Duftstoffe

[254] Duftstoffe und Riechstoffe, flüchtige Substanzen, die, wenn auch in unwägbaren Mengen, der Luft beigemischt, beim Einatmen auf die Nasenschleimhaut eine Wirkung äußern, die als bestimmter, oft sehr charakteristischer Geruch empfunden wird. Ost, z. B. beim Moschus, sind die verflüchtigten Teile so unendlich klein, daß er jahrelang ohne merkliche Gewichtsverminderung ein Zimmer mit dem kräftigsten Duft erfüllt. D. finden sich im Mineral-, Pflanzen- und Tierreich und spielen in den beiden letztern eine erst in neuerer Zeit gewürdigte wichtige Rolle. Bakterien scheiden sehr häufig stark riechende Stoffe aus ihrer Nährflüssigkeit aus, und die penetranten Gerüche mancher Fäulnisvorgänge beruhen offenbar auf Abspaltung von Ammoniak und andern stark riechenden Verbindungen durch ihren Lebensprozeß. Da dieser bei den verschiedenen Arten sehr ungleich verläuft, so erklärt sich dadurch auch die große Verschiedenheit der Fäulnisgerüche. Es ist nicht wahrscheinlich, daß die Bakterien von ihren Duftstoffen einen Vorteil haben, im Gegenteil erzeugen manche stark wirkende Stoffe, wie das Phenol, die, wenn sie sich in der Nährflüssigkeit anhäufen, den Erzeuger töten. Auch gewisse Algen erzeugen D., wie z. B. Chroolepus hercynicus, die Veilchensteinalge. In den Düften höherer Pilze hat man Anlockungsmittel für Fliegen, Käfer und andre Insekten vermutet, die vielleicht bei der Befruchtung oder Sporenverbreitung mitwirken. Manche Pilze, wie der Gichtschwamm (Phallus impudicus), verraten durch Aasgeruch ihren Standort schon auf weitere Entfernungen. Gewisse unter der Erdoberfläche wachsende Pilze, wie Trüffeln und Hirschbrunst (Elaphomyces cervinus), machen sich den Wildschweinen, Hirschen und gewissen Fliegen durch ihren aus der Erde empordringenden Duft bemerkbar, so daß sie herausgewühlt oder auch von den Fliegenlarven in der Erde besucht werden.

Sicherer als von den Pilzen weiß man von den Blütenpflanzen, daß ihre Duftstoffe Vermittler für die Befruchtung und Verbreitung heranziehen. Windblütler, wie die Gräser, Kätzchenbäume u.a., entwickeln in ihren Blüten weder lebhafte Farben noch Düfte. Blumen, die der Honigausbeutung durch Abend- und Nachtinsekten angepaßt sind, beginnen erst des Abends zu duften und bieten eine enge Anpassung der Duftnuance an den betreffenden Besucherkreis. So locken viele Aristolochiazeen, Balanophorazeen, Stapeliazeen, Arazeen, Rafflesiazeen u.a. durch Aasgeruch ihrer Blüten Aasfliegen und andre Aasliebhaber herbei, welche die Befruchtung vollziehen. Andre Fliegen- und Käferpflanzen haben eigentümlichen Stallgeruch, wie die Eryngium-Arten. Bienen und Wespen scheinen Pflanzen mit strengen aromatischen Gerüchen, wie gewisse Lippenblütler, zu bevorzugen; die dem Besuch der Schmetterlinge angepaßten langröhrigen Blumen haben vielfach einen besonders würzigen Lilien-, Nelten- oder Vanilleduft. Auch viele Früchte duften sehr stark und locken Tiere an, die zur Verbreitung der Samen beitragen.

