentanten, die 42 m lang, 28 m breit ist, aber nur 11 m Höhe hat. Im nördlichen Flügel befinden sich der Senatssaal und der oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten, die Rechtsbibliothek u. a. Die Baukosten des Kapitols belaufen sich bis jetzt auf 16 Mill. Doll. Südöstlich von ihm erhebt sich die von Th. L. Casey im italienischen Renaissancestil erbaute, 143 m lange, 110 m breite großartige Kongreßbibliothek (Baukosten 6,3 Mill. Doll.), mit prächtigem Lesesaal und 1,345,000 Bänden und Broschüren. Pennsylvania Avenue, die Hauptstraße der Stadt, verbindet das Kapitol mit dem 2 km entfernten Lafayette Square (mit Mills Reiterbildnis des Generals Jackson); an dessen Südseite, inmitten eines Parks, befindet sich das Weiße Haus, die Wohnung des Präsidenten, ein zweistöckiger, weiß angestrichener Bau (daher der Name) mit ionischem Portikus, dicht daneben das 155 m lange, 85 m breite Schatzamt (Treasury), ein Prachtbau im griechischen Stil, und das aus Granit ausgeführte, 173 m lange, 104 m tiefe Gebäude, in dem die Ministerien des Auswärtigen, des Krieges und der Marine ihren Sitz haben. Nördlich von der Pennsylvania Avenue liegt das Department of the Interior, gewöhnlich Patent Office genannt, 138 m lang, 100 m tief, mit dorischer Säulenhalle, daneben das Generalpostamt, ein weißer Marmorbau, und auf der andern Seite von Pennsylvania Avenue inmitten schöner Parkanlagen und Versuchspflanzungen das Ackerbauministerium mit landwirtschaftlichem Museum, Herbarium und Pflanzschule. Etwa 2 km unterhalb des Kapitols, an der Mündung des Anacostia in den Potomac, liegt das Arsenal mit Museum und weiter oberhalb, am Anacostia (Eastern Branch), die Schiffswerft (Navy Yard) der Vereinigten Staaten, mit Kanonengießerei, Museum und Kasernen, 11 Hektar bedeckend.[398] Unter den wissenschaftlichen Anstalten der Stadt ist das Nationalmuseum zu nennen, ein großer Backsteinbau mit wertvollen naturhistorischen, ethnographischen und andern Sammlungen, unter Leitung der Smithsonian Institution (s. Smithson), die in einem Gebäude im spätnormannischen Stile mit neun Türmen untergebracht ist und (in der Kongreßbibliothek) eine Bibliothek von 100,000 Bänden besitzt. Außerdem verdienen Erwähnung: das mit 10 Mill. Doll. dotierte Carnegie-Institut zur Pflege der Naturwissenschaften, die Columbian University der Baptisten; die Howard University (1867 gegründet), mit 90 Dozenten und 960 farbigen Studenten; die von dem reichen Bankier Corcoran gestiftete Kunstsammlung; die Nationalsternwarte; der Jünglingsverein, mit großer Bibliothek; der Botanische Garten und die W.-Bibliothek. Unter den Wohltätigkeitsanstalten verdienen Erwähnung: das Invalidenhaus (Soldiers' home), die Irrenanstalt, Taubstummenanstalt, das Waisenhaus und das Louise Home (für ältere Frauen). Im ehemaligen Fords-Theater (jetzt medizinisches Museum) wurde Präsident Lincoln ermordet. Von öffentlichen Denkmälern sind noch zu nennen: ein Denkmal Friedrichs d. Gr. (vor der Kriegsschule), die Bildsäulen des Generals Scott und des Admirals Farragut sowie das 1885 eingeweihte W.-Monument, ein 169 m hoher Obelisk aus weißem Marmor, mit 16,5 m hohem, pyramidenförmigem Dach und herrlicher Aussicht.

Plan der Bundeshauptstadt Washington.
Plan der Bundeshauptstadt Washington.

W. ist Sitz des deutschen Botschafters und eines Konsularagenten, von 9 Banken, hat aber wenig Industrie und Handel, da der überwiegende Teil der Bewohner aus Politikern, Beamten und Offizieren besteht. – Nachdem die Stadt 1791 gegründet worden und der Präsident Washington 18. Sept. 1793 den Grundstein zum Kapitol gelegt hatte, siedelte 1800 die Bundesregierung von Philadelphia dahin über. Im August 1814 wurde W. von den Engländern unter Admiral Cockburn genommen, der das Kapitol und andre Gebäude in Asche legen ließ. 1818–27 wurde der ältere Teil des jetzigen Kapitols wieder aufgebaut und 1851–62 erweitert. Von Georgetown (s. d. 1) wird W. durch den Rock Creek getrennt, über den vier Brücken führen. Vgl. Todd, The story of W. (New York 1889); Evans, W. illustrated (1892); Reynolds, W. the nation's capital (24. Aufl., Washingt. 1907); R. R. Wilson, W., the capital city and its part in the history of the nation (New York 1902, 2 Bde.). – 2) Stadt in Pennsylvanien, Bahnknotenpunkt, im SW. von Pittsburg, hat höhere Schulen, große Bleiweißwerke, Eisenblech- und Glasfabriken, Kohlengruben und (1900) 7670 Einw. – 3) Stadt in Indiana, mit zahlreichen Kohlengruben, Kohlenhandel, Konservenfabriken und (1900) 8551 Einw. – 4) Stadt in Iowa, Bahnknotenpunkt, mit Wagenfabriken, Getreidehandel und (1900) 4255 Einw. – 5) Stadt in Nordcarolina,[399] an dem schiffbaren Pamlico, mit Sägemühlen, Schiffbau, Fischerei und (1960) 4842 Einw.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 20. Leipzig 1909, S. 398-400.
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