Oxalsäure

[533] Oxalsäure (Kleesäure, Sauerkleesäure, Kohlige Säure), C4H2O8 = C4O6 + 2HO, chemisches Zeichen Ō; findet sich sehr verbreitet im Pflanzenreich, meist an Kali u. Kalk gebunden, namentlich in den Oxalis-, Rumex- u. Rheum-Arten, sowie in einigen Flechten; in geringer Menge kommt sie auch im Thierreich an Kalk gebunden vor, u. zwar meist in krankhaften Zuständen, doch findet sie sich constant im Harn pflanzenfressender Thiere u. häufig auch im normalen Menschenharn, namentlich nach Genuß vegetabilischer Nahrungsmittel; ferner im Harn der Insecten u. im Schleim mancher Organe. Der oxalsaure Kalk bildet einen Hauptbestandtheil mancher Harnsteine, s. unten. Im Mineralreiche findet sie sich an Eisenoxydul gebunden als Oxalit (Humboldtit, s.d.). Sehr häufig tritt die O. als Product der Einwirkung oxydirender Mittel auf organische Körper auf; in großer Menge bei der Oxydation von Kohlenhydraten mit Salpetersäure od. mit schmelzendem Kali, bei der Einwirkung kochender Salpetersäure od. schmelzenden Kalis auf viele organische Säuren u. Leim, bei der Zersetzung des Cyanwassers, bei der Berührung der bei der Darstellung des Kaliums aus kohlensaurem Kali u. Kohle gewonnenen schwarzen Masse mit Wasser. Man stellt sie ausschließlich durch Behandlung von Kohlenhydraten (Stärke od. Zucker) mit Salpetersäure dar, häufig als Nebenproduct bei der Fabrikation der Englischen Schwefelsäure. Durch Umkrystallisiren wird sie gereinigt; wasserfrei erhält man sie durch Sublimation der bei 100° getrockneten Säure. Die O. krystallisirt in langen, farblosen, schiefen, rhombischen Säulen, welche an der Luft verwittern; sie löst sich in 15 Thln. kaltem, 1 Thl. heißem Wasser u. in 4 Thln. Alkohol; ist geruchlos, schmeckt u. reagirt stark sauer u. ist die stärkste organische Säure. In größeren Gaben wirkt sie giftig; Gegenmittel sind kohlensaurer Kalk u. Magnesia. [533] Wurde gegen Entzündung der Mundhöhle in kleinen Gaben angewendet. Bei 98° schmilzt die Säure in ihrem Krystallwasser; bei vorsichtigem Erhitzen auf 150 bis 160° sublimirt ein Theil unzersetzt als Anhydrit; bei höherer Temperatur zerfällt sie unter Aufbrausen in Kohlensäure, Kohlenoxydgas Ameisensäure u. Wasser, beim Erhitzen mit concentrirter Schwefelsäure in Kohlensäure, Kohlenoxydgas u. Wasser. Die O. u. ihre Salze finden bes. Anwendung in der Kattundruckerei, zum Weißmachen des Leders, zum Ausmachen der Tinten- u. Rostflecken, sowie in der Analytischen Chemie zur Fällung von Kalk, zur Trennung von Kobalt u. Nickel etc. Die O. ist eine zweibasische Säure; die früher für sie angenommene Formel muß also verdoppelt werden: C4H2O8 = 2 (C2O3 + HO). Was die chemische Constitution der O. betrifft, so nahm man früher in ihr das Radical Oxalyl, C2O2, an u. betrachtete sie demnach als das Oxyd desselben = C2O2 + O. Nach einer andern Ansicht ist die O. des Trioxyds des Oxatyls, C2, also C2 + O3; auch als eine Wasserstoffsäure, =C2O4 + H, hat man die O. betrachtet. Mit Basen bildet die O. Oxalsaure Salze. Von diesen sind fast nur die Alkalisalze in Wasser löslich, die übrigen sind schwer od. nicht löslich, am schwersten löslich ist das Kalk- u. Bleioxydsalz; in