Im Tierreich dienen übelriechende antipathische Absonderungen als bequemste Verteidigungs- und Abschreckungsmittel. Sehr viele Tiere, namentlich Amphibien und Reptilien, strömen, wenn sie gefangen werden, übeln Knoblauchsduft aus, und einen solchen, vermutlich von der ganzen Oberhaut abgesonderten Angstduft hat man auch häufig bei vor Gericht stehenden Verbrechern beobachtet. Sehr zahlreiche Tiere besitzen einen Apparat, um Stoffe mit lange anhaftendem und unerträglichem Geruch in größerer Menge in Vorrat zu halten und im Augenblick der Gefahr auszustoßen. So spritzen Stinkmarder- (Putorius-), Stinkdachs- (Mydaus-) und Stinktier- (Mephitis-) Arten aus Afterdrüsen dem Angreifer manchmal mehrere Meter weit eine äußerst übelriechende Flüssigkeit entgegen. Die Bombardierkäfer (Brachinus- und andre Raubkäferarten) schrecken durch explosionsartig aus dem After hervorgeschossene Wölkchen eines blauen, nach Chinon riechenden und ätzenden Dunstes ihre Verfolger wiederholt zurück, während verschiedene Wasserraubkäfer, z. B. die [254] Schwimmkäfer (Dyticus-Arten), aus seinen Poren der Flügeldecken einen höchst unangenehm riechenden Stoff absondern. Noch intensiver riecht die Ausscheidung der kleinen Drehkäferchen unsrer Wasserflächen (Gyrinus natator). Übrigens ist die Duftabsonderung wohl bei allen Raubkäfern für menschliche Nasen unangenehm, auch der Puppenräuber (Calosoma sycophanta) verbreitet, wenn man ihn fängt, einen fast betäubend zu nennenden Geruch nach Bittermandelöl. Auch die Dämmerungskäfer (Tenebrionidae), die kleinen Marienschäfchen (Coccinella) und die Maiwürmer (Meloë-Arten) sondern übelriechende Stoffe ab. Von andern Insektenklassen sind die Wanzen durch übeln Geruch verrufen, doch gibt es auch unter den Schmetterlingen und Geradflüglern, namentlich unter den Schaben, viele Arten, die ihrer Ausdünstung wegen von allen Insektenfressern gemieden werden. Die Larve des Pappelkäfers (Chrysomela populi) scheidet bei Berührung aus kegelförmigen Erhöhungen auf dem Rücken ihrer mittlern Ringe Tröpfchen einer höchst unangenehm riechenden milchweißen Flüssigkeit aus, die nach vorübergegangener Gefahr wieder aufgesaugt werden. Die Raupe des Schwalbenschwanzes stülpt, wenn man sie beunruhigt, plötzlich ein orangerotes Gabelhorn hinter dem Kopf aus, das einen starken Fenchelgeruch verbreitet und jedenfalls ein Verteidigungsmittel gegen Schlupfwespen etc. vorstellt. Andre Raupen haben gleich den Schaben und den kurzflügeligen Raubkäfern (Staphyliniden) solche hervorstülpbare Dufthörner am hintern Leibesende. Unter den Tausendfüßern haben die Diplopoden längs des Rückens zahlreiche Wehrporen (foramina repugnatoria), aus denen sie nach Chinon, Kampfer oder Blausäure duftende und ätzende Stoffe hervorspritzen.

Viel weniger bekannt als die antipathischen sind die sympathischen Duftstoffe, die namentlich die Weibchen aussondern, um die Männchen aus weiten Entfernungen anzulocken; sie sind oft viel zu schwach, um von unsern Nasen wahrgenommen zu werden. Daß indessen in vielen Fällen nur der von den Weibchen ausgestreute Geruch die Männchen herbeizieht, beweist der Umstand, daß vielfach nur die Männchen stärker entwickelte Geruchswerkzeuge besitzen. Selbst im Puppenzustand ist dieser Geruch bei manchen Schmetterlingen schon ausgeprägt, und weibliche Chrysaliden, z. B. Seidenraupenpuppen, locken schon vor dem Ausschlüpfen Männchen an. Bei manchen Tagschmetterlingen besitzen die Männchen besondere Duftorgane, pinselartige Anhäufungen von Haar- und Schuppengebilden der Flügel, die für gewöhnlich in einem Umschlag des innern Flügelrandes oder mitten auf der Oberseite der Flügel in kleinen Furchen oder Taschen liegen, aber daraus hervortreten und sich sträuben können, wodurch sie dann als die denkbar besten Verbreiter solcher Duftstoffe in die Luft tätig sind. Ost ist dieser Duft bisam- und moschusartig, wie bei mehreren Schwärmern, bisweilen vanilleartig und bei den Männchen von Papilio Grayi sehr angenehm würzig. Aus den andern Insektenklassen kennt man eine nach Rosen duftende Hummel (Bombus fragrans) aus Südeuropa. Unter den Wirbeltieren sondern viele Arten aus Drüsen in der Nähe der Geschlechtsteile Duftstoffe ab; bei Zibetkatzen und den Männchen der Biber und Moschustiere erfolgen die Absonderungen so reichlich in besondere Taschen, daß sie daraus entnommen und als Arzneimittel etc. verwendet werden. In der Medizin gelten Moschus, Zibet und Bibergeil als sehr kräftige Nervenmittel.

Ähnliche Beziehungen wie bei den Tieren gibt es auch beim Menschen, und Goethe hat im »Faust« mehrfache Anspielungen auf die berauschende und berückende Wirkung des weiblichen Dunstkreises auf Männer wie des männlichen auf Personen weiblichen Geschlechts gemacht. Cadet-Devaux führte in seiner »Dissertation de l'atmosphère de la femme et de sa puissance« (1821) allerlei Beispiele von der Wirkung der weiblichen Atmosphäre auf Männer und ihrer Veränderung durch Krankheiten an, und Galopin gab 1885 ein Buch: »Le parfum de la femme et le sens olfactif dans l'amour«, heraus. Gustav Jäger fand, daß bei dem Menschen die Haargebilde Träger und Verbreiter des Individualgeruchs sind. Er glaubte sogar durch Meßinstrumente eine Erhöhung der Nerventätigkeit bei Leuten nachweisen zu können, die an dem Haar- oder Kopfputz geliebter Personen gerochen hatten. Der alternde König David hoffte von der Gesellschaft junger Mädchen Verjüngung, und der Neuplatoniker Marsilius Ficinus nahm in den Ausdünstungen »Geisterchen« an, die von einem Lebewesen durch Nase und Mund auf das andre übergehen und Liebe und Haß, Sympathie und Antipathie erzeugen. Diese Ansichten wurden von vielen Philosophen, z. B. von Bacon von Verulam, adoptiert und auch im Volke sehr populär. Bacon wies auf das hohe Alter hin, das Lehrer durch den beständigen Verkehr mit frischer Jugend zu erreichen pflegen, und sprach von einem Überströmen der Lebensgeister dabei.

Jäger wies darauf hin, daß die Fleisch- und Albuminstoffe der Tiere verschiedenen Geschmack und Geruch besitzen, und daß sich bei ihrer Behandlung mit starken Säuren oder Alkalien in der Regel der Geruch entwickelt, den die Fäkalien des betreffenden Tieres besitzen. Es läßt sich in diesem Sinne von Klassen-, Gattungs-, Art- und Individualgerüchen sprechen, sofern z. B. das Fleisch der Fische bei aller Verschiedenheit im einzelnen durch solche Behandlung Gerüche von einer gewissen Gemeinsamkeit dem Vogel- oder Säugetierfleisch gegenüber liefert. Ebenso unterscheiden sich wieder die Rassen einer Art, z. B. des Menschen, durch einen besondern Duft (Völkergeruch), der nur den Angehörigen einer fremden Rasse unangenehm auffällt. Dadurch erklären sich manche Erscheinungen des Rassenhasses, gerade so wie verschiedene Feindschaftsinstinkte der Tiere schon durch den Geruch geweckt werden. Bei ein und derselben Person werden die Ausdünstungsstoffe durch Alter, Konstitution, Befinden und namentlich durch Affekte beeinflußt. Ein lebender Körper duftet nach Jäger besser, wenn er sich in gehobener, fröhlicher Stimmung als unter dem Einfluß deprimierender Affekte befindet, wie Furcht, Angst, Wut, Haß etc. Die alten Juden schlossen aus Jes. 11,3–4, der Messias werde die Gerechten und Ungerechten nach ihrem Geruch unterscheiden. Sie sollen sogar einen falschen Messias, Bar-Kochba, im 2. Jahrh verleugnet haben, weil er nicht einmal schwere Verbrecher von rechtlichen Leuten nach dem Geruch unterscheiden konnte. Jäger nimmt an, daß die Affektdüfte dieselben Affekte in andern Personen wieder erzeugen könnten, und sprach von Lust- und Unluststoffen, Appetit- und Ekelstoffen, die Sympathie und Antipathie erzeugen sollten, von Angststoffen etc. Er führte auch viele Fälle von Übelbefinden und Kranksein auf die Anhäufung von Unluststoffen im Körper zurück, die durch eine unzweckmäßige Bekleidung zurückgehalten würden, und begründete darauf sein Wollregime,[255] die Ausschließung jeglichen pflanzlichen Faserstoffs aus den Bekleidungsstoffen. Die Wolle habe das Vermögen, alle Unluststoffe entweichen zu lassen und daher den Körper beständig zu entgiften. Dieser Lehre, daß die spezifischen Düfte das Wesen und die Ursache der Körperzustände darstellen, ist entgegengehalten worden, daß sie auf einer Verwechselung von Ursache und Wirkung beruhe. Der Jägersche Angststoff wird entbunden, wenn, durch quälende geistige Prozesse angeregt, eine Zersetzung der Eiweißstoffe in bestimmter Richtung beginnt. Die Angst entsteht aber offenbar meist durch äußere Veranlassung, ohne daß sogen. Angststoffe vorher vorhanden waren, ihr Auftreten ist eine Folge- oder Begleiterscheinung, aber wohl nicht die Ursache. Sie stellen die Ausscheidungsstoffe des physiologischen und psychologischen Vorganges dar, und wenn sie in manchen Fällen auf andre Individuen wirken, so geschieht das wahrscheinlich auf Umwegen, aber nicht so, daß das, was eben Wirkung war, nun sofort als Ursache auftreten könnte. Vgl. Jäger, Die Entdeckung der Seele (3. Aufl., Leipz. 1885, 2 Bde.); R. Andree, Über Völkergeruch (in den »Ethnographischen Parallelen und Vergleichen«, neue Folge, das. 1889); Hagen, Sexuelle Osphresiologie (Charlottenb. 1901).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 5. Leipzig 1906, S. 254-256.
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