Salz- u. Salpetersäure sind sie alle löslich. Man kennt neutrale, saure u. vierfachsaure oxalsaure Salze. Die oxalsauren Salze verkohlen beim Erhitzen nicht, die mit leicht reducirbaren Oxyden geben beim Erhitzen Kohlensäure u. regulinisches Metall, die mit schwer reducirbaren Oxyden werden unter Entwickelung von Kohlenoxydgas in kohlensaure Salze verwandelt. Aus ihren Lösungen, selbst wenn diese schwach sauer sind, geben lösliche Kalksalze Niederschläge. Gold wird aus seinen Lösungen beim Kochen mit oxalsauren Salzen regulinisch gefällt. Die wichtigsten oxalsauren Salze sind: Oxalsaures Äthyloxyd; das neutrale Salz, = C4O6 + 2 C4H5O, ist ein farbloses, aromatisches Öl von 1,09 specifischem Gewicht, schwer löslich in Wasser, leicht löslich in Alkohol u. Äther, siedet bei 186°; mit Natrium erwärmt, liefert es kohlensaures Äthyloxyd. Saures oxalsaures Äthyloxyd (Äthyloxalsäure), = C4O6 + C4H5O + HO, bildet sich beim Vermischen des neutralen oxalsauren Äthyloxyds mit einer alkoholischen Kalilösung; es entsteht dabei ein Niederschlag von äthyloxalsaurem Kali, C4O6 + C4H5O + KO, aus welchem aber die Äthyloxalsäure nicht gewonnen werden kann, weil sie sich beim Eindampfen zersetzt. Oxalsaures Ammoniak, krystallisirt in farblosen Nadeln von salzigem Geschmack, verwittert an der Luft; wird durch Neutralisiren der O. mit kohlensaurem Natron erhalten. Oxalsaures Amyloxyd, eine Flüssigkeit von wanzenartigem Geruch; siedet bei 265°. Oxalsaurer Harnstoff, s.u. Cyan A) a). Oxalsaures Kali, das saure oxalsaure Kali, welches zum Theil ein zweifachsaures, zum Theil ein vierfachsaures Salz ist, kommt als Sauerkleesalz (Kleesalz, Oxalium) in den Handel. Wird meist durch unmittelbare Vereinigung der O. mit kohlensaurem Kali erhalten; es ist weiß, krystallinisch, schmeckt scharf sauer, in 20 Thin. Wasser löslich, unlöslich in Alkohol; wirkt giftig, wird zum Ausmachen von Tinten- u. Rostflecken angewendet. Oxalsaurer Kalk, ist sehr verbreitet im Pflanzenreich u. fehlt vielleicht in keiner Pflanze; er findet sich in den Zellen krystallisirt in seinen Nadeln (Raphiden), theils in Octaedern; im menschlichen Harn findet man ihn häufig, theils unter ganz normalen Verhältnissen, theils in Krankheiten (s. Oxalurie); die Hauptmasse mancher Harnsteine, der sogenannten Maulbeersteine, welche sich durch ihre höckerige Oberfläche auszeichnen u. namentlich in Württemberg häufig vorkommen, besteht aus oxalsaurem Kalk, Der Thierschit ist ebenfalls oxalsaurer Kalk (s.d.). Der oxalsaure Kalk zeichnet sich dadurch aus, daß er in Wasser u. Essigsäure unlöslich ist; er löst sich in Salzsäure ohne Brausen u. gibt beim Glühen kohlensauren Kalk. Oxalsaures Methyloxyd, durch Destillation von Holzgeist, Schwefelsäure u. Sauerkleesalz erhalten; krystallisirt in großen farblosen Tafeln. Oxalsaures Natron, ist nächst dem antimonsauren Natron das am schwersten lösliche Natronsalz. Oxalsaures Quecksilberoxyd, ein weißes Pulver, gibt bei der Behandlung mit oxalsaurem Ammoniak glänzende Blättchen, welche erhitzt stark explodiren.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 12. Altenburg 1861, S. 533-534.